Im März 1945 starb in Auschwitz das Kind Hurbinek.
Es starb in den Krankenbaracken, die nach der Befreiung von Auschwitz dort errichtet worden waren.
Primo Levi hat das Leben und Sterben dieses Kindes bezeugt.
In den ersten Märztagen 1945 erwacht in Auschwitz wieder das Leben. Die Todkranken sind gestorben,
die Übriggebliebenen beginnen sich zu erholen. Primo Levi liegt in einem Raum mit 20 Betten.
Er fühlt sich leicht wie eine Wolke, ausgehungert und durchfroren, aber der Kopf ist frei.
Er ist wieder fähig, mit der Welt Kontakt aufzunehmen. In diesem Augenblick begegnet ihm Hurbinek.
Levi nennt ihn den Kleinsten, Hilflosesten und Unschuldigsten unter den Kranken.
Der wilde Lebenswille des Kindes zieht die Aufmerksamkeit aller an.
Hurbinek ist ein Nichts, ein Kind des Todes. Er ist vielleicht drei Jahre alt, niemand weiß etwas von ihm.
Er kann nicht sprechen und hat keinen Namen. Den merkwürdigen Namen Hurbinek hat ihm eine der polnischen Helferinnen gegeben, die mit diesen Silben die unartikulierten Laute, ie der Kleine manchmal von sich gibt,
gedeutet hat.
Hurbinek ist von den Hüften abwärts gelähmt. Seine Beine, dünn wie Stöckchen, sind verkümmert.
Aber seine Augen, eingesunken in dem ausgezehrten dreieckigen Gesicht, funkeln lebendig.
Sie sind fordernd und voller Lebensanspruch, erfüllt von dem Willen, sich zu befreien,
das Gefängnis der Stummheit aufzubrechen. Die Sehnsucht nach dem Wort, das ihm fehlt, spricht aus seinem Blick,
einem Blick, den niemand ertragen kann, so sehr ist er durchdrungen von Kraft und Leid.
Niemand hat sich die Mühe gemacht, ihn sprechen zu lehren. Niemand, außer Henek.
Henek ist ein kräftiger ungarischer Junge von 15 Jahren. Er sitzt den halben Tag an Hurbineks Bett.
Ruhig und hartnäckig sitzt er neben dem Kind, immun gegen die traurige Macht, die von ihm ausgeht.
Er bringt Hurbinek zu essen, er macht ihm das Bett, legt ihn trocken und spricht zu ihm, ungarisch natürlich,
mit langsamer und geduldiger Stimme.
Nach einer Woche verkündet Henek ernst, daß Hurbinek ein Wort sage, ein schwieriges Wort, kein ungarisches,
irgend etwas wie Mass-Klo, Matisklo. In der Nacht lauschen alle angestrengt: tatsächlich, aus der Ecke, wo Hurbinek liegt, kommt von Zeit zu Zeit ein Laut, ein Wort. Nicht immer das gleiche, aber es ist ein artikuliertes Wort.
Hurbinek setzt seine beharrlichen Versuche fort, solange er lebt. In den folgenden Tagen hören ihm alle schweigend zu, ängstlich bemüht zu verstehen, denn alle Sprachen Europas sind in dem Raum vertreten,
aber Hurbineks Wort bleibt dunkel. Vielleicht ist es sein Name, wenn er je einen besessen hat;
vielleicht will er, nach einer der Vermutungen, Essen sagen oder Brot, oder auch Fleisch.
Hurbinek, drei Jahre alt und vielleicht in Auschwitz geboren, Hurbinek, der nie einen Baum gesehen hat,
er hat bis zum letzten Atemzug gekämpft, um Zutritt in die Welt der Menschen zu erhalten.
Hurbinek, der Namenlose, dessen winziges Ärmchen doch mit der Tätowierung von Auschwitz gezeichnet war,
er stirbt in den ersten Tagen des März 1945, frei, aber unerlöst. Nichts bleibt von ihm als die Erinnerung,
die Primo Levi uns anvertraut hat.
Seit ich von Hurbinek weiß, denke ich an ihn. Manchmal ist er mir ganz nah.
Ich wünsche mir, alle Kinder und Erwachsenen auf dieser Welt und besonders in Deutschland
würden von Hurbinek hören und lesen. Sein Name und sein kurzes Leben sollten in allen Lesebüchern zu finden sein.
Ich würde Straßen nach ihm benennen und Alleen. Warum? Welchen Sinn kann es haben, den kleinen Hurbinek zu kennen? Erreicht ihn unsere Solidarität im nachhinein? Wir können ihm seine geraubte Zukunft nicht wiedergeben.
Wird die Erinnerung an ihn einem Kind, das heute bedroht ist, das Leben retten?
Verwandelt die Erinnerung an ihn nur ein wenig unser Verhalten, macht sie uns ein wenig menschlicher?
Warum sollen wir uns an Hurbinek erinnern?