Warum wurden mehr Frauen als Hexen verurteilt?

Ich arbeite momentan an einer Facharbeit zum Thema: „Hexenwahn, Warum wurden im Mittelater mehr Frauen als Hexen verurteilt und hingerichtet als Männer?“
Zwar besitze ich einiges an Literatur und auch schon einen umfangreichen ersten Teil (Hexenverfolgung, Prozesse usw.) geschrieben, doch mit der oben genannten Frage komme ich nicht so recht weiter.
Kann mir jemand mit Literatur zu dieser Frage helfen?

Ich würde mich sehr über Antworten freuen.

Mit freuntlichen Grüßen
Marlies Böner

schon Sakrileg gesehen??? :wink:
das weibliche muss ausgemerzt werden… *gg*
nee ernsthaft, da kann ich dir leider auch nicht weiterhelfen

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo,

das hängt mit dem ganzen Verständnis der Rolle von Mann und Frau zusammen.
Die Frau war ja damals eigentlich nichts. Rechtsfähig war nur der Mann, Eva ist ja nur Rippe von Adam, da war die Frau einfach zum Mann gehörig. Sie galt grundsätzlich als sündig und unrein. Aus diesem Verständnis heraus läßt ja die r.k. Kirche heute noch keine Frauen als Priester zu.

Und daraus ergab sich die Rolle der Frau als Verführerin des Mannes - auch als Verführerin zur Sünde. Nicht der Mann war schuld, wenn er fremdging - es war die Frau, die ihn dazu verführt hat. In ihrter Gestalt wohnte der teufel - nicht in seiner. Das war einfach so im allgemeinen Verständnis.
Und daraus entstand eine verrückte Sache: Wenn eine Frau der Hexerei angeklagt wurde oder sich unnpormal benahm - dann war die die hexe, die auf den Scheiterhaufen gehörte. Wenn das einem Mann passierte - dann hat man erst mal die Hiexe gesucht, die ihn behext hatte. wie auch immer - Schuld war in jedem Fall die Frau. Entweder durch ihre eigene Handlung oder dadurch, daß sie den Mann behext hatte.

Gernot Geyer

Hallo Marlies Böner,

ich würde mal über folgenden Punkt nachdenken…

„Warum blieb die Bevölkerung in Europa bis zum Einsetzen der
Hexenverfolgung ziemlich konstant und schnellte dann mit dem Umgreifen der Hexenverfolgung immer mehr in die Höhe???“

mfg

P.S.

Kleiner Denkanstoß…
Als „Hexen“ landeten überwiegen Frauen auf dem Scheiterhaufen,die
man als „Kräuterfrauen“ oder „Heilkundige“ betrachtete…
Stichwort "Natürliche Empfängnisverhütung

Servus, Gernot!

da war die Frau
einfach zum Mann gehörig. Sie galt grundsätzlich als sündig
und unrein. Aus diesem Verständnis heraus läßt ja die r.k.
Kirche heute noch keine Frauen als Priester zu.

Nein! Die Kirche beruft sich dabei

  1. auf Tradition: Das war schon immer so, es lief immer gut so, also bleibt´s auch so.
  2. auf Paulus: Der schrieb in seinen späteren Briefen, dass Männer die Gemeinden leiten sollten. Dass er in früheren Briefen mit Frauen als Gemeindevorstehern (entspricht den Priestern) korrespondierte, fällt dabei unter den Tisch.
  3. auf Jesus selber: Der hatte nur Männer als Apostel (nicht Jünger: Das waren alle seine Anhänger, da waren selbstverfreilich auch Frauen dabei), und nur denen hat er den Auftrag gegeben, zu missionieren, den Glauben in die Welt zu tragen (das ist was anderes als missionieren im Sinne von bekehren), und - in Person von Petrus - die Kirche aufzubauen und zu erhalten. Alles priesterliche Aufgaben. Darauf beruft sich die RKK hauptsächlich.
    Nachdem die Evangelien im Widerstreit von Petrus-Anhängern und Paulus-Anhängern geschrieben wurden, relativiert sich das auch wieder etwas…

Ich hoffe, es ist klar geworden, daß das Fernhalten von Frauen aus geweihten Ämtern in der RKK nicht mein Fall ist. Aber man kann der römischen Kirche viel vorwerfen, aber nicht diese mittelalterliche Sicht, daß Frauen per se sündig wären. Das kann man ihr zumindest heute und derart pauschal definitiv nicht vorwerfen!

VG
Christian

Ich hoffe, es ist klar geworden, daß das Fernhalten von Frauen
aus geweihten Ämtern in der RKK nicht mein Fall ist. Aber man
kann der römischen Kirche viel vorwerfen, aber nicht diese
mittelalterliche Sicht, daß Frauen per se sündig wären.

Hallo miteinander,
was mich dazu (über die ursprüngliche Frage hier hinaus) interessieren würde:
Woher stammt der Zusammenhang von Körperflüssigkeiten (vor allem Blut; auch Sperma?) und Unreinheit? (Unreinheit durch Kontakt mit Toten gehört wohl nicht unmittelbar hierher.) Im AT ist er vorhanden; dazu auch die entsprechenden Reinigungsvorschriften (für Frauen nach Geburt und Menstruation) und Vorschriften zur Bewahrung der Reinheit (etwa für die Priester vor Antrittt ihres Dienstes: als sexuelle Enthaltsamkeit).
Mir scheint, mit aller Vorsicht gesagt, dass derartige Tabu- Vorstellungen in der römischen Kaiserzeit von Osten her - und etwa gleichzeitig mit der Ausbreitung und lehrmäßigen Verfestigung des Christentums - íns Römische Reich eindrangen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Das sind alles Fragen und Frag-
Würdiges, keine Behauptungen, das sei so.
D. h., es handelt sich um Bitte, Genaueres mitzuteilen, wer Genaueres weiß.
Beste Grüße!
H.

Servus!

Woher stammt der Zusammenhang von Körperflüssigkeiten (vor
allem Blut; auch Sperma?) und Unreinheit? (Unreinheit durch
Kontakt mit Toten gehört wohl nicht unmittelbar hierher.) Im
AT ist er vorhanden; dazu auch die entsprechenden
Reinigungsvorschriften (für Frauen nach Geburt und
Menstruation) und Vorschriften zur Bewahrung der Reinheit
(etwa für die Priester vor Antrittt ihres Dienstes: als
sexuelle Enthaltsamkeit).
Mir scheint, mit aller Vorsicht gesagt, dass derartige Tabu-
Vorstellungen in der römischen Kaiserzeit von Osten her - und
etwa gleichzeitig mit der Ausbreitung und lehrmäßigen
Verfestigung des Christentums - íns Römische Reich eindrangen.

Diese Vorstellungen beruhen auf der allgemeinen antiken Vorstellung, daß alle ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten schlecht seien, da in ihnen die Krankheiten gesammelt sind und krank machen.
Deswegen waren z.B. die Färber und Gerber in mittelalterlichen Städten immer „unreine“ Berufe (selbstverständlich gehört der Henker hier auch dazu - nicht weil er henkt, sondern weil er mit Toten zu tun hat): Das Färben und Gerben kam ohne den Einsatz von Urin nicht aus…
Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer Wichtigkeit. Wie viele religiösen Vorstellungen im AT lassen sich die Spuren zurück verfolgen bis zu den Sumerern und den mesopotamischen Religionen.
Die Semiten Palästinas und Syriens, aus denen die Israeliten hervorgegangen sind, befanden sich im kulturellen Einflußbereich Mesopotamiens und haben diverse Vorstellungen übernommen bzw. adaptiert.

VG
Christian

Hallo Christian!

Diese Vorstellungen beruhen auf der allgemeinen antiken
Vorstellung, daß alle ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten
schlecht seien, da in ihnen die Krankheiten gesammelt sind und
krank machen.

Soweit mir bekannt, ist diese Beurteilung eine rein hygienische (naheliegend) und medizinische (aus der entsprechenden Fachliteratur), aber keine im Sinn der von mir gemeinten religiösen Unreinheit.
So hat z. B. auch das alljährliche Waschen der Athena-Statue von der Akropolis in Athen im Meer (am Feste Plynthéria) nichts mit kultischer Verunreinigung zu tun, sondern ist im Gegenteil eine Art kultischer Hochzeit mit dem Meer(-Gott).
Deinen Sprung durch die Zeit mach ich jetzt mal mit:

Deswegen waren z.B. die Färber und Gerber in mittelalterlichen
Städten immer „unreine“ Berufe (selbstverständlich gehört der
Henker hier auch dazu - nicht weil er henkt, sondern weil er
mit Toten zu tun hat): Das Färben und Gerben kam ohne den
Einsatz von Urin nicht aus.

Der Henker hatte einen unreinen Beruf (mit einem eigenen Tisch im Wirtshaus und einem eigenen dort mit einer Kette angehängten Trinkkrug, damit ihn aus Versehen ja sonst niemand bekommt), weil er Gottes Schöpfung, Menschen, hin-richtet (in mittelalterlichen Urkunden häufig euphemistisch ausgedrückt: „… gen Himmel fertiget“). In der wissenschaftlichen Volkskunde wird übrigens auch für die „Unehrlichkeit“ der Müller die Meinung vertreten, einer der Gründe sei die Vernichtung des Getreidekorns im Sinn einer Missachtung der Schöpfung.
Ich springe in die Antike zurück: Im griechisch-römischen Bereich gab es die Vorstellung von - in vergleichbarem metaphysischen Sinn - unreinen Berufen nicht. Hier ist die Vorstellungswelt ganz unbefangen natürlich: Die Gerber und Wäscher gingen mit Eimern in der Stadt umher und sammelten den Urin ein (den sie genauso unbefangen erhielten). Ihre Betriebe waren zwar am Rand der Stadt, aber aus praktischen Gründen: Wie alle Großverbraucher von Wasser waren sie gleich am Ausfluss des Wasserverteilers an der Stadtmauer. Hätte man sie als „unrein“ betrachtet, wäre ihr Platz ganz gewess nicht ganz oben an den Wasserleitungen gewesen. (Ein solches Wasserschloss und die Lage der Betriebe kann man in Pompeji gut sehen.)

Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
Wichtigkeit.

Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?

lassen sich die Spuren zurück verfolgen bis zu den Sumerern und den
mesopotamischen Religionen.
Die Semiten Palästinas und Syriens, aus denen die Israeliten
hervorgegangen sind, befanden sich im kulturellen
Einflußbereich Mesopotamiens und haben diverse Vorstellungen
übernommen bzw. adaptiert.

Das ist ja auch meine Meinung über den Ursprung dieser Vorstellungen.
(Es hat ja auch das Tabu, Pferdefleisch zu essen, gerade nichts mit Unreinheitsvorstellungen der Germanen zu tun, sondern mit ihrem heidnischen Opfermahl, das von den Missionaren bekämpft und dämonisiert wurde.)
Wie man die Hygienevorstellungen und den Fortschritt in diesem Bereich, in dem sich Religion und Medizin überschneiden, einordnen soll, weiß ich überhaupt nicht: Ist die durch Unreinheitsvorstellungen verursachte Distanz der Bevölkerung zu den unreinen Berufen (Henker, Abdecker/Schinder), nicht auch ein Fortschritt in der Hygiene? Ähnlich auch das Gebot des Schlachtens durch Schächten? Oder die tabuisierenden Vorschriften zum Umgang mit Blut? Das kann ja alles auch der Niederschlag aus entsprechenden Erfahrungen sein.
Beste Grüße!
H.

Ich arbeite momentan an einer Facharbeit zum Thema:
„Hexenwahn, Warum wurden im Mittelater mehr Frauen als Hexen
verurteilt und hingerichtet als Männer?“
Zwar besitze ich einiges an Literatur und auch schon einen
umfangreichen ersten Teil (Hexenverfolgung, Prozesse usw.)
geschrieben, doch mit der oben genannten Frage komme ich nicht
so recht weiter.
Kann mir jemand mit Literatur zu dieser Frage helfen?

Hallo Marlies,

in dem Buch „Hexenwahn und Hexenprozesse“ kommt der Autor Manfred Hammes auf Seite 60 in Kapitel 6.4 (Die Frau im Hexenprozeß)zu folgender Aussage:

„Um einem weit verbreiteten Irrtum gleich an dieser Stelle entgegenzutreten: Die Opfer der Hexenprozesse waren nicht ausschließlich Frauen, nicht einmal fast ausschließlich Frauen. Dazu zwei Zahlen aus Zentren der Verfolgung: unter den 157 Hingerichteten der Würzburger Brände (1627/29)befanden sich 76 Knaben und Männer. Ein ähnliches Verhältnis läßt sich aus den Trierer Prozeßzahlen (um 1590) entnehmen.“

Soweit das Zitat aus dem o. g. Buch, es erschien bei GONDROM

ISBN 3811812400 Buch anschauen

Gruß Norbert

Hallo,

ich würde mal über folgenden Punkt nachdenken…
„Warum blieb die Bevölkerung in Europa bis zum Einsetzen der
Hexenverfolgung ziemlich konstant und schnellte dann mit dem
Umgreifen der Hexenverfolgung immer mehr in die Höhe???“
Kleiner Denkanstoß…
Als „Hexen“ landeten überwiegen Frauen auf dem
Scheiterhaufen,die
man als „Kräuterfrauen“ oder „Heilkundige“ betrachtete…
Stichwort "Natürliche Empfängnisverhütung

es mag zwa einen kleinen Einfluß in diese Richtung gegeben haben,
aber ansonsten halte ich dise These für „an den Haaren herbeigezogen“

Das Ansteigen der Bevölkerung geht eher einher mit der
-> Beendigung des 30-jährigen Krieges,
-> der Aufklärung, Entwicklung der Wissenschaften
-> Entw. der Produktiionsmittel
-> allg. Entw. der Gesellschaft in Richtung des Frühkapitalismus
z.B. 1648 - Bürgerliche Rev. in England. usw.

Gruß Uwi

Servus Hannes!

Diese Vorstellungen beruhen auf der allgemeinen antiken
Vorstellung, daß alle ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten
schlecht seien, da in ihnen die Krankheiten gesammelt sind und
krank machen.

Soweit mir bekannt, ist diese Beurteilung eine rein
hygienische (naheliegend) und medizinische (aus der
entsprechenden Fachliteratur), aber keine im Sinn der von mir
gemeinten religiösen Unreinheit.

Das fließt aber ineinander: Viele der religiösen Tabuvorschriften in allen Religionen sind irgendwie auch auf medizinische/hygeniesche Gründe zurückzuführen. Manche sind zwar auch rein religiöser Natur wie das von Dir unten erwähnte Tabu des Essens von Pferdefleisch (wobei hier Politik und Reliogn ähnlich vermischt sind wie beim Blut Religion und Medizin), aber bei den meisten dieser Vorschriften kannst du einfach nicht trennen zwischen religiösem Tabu wegen Unreinheit und medizinischer Notwendigkeit z.B. wegen leichter Verderbnis.

Noch ein Exkurs: Viele Tiere - und das Verspeisen selbiger - galten als tabu oder unrein, einfach weil sie gespaltene Klauen oder Zungen hatten, oder bei Nachbarvölkern verehrt wurden, mit denen man absolut nix zu tun haben wollte. Manchmal war es also reiner Aberglaube, manchmal auch die schon angesprochene Vermischung von Religion und Politik, sehr oft aber eben Religion+Medizin.

So hat z. B. auch das alljährliche Waschen der Athena-Statue
von der Akropolis in Athen im Meer (am Feste Plynthéria)
nichts mit kultischer Verunreinigung zu tun, sondern ist im
Gegenteil eine Art kultischer Hochzeit mit dem Meer(-Gott).
Deinen Sprung durch die Zeit

(sorry for that)

mach ich jetzt mal mit:

Deswegen waren z.B. die Färber und Gerber in mittelalterlichen
Städten immer „unreine“ Berufe (selbstverständlich gehört der
Henker hier auch dazu - nicht weil er henkt, sondern weil er
mit Toten zu tun hat): Das Färben und Gerben kam ohne den
Einsatz von Urin nicht aus.

Der Henker hatte einen unreinen Beruf (mit einem eigenen Tisch
im Wirtshaus und einem eigenen dort mit einer Kette
angehängten Trinkkrug, damit ihn aus Versehen ja sonst niemand
bekommt), weil er Gottes Schöpfung, Menschen, hin-richtet (in
mittelalterlichen Urkunden häufig euphemistisch ausgedrückt:
„… gen Himmel fertiget“). In der wissenschaftlichen
Volkskunde wird übrigens auch für die „Unehrlichkeit“ der
Müller die Meinung vertreten, einer der Gründe sei die
Vernichtung des Getreidekorns im Sinn einer Missachtung der
Schöpfung.

Nein. Brot war ein Grundnahrungsmittel und darüber hinaus etwas Heiliges (siehe Hostien). Um Brot zu kriegen, musst du Getreide bearbeiten. Das Korn wird verwandelt, nicht zerstört.
Der Grund war, daß es für Müller sehr leicht war, zu betrügen. Entweder, indem sie dem Bauern klarmachen wollten, dass in ihren Körnern halt einfach weniger Mehl war oder - das kam öfter vor - indem sie die Gewichte fälschten, mit denen das Mehl abgewogen wurde. Bei einem Grundnahrungsmittel, das Brot war und ist, sind die Leute sehr empfindlich…

Ich springe in die Antike zurück: Im griechisch-römischen
Bereich gab es die Vorstellung von - in vergleichbarem
metaphysischen Sinn - unreinen Berufen nicht. Hier ist die
Vorstellungswelt ganz unbefangen natürlich: Die Gerber und
Wäscher gingen mit Eimern in der Stadt umher und sammelten den
Urin ein (den sie genauso unbefangen erhielten).

Bzw. sie stellten die Behälter am Strassenrand auf. So sparten die Stadtväter auch die öffentlichen Toiletten…Ne, halt, mit der „Festmasse“ konnten die Gerber ja nix anfangen.

Ihre Betriebe
waren zwar am Rand der Stadt, aber aus praktischen Gründen:
Wie alle Großverbraucher von Wasser waren sie gleich am
Ausfluss des Wasserverteilers an der Stadtmauer. Hätte man sie
als „unrein“ betrachtet, wäre ihr Platz ganz gewess nicht ganz
oben an den Wasserleitungen gewesen. (Ein solches
Wasserschloss und die Lage der Betriebe kann man in Pompeji
gut sehen.)

War in Pompeji auch nicht so wichtig: Wie in vielen römischen Städten gab´s hier eine Kanalisation. Das Brauchwasser der Färber und Gerber (und Metzger und Kürschner und…) wurde abgezweigt, der Rest war noch das gleiche reine Trinkwasser und konnte auch so verwendet werden.
Im Mittelalter holte man das Wasser einfach aus dem Bach und ließ das Abwasser wieder in den Bach laufen oder auf die Strasse.
Da, wo die Gerber und Färber waren, wurden also Trink- und Brauchwasser vermischt.
Nachdem man beobachtet hatte, daß es nicht gut ist, das Abwasser der Gerber und Färber zu trinken (ganz abgesehen vom Gestank), zwang man diese Handwerker, am AUSgang der städtischen Wasserversorgung zu siedeln.

Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
Wichtigkeit.

Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?

Ja.
(snip)

Wie man die Hygienevorstellungen und den Fortschritt in diesem
Bereich, in dem sich Religion und Medizin überschneiden,
einordnen soll, weiß ich überhaupt nicht: Ist die durch
Unreinheitsvorstellungen verursachte Distanz der Bevölkerung
zu den unreinen Berufen (Henker, Abdecker/Schinder), nicht
auch ein Fortschritt in der Hygiene?

Ja. Das war aber keine Vorher-Nachher-Abfolge, sondern ging Hand in Hand. Wurde jemand krank, war ein Gott bzw. häufiger einer der vielen Dämonen des mesopotamischen Kosmos zuständig. Aus Beobachtungen wußte man, wie man bestimmte Krankheiten verhindern konnte, also wurden dem Dämon entsprechende Eigenschaften zugesprochen. Götter waren die Gegenspieler der Dämonen, also musste man im Krankheitsfalle dem Gott huldigen oder ihn anbeten oder den zuständigen Priester für Beschwörungen bezahlen oder wasweissichnichtalles tun, um die Krankheit abzuweisen.
Im Gegenzug durfte man halt bestimmte Dinge nicht tun, weil das den Dämon herbeirufen würde. Schon hast du eine direkte Beziehung zwischen Medizin und religiösem Tabu.
Vereinfacht und verallgemeinert dargestellt.

Ähnlich auch das Gebot
des Schlachtens durch Schächten?

Jein. Den Juden ist der Genuß von Blut verboten. Man wird schnell krank davon, besonders im heißen Klima des Nahen Ostens. Also schauen die Juden, dass in ihren Tieren ja kein Tropfen Blut mehr ist, wenn sie sie verspeisen. Man kann aber auch anders verhindern, daß man vom im Fleisch enthaltenen Blut krank wird. Die Juden machten´s halt nach alter Hirtentradition so und behielten es auch bei, als die Nachbarvölker schon andere Methoden kannten, mit dem Blut im Schlachtvieh umzugehen. Der Grund war wohl, dass sich die Juden stets von den polytheistischen Nachbarn abgrenzen wollten bzw. an ihrem Gott und seinen einmal gegebenen Vorschriften eisern festhielten, wo die Nachbarn flexibler waren.
Schau mal in die Bibel: Dort wird sehr oft betont, daß rein äußerliche Handlungen nicht ausreichen, um den Menschen rein zu machen. Innere Festigkeit gehört dazu. Man kann das positiv als Standhaftigkeit betrachten oder negativ als Unflexibilität.

Oder die tabuisierenden
Vorschriften zum Umgang mit Blut? Das kann ja alles auch der
Niederschlag aus entsprechenden Erfahrungen sein.

Ist es auch. Die entsprechenden gewundenen Gedankengänge siehe oben.

VG
Christian

1 „Gefällt mir“

Hallo Uwi,

dann erkläre mir doch bitte mal,
warum die Bevölkerung in Mitteleuropa von „0“ (also Christi Geburt)
bis zum Mittelalter nahezu konstant war…

Hallo,

dann erkläre mir doch bitte mal,
warum die Bevölkerung in Mitteleuropa von „0“ (also Christi
Geburt)
bis zum Mittelalter nahezu konstant war…

auch diese Behauptung halte ich für unwahr.

Im Laufe von 12 hundert Jahren hat sich sehr wohl
die Bevölkerungszahl erhöht. In der Zeit sind überhaupt
erst große Bereiche Mitteleuropas dichter besiedelt worden.
Es gab aber auch starke Fluktuationen, durch Kriege,
Völkerwanderungen und auch Pandemien.

Gegenfrage:
Warum gibt es seit Mitte des 20Jh. eine Bevölkerungsexplosion
in Afrika und Asien.
Hatten die auch seit dem eine Zeit der Hexenverfolgung ?
Gruß Uwi

Woher stammt der Zusammenhang von Körperflüssigkeiten (vor
allem Blut; auch Sperma?) und Unreinheit?

Der Zusammenhang steht in der Bibel (Tora, Pentateuch).

Die Unreinheit betrifft Männer wie Frauen. Wenn ein Mann untenrum blutet, ist er ebenfalls „unrein“. Es hat aber nichts mit „Schmutz“ zu tun. (Das Wort „unrein“ ist halt nur eine schiefe Übersetzung. Was Gescheiteres fällt mir auch nicht ein).

(Unreinheit durch
Kontakt mit Toten gehört wohl nicht unmittelbar hierher.)

dazu auch die entsprechenden
Reinigungsvorschriften (für Frauen nach Geburt und
Menstruation)

Die Unreinheit des Todes gehört genau hierher. Die Reiningung nach der Menstruation (findet übrigens NACH einer gründlichen Dusche mit Inspektion statt) wird oft so erklärt, daß eine Menstruation ein winziger „Tod“ ist, der in der Frau stattfindet. Ein Ei stirbt ab, ohne geboren zu werden. So habe ich das jedenfalls einigemale erklärt bekommen von Frauen, die sich daran halten. Ähnliches gilt für Sperma, das nicht „verschwendet“ werden darf, was ebenfalls mit dem Tod im Zusammenhang steht.

Gehört eigentlich ins Brett „Religion“, wo sich dazu einige Experten aufhalten.

Gruß
dataf0x

Hallo Christian,

In der wissenschaftlichen
Volkskunde wird übrigens auch für die „Unehrlichkeit“ der
Müller die Meinung vertreten, einer der Gründe sei die
Vernichtung des Getreidekorns im Sinn einer Missachtung der
Schöpfung.

Nein.
Brot war ein Grundnahrungsmittel und darüber hinaus
etwas Heiliges (siehe Hostien). Um Brot zu kriegen, musst du
Getreide bearbeiten. Das Korn wird verwandelt, nicht zerstört.
Der Grund war, daß es für Müller sehr leicht war, zu betrügen.
Entweder, indem sie dem Bauern klarmachen wollten, dass in
ihren Körnern halt einfach weniger Mehl war oder - das kam
öfter vor - indem sie die Gewichte fälschten, mit denen das
Mehl abgewogen wurde. Bei einem Grundnahrungsmittel, das Brot
war und ist, sind die Leute sehr empfindlich…

Es wird auch noch das nächtliche Rumpeln im Mahlwerk angeführt als Gespensterglaube; aber eben auch die magische Vorstellung von der Vernichtung. (Is ja nicht meine Idee, sondern These aus der Wissenschaft.) So ähnlich, wie in manchen Kulturkreisen der Schlächter sich beim Schlachttier entSCHULDigt, weil/obwohl er es töten muss.

Ihre Betriebe
waren zwar am Rand der Stadt, aber aus praktischen Gründen:

Wie in vielen römischen
Städten gab´s hier eine Kanalisation. Das Brauchwasser der
Färber und Gerber (und Metzger und Kürschner und…) wurde
abgezweigt, der Rest war noch das gleiche reine Trinkwasser
und konnte auch so verwendet werden.

Ja, das ist die chemische Erklärung; aber die würde nicht zutreffen, wenn man an kultische Unreinheit geglaubt hätte.

Nachdem man beobachtet hatte, daß es nicht gut ist, das
Abwasser der Gerber und Färber zu trinken (ganz abgesehen vom
Gestank), zwang man diese Handwerker, am AUSgang der
städtischen Wasserversorgung zu siedeln.

Ja eben, nicht wegen irgendwelcher kultischer Vorstellungen. Das Mittelalter kennt dafür doch keine religiöse Begründung.

Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
Wichtigkeit.

Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?

Ja.

Dann verstehe ich aber den zitierten Begründungszusammenhang nicht.
Sie können doch ruhig im AT wichtig gewesen sein und trotzdem erst in der Kaiserzeit sich im Westen verbreitet haben.
Schön’ Gruß!
H.

Hallo,

dann erkläre mir doch bitte mal,
warum die Bevölkerung in Mitteleuropa von „0“ (also Christi
Geburt)
bis zum Mittelalter nahezu konstant war…

Das war sie ja gar nicht. Große Teile Deutschlands, speziell Waldgegenden, wurden in genau dieser zeit ja überhauüt erst einmal besiedelt und zwar in der Regel durch die „übrigen“ Bauernsöhne, die in ihrer heimat nicht erbberechtigt waren, weil ja meist der Älteste den Hof bekam. Also muß es da ein Bevölkerungswachstum gegeben haben.
Überhaupt - nach dem Niedergang der Städte der alten römerzeit entstanden exakt im Mittelalter ja überhaupt erst mal wieder Städte, die von der Größe her diesen Namen verdienten - die führten ja erst mal zur Blütezeit des Hochmittelalters mit ihrem Handwerk.
Abder das ging nur, wenn genügend Bauern da waren, die ein entsprechendes Mehrprodukt erzeugten, um die Städter mit durchzufüttern.
Es gibt da ein paar ökonomische Regeln, weißt Du. So ist eine bestimmte Anzahl an nicht prodzierenden Leuten wie Klerus und Adel immer erst möglich, wenn genügend andere da sind, die die ganze Arbeit machen. Und ein Fernhandel, wie er genau in der Zeit entstand, ist auch nur möglich, wenn genügend Abnehmer da sind in einem bestimmten Gebiet. Die wären z.B. im 7. oder 8. Jahrhundert ihren Krempeö einfach nicht losgeworden, da mußte schon eine wesentlich größere Bevölkerung her.

Gernot Geyer

Wie bitte? Konstante Zahlen?? Wo hast du das denn bitte her? Gibt’s da Quellen oder wie kommst du auf sowas???

Hier mal eine kleine Aufstellung der Bevölkerungsentwicklung von Europa (inkl Russland) zwischen 500 und 1450:

500: 27,5 Mill
650: 18 Mill
1000: 38,5 Mill
1340: 73,5 Mill
1450: 50 Mill

Außerdem gab es im Mittelalter so gut wie keine Hexenverfolgungen. Karl der Große hat sie sogar verboten! Die HExenverfolgung in unserem Sinne beginnt erst ab der frühen Neuzeit…

MfG

Christoph

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

2 „Gefällt mir“

Hallo Hannes,

Ja eben, nicht wegen irgendwelcher kultischer Vorstellungen.
Das Mittelalter kennt dafür doch keine religiöse Begründung.

Achso. Ich habe mich rein auf die von Dir ins Spiel gebrachten „unreinen Berufe“ bezogen. Da trat natürlich religiöse Unreinheit in den Hintergrund. Obwohl sie letzten Endes doch dahinter steckte - im Mittelalter stand ALLES in irgendeinem religiösen Zusammenhang. Auch wenn einige Tabus aus sozialen Reglementierungen stammten, irgendwann fand sich auch eine religiöse Begründung dafür - siehe meinen Exkurs in die altmesopotamischen Religionen.
Ein Beispiel (und schon wieder ein zeitlicher Sprung): In einigen ländlichen Gegenden Deutschlands war es bis in die Zwischenkriegszeit ungeschriebenes Gesetz, dass Mütter auch der Taufe nicht beiwohnen durften, da sie noch nicht „ausgesegnet“ waren. Es bedurfte eines besonderen Segens, um den Zustand der Reinheit wiederherzustellen.

Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
Wichtigkeit.

Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?

Ja.

Dann verstehe ich aber den zitierten Begründungszusammenhang
nicht.
Sie können doch ruhig im AT wichtig gewesen sein und trotzdem
erst in der Kaiserzeit sich im Westen verbreitet haben.

Mein Fehler. Ich hatte „Kaiserzeit“ irgendwie mit der Zeit ab Konstantin assoziiert. Natürlich gab´s auch eine Kaiserzeit ohne christliche Einflüsse.
Nur hatte auch die altrömische Religion ihre religiösen Tabuvorstellungen. Einige stammten bestimmt originär aus altitalischen Quellen, einige wurden auf dem Umweg über die Griechen aus dem Osten übernommen - aus den gleichen Quellen wie die im AT überlieferten Vorschriften. *sich rauswind*

VG
Christian

Zustimmung und Warnung
Hallo Marlies,

Norberts Hinweis kann ich nur zustimmen. Ich würde das Thema Deiner Arbeit unbedingt als Frage formulieren, sonst wird es wissenschaftlich schwierig. Da nach meinem Eindruck 90% der Literatur zu diesem Metathema unwissenschaftlich oder wenigsten unhistorisch sind, ist es fast unmöglich Gesamtzahlen zu finden (daher der Ansatz über kommunale Ereignisse Erkenntnis zu gewinnen). Man findeet zwischen 90 und 50%.

Generell gilt, dass fast nichts, was gemeinhin über Hexenverfolgung gewusst wird, mit der Wirklichkeit übereinstimmt (schon die Verbindung Mittelalter - Hexenverfolgung ist gewagt). Ein aufklärerischer Autor in diesem Sinne und einer der besten Fachleute dazu ist Rainer
Decker aus Paderborn. Sehr empfehlenswert!

Als Einstieg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hexer

Viele Grüße,
Andreas

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Ich fürchte das Schlimmste
Hallo Marlies,

du schreibst

Ich arbeite momentan an einer Facharbeit zum Thema:
„Hexenwahn, Warum wurden im Mittelater mehr Frauen als Hexen
verurteilt und hingerichtet als Männer?“
Zwar besitze ich einiges an Literatur und auch schon einen
umfangreichen ersten Teil (Hexenverfolgung, Prozesse usw.)
geschrieben,

Eigentlich müsstest du ja, wenn du schon so viel geschrieben hast, herausgefunden haben, dass es sich bei Hexenverfolgung vor allem um ein neuzeitliches Phänomen handelt. Wenn nicht, dann würde ich dir dringendst empfehlen, alles was du bisher geschrieben hast, ruhen zu lassen und dich erst einmal sachkundig zu machen über den aktuellen Stand der Wissenschaft. Du willst doch keine Mythen der Achtziger Jahre oder gar des vorvorigen Jahrhunderts wiederkäuen - oder? Sehr hilfreich ist der Katalog der großen Hexenausstellung, den du unter
http://www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn/katalog.htm findest. Besonders empfehle ich den Beitrag von Franz Irsigler und Rita Voltmer „Die europäischen Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit - Vorurteile, Faktoren und Bilanzen“ (http://www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn/aufsaetze/…), der etliche Klischees kritisch beleuchtet und auch auf deine Frage, warum Frauen mehr betroffen waren als Männer, eine erste Antwort gibt. Im übrigen empfehle ich die Lektüre des ganzen Katalogs vor dem Weiterschreiben.
Wichtig ist übrigens auch der Beitrag von Irsigler über den Mythos von der kräuterkundigen Frau und Hebamme, (http://www.dhm.de/ausstellungen/hexenwahn/aufsaetze/…), aus dessen Einleitung ich mir zu zitieren erlaube:

Seit 1985 belasten die abstrusen Thesen der Bremer Soziologen
Gunnar Heinsohn und Otto Steiger in ihrem Buch
Die Vernichtung der weisen Frauen.
Hexenverfolgung, Kinderwelten, Menschenkontrolle,
Bevölkerungswissenschaft, das vor allem in der Taschenbuchausgabe
von 1987 zum Bestseller wurde, den notwendigen und sinnvollen Dialog
zwischen seriöser wissenschaftlicher Forschung und einem an den
Themen Hexen und Hexenwahn, Magie und Volksmedizin tief
interessierten Publikum. Trotz der vernichtenden Kritik, die von
Heinsohn und Steiger wütend zurückgewiesen, aber in keiner Weise
widerlegt worden ist, finden ihre Thesen bei unkritischen oder
militant-feministischen Leserinnen und Lesern immer noch Gefallen
und Zustimmung…"

Viele Grüße, Bernhard