Hallo Michael,
„Der Antisemitismus ist aus unseren Köpfen nicht wegzudenken.
Wohl nicht zu Unrecht ist er als Grundkonstante zivilisierter
Gesellschaften beschrieben worden.“
Hm… alle Gesellschaften, die Zivilisiert sind, sind
antisemitisch…
AUA.
alle nicht, aber viele! Es gibt ja das merkwürdige Phänomen, daß es Judenfeindschaft in Regionen gibt, in denen niemals Juden gelebt haben.
(Scherzfrage: ist die Israelische Gesellschaft zivilisiert???
-))))
schlechter Scherz
„Dieser Wahrnehmungsmodus eines diffusen Antisemitismus ist
kaum zu vermitteln, denn nicht nur den anderen, sondern auch
einem selbst erscheint er oft als unbegründet.“
Ah ja… Irgendwie beisst sich da was. Ich nehme etwas wahr,
welches als Antisemitismus interpretiert wird, obwohl es bei
längeren oder kürzerem Betrachten als unbegründet erscheint.
das bedeutet: es ist eine Gefühlsentscheidung, verursacht
durch die Projektion eigener Gedanken und Ängste!
Das heisst: Eine an sich harmolse Aussage wird plötzlich in
den Augen eines Kommunikationspartners latent antisemitisch.
Ich finde nicht, daß sich da etwas beißt.
Jemand nimmt erst einmal auf einer diffusen aber wirklich nur ERST EINMAL Befremdliches wahr und geht den dahinter liegenden Mustern nach und kommt dann zu dem Schluß, daß ein antisemitisches Stereotyp vorliegt oder nicht.
Am Anfang weißt Du eben noch nicht, ob es begründet oder unbegründet ist.
Ein konkretes Beispiel:
Bei einem Stadtrundgang in Berlin-Mitte fragt ein Ehepaar Anfang 60 beim Anblick der zahlreichen renovierten Häuser:
„Was gehört denn hier alles den Juden - wieviel Prozent von den Häusern?“
Ich merke erst einmal, daß mir bei dieser Art der Fragestellung hochgradig unwohl ist und auch der Tonfall, in dem die Frage gestellt wird gefällt mir ganz und gar nicht.
Außerdem habe ich noch nie erlebt, daß jemals gefragt würde, wieviel hier denn Katholiken, Protestanten, Italienern oder was auch immer für Gruppen gehört. Ich vermute also, es könnte hinter dieser Äußerung „diffuser Antisemitismus“ weiß es aber noch nicht sicher.
Ein paar Minuten später kommt vom gleichen Ehepaar dann Folgendes:
„Da hat man nach dem Krieg gedacht, jetzt ist endlich mit den Juden Schluß. Aber da sind sie alle wieder aus ihren Löchern gekrochen. Schauen Sie sich doch mal um in Berlin: Gehört alles wieder dem Juden“.
Hat mich mein Unbehagen nun getrogen oder nicht?
Das führt dann in der weiteren Kommunikation zu einer sich
verstärkenden Spirale des Mißverstehens. Aus eigenen Gefühlen
wird auf real existierende Meinungen (bewusst oder unbewusst)
des anderen geschlossen. Das ist wirklich ein Thema für´s
Esoterikbrett.
Nein! Ich fand die Äußerungen besagten Ehepaares nun überhaupt nicht eine sich verstärkende Spirale des Mißverstehens.
Das Hauptproblem für mich liegt in folgendem Absatz:
„Ist ein antisemitischer Prozess erst einmal in Gang gekommen,
wird bald relativ gleichgültig, wer sich wann zu Wort meldet,
wer wen kritisiert, korrigiert, ob das Gesagte wirklich
gemeint oder scheinbar zurückgenommen wird. Im Sinne der
„Gleichschaltung“ entstehen antisemitische Stimmungen, die,
sind sie einmal losgetreten, kaum noch zu bändigen sind.
Antisemitismus steckt an.“
Grünberg hat es doch sehr anschaulich an der Möllemann-Karsli-Debatte bzw. Walser illustriert. Die Dynamik war doch sehr deutlich.
das bedeutet schlicht und ergreifend: Egal was man gegen eine
Aufkommende Antisemitische (oder andere Antihaltung)
unternimmt, es ist Zwecklos.
Nein! Aber ich denke, daß noch nicht genügend über die Dynamiken des Verfertigens von Antisemitismus nachgedacht wurde und wir folglich erst am Anfang sind, Gegenstrategien zu entwickeln.
Übrigens hat Welzer in seinen Forschungsarbeiten über die intergenerationalle Weitergabe in Familien über das Thema Nationalsozialismus ganz ähnliche Verfertigungsmechanismen beschrieben.
Gehe ich dagegen an, heize ich die Diskussion an usw usw
Schweige ich, werde ich mitschuldig.
So wie Du es beschreibst, klingt es wie ein double-bind:
Wie man es macht, ist es falsch.
Da diese Dynamiken aber sehr komplex sind, müssen die Gegenstrategien eben diese Komplexität miteinbeziehen.
Imho ist diese Aussage ziemlicher Quatsch, da falsch.
Wie, wenn nicht durch Aufklärung und durch Klarstellungen kann
man gegen derartige, dumpfe Antihaltungen vorgehen?
Indem man auf die Meta-Ebene geht und auch die Art, wie Dinge gesagt werden, auf welches Vorverständnis sie stossen, auf was sie sich beziehen etc. miteinbezieht.
Im übrigen ist gerade die Karsli-Möllemann Debatte als
Illustration für die Thesen des Autors denkbar ungeeignet.
Denn die Aussagen Karslis waren klar und deutlich
Antisemitisch.
darüber bestand nicht der Konsens, den Du hier anscheinend voraussetzt.
Oder: Ich schreibe einen Roman oder ein Sachbuch über den
Holocaust. Dies bedingt zwingend, dass ich in diesem Werk
Antisemitische Vorurteile mit einarbeiten muß in die tragenden
Figuren, ansonsten wird die Handlung surreal.
Man kann aber auch literarisch mit Formen der Distanzierung einarbeiten - gerade die Vielfältigkeit der Perspektiven macht gute Literatur aus. Klaus Kordon finde ich ein gutes Beispiel für Jugendbücher.
Und jetzt ist es
nach der meinung von Kurt Grünberg egal, ob ich diese
Vorurteile verdamme oder nicht, dieses Werk wird den
Antisemitismus zwangsläufig fördern.
so habe ich Grünberg nicht verstanden
Für Grünberg scheint Antisemitismus etwas „G´ttgegebenes“ zu
sein.
„G-ttgegeben“ ist keine für die Psychoanalyse relevante Kategorie.
Viele Grüsse
Iris