Warum gibt es einen Gott?

Hallo Stucki

Die Grausamkeiten wurden „im Namen Gottes“ angerichtet,
aber nicht „im Namen der Physik“! Diese hat sich der Mensch -
wie alle technisch/wissenschaftlichen Erkenntnisse - nur
zunutze gemacht, sie ist wertneutral, der postulierte Gott
aber nicht!

Daß Gott nicht wertneutral ist, ist klar (er definiert genauer gesagt die Werte), aber Deine Aussage über die wertneutralität der Physik ist diskussionswürdig. Die Atombombe wurde nicht im Namen Gottes abgeworfen, sondern weil die Physiker von Los Alamos dies möglich gemacht haben. Ähnliches gilt in der Gentechnik. Wissenschaftler, die sich für die Ethik ihres Tuns nicht engagieren, leben mit geschlossenen Augen.

> Hmm?? Mit welcher Aussage mache Gott dafür
verantwortlich? Das wäre widersinnig!

Du sagst: Ich glaube nicht an Gott, weil er all das Leid zulässt. Diese Aussage enthält den genannten Vorwurf. Hier kommt genau mein Punkt zu Tage. Ob es Gott gibt oder nicht ist absolut unabhängig davon, ob wir ihn richtig verstehen und mit Begriffen wie allmächtig oder liebend richtig beschreiben können. Deshalb auch mein Vergleich mit Deiner Frau. Deine und meine Frau sind Realität, das ist unabhängig davon, ob ich meine Frau immer verstehe oder richtig einschätzen kann. Genauso ist Gott Realität, unabhängig davon, ob wir verstehen, warum all das Leid geschieht und wie mit den genannten Begriffen umzugehen ist.

„Sire, ich benötige diese Hypothese nicht!“
(frei nach Blaise Pascal, der Dir sicher was sagt).

Ja, ich kenne dies, aber Pascal sprach in Zusammenhang mit seinen mathematisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen und es ist gerade das Grundmerkmal von Wissenschaft, daß es die Menge aller Dinge darstellt, die sich über Logik und nicht über andere Wege (wie Offenbarung) erschliessen. Zu Pascals Zeiten war eben diese Denkweise neu und die Menschen mussten sich erst daran gewöhnen, daß es Dinge gibt, die man objektiv und nicht-autoritär erkennen kann. Ob die Menge der Dinge, die sich wissenschaftlich erkennen lassen identisch mit allen Dingen der Realität sind, ist eine ganz separate Frage.

Gruss
Thomas

Hallo Hasta,

Ich habe interessehalber einige der Bücher von W. Gitt gelesen

> Ebenso ich. Weiterhin kurze Aufsätze von ähnlichen Autoren zur Sintflut, Arche Noah usw.

Ich hoffe, Du nimmst diese Pamphlete nicht als repräsentativ für die „christliche Szene“.

> Nein! Allerdings sehe ich, dass es einigermaßen einflussreiche Gruppierungen gibt (z.B. die Liebenzeller Gemeinschaft), die mit ziemlich viel Energie und wohl auch Geld an der Verbreitung solcher Ansichten arbeiten. Du kennst sicher die etwa einwöchige „ProChrist“-Veranstaltung in der Bremer Stadthalle im vergangenen Jahr, die ja in viele Orte direkt übertragen wurde. Während dieser Veranstaltung, die in unserem Ort groß aufgezogen wurde, lagen an einem Bücherstand Bücher von Gitt, Scherer u.a. aus, ein Jugendlexikon, in dem die Evolutionslehre als falsch , das Alter der Menschen von 900 Jahren vor der Sintflut (Moses 10,11) als real, die Arche als mindestens 130 m langes Holzschiff, das tatsächlich existiert hat, beschrieben wurde, die Erschaffung des Universums angeblich innerhalb von 3 Tagen … usw.
Wie gesagt, auch ich denke, das ist eine Minderheit. Aber sie geht mit sehr, sehr viel Engagement an die Verbreitung dieser Dinge, z.B. auch der Forderung, an Schulen die Schöpfungslehre gleichberechtigt neben der Evolutionslehre zu lehren. Dass im US-Bundesstaat Kansas die Evolutionslehre an den Schulen verboten ist, weisst Du!? Mir geht das auch deshalb ein bisschen unter die Haut, da sich mir sehr nahestehende Menschen (Gott sei Dank nicht meine Frau!) stark davon beeinflussen lassen …

Nun gut, die Diskussion könnten wir noch beliebig fortführen, ich denke, in den Grundpositionen (bis auf den Glauben an Gott) sind wir uns einigermaßen einig, und irgendwann gibt’s mal wieder ein Posting mit Bandwurm-Thread … Ich bemühe mich, dazu zu lernen, meine Argumente abzuschleifen - das ist einer der Hauptgründe, hier mit zu diskutieren! So stimme ich Dir in Deinen weiter oben gemachten Aussagen „unseres kleinen Disputs“ bezüglich „mildernde Umstände … für seine kirchlichen Feinde“, "Strukturen … , die wissenschaftliche Erkenntnis in unserem heutigen Sinne behindern … " ohne weiteres zu. Dennoch ist’s für mich ziemlich unvorstellbar, dass ein christlicher Mensch einen anderen Menschen „bei lebendigem Leibe verbrennt“, man muss sich dieses einmal real vorstellen!

Angenehm empfinde ich jedenfalls, dass man sich heute auch öffentlich als Atheist bekennen darf, so wie Alfred Grosser letztens im Fernsehen, jenem von mir so außerordentlich geschätzten Pariser Politologen und großartigen Menschen. Dabei bin ich noch nicht mal sicher, ob ich einer bin oder mehr ein Agnostiker.
Gruss, Stucki

klasse beitrag.