über ‚relative Wahrheit‘
Hi VB.
Ich erlaube, statt auf irgendwelche Polemiken einzugehen, hier zur Verdeutlichung eine Charakterisierung der von mir behandelten Wahrheitstheorien mit einer Erläuterung von Nagarjunas Begriff der relativen Wahrheit, die Ralf Boeck vor einiger Zeit in einer anderen Diskussion beisteuerte, zu kontrastieren.
Ich erhoffe mir davon ein gesteigertes Verständnis für meinen Ansatz.
http://wapedia.mobi/de/Argument?t=7.
"Wahrheitstheorien
Bei der Überprüfung einer Argumentation auf Plausibilität wird geklärt, ob die Prämissen wahr oder falsch sind. Eine Wahrheitstheorie legt die Kriterien fest, nach denen eine Aussage als wahr oder falsch oder als unentscheidbar zu klassifizieren ist.
Wichtige Wahrheitstheorien sind die
Korrespondenztheorie: eine Aussage ist wahr, wenn sie mit der Realität übereinstimmt.
Kohärenztheorie: eine Aussage ist wahr, wenn sie sich widerspruchsfrei in ein System von bereits als wahr akzeptierten Aussagen einbauen lässt.
Konsenstheorie: eine Aussage ist wahr, wenn ihr (potenziell unendlich) viele Menschen unter idealen Kommunikationsbedingungen zustimmen würden.
pragmatische Wahrheitstheorie: eine Aussage ist wahr, wenn sie nützlich ist für das Erreichen von Zielen."
Zitat Ende.
Nun (Name gelöscht [MOD]) Ausführungen zum Begriff der Relativen Wahrheit (samvriti-satya) bei Nagarjuna.
/t/was-ist-wahrheit/3980816/15
„‚samvrtisatya‘ wird gelegentlich mit ‚konventionelle Wahrheit‘ wiedergegeben, was zwei Aspekte des Begriffs samvrtisatya hinreichend abdeckt - den einer gewöhnlichen, alltäglichen Wahrheit (Wahrheit im gewöhnlichen/üblichen Verständnis) sowie den auf Übereinkunft (sprachlicher Konvention) beruhenden. Hinzu kommt im Sanskrit als dritter Aspekt der des ‚Verhüllens‘, hier eigentlich eher im Sinne des ‚Umhüllens‘. Candrakirti verwendet in seinem Kommentar etwas Mühe auf drei unterschiedliche Etymologien und damit Verstehensweisen des Begriffs. ‚Samvrti‘ kann ‚verbergen‘ bedeuten, es kann gegenseitige Abhängigkeit bezeichnen und es kann Abhängigkeit von sprachlicher Übereinkunft bedeuten. Letzteres entspricht ‚vyavahara‘ - auf dieses ‚vyavahara‘ werden wir im nächsten Vers der MMK stoßen. Im Moment geht es mir hier eher um den Aspekt des Ver-/Umhüllens. Das, was hier verhüllt wird, ist natürlich nichts anderes als die Leerheit der abhängigen Begriffe - durch die ‚Hülle‘ gewinnt die Leerheit eine kommunizierbare Gestalt. Zwangsläufig kommt einem hier die berühmte Passage des Prajnaparamita-Hrdya-Sutra (dort freilich auf die skandhas bezogen) in den Sinn: rupam shunyata shunyataiva rupam, rupan na prthak sunyata sunyataya na prthag rupam - Form ist Leere, Leere ist Form usw. usf.“
Zitat Ende.
Ich wiederhole einige Passagen:
„… was zwei Aspekte des Begriffs samvrtisatya hinreichend abdeckt - den einer gewöhnlichen, alltäglichen Wahrheit (Wahrheit im gewöhnlichen/üblichen Verständnis) sowie den auf Übereinkunft (sprachlicher Konvention) beruhenden.“
„… ‚Samvrti‘ kann ‚verbergen‘ bedeuten, es kann gegenseitige Abhängigkeit bezeichnen und es kann Abhängigkeit von sprachlicher Übereinkunft bedeuten.“
Soweit Experte X.
Ich fasse zusammen:
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Einerseits beziehen sich die besagten Wahrheitstheorien definitiv auf die Ebene der AUSSAGEN-Wahrheit, d.h. der Ebene gedanklicher, begrifflicher Konzepte.
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Andererseits bezieht sich der Begriff der relativen Wahrheit auf die Ebene „sprachlicher Übereinkunft“ (RB) und der „Wahrheit im gewöhnlichen/üblichen Verständnis“ (RB).
Ziehen wir jetzt die Essenz aus 1) und 2), dann ist eigentlich unschwer zu erkennen, dass beide Essenzen nicht unbedingt identisch sind, sich aber doch sehr weitgehend entsprechen.
Jedenfalls weitgehend genug, um meine Verbindung von samvriti-satya und westlichen Wahrheitstheorien als plausibel erscheinen zu lassen.
Ich werde aber noch, wenn´s klappt (vor allem das Einverständnis mit einer Veröffentlichung), eine Stellungnahme eines Buddhologen nachreichen.
Gruß
Horst