Servus,
Leider trifft es nicht ganz den Kern des Pudels, nämlich die
Frage, warum FKK-Nacktheit nicht zur gleichen Aufregung führt,
wie der Flitzer in der Fußgängerzone. Allein mit biologischer
Notwendigkeit lässt sich dies nicht erklären. Vor allem nicht,
wenn man bedenkt, dass FKK oder Nacktheit in der Sauna in
anderen Ländern als ziemlich verwerflich angesehen wird. In
manchen Kulturen ist selbst eine „nacktes“ Bein schon ein
Skandal.
Doch, was ich darzulegen versucht habe, trifft schon den Kern der Sache. Wir stecken in einem Dilemma.
Nacktheit ist für uns, eben gerade dadurch, dass wir sie selten zeigen, etwas geworden, das wir stets in Zusammenhang mit Sex sehen.
Der Mensch als Art ist quasi dauergeil. Wir können es morgens, mittags, abends und nachts treiben, im Frühling wie im Herbst, sommers wie winters und wir wollen es ja eigentlich auch.
Die sexuelle Paarbindung kommt ja dadurch erst zu Stande.
Andererseits sind wir aber, des sozialen Friedens wegen, gezwungen, ständig so zu tun, als wäre dem nicht so.
Deswegen kommt es bei Sexualität und damit auch Nacktheit zur extremen Tabuisierung und Ritualisierung. Das Dilemma schlägt durch, in allen Bereichen.
Wir können als Mann z.B. nicht einfach sagen, eine nackte Frau interessiert uns generell nicht, weil sie uns ja zwecks Fortpflanzung interessieren muss. Aber es gibt auch Bereiche, wo man mal nackt sein muss oder möchte, ohne sexuellen Hintergrund. Und deshalb legen wir fest, wann und wo und zu welchem Zweck Nacktheit erlaubt ist und wo nicht.
Diese Festlegungen geschehen meist unbewusst und sind natürlich stark von Kultur, Gebräuchen und Gewohnheiten beeinflusst.
So sind wir, hier im Westen, z.B. mit der Zeit übereingekommen, dass eine Frau im Bikini oder sogar oben ohne am Badestrand nichts besonders sexuelles an sich hat. In Unterwäsche auf dem Bett sieht das ganz anders aus, auch wenn man eventuell weniger sieht als am Strand.
Tabus wandeln sich im Laufe der Zeit.
Der Bikini bietet sich für solche Überlegungen geradezu an, vergleicht man ihn mit dem Bademoden der 20er Jahre. Es ist ja nicht so, dass wir seither schlauer geworden wären, wir wurden nur, durch wagemutige Frauen, die immer weniger Stoff trugen allmählich daran gewöhnt.
Was heute auch kaum noch einer weiß:
Vor nicht mal hundert Jahren, galten Frauen in Hosen noch als unanständig, weil man da den Schritt sehen konnte. Von einer solchen Denkweise ist es nicht mehr weit bis zur Burka, dem anderen Extrem.
Nun kann man, unter dem Einfluss bestimmter Ideen natürlich auch von vorn herein festlegen, dass Nacktheit nichts Sexuelles haben soll, kann, darf. Solche Bereiche sind dann z.B. Eltern und Kinder, Arzt, Sauna oder FKK-Gelände. Bekannter- und interessanterweise darf man am FKK-Strand nicht öffentlich vögeln, auch dann nicht, wenn man längst ein Paar ist, für das das eigentlich normal wäre. Denn damit wäre das Gebot des Nichtsexuellen natürlich sofort unterlaufen.
FKK gab es übrigens schon bei den alten Germanen, wo Männlein und Weiblein abends nackt durchs Dorf liefen, um zu baden. Schon Tacitus hat das erstaunt, weil es bei den Römern eben nicht üblich war.
Bei alledem steckt also ein kultureller Einfluss dahinter,
sprich Religion und Erziehung, die sich aber wiederum doch
auch auf psychologische Grundlagen bringen lassen müssen,
oder?
Nun ja, ich denke, die Grundlagen habe ich genannt.
Kultureller Einfluss steckt auch dahinter, wenn wir einen Hamburger bei McD. fressen.
Warum also verbergen wir selbst bei asexuellen Kleinkindern
deren Geschlecht?
Weil das Geschlecht an sich eben nicht asexuell ist. Penis und Vulva haben starke symbolische Bedeutung für uns, was schon in den unzähligen Kritzeleien, in denen nichts anderes gezeigt wird, zum Ausdruck kommt. Wenn ich so (.) (.) mache, dann siehst du, besonders im gegebenen Zusammenhang, einen Busen, auch wenn das nur ein paar schwarze Striche auf einer hellen Fläche sind.
Warum haben Religionsstifter die Sexualität
immer „verteufelt“? Warum sind Nacktdarstellungen in der
Werbung Gang und Gäbe, eine Demonstration mit (Halb-)Nackten
bewegt aber selbst hierzulande noch die Gemüter?
Religion befasst sich zwangsläufig mit Kultur, das Sexuelle kann man da nicht ausklammern. Übrigens waren nicht alle Religionen so sexfeindlich, im alten Rom gab es, so weit mir bekannt, Tempelhuren, die zu Ehren der jeweiligen Gottheit vögelten und großes Ansehen genossen. Das Übrige ist Gewohnheitssache, wenn es jeden Tag Nackt-Demonstrationen gäbe, würde sich kaum jemand aufregen. Auch der Flitzer in der Einkaufszone ist ja nur etwas Besonderes, weil er so selten ist, ein Elefant in der Einkaufszone erregt das gleiche Interesse.
Ich finde, da muss mehr dahinter stecken, als die
offensichtlichen Vorteile einer „Camouflage der sexuellen
Erregung“ durch Kleidung.
Schließlich kommt das untergeordnete Gorilla-Männchen auch
ziemlich in Schwierigkeiten, wenn es vor dem Silberrücken mit
erigiertem Penis durch die Gegend läuft…
Du hast das vergessen, was ich ganz im Anfang meines ersten Beitrags gesagt habe. Durch den aufrechten Gang sind unsere Geschlechtsteile in eine andere Lage geraten.
Gorillas laufen normalerweise auf allen Vieren, den kleinen erigierten Penis eines Gorillas sieht man dabei gar nicht.
Ich habe versucht mich kurz zu fassen, angesichts der vielen Fragen ging’s nicht kürzer.
mfg