Was ist eigentlich nicht sexistisch?

Hallo,

vielleicht muss man die Frage wenden, um das Irrationale an der gegenwärtigen Verwendung des Begriffes „Sexismus“ zu erkennen. Was ist denn bitteschön nicht sexistisch?

Muss der Dirigent Johannes Moesus seinen Namen ändern? Darf man ein Schweinefilet nur noch in der Form von Medaillons zubereiten, weil es im ganzen wie ein Schwengel aussieht? Ist ein „Handkäs mit Musik“ nicht auf eine ganz raffinierte Art sexistisch, weil er aus Milch hergestellt wird, was bei sexistischen Männerhorden sofort die Assoziation der Milchdrüsen des Weibes hervorruft und der Zusatz „Musik“ an die bourlesken Tänze im „Moulin Rouge“ erinnert?

Sexismusneutral zubereitetes Schweinefilet (Rezept auf Anfrage)

Was ist mit Druckwerken wie „Lolita“ (Nabokov) oder „Opus pistorum“ (Miller)? Was ist mit hundertausenden von Gemälden, exemplarisch seien hier nur „Die nackte Maya“ (Goya) und „Olympia“ (Manet)? Sollte man nicht prophylaktisch alle Museen schließen, um erst mal die sexistischen Werke in den Magazinen verschwinden zu lassen? Besser noch verbrennen?

Sexismus plus Rassismus? Olympia von Manet.

Was auf der Strecke bleibt ist die Freiheit der Kunst, konstituierendes Element einer demokratischen Gesellschaft. Dabei ist es egal, ob es Nazis sind, die Bücher verbrennen, oder die Inquisition, oder durchgeknallte Feministinnen. Es gibt keine positive Zensur!

Gruß, Hans-Jürgen Schneider

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Sehr schöner Beitrag. Bei mir schwirren seit der Geschichte in Berlin auch schon die Gedanken an Bildersturm, „entartete Kunst“ und Bücherverbrennungen durch den Kopf.

Ich bin ja bekanntermaßen ein entschiedener Gegner jeglicher Diskriminierungen und Übergriffe verbaler, bildlicher oder körperlicher Natur auf andere Menschen in Bezug auf Geschlecht, Herkunft, Religion, und bin auch so gar kein Freund einer zunehmend sexualisierten Medienlandschaft. Aber was hier geschieht kann ich eigentlich nur der Langeweile unterforderter und um öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung heischender Mitmenschen zuschreiben.

Wenn wir so weiter machen, landen wir bald bei orwellscher Geschichtsglättung und Neusprech.

Das mag sexismusneutral sein, aber es ist natürlich rassistisch, denn du grenzt Muslime und Juden aus. Schäm dich. Ich habe das gleich mal an internetinhaltskontrolle@bundesjustizministerium.de gemailt, die werden eine Löschung veranlassen und gegen dich und den Seitenbetreiber ein Bußgeld verhängen.

Der Knackpunkt ist also offenkundig, dass du nicht verstehst, was genau Sexismus ist und worin eigentlich die bisherige Kritik besteht.

Jedenfalls ist keines deiner Beispiels sexistisch.

Hi,

ich denke, ein Großteil der Diskussion ist ein amerikanisches Problem: die Puritaner haben da einen nachhaltigen Einfluss gehabt, und haben ihn noch. Der Norden ist liberaler als der bible belt. Während man im Norden gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften hat, gibt es im Süden virginity pledges. Googelt mal selber.

die Franzi

Natürlich muss man die Frage stellen.
Man muss sie allerdings auch nicht als rhetorische stellen und Bilder von Schweineschnitzeln posten :wink:

Nein, aber wenn ich erzählen würden, alle Frauen sollten den Namen Moesus annehmen, dann hießen sie endlich genauso, wofür sie allein zu gebrauchen wären, dann könnte man das schon „Sexismus“ nennen, oder?

Bei beiden Autoren wurde ja mehrfach mit viel Argumentationseifer der Sexismus aufzuzeigen versucht. Das ist ja durchaus bestreit- und relativierbar, aber dann muss man halt in die jeweiligen Argumentationen einsteigen und nicht nur den Sexismus-Begriff an sich in Frage stellen oder durch den Kakao ziehen.

Aus meiner Sicht, und diese Sichtweise habe ich im anderen Thread ja so massiv beworben, ist halt ein großer Graben zwischen „einen Text oder ein Bild auf Sexismus hin zu thematisieren“ und „Bücher/Bilder verbrennen“ (oder übermalen).
Das eine führt in gesellschaftliche Diskussionen (wie liberale Gesellschaften sie auch tatsächlich brauchen) und das andere führt raus aus gesellschaftlichen Diskussionen.
Und zwar kann ich eben auf zwei unterschiedliche Arten aus der Diskussion raus:

  1. indem ich mich auf eine Diskussion (hier: über Sexismus) gar nicht erst einlasse
    und
  2. indem ich etwas als sexistisch ausmache, sofort den Punkt dahinter setze und dieses Etwas zu Verbannung, Vernichtung oder Übermalung freigebe.

Übrigens wie in Gomringers Gedicht: flores y mujeres

Da hast du recht, aber auch hier kann nicht einfach ein Punkt gesetzt werden, sondern es muss einer permanenten Diskussion offen bleiben, was Kunst ist und wie frei Kunst ist.
Ist ja nicht so, dass z.B. der Faschismus es nicht schaffen würde, im Namen der „reiheit der Kunst“ seine Propaganda unters Volk zu bringen. Nicht nur historisch, aber die Stürmer-Karikaturen oder die antisemitischen Karnevalsmotive der 30er Jahre sind jedem klar auch ohne, dass ich ein Bild verlinken muss.
So einfach ist es also nicht mit der „Freiheit der Kunst“.

Gruß
F.

Mein Gott ist mir das jetzt peinlich!

Ich werde mich jetzt selbst kasteien und die zweite Flasche Wein nicht öffnen.

Gruß, Hans-Jürgen Schneider

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Hallo,
die Beispiele taugen nicht, die aus den anderen Jahrhunderten des letzten Jahrtausends muss man dort lassen, sie sind IMHO nicht sexistisch, das mit dem Filet taugt nur bedingt, ist es vielleicht carnivoristisch gemeint?
Amerika bzw. USA sollte man außen vor lassen, nicht nur wegen der Doppelzüngigkeit der Puritaner und wegen der Uneinheitlichkeit des großen Landes, in dem die seltsamsten Sitten an verschiendenen Orten herrschen (dieses Wort steht hier extra, ist auch so gemeint :wink: )
Hier in Europa gibt es Blüten (darf ich das so schreiben, kommt von blühen…), wie die neue Gesetzgebung, gilt die schon?, in Schweden, die sagt, dass nur ein ja ein ja ist (finde ich im Grunde nicht schlecht), und verdeutlicht, dass das Land nicht erst seit Neuem anders denkt, trotzdem ist es nicht Sexismus-frei! Und auch bei der neuen Gesetzgebung kommt es darauf an, wie man sie anwendet.
Die Sexismus Verfolgung ist nicht erst seit #metoo mal wieder völlig daneben, und wird von FanatikerInnen betrieben die im Verfolgungswahn alles, was so auslegbar ist, anprangern, eben auch Kunst leider brachial ablehnen, ohne Freiheit zu lassen. Und alle Bereiche menschlichen Zusammentreffens werden von manchen erst mal unter Sexismusverdacht gelegt, und nur, wenn das Gegenteil bewiesen sein könnte, freigegeben.
Ich halte mal wieder den umgekehrten Weg für richtig, Freiheit in der Kunst und im Ausdruck und im Flirt und im Zusammenleben, Unterschiede lassen und genießen, und bin wie Wiz auch ein

Also Kunst, (auch auf dem Teller - ein Spiegelei ist ein Spiegelei und zwei sind auch nur zwei Spiegeleier - honi soit qui mal y pense) bitte ohne Diskriminierungen egal welcher Couleur, Richtung und so weiter. Und auch die Sexismus-Debatte ist geeignet zu diskriminieren. Erst mal bitte die Unschuldsvermutung.
Grüße ynot

Hallo Zerschmetterling,

jetzt mal ein Beispiel, das ich für sexistisch halte: Die Werbung für Almased im Fernsehen. Und dabei besonders der Spot, in der die Frau die Treppe erklimmt, ein Mann öffnet, sie legt den Mantel ab und trägt darunter einen Bikini.

Was mich nicht überzeugt ist die Ableitung, die FHB für das Gedicht verwendet. Er will ja nichts verbieten. Aber das ist mir etwas zu weit hergeholt. So gesehen ist ein Handkäs´mit Musikk auch sexistisch.

Gruß, Hans-Jürgen Schneider

Wobei Du beim Thematisieren gar nicht vermeiden kannst, dass sich dann Stimmen erheben, die die „gesellschaftlichen Diskussionen“ schlicht als beendet und abgeschlossen erklären und nun entsprechend konsequentes Handeln verlangen.

Gerade da spielt - es wurde hier schon angedeutet - der neue Puritanismus in den USA eine Vorreiter- und Taktgeberrolle. Irgendwie kriege ich das schon auf ein- und dieselbe Reihe, was da so alleine diesen Monat an Säuen durchs globale Dorf gehetzt wurde. Was den Berliner Nachwuchsintellektuellen das Übertünchen nicht genehmer Lyrik ist den doofen Kulturbanausen in Utah die Entlassung eines Kunstlehrers, weil er seinen Schüler Bouchers ‚Odalisque brune‘ und Modiglianis ‚Female nude‘ nicht vorenthalten hat.

Andererseits - wenn wir schon eine FSK für Filme haben, warum nicht auch für Museen? Zutritt zu bestimmten Ausstellungsräumen nur noch für geistig-moralisch gefestigte Erwachsene gegen Vorlage des Altersnachweises. Wie im Pornokino. Verkauf von Lyrikbänden nur noch unterm Ladentisch oder in einschlägigen special-interest-shops. Brave new world …

Freundliche Grüße,
Ralf

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Hallo Franzi,

da wäre ich sehr glücklich, wenn Dein Beitrag zuträfe.

Aber schau Dir mal den Beitrag unter diesem an.

Berlin Hellersdorf liegt weit weg vom Bibelgürtel der USA.

PS: Von wem ist denn dieses Chanson:

Meine Mieze hat ´ne Katze,
eine Mietzekatze hat se,
und die hat se mitgebracht
und gezeigt mir manche Nacht.

Gruß, Hans-Jürgen Schneider

Hallo „Wiz“,

insbesondere der erste Absatz deines Beitrages rennt bei mir offene Türen ein:

Was unterscheidet eigentlich noch die Berliner (und anderortigen) „SchreihälsInnen“ von denen, die seinerzeit die Vorgänge „entartete Kunst“ und „Bücherverbrennung“ organisiert und mitgetragen haben?

Energisch auf der Freiheit der Sprache und der Gedanken bestehende Grüße

Helmut

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Ja, das ist richtig.
Das hat aber (auch) mit einem Geist der Zeit zu tun, der Kritik immer weniger als Sachkritik vorbringt, sondern stark mit der persönlichen Betroffenheit verbindet und so die Diskussion von vorne herein vermoralisiert und auch abwürgt. Diesem Geist geht es gar nicht ums Diskutieren.

Im anderen Thread habe ich dazu in meiner Antwort an VDM geschrieben:

Genau so sehe ich das auch.
Wir schreiben alle von Mark Lilla ab :wink:

Gruß
F.

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Dir unterläuft meines Erachtens ein Fehler, den du in anderen Zusammenhängen bei anderen zu Recht kritisierst: Du schließt von einzelnen Durchgeknallten, die etwas Durchgeknalltes sagen oder tun, auf alle, die sich mit der Thematik beschäftigen, bzw. das gesamte Thema.

Nur weil irgendwelche Fanatiker*Innen irgendetwas verbieten lassen wollen oder etwas tatsächlich übertünchen lassen, heißt das noch lange nicht, dass es grundsätzlich fanatisch oder unsinnig ist, über Sexismus zu diskutieren, oder dass jemand, der bei einem Kunstwerk Sexismus erkennen kann, grundsätzlich falsch liegt.

Eine Diskussion über sexistische Inhalte von Kunstwerken muss auch keineswegs automatisch ein Verbot oder ein Abhängen dieser Werke zur Folge haben, denn es gibt auch wesentlich konstruktivere Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann. Ein Beispiel für einen konstruktiven Umgang mit zwar nicht sexistischen, aber rassistischen Inhalten von Gemälden ist beispielsweise in einem niederländischen Museum (ich weiß leider gerade nicht mehr welches) zu finden, wo die entsprechenden Bilder um Hinweistafeln ergänzt wurden, auf denen Informationen zur Entstehungsgeschichte und dem jeweiliegn Kontext zu finden sind.

Und ja, ein größerer Teil der historischen Frauendarstellungen dürfte tatsächlich sexistisch sein, da nun einmal die Gesellschaft sexistisch war.

:paw_prints:

Ja … und der schreibt von Richard Rorty ab. Lesenswert daher auch der Artikel, auf den der Lilla-Kommentator jack_carlton verweist.

Gruß zurück,
Ralf

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Hi,

Deutschland ist nicht sexismusfrei. Aber die Extreme, zu dem das teilwise führt, sind amerikanisch.

die Franzi

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Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen! :+1:

Naja, dann sollte aber jeder mal überlegen, welchen Beitrag er selbst daran hat.

Das hast du alles in Bezug auf die Berliner Vorgänge richtig analysiert. Aber, um mal auf Hans-Jürgens Frage zurückzukommen, was eigentlich nicht alles sexistisch sei, könnte man zum Beispiel auf den Islam zu sprechen kommen. Der ist nämlich par ordre du mufti nicht sexistisch. Es steht zwar außer Frage, dass die Frau in der islamischen Lehre auf ein bestimmtes Rollenbild - um nicht zu sagen auf bestimmte Funktionen - limitiert wird. Und der altbackene Hinweis, diese Grundlagen würden höchst unterschiedlich interpretiert, nützt einer betroffenen Frau im Einzelfall wenig, und es beruhigt ebenso wenig, wenn man sich die Gesellschaftsstrukturen in vielen islamisch geprägten Ländern und Regionen anschaut. Jedoch lassen die selben Leute, die beim Gedicht Zeter und Mordio rufen, diesen Aspekt vollkommen unangetastet.

Heißt: Man kann nicht an einem Ende Denk- und Sprechverbote befördern und diese am anderen Ende beklagen. Wenn jemand zum Beispiel die Ehe für alle erreichen möchte, muss er sich im Klaren darüber sein, dass in einem demokratischen Land auch Gegner der Ehe für alle existieren und das Finden einer Mehrheit keine Meinungshoheit über die Minderheit begründet.

Eine Gesellschaft, die noch nicht einmal mit Niels Rufs Konzertkarten klar kommt, lässt sich nicht durch Klagen über den (@FBH: Es heißt immer noch der Ausschuss, ich konnte schon damals an der FH nie verstehen, dass jeder ständig „die AStA“ sagte) durchgeknallten AStA in unserer Hauptstadt korrigieren. Sieht man auch hier bei w-w-w. Erst freudig den Rausschmiss von Mitgliedern fordern, Themen, mit denen man sachlich nicht klarkommt, mit dem schalen Argument der politischen Korrektheit zu Tabuthemen erklären, und dann mit dem Finger auf irgendwelche AStA-Heinis zeigen, die ihre Machtdemonstrationen bis zum Exzess treiben - das kommt nicht an. (Angesprochen sind einzelne Nutzer, auf die das beschriebene Verhalten zutrifft.) Es wird die strukturell verankerten Keulen unserer Zeit und ihre exzessive Anwendung durch eine selbsternannte Moralelite nicht entschärfen.

So ist das halt mit dem Eigenleben von Abkürzungen … bei einer „North Atlantic Treaty Organization“ könnte man sich auch eher fragen, was die Türkei darin soll :wink:
(das Copyright für dieses Beispiel hält Herbert Marcuse)

Gruß
F.

Hallo,
Habe meine nicht mehr mobile Mama heute zu einkaufen gefahren. Sie hat ihre Liste abgearbeitet, ich habe mich neugierig umgeschaut. Irgendwann kamen wir am „Delikessenregal“ vorbei. Dort gab es Hummerschwänze.
Okay, abgepackt, aber die Optik bot der Fantasie freien Lauf.
Vielleicht hätte ich ein Bild machen sollen, so kann ich es lediglich "kurz " umschreiben:
Ca. 8-10 Zentimeter lang,dicklich, etwas faltig, rosa-weiß mit dunklerem "Köpfchen ".
Bei dem frischen Meerettich fiel mir zumindest noch ein,dass ich eigentlich mal einen lecker Tafelspitz machen könnte, aber bei dem Anblick war mein gehirntechnischer Rezepteflash schlichtweg blockiert…
Mao