Servus Hannes!
Diese Vorstellungen beruhen auf der allgemeinen antiken
Vorstellung, daß alle ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten
schlecht seien, da in ihnen die Krankheiten gesammelt sind und
krank machen.
Soweit mir bekannt, ist diese Beurteilung eine rein
hygienische (naheliegend) und medizinische (aus der
entsprechenden Fachliteratur), aber keine im Sinn der von mir
gemeinten religiösen Unreinheit.
Das fließt aber ineinander: Viele der religiösen Tabuvorschriften in allen Religionen sind irgendwie auch auf medizinische/hygeniesche Gründe zurückzuführen. Manche sind zwar auch rein religiöser Natur wie das von Dir unten erwähnte Tabu des Essens von Pferdefleisch (wobei hier Politik und Reliogn ähnlich vermischt sind wie beim Blut Religion und Medizin), aber bei den meisten dieser Vorschriften kannst du einfach nicht trennen zwischen religiösem Tabu wegen Unreinheit und medizinischer Notwendigkeit z.B. wegen leichter Verderbnis.
Noch ein Exkurs: Viele Tiere - und das Verspeisen selbiger - galten als tabu oder unrein, einfach weil sie gespaltene Klauen oder Zungen hatten, oder bei Nachbarvölkern verehrt wurden, mit denen man absolut nix zu tun haben wollte. Manchmal war es also reiner Aberglaube, manchmal auch die schon angesprochene Vermischung von Religion und Politik, sehr oft aber eben Religion+Medizin.
So hat z. B. auch das alljährliche Waschen der Athena-Statue
von der Akropolis in Athen im Meer (am Feste Plynthéria)
nichts mit kultischer Verunreinigung zu tun, sondern ist im
Gegenteil eine Art kultischer Hochzeit mit dem Meer(-Gott).
Deinen Sprung durch die Zeit
(sorry for that)
mach ich jetzt mal mit:
Deswegen waren z.B. die Färber und Gerber in mittelalterlichen
Städten immer „unreine“ Berufe (selbstverständlich gehört der
Henker hier auch dazu - nicht weil er henkt, sondern weil er
mit Toten zu tun hat): Das Färben und Gerben kam ohne den
Einsatz von Urin nicht aus.
Der Henker hatte einen unreinen Beruf (mit einem eigenen Tisch
im Wirtshaus und einem eigenen dort mit einer Kette
angehängten Trinkkrug, damit ihn aus Versehen ja sonst niemand
bekommt), weil er Gottes Schöpfung, Menschen, hin-richtet (in
mittelalterlichen Urkunden häufig euphemistisch ausgedrückt:
„… gen Himmel fertiget“). In der wissenschaftlichen
Volkskunde wird übrigens auch für die „Unehrlichkeit“ der
Müller die Meinung vertreten, einer der Gründe sei die
Vernichtung des Getreidekorns im Sinn einer Missachtung der
Schöpfung.
Nein. Brot war ein Grundnahrungsmittel und darüber hinaus etwas Heiliges (siehe Hostien). Um Brot zu kriegen, musst du Getreide bearbeiten. Das Korn wird verwandelt, nicht zerstört.
Der Grund war, daß es für Müller sehr leicht war, zu betrügen. Entweder, indem sie dem Bauern klarmachen wollten, dass in ihren Körnern halt einfach weniger Mehl war oder - das kam öfter vor - indem sie die Gewichte fälschten, mit denen das Mehl abgewogen wurde. Bei einem Grundnahrungsmittel, das Brot war und ist, sind die Leute sehr empfindlich…
Ich springe in die Antike zurück: Im griechisch-römischen
Bereich gab es die Vorstellung von - in vergleichbarem
metaphysischen Sinn - unreinen Berufen nicht. Hier ist die
Vorstellungswelt ganz unbefangen natürlich: Die Gerber und
Wäscher gingen mit Eimern in der Stadt umher und sammelten den
Urin ein (den sie genauso unbefangen erhielten).
Bzw. sie stellten die Behälter am Strassenrand auf. So sparten die Stadtväter auch die öffentlichen Toiletten…Ne, halt, mit der „Festmasse“ konnten die Gerber ja nix anfangen.
Ihre Betriebe
waren zwar am Rand der Stadt, aber aus praktischen Gründen:
Wie alle Großverbraucher von Wasser waren sie gleich am
Ausfluss des Wasserverteilers an der Stadtmauer. Hätte man sie
als „unrein“ betrachtet, wäre ihr Platz ganz gewess nicht ganz
oben an den Wasserleitungen gewesen. (Ein solches
Wasserschloss und die Lage der Betriebe kann man in Pompeji
gut sehen.)
War in Pompeji auch nicht so wichtig: Wie in vielen römischen Städten gab´s hier eine Kanalisation. Das Brauchwasser der Färber und Gerber (und Metzger und Kürschner und…) wurde abgezweigt, der Rest war noch das gleiche reine Trinkwasser und konnte auch so verwendet werden.
Im Mittelalter holte man das Wasser einfach aus dem Bach und ließ das Abwasser wieder in den Bach laufen oder auf die Strasse.
Da, wo die Gerber und Färber waren, wurden also Trink- und Brauchwasser vermischt.
Nachdem man beobachtet hatte, daß es nicht gut ist, das Abwasser der Gerber und Färber zu trinken (ganz abgesehen vom Gestank), zwang man diese Handwerker, am AUSgang der städtischen Wasserversorgung zu siedeln.
Die Tabuvorstellungen im Zusammenhang mit Unreinheit kamen
zwar aus dem OSten, aber nicht erst in der römischen
Kaiserzeit, sonst wären sie nicht schon im AT von so großer
Wichtigkeit.
Meinen wir mit AT schon beide das Alte Testament?
Ja.
(snip)
Wie man die Hygienevorstellungen und den Fortschritt in diesem
Bereich, in dem sich Religion und Medizin überschneiden,
einordnen soll, weiß ich überhaupt nicht: Ist die durch
Unreinheitsvorstellungen verursachte Distanz der Bevölkerung
zu den unreinen Berufen (Henker, Abdecker/Schinder), nicht
auch ein Fortschritt in der Hygiene?
Ja. Das war aber keine Vorher-Nachher-Abfolge, sondern ging Hand in Hand. Wurde jemand krank, war ein Gott bzw. häufiger einer der vielen Dämonen des mesopotamischen Kosmos zuständig. Aus Beobachtungen wußte man, wie man bestimmte Krankheiten verhindern konnte, also wurden dem Dämon entsprechende Eigenschaften zugesprochen. Götter waren die Gegenspieler der Dämonen, also musste man im Krankheitsfalle dem Gott huldigen oder ihn anbeten oder den zuständigen Priester für Beschwörungen bezahlen oder wasweissichnichtalles tun, um die Krankheit abzuweisen.
Im Gegenzug durfte man halt bestimmte Dinge nicht tun, weil das den Dämon herbeirufen würde. Schon hast du eine direkte Beziehung zwischen Medizin und religiösem Tabu.
Vereinfacht und verallgemeinert dargestellt.
Ähnlich auch das Gebot
des Schlachtens durch Schächten?
Jein. Den Juden ist der Genuß von Blut verboten. Man wird schnell krank davon, besonders im heißen Klima des Nahen Ostens. Also schauen die Juden, dass in ihren Tieren ja kein Tropfen Blut mehr ist, wenn sie sie verspeisen. Man kann aber auch anders verhindern, daß man vom im Fleisch enthaltenen Blut krank wird. Die Juden machten´s halt nach alter Hirtentradition so und behielten es auch bei, als die Nachbarvölker schon andere Methoden kannten, mit dem Blut im Schlachtvieh umzugehen. Der Grund war wohl, dass sich die Juden stets von den polytheistischen Nachbarn abgrenzen wollten bzw. an ihrem Gott und seinen einmal gegebenen Vorschriften eisern festhielten, wo die Nachbarn flexibler waren.
Schau mal in die Bibel: Dort wird sehr oft betont, daß rein äußerliche Handlungen nicht ausreichen, um den Menschen rein zu machen. Innere Festigkeit gehört dazu. Man kann das positiv als Standhaftigkeit betrachten oder negativ als Unflexibilität.
Oder die tabuisierenden
Vorschriften zum Umgang mit Blut? Das kann ja alles auch der
Niederschlag aus entsprechenden Erfahrungen sein.
Ist es auch. Die entsprechenden gewundenen Gedankengänge siehe oben.
VG
Christian