Hallo,
Wenn man mal annimmt, dass das Schlagen tatsächlich nicht schadet, in welcher Art und Weise hat es denn dann geholfen?
Vorab: Das ist kein Plädoyer für Schläge, sondern lediglich ein Erklärungsversuch.
Wenn man davon ausgeht, dass ein Kind als Strafe für ein Vergehen geschlagen wird, das es auch als solches erkennt, besteht eine für das Kind nachvollziehbare Logik zwischen Vergehen und Schlägen.
Beispiel: Uns Kindern war streng verboten, in einem still gelegten, einsturzgefährdeten Bergwerkschacht zu spielen. Natürlich taten wir es trotzdem und natürlich wurden wir erwischt und kassierten samt und sonders eine Abreibung, die aus dem Versohlen unserer Hinterteile bestand - wir bezogen also Schläge.
Die waren schmerzhaft und unangenehm und führten in diesem Fall dazu, dass wir den Stollen für eine geraume Zeit mieden, einige von uns auch für immer. Genutzt hat es also bedingt etwas, einen Schaden habe ich - soweit ich das beurteilen kann - nicht davongetragen.
In diesem Fall war die Strafe aber etwas, was wir berechnen konnten. Wir kannten das Risiko und gingen es ein. Die Strafe nahmen wir in Kauf.
Schwierig wird es aber nach meinem Gefühl immer dann, wenn die Schläge, die ein Kind bekommt, unberechenbar sind, weil der Schlagende sich selbst und seine Emotionen nicht im Griff hat. Das ist häufig bei Alkoholikern der Fall, aber auch bei Menschen mit psychischen Problemen und fehlender Impulskontrolle.
Für das Kind werden die Schläge nicht - wie in meinem Beispiel - zu einem kalkulierbaren Risiko, sondern zu einem ständig drohenden Damoklesschwert, das über seinem Haupt schwebt. Im Prinzip reicht die Existenz des Kindes aus, um es „schuldig“ zu machen und Schläge herbeizuführen. Das Kind kann sich eigentlich gar nicht „richtig“ verhalten, weil der Schlagende selbst die Ursache für die Schläge ist, nicht ein tatsächliches Fehlverhalten des Kindes.
Das muss zwangsläufig zu einer erheblichen Verunsicherung und Verängstigung beim Kind führen. Es ist ausgeliefert und machtlos und kann nichts tun, um die Schläge zu verhindern. In diesem Fall zerstören Schläge die Seele eines Kindes.
In jedem Fall haben Schläge etwas mit Macht zu tun. Und sie sind - wie jede Strafe - nur wirksam, wenn der Geschlagene die Machtposition des Schlagenden anerkennt.
Ich bin in der Erziehung meiner Kinder hervorragend ohne Schläge ausgekommen. Wenn ich zurückblicke denke ich, mein Vater wäre das auch, aber der gesellschaftliche Kontext war in Bezug auf Strafen damals definitv ein anderer als heute.
Schöne Grüße,
Jule