Wahre Trauer um einen Diktator?

Hallo,

aufgrund des Todes des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Ill hat man in letzter Zeit zahlreiche Bilder von „trauernden“ Nordkoreanern gesehen.

Die Chance ist gross dass alle Bilder gestellt sind, aber mal angenommen dass es einige nicht sind:

Was bringt jemanden dazu um einen Diktator der einem ganzen Volk das Leben verdirbt zu trauern?

Ist es moeglich dass sich Personen dem Verhalten der vermeitlichen Mehrheit anpassen, d.h. selbst traurig sind weil sie in den staatlichen Medien staendig Bilder von trauernden Mitbuergern sehen?

Kann es sein dass die Gefuehlsaeusserungen der Menschen dort eine Mischung aus Erleichterung dass der alte Diktator tot und Angst dass der Neue noch schlimmer sein koennte?

Waere es eine Moeglichkeit dass es Kim Jong Ill gelungen ist seinen Buergern glaubhaft zu machen dass ihre schlechten Lebensumstaende nicht mit ihm zusammenhaengen sondern durch andere verursacht werden und er nur das beste fuer sein Volk will? Ich halte diese Moeglichkeit fuer die wahrscheinlichste. Im aufgeklaerten Europa verehren ja einige Voelker auch noch ihre Monarchen (z.B. in GB, NL) obwohl diese nichts bzw. kaum etwas fuer das Volk tun sondern im Gegenteil Millionen an Steuergeldern geschenkt bekommen.

Wer hat eine Meinung zu meinen oder eine andere Erklaerung fuer das seltsam erscheinende Verhalten der Nordkoreaner (falls es nicht komplett gestellt sein sollte)?

Gruss

Desperado

Hi

Was bringt jemanden dazu um einen Diktator der einem ganzen
Volk das Leben verdirbt zu trauern?

Angst…

pita

Hallo Pita,

Was bringt jemanden dazu um einen Diktator der einem ganzen
Volk das Leben verdirbt zu trauern?

Angst…

Wie meinst Du das? Angst vor der Zukunft unter einem neuen Diktator?

Die gestellten Szenen meine ich nicht mit meiner Frage sondern nur die echte Trauer (falls es diese gegeben haben sollte).

Gruss

Desperado

Moin,

Was bringt jemanden dazu um einen Diktator der einem ganzen
Volk das Leben verdirbt zu trauern?

Da antworte ich doch mal mit einer Gegenfrage: Was bringt Leute dazu in Massen um eine Lady Di zu trauern?

Sieht man von der Diktatur im Land und der damit einhergehenden Überwachung ab ist die öffentliche Trauer auch ein gutes Ventil aufgestaute Emotionen abzubauen. Normalerweise darf man um sein Los nicht weinen, schon gar nicht öffentlich - im Moment geht das.
Ausserdem gibt es Erklärungsansätze zu solchen Phänomenen unter dem Begriff ‚Massenhysterie‘
…lux

Diktatur!!!

Klingelts?

Wenn ich und meine Sprecher dir dauernd sagen würde, dass alles Gute, was du hast von mir kommt und alles Böse von den Anderen und du keine Möglichkeit hättest, diese Information anderweitig zu überprüfen, würdest du sogar um mich trauern. :smile:

mfg M.

Angst…

Wie meinst Du das? Angst vor der Zukunft unter einem neuen
Diktator?

nee, Angst weggesperrt zu werden wenn man nicht offensichtlich genug trauert… da jeder 2te da Spitzel ist wird jeder so öffentlich wie möglich trauern um nicht ins Gerede zu kommen…

Gruss
Desperado

pita

Trauer?
Hallo,

Wo ist denn in den aus den Medien erreichbaren Bildern und Filmen irgendetwas von Trauer zu sehen?

Zu sehen ist vielmehr bei den Dargestellten und Vorgeführten die Angst, daß ihre Trauer-Mimik und -Gestik vom kontrollierenden Propaganda-Apparat als nicht überzeugend genug beurteilt werden könnte.

Zu „DDR“_Zeiten gab es einen schönen Witz:

„Schon gehört? Honecker ist gestorben. Aber das wird nur bezirksweise bekanntgegeben, damit der Sekt reicht.“

1 „Gefällt mir“

Hallo,

was immer wieder gerne vergessen wird: Ein Diktator alleine mag als personifiziertes Aushängeschild einer Diktatur immer sehr dankbar sein - gerade in der ex post-Betrachtung, wenn es dann mit so einem System mal wieder zu Ende gegangen ist, und dann natürlich alle immer schon dagegen gewesen sind. Tatsächlich leben diese Systeme aber von einer riesigen Pyramide von Leuten die mehr oder weniger stark in so ein System eingebunden sind, dieses unterstützen, davon profitieren, … Und in diesen Strukturen gibt es durchaus nicht wenige auch persönliche Beziehungen, Dankbarkeiten, … die von außen betrachtet selbstverständlich als falsch bis kriminell, … zu bezeichnen sind, die aber in der Selbstwahrnehmung der Beteiligten also vollkommen normal betrachtet werden, weshalb dort durchaus auch echte Trauer herrschen mag - auch wenn der ein oder andere sicherlich den Ausfall des einen Diktators immer gleich primär als Chance für die eigene Karriere betrachten dürfte. Aber auch dazu passt dann natürlich wunderbar eine zumindest vordergründig gezeigte Trauer perfekt.

Gruß vom Wiz

Moin,

ich gehe davon aus, dass es in JEDEM System Menschen gibt, die sich nicht nur damit arrangiert haben, sondern die davon profitieren . . .

Dazu muss man kaum in die weite Welt schauen, sondern kann die Zeit des Dritten Reiches heranziehen: Viele Karrieristen jener Tage wären unter anderen Bedingungen nicht einmal mit Aushilfsjobs ohne Anforderungsprofil betraut worden und so mancher Rüstungsbonze dürfte noch heute jener Zeit nachtrauern.

Auch der schlimmste Diktator kann sich nur an der Macht halten, wenn er Leute hat die Ihn stützen. Da gibts jede Menge Stiefellecker und Arschkriecher. Da sind Leute dabei, die richten sich immer nach „Oben“ aus, egal wer da ist. Hast Du das nicht gesehen, als die DDR unterging und viele Leute die in der DDR oben waren, dann plötzlich nach der Vereinigung wieder oben waren? Warum waren so viele Nazigrößen in der BRD wieder gefragt? Fragen über Fragen.

Hallllloooooo?!

. . . Hast Du
das nicht gesehen, als die DDR unterging und viele Leute die
in der DDR oben waren, . . .

ich hatte bisweilen den Eindruck, dass dort die meisten (über 17 Mio.) Menschen im politischen Widerstand aktiv waren . . . :wink:

P. S.: Im Sozialismus sind doch alle gleich - da gibt´s per se keine „oben“.

1 „Gefällt mir“

Ach so, ja natürlich. Korea ist ja auch Kommunistisch. Theorie und Praxis halt.

Alleinherrscher sind nicht notwendigerweise Feinde ihres Volkes

Das ist richtig. Ein prächtiges Beispiel gibt Josip Broz Tito.

Erich Honecker hingegen wurde sogar von seinen Parteigenossen belächelt.

Hallo Desperado,

ich habe mich genau dasselbe gefragt wie Du.
Dachte, es könnte dieses Phänomen mit sowas Ähnlichem wie dem „Stockholm-Syndrom“ zu tun haben. So wie Menschen in Geiselhaft ihre Geiselnehmer „lieben“ „lernen“, könnten vielleicht auch lange unterdrückte Menschen ihre Unterdrücker „lieben“ „lernen“? So eine Art tiefer, gründlicher Selbstbetrug, der von außen gebahnt ist? Wenn dich jemand beinahe verhungern läßt, fängst du ihn vielleicht an zu lieben, wenn er dir ab und zu ein kleines Stück Brot gibt?

Fassungslos, das Bild weinender nordkoreanischer Arbeiterinnen vor Augen, S.I.

Hi.

Alleinherrscher sind nicht notwendigerweise Feinde ihres
Volkes

Da fiel mir nur der alte Witz ein:

Kann es eine wirklich ehrliche Freundschaft zwischen Mann und Frau geben?
Wenn ja, dann warum denn nicht???.

Gruß.

Balázs

Das ist richtig. Ein prächtiges Beispiel gibt Josip Broz Tito.

Was die zigtausend Abgemurkste und vertriebene zu deiner Verharmlosung sagen ist dir ja auch bekannt oder?

Erich Honecker hingegen wurde sogar von seinen Parteigenossen
belächelt.

Weil? Weil er nicht so erbarmungslos gemordet hat wie Josip?

Guten Morgen,

Das ist richtig. Ein prächtiges Beispiel gibt Josip Broz Tito.

Was die zigtausend Abgemurkste und vertriebene zu deiner
Verharmlosung sagen ist dir ja auch bekannt oder?

Es ist nicht meine Verharmlosung.
Tito ist von seinem Volk mehrheitlich geliebt und verehrt worden.
Im Ausland genoss er allgemeine Hochachtung.

Als Tito 1980 starb, trauerten die Menschen ehrlich und aufrichtig.

Noch heute sind Straßen und Plätze in Kroatien nach ihm benannt.

Seine Untaten sind mir natürlich bekannt, aber die stehen hier nicht zur Debatte.

Erich Honecker hingegen wurde sogar von seinen Parteigenossen
belächelt.

Weil? Weil er nicht so erbarmungslos gemordet hat wie Josip?

Weil der abgebrochene Dachdeckerlehrlich und Zuchthäusler, der sich während seiner Haft beim NS-Regime anzubiedern versuchte, nicht das Zeug zu einem Staatsmann hatte. So verfügte er weder über rhethorische Fähigkeiten noch über sonstige Ausstrahlung, die man schon haben sollte, wenn man sonst nichts auf der Pfanne hat.

Hi.

Es ist nicht meine Verharmlosung.
Tito ist von seinem Volk mehrheitlich geliebt und verehrt
worden.

Teilweise und aus verschiedenen Gründen. Das Problem des Landes hat er nicht gelöst sonder nur unter dem Deckel gehalten mit Gewalt.

Im Ausland genoss er allgemeine Hochachtung.

Ja. Nach dem Motto: er ist zwar ein Hurenson aber unser Hurenson:smile:
Der Rumänische Konduktor wurde auch lange Zeit hoffiert.

„Alleinherrscher sind nicht notwendigerweise Feinde ihres Volkes.“

Der Satz muss aus der Perspektive des Volkes gesehen bzw. beurteilt werden.
Ob Feind oder Wohltäter darüber entscheidet die Geschichte.
Dazu muss man wissen was er getan hat und welche Möglichkeiten er hatte.

Als Tito 1980 starb, trauerten die Menschen ehrlich und
aufrichtig.

Das haben die Russen auch beim Stalins Tod genau so. Sogar diejenige empfanden tiefe Trauer die knapp dem Gulag entkommen sind oder ihre Familien von seinem Terror ausgelöscht wurden. Das ist ein psychologisches Phänomen.
Die Deutsche haben auch nicht gerade gejubelt als Hitler verschwand.
Und die Nordkoreaner trauern auch nicht ganz leise:smile:

Noch heute sind Straßen und Plätze in Kroatien nach ihm
benannt.

Ja. Mal umbenannt mal wieder benannt. Also über eine ungeteilte Übereinstimmung kann nicht geredet werden.

Seine Untaten sind mir natürlich bekannt, aber die stehen hier
nicht zur Debatte.

Aber doch.

Erich Honecker hingegen wurde sogar von seinen Parteigenossen
belächelt.

Weil? Weil er nicht so erbarmungslos gemordet hat wie Josip?

Weil der abgebrochene Dachdeckerlehrlich und Zuchthäusler,

Das war Tito auch und mehrmals als normale Einbrecher und Fälscher:smile: Aber das ist ja ganz unwichtig und hat mit der Leistung als Politiker gar nichts zu tun. Entscheidend ist was er als solcher machte und was er hinterließ.
Das ist aber nicht gerade was schönes.

der
sich während seiner Haft beim NS-Regime anzubiedern versuchte,
nicht das Zeug zu einem Staatsmann hatte.

Wer in Ostblock solche Eigenschaft hatte wurde von der SU Politbüro entweder ermordet und wenn er Glück hatte nur verjagt. So was konnten sie nicht brauchen.
Aus diesem Grund ging Tito nie nach Moskau:smile:

Gruß.

Balázs