Hallo noch mal und danke für deine Antwort die mich aber
weiter ins Grübeln bringt. Geht es denn nur mir so, dass ich
diese Form der Höflichkeit als äußerst künstlich und oftmals
überflüssig empfinde?
Das geht sicher nicht nur Dir so, aber eben auch nicht allen anderen - mir zum Beispiel nicht.
Eine Begrüßung eröffnet die Möglichkeit, zu kommunizieren, falls das gewünscht - oder notwendig! - wird. Ist es nicht wesentlich gekünstelter und „seltsamer“, wenn jemand, der wortlos zu Dir in den Fahrstuhl steigt, Dich plötzlich wegen irgendetwas anspricht?
Die Begrüßung transportiert ein „Ich hab Dich wahrgenommen, ich sehe, dass Du da bist und falls das notwendig ist, beachte ich Dich!“.
Ein Fehlen der Begrüßung hingegen transportiert „Ihr seid Luft für mich, und vielleicht trete ich euch auf die Füße, weil ich euch gar nicht sehe.“.
Die Begrüßung übernimmt also auch die Funktion einer Art Aufmerksamkeitsankündigung, Höflkichkeit im voraus sozusagen. Sie manifestiert ein „Wir teilen die Situation gerade, und was immer auch passiert - wenn etwas passiert - erleben wir gemeinsam.“
Dazu kommt dann noch das, was Du schon vermutetest - dass die Begrüßung als Rechtfertigung für das Verletzen von Intimsphäre dient.
Im Fahrstuhl rückt man sich prinzipbedingt ziemlich auf die Pelle, man kommt sich so nahe, wie man es normalerweise einem wildfremden nicht gestatten würde. Durch die Begrüßung ist der wildfremde aber nicht mehr ganz so wildfremd, und wir können die Nähe besser tolerieren.
Beim Arzt ist das ähnlich - Krankheit ist ja eine höchstpersönliche Angelegenheit, und allein schon, dass die anderen sehen, dass Du einen Grund hast, zu diesem oder jenem Arzt zu gehen, verletzt Deine Intimsphäre. Um die Verletzung abzumildern, kann man also grüßen, was unterschwellig das Unwohlsein aller lindert.
Gruß,
Malte