Hallo Tychi,
Man, das ist ja ein richtiger Aufsatz geworden. Er ist zwar
noch
ziemlich verbesserungsbeduerftig, aber die Zeit ist knapp. Ich
hoffe
du und alle die mitlesen, koennen etwas damit anfangen.
Ja, kann ich; Du wirst verstehen, dass ich nicht in der dem „Aufsatz“ eigentliche gebührenden Ausführlichkeit auf ihn eingehen kann.
damit würde die Formel nicht mehr lauten: Natur vs.
Normen/Werte, sondern Natur vs. Natur
Der Begriff Natur ist nicht eindeutig. Man kann sich auf den
Standpunkt stellen ALLES sei Natur, denn nichts kann
ausserhalb ihrer
Gesetze (und Zufaelligkeiten) stattfinden. Der Mensch ist
natuerlich
entstanden und handelt notwendig im Einklang mit der Natur,
selbst
dann, wenn er den Regenwald abholzt oder Fabrikschlote qualmen
laesst. All dies sind Naturprozesse. Ein natuerlicher
Gegenstand
(Mensch) wechselwirkt mit einem anderen natuerlichen
Gegenstand
(Baum) und veraendert ihn. Mehr geschieht nicht.
Ja
Dieser „panphysische“ Naturbegriff ist aber nicht sehr
praktisch,
zumindest nicht in einer Wertediskussion. Diese wird
eigentlich erst
durch eine Einschraenkung des Begriffes Natur auf solche
Vorgaenge
und Zustaende sinnvoll, in die der Mensch nicht eingreift.
Das sehe ich nicht so; warum sollte man und wie kann man a priori zwischen Natur und Kultur differenzieren;
man kann dies aus pragmatischen Gründen (Du betonst ja selbst die Praktikabilität), nicht so leicht aber darüberhinausgehend.
Dort wo
menschliches Handeln den Lauf der Dinge veraendert, spricht
man dann
von einem unnatuerlichen oder kulturellen Vorgang.
Erst durch diese Unterscheidung entstehen Konzepte wie
(oekologische)
Verantwortung oder „natuerliche Lebensweise“ und die Frage,
fuer
welche Verhaltensweisen wir uns entscheiden sollten.
ja, aber stell Dir da eine Dichotomie Natur/Kultur nicht zu einfach vor:
-
wie lässt sich denn eine „natürliche Lebensweise“ finden? alle lebenden Menschen, auch „Primitive“ sind durch und durch kulturell beeinflusst; wohl fast alle Ökosysteme sind kulturell beeinflusst; die „natürliche“ Evolution verlauft nicht unter oder neben der menschlichen Kultur, sondern in und mit ihr;
das ist doch das Widersprüchliche im ökologischen Diskurs, dass unter der Forderung nach „kein Eingriff in die Natur“ etwa die Nicht-Antastung bestimmter Biotope gefordert wird, und damit der Schutz von Lebensformen, die es bei uns nur deshalb gibt, weil der Mensch seit Jahrtausenden in die Ökosysteme eingreift, z.B. ganz massiv die Waldbestände verringert, damit aber auch ökologische Nischen schafft, in denen sich solche Vielfalten bilden können (ich bin nicht anti-ökologisch eingestellt, ganz im Gegenteil, mir geht es nur um die Begrifflichkeiten des ökologischen Denkens)
-
ein „erkenntnistheoretisches“ Problem: wenn wir Natur/Kultur unterscheiden, Natürliches entdecken, Natürliches schützen wollen, uns wieder an die Natur anpassen wollen, ökologisch verantwortlich sein wollen, etc., dann sind dies bestimmte Begrifflichkeiten, die zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten gesellschaftlichen Lage mit bestimmten Denkschemata, unter bestimmten Individuen zirkulieren, zweifelsohne also bestimmt durch unsere Kultur.
Kurz: die Unterscheidung Natur/Kultur ist eine Unterscheidung, die man nicht den „Sachen selbst“ entnehmen kann, sondern die ein Ordnungsschema ist, welche es erst ermöglicht, Natur-Sachen und Kultur-Sachen zu erkennen.
Diese Versuche, Definitionen zu finden, sind aber eigentlich
unnoetig, denn der Alltagssprachgebrauch von Kultur und Natur
ist
zwar nicht eindeutig aber doch weiss jeder ganz gut, was
gemeint ist,
wenn man diese Begriffe benutzt.
es ist auch wiederum eine bestimmte Position, die wissenschaftlichen Begrifflichkeiten am Alltagsgebrauch zu messen; das wäre eine ganz andere Diskussion, aber ich finde, diese Position ist sehr schwer zu verteidigen.
Summa summarum finde ich die Trennung von (wilder) Natur auf
der
einen Seite und Vernunft und Kultur auf der anderen Seite fuer
sinnvoll und lehne „Natur vs. Natur“ aus sprachpragmatischen
Gruenden
ab, wenngleich ich anerkenne, dass diese Formel einen durchaus
vertretbaren Standpunkt reflektiert.
Ok, damit hätte jeder seinen Standpunkt grob dargelegt; nun könnte man schauen, ob man trotz dieser Standpunktdifferenz ins Gespräch kommen kann, oder ob man das Gespräch auf die Standpunkte zurückführen muss.
Das ist meines Erachtens auch das Problem der ausdifferenzierten Wissenschaften bzw. von Interdisziplinarität, dass einige Wissenschaften kaum miteinandern ins Gespräch kommen können, weil ihre Standpunkte zu weit auseinander liegen;
z.B. beharrt meines Erachtes die Ökonomie (VWL; standard textbook economics) zu sehr auf ihrem Standpunkt um überhaupt mit den umliegenden Wissenschaften ins Gespräch kommen zu könnnen, ohne diesen ihren Standpunkt aufzudrücken, wie etwa beim Rational Choice der Soziologie, der Medienforschung, etc.; aber das nur by the way
Moment, ein Selbsterhaltungstrieb (Gesundheit, langes Leben,
Sicherheit) gilt aber doch gewöhnlich als „biologisches
Programm“.
Guter Einwurf, aber im Sinne der These des „egoistischen Gens“
ist
vielleicht doch eher der Fortpflanzungstrieb der primaere
Trieb und
die Selbsterhaltung das Mittel zu diesem Zweck. Dem entgegen
steht
natuerlich die Beobachtung, dass Tiere und auch Menschen auch
nach
der (letzten) Fortpflanzung noch ein durchaus reges Interesse
am
Weiterleben verspueren.
Naja, man könnte aber auch sagen, dass der Fortpflanzungstrieb im Dienste der Selbsterhaltung steht, nämlich Selbsterhaltung nicht anthropomorphisierend auf Individuen bezogen, sondern auf die Gattung selbst …
Es gibt ja auch solche Untersuchungen von Seiten der Biologie, dass etwa das Weiterleben von Tieren auch nach Ende ihrer Forpflanzungsfähigkeit einen Evolutionsvorteil für die Gattung hätte, etc.
Blicken wir in die Tierwelt, dann stellen wir fest, dass es
freiwilliges gesundheitsschaedigendes Verhalten nicht gibt,
zumindest
nicht so auffaellig. Ausser bei Tieren, die nicht in ihrem
natuerlichen Lebensraum leben. Gefangene Voegel reissen sich
schon
mal die Federn aus. Das verfuehrt zu dem Gedanken, dass der
Mensch
vielleicht auch deshalb selbstschaedigende Dinge tut, weil er
nicht
mehr in seinem natuerlichen Lebensraum lebt.
- von „Freiwilligkeit“ kann man beim Tier ohnehin nicht sprechen
- kann man natürlich etwa die ständigen Rangkämpfe, die ja nicht direkt fürs Überleben nötig sind, durchaus als "selbstschädigendes Verhalten interpretieren.
Verhindert wird dies in erster Linie damit, dass man sagt: Ja, die Rangkämpfe sind wichtig um letzlich einen größeren Fortpflanzungserfolg zu erzielen, also mehr Anteil am Genpool zu erlangen, etc. ; würde man aber eine solche funktionalistische Perspektive auf „menschliche Selbstschädigung“ anlegen, dann könnte man auch dort keine „freiwillige Selbstschädigung erkennen“
-
ist der Mensch anthropologisch gesehen „weltoffen“=„instinktunsicher“ (ich glaube, diese Einschätzung, die hier die Begrifflichkeiten Portmanns verwendet, dürfte allgemeine Einschätzung sein); wenn der Mensch aber grundsätzlich weltoffen ist, dann gibt es für ihnen keinen „natürlichen Lebensraum“, auch nicht einen, der ein Maßstab für die „Künstlichkeit“ der faktischen Lebensbedingungen sein könnte.
-
die Frage ist, ob man Mensch und Tier überhaupt vergleichen kann; der Mensch besitzt im Gegensatz zum Tier Sprache, damit aber auch Vergangenheit und Zukunft (Tiersprachen wie die Bienensprache, oder die Tatsache, dass Affen menschliche Laute erlernen können, sind etwas ganz anderes);
einzig der Mensch kann daher einen „Entwurf“ seiner Selbstschädigung machen, kann damit einen Sinn darin finden; darum ist auch einzig der Mensch zum Selbstmord fähig.
Ein anderer Gedanke: Ja, Selbsterhaltung ist biologisches
Programm,
aber der moderne Mensch hat so viele Moeglichkeiten sich
selbst zu
erhalten, und Lust und Freude zu empfinden ist eine Form davon
(ich
denke da an Spinoza), dass er gar nicht mehr weiss, was er tun
soll.
Ich denke, damit komme ich auf dich zu, wenn du gleich mit
„Entfremdung“ argumentierst.
ja, das wäre Entfremdung; im übrigen ist das genau die Dimension von Entfremdung, die bei Spinoza im Raum steht (bei Matheron in den 60ern als „Alienation“ ausgearbeitet ist).
Allerdings ist Spinozas Konzept der Selbsterhaltung (Conatus-Lehre) nun so gefasst, dass sie nicht mehr auf „Biologischem“ ruht (wie etwa bei Hobbes!), sondert auf „in seinem Sein“ beharren, also nicht nur in seinem biologischen Da-Sein, sondern auch in seinem So-Sein.
Dann würde die Formel nicht mehr lauten: Natur vs. Kultur
(Denken und Gesellschaft), sondern: Natur vs. Entfremdung
das geht aus meiner Sicht mit Spinoza eben nicht wirklich, würde aber gehen mit einem vulgären Rousseau (Zurück zur Natur!) oder einem vulgären Marx.
Verstehe, kann man so sehen. Der moderne Mensch lebt gegen
seine
(Steinzeit-)Natur. Das ist ja auch, was alle „Reformisten“
(z.B.
Vollwertkoestler) predigen.
alle „Zurück zur Natur“-Bewegungen, ob Vollwertkost, FKK, Leben in Kommunen, etc.
Wobei man sagen muss, dass diesen allen ein äußerst fragwürdiges Bild einer „idyllischen Natur“ vorschwebt. Und wenn man sich überlegt, wann diese „Natur“ in den Diskursen immer auftaucht, z.B. im Kampf der Bürgertums gegen den „gekünstelten“ Adel zu Zeiten Rousseaus, im Kampf gegen den Historismus und gegen die Degeneration Anfang des 20. Jhdts. und vielleicht auch im Kampf gegen den „totalen Markt“ der Hippies, dann sieht man die Fragwürdigkeit des „Natur“-Begriffes sehr anschaulich, weil dieser immer als bloßes Gegenkonzept, als Kehrseite, der bestehenden Kultur konzipiert wird, FKK quasi als Antithese zum Korsett, aber auch zum durch Kleider ausgedrückten Standesdünkel …
Ist die steinzeitliche Kalorien-Suche auf genetischer oder
physiologischer Ebene (auf diesen Ebenen sind wir den
Steinzeitmenschen ja Deiner Meinung nach gleich) verankert, so
wie der Saugreflex oder der Speichelfluss, etc.?
Grundsaetzlich ja. Individuelle Schwankungen koennen aber
erheblich
sein.
-
die Schwankungen müssen aber nicht nur individuell, sondern sogar intra-individuell sein, weil man ja seine „Kalorien“-Gewohnheiten zeitlebens ändern kann
-
ich habe gefragt, ob dies so verankert wäre WIE die Reflexe; da finde ich dann Deine Antwort „grundsätzlich ja“ dann sehr fragwürdig
Na ja, die Steinzeit kann zwar nicht alles erklaeren, stellt
doch
aber einen wichtigen Einfluss auf unser Verhalten dar.
Ok, das ist unbestritten, dass es Einflüsse gibt, die bereits in der Steinzeit bestanden und noch heute wirken; die entscheidende Frage ist aber: wie wirken sie: determinierend? als constraints? etc.
Meine Grundfrage war aber: inwieweit bietet die Anrufung der Steinzeit (also im Grunde der Evolution) eine Erklärung dafür, dass manche von uns zuviel essen:
Eine Erklärungskraft besteht sicherlich:
hohe Stoffwechseleffizienz, etc.; all die Dinge, die mehr oder weniger auf alle Mensch gleich zutreffen.
das, was aber eigentlich zu erklären wäre, ist
- die Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen; und da sehe ich für die evolutionäre Perspektive kaum Erklärungskraft
und
- die Existenz von Idealen wie dem Schlankheitsideal, aber auch Ideale von „Gesundheit“ und „Vitalität“; und da sehe ich für die evolutionäre Perspektive kaum Erklärungskraft, außer eben durch den recht lapidaren Hinweis auf Fortpflanzungserfolg und Selbsterhaltung.
Wie kann dann der Weg von der genetischen und physiologischen
Struktur (die wir mit dem Steinzeit-Menschen teilen) zum
konkreten Phänomen des zu-viel-Fressens (was wir ja
offensichtlich nicht mit dem Steinezeitmenschen teilen)
beschritten werden?
Das teilen wir im Prinzip sehr wohl mit den Steinzeitmenschen.
Der
Unterschied ist der, dass letzteren das heutige Ueberangebot
nicht
zur Verfuegung stand. Das Programm ist das gleiche, nur ist es
an
heutige Umweltbedingungen nicht mehr so gut angepasst.
Ok, das wäre eine Erklärung;
aber warum muss man dann überhaupt mit der Ebene des „Programms“ operieren?
dann kann man doch gleich sagen:
Welten (ohne Um-, weil ohne den Bezug auf „Anlage“!) mit reichlichem Angebot sorgen für die Möglichkeit des Viel-Fressens, Welten mit knappem Angebot lassen Viel-Fressen nicht zu.
Ob dann jeweils die einzelnen Individuen von der Möglichkeit des Viel-Fressens Gebrauch machen oder nicht, wird nicht vom Angebot bestimmt, sondern von ihrer „inneren Haltung“
[by the way: nun könnte man wieder zu einem Monismus kommen und sagen, dass die „innere Haltung“ nichts anderes als die „Welt“ sei, dass also ein reichliches Angebot nur unter der Voraussetzung entstehen kann, dass der Mensch zu Enthaltsamkeit fähig ist, etc.;
So etwas findet man ja etwa bei Max Weber, nach dem die asketische protestantische Ethik Voraussetzung für den Kapitalismus ist]
ich denke, meine Grundfrage vom letzten Posting bleibt aber bestehen:
Zusammengefasst: Was hilft uns die „Steinzeit“ zu erklären,
was wir sonst nicht erklären könnten, außer dass sie uns
zwingt, dass wir die kalorienarme Ernährung erklären müssen
und nicht die kalorienreiche (weil wir die ja dann als „Erbe
der Steinzeit“ besitzen, und diese damit keiner weiteren
Erklärung zu bedürfen scheint)?
Jetzt sehe ich dein Problem nicht mehr.
Genau das ist mein Hauptproblem!
1.Wir haben ein Steinzeitprogramm, das uns zu kalorienreicher
Nahrung
treibt.
2. Wir sind diesem Programm nicht voellig ausgeliefert,
sondern es
gibt noch andere Einfluesse auf unser Verhalten, z.B.
kulturelle.
3. In diesem Spannungsfeld befindet sich jeder Mensch und
jeder
findet seine eigene Ballance, die nicht in der Mitte liegen
muss,
sondern auch Extremwerte annehmen kann, z.B. besinnungslose
Voellerei
oder Magersucht.
Es gibt mehrere Probleme dafür, ich nenne jetzt nur zwei:
a) Krypto-Normativität: es gibt ein Programm; manche sind diesem Programm näher, manche ferner; jeder findet seine Balance zwischen dem Programm und dem „Widerstehen“ des Programms: welche Normativitäten können daraus bezogen werden? Ist der Dicke nicht schlicht unfähiger, sich dem „steinzeitlichen Programm“ zu widersetzen? Hat er vielleicht geringere Willenskraft?, weniger Kultur?
Ich will nicht andeuten, dass eine solche Forschung einfach nur der Ideologie des Schlankeitsideals huldigen würde, sondern dass ein theoretischer Forschungsaufbau, welcher mit Anlage/Umwelt und damit mit Mitte/Extrem operiert, immer schon von solchen Idealen „umgarnt“ wird, zu nahe an Normativität steht.
b) Warum kann man sich Punkt 1) nicht einfach enthalten, genauso des ersten Teilsatzes von Punkt 2), genauso des letzten Teilsatzes von Punkt 3)?
Wenn man diese empirisch nicht zu rechtfertigende Annahmen schlicht weglässt, dann bleibt:
Es gibt verschiedene Einflüsse (biologische, kulturelle, psychologisch) auf unser Verhalten; jeder Mensch findet dabei seine eigene Reaktion auf diese Einflüsse.
Würde diese Umformung zu geringerer Erklärungskraft führen?
Ich denke, nein, im Gegenteil bekäme man so einen Blick darauf, dass nicht nur die Extreme, die Magersucht und die Völlerei, individuelle Reaktionen auf Einflüsse sind, sondern das „normale Essverhalten“ genauso, dass also nicht nur Abweichendes, sondern genauso auch Normales einer psychologischen Erklärung bedürfen.
Diese Umformung sieht natürlich jetzt ziemlich „nebensächlich“ aus, aber dahinter stecken sehr wichtige theoretische Optionen, in erster Linie die, dass ich das ursrpünglich positivistische Programm der Reduktion von Psychischem auf Biologisches nicht mitgehen muss.
Viele Grüße
franz