Wahrheit

Quellen und Vermengungen
Lieber vanBranden, lieber Horst!

Lacan, der wichtigste Psychoanalytiker Europas nach Freud,
hielt das „Ich“ (frz. moi) definitiv für eine I l l u s i o n.
„Die
strukturalistische Tätigkeit Lacans dezentriet das Subjekt,
demaskiert das „Ich“ als Illusion, entlarvt das
Selbstbewusstsein als imaginäre Struktur…“
Bei Beschwerden wende dich also bitte an Monsieur Lacan
(irgendwo im Totenreich, er verstarb 1981).

Dann zitiere doch gefälligst Lacan selbst und nicht jemanden,
der über ihn schreibt.

Es ist sicher etwas viel verlangt, für einen poppeligen www-Artikel das Oeuvre Lacans nach diesem einen Satz zu durchforsten. Die alleinige Schuld dafür trägt der sc$%h"%e$§i&ß Urheberrechtsgesetzgeber.

Was sich per google nicht auf die Schnelle im Original auftreiben lässt, muss dann eben leider leider per Sekundär- oder Tertiärquelle zitiert werden:

z.B.

Angesichts der bedrohenden Realität dieser ‚discorde primordiale‘ schafft sich das Menschenwesen im Spiegelstadium eine Illusion von idealer Einheitlichkeit, das Ich …

http://books.google.de/books?id=gIy_ezHnuZ4C&pg=PA75…

oder

Die Instanz des Ich (moi) ist für Lacan eine Illusion, ein wahnhaftes Gebilde, das vom Spiegelstadium an den Menschen in nicht mehr gutzumachender Weise spaltet.

http://books.google.de/books?id=ANHg7Ml0yHkC&pg=PA36…

Hier ließen sich noch mehr solcher Sekundärbelege zitieren, also dürfte die Behauptung, Lacan sähe das Ich als Illusion, auf dieser Ebene erstmal nicht das Problem sein.

Wenn du so genau sein möchtest und dann
so ungenau bleibst, wird das nichts.
Bloß weil es dir in dein Konzept passt, soll Lacan jetzt also
das ICH als Illusion bezeichnet haben?!

Richtig, da stimme ich dir dennoch vollauf zu, und warum, das möchte ich etwas ausführen.

Horst unterschlägt bei der wiederholten Berufung auf dieses Theorem Lacans aber m.E. mehrere wesentliche Dinge:

  1. das Moi ist für Lacan eine Illusion, nicht aber das Je.
    Beide französischen Ausdrücke bezeichnen aber das „Ich“, und auf dieser Ich-Spaltung in der französischen Sprache (in der deutschen Sprache könnte man die Spaltung vielleicht als Ich-mIch konzipieren) basiert im Grunde die ganze Theorie Lacans - überspitzt ausgedrückt, aber nicht unwahr, denn das Ich ist bei Lacan ja eben ein illusionärer Effekt auf der Ebene des Signifikanten.

Insofern ist die Wiedergabe: „Das Ich ist für Lacan eine Illusion“ streng genommen falsch, wenn schon, dann muss es heißen: „Das Ich (moi) ist für Lacan eine Illusion“. Ein wichtiger Punkt, auch wenn er sich wie eine unbedeutende Spitzfindigkeit lesen mag.

  1. an anderen Stellen nennt Lacan das Ich (moi) den Ort der Illusion, die Quelle von Illusion usw. Ja, was denn nun? Das muss berücksichtigt werden, denn das ist etwas wesentlich anders als die Aussage „das Ich ist eine Illusion“.

  2. wenn gesagt wird, für Lacan wäre das Ich eine Illusion, dann muss dazugesagt werden, dass für Lacan das Ich als Ganzheit eine Illusion ist bzw. dass die Ganzheit des Ich eine Illusion ist. Ist das Ich aber auf seine Ganzheit reduzierbar?

  3. es muss gesagt werden, was denn bei Lacan überhaupt eine „Illusion“ ist? ein Fehler, ein Irrtum, ein Hirngespinst?
    Nein, eben nicht, diese Illusion ist für Lacan eine notwendige und unaufhebbare Bedingung des Menschseins. Damit müsste man dialektisch aber auch schlussfolgern: Das Ich als Illusion ist. Die Alltagssprache nimmt das Illusionäre aber als genau das, was nicht ist.
    Insofern ist hier eine Bruchstelle, die bei der ‚Anwendung‘ der Aussage Ich=Illusion berücksichtigt werden muss.

  4. Es ist kein Zufall, dass bei beiden obigen Zitaten von mir jeweils gleich um die Aussage Ich=Illusion herum der Terminus „Spiegelstadium“ auftaucht.
    Das Spiegelstadium ist die Hintergrundüberlegung Lacans für seine Aussage Ich=Illusion, bzw. der Gedankengang, der zu dieser Aussage führt.
    Deshalb kann diese Aussage Ich=Illusion nicht sinnvoll aus Lacans Konzeption des Spiegelstadiums herausgelöst werden.

  5. Daher verbietet sich etwa auch eine simple Nebeneinanderstellung von Buddhismus und Lacan, selbst wenn in beiden Bereichen die Aussage Ich=Illusion vorkommt, weil ich davon ausgehe, dass der Buddhismus weder die Spaltung des Ich auf Signifikanten-Ebene in Je und Moi, noch eine dem Spiegelstadium entsprechende Struktur als Hintergrund seiner Aussage Ich=Illusion hat.
    Eine solche Aussage ist aber nichts anderes als der Gedankengang, der zu ihr führt.

Als Service für francophile Mitleser, die wissen möchten, was ein „Spiegelstadium“ ist, zitiere ich aus Laplanche/Pontalis, Vocabulaire de la psychanalyse:

D’après J. Lacan, phase de la constitution de l’être humain, qui se situe entre les six et dix-huit premieres mois; l’enfant, encore dans un etat d’impuissance et d’incoordination motrice, anticipe imaginairement l’appréhension et la maîtrise de son unité corporelle. Cette unification imaginaire s’opère par identification à l’image du semblable comme forme totale; elle s’illustre et s’actualiser par l’experience concrète où l’enfant percoit sa propre image dans un miroir.
Le stade du miroir constituerait la matrice et l’ebauche de ce qui sera le moi.

Dass er sich s o w e
i t von Freud entfernt hat, bezweifle ich. Da wird wieder mal
eine Ungenauigkeit beim Verfasser, der da über Lacan schreibt
oder gar bei der Übersetzung stattgefunden haben, fürchte ich.

Hmm, Lacan würde sagen, er habe sich -nach s o w e i t e r Entfernung von Freud durch die Freudianer nach ihm [und er meint da insbesondere auch dessen Tochter]- selbst wieder an Freud heranbewegt.

Dazu nochmal das obige Zitat - nun etwas weiter geführt:

Die Instanz des Ich (moi) ist für Lacan eine Illusion, ein wahnhaftes Gebilde, das vom Spiegelstadium an den Menschen in nicht mehr gutzumachender Weise spaltet und ihn von sich selbst entfremdet. Dieses Ich wurde in der Psychoanalyse lange Zeit überschätzt. Lt. Lacan ging diese Überschätzung nicht von Freud, sondern von seinen Nachfolgern aus, „weil Freuds metapsychologisches Werk nach 1920 von der ersten und zweiten Generation nach Freud -diesen unfähigen Leuten- schief gelesen, in delirierender Weise gedeutet worden ist“ (Lacan).

Mein Beitrag möge bitte nicht als Beitrag zu Lacan verstanden werden, ich kann und mag mich in den momentan auch gar nicht hineindenken, sondern eher als allgemeinen Beitrag zu Horsts Wilber’schen Methode der Vermengung von allem, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt.

Das Problem ist m.E. nicht, ob eine Aussage nun unter uns Hobby-Philosophen im Original belegt ist oder sekundär, oder auch nur sinngemäß stimmt.
Das Problem ist, dass so eine Aussage wie Ich=Illusion nicht auf seinen bloßen Wortlaut reduziert werden darf, um sie in einem schnelle Zugriff kompatibel machen zu können mit auf der Wortlaut-Ebene ähnlichen Aussagen, die aber vor einem völlig anderen Theoriehintergrund getätigt wurden, und damit auch etwas anders bedeuten.

_ ℂ Λ ℕ Ð I Ð €


Ich ist ein Anderes - es kommt nur so selten dazu.
(Arthur Öd)_

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