Die Diskussion hier und in den Medien geht mir nicht aus dem Kopf. Ich denke und denke und finde doch keine Antworten. Ich versuche jetzt aber mal trotzdem so etwas wie eine persönliche Bewertung.
Ich muss ganz weit zurück gehen in der Zeit, um ein paar meiner Hintergründe zu erläutern.
Ich habe zwar auch „die Gnade der späten Geburt“, aber ich bin aufgewachsen in einer Familie, in der die Mutter eine Heimatvertriebene aus dem Sudetenland ist, deren Vater und Bruder wiederum in der Waffen-SS waren und deshalb gegen Kriegsende von Tschechen verschleppt und vermutlich ermordet wurden. Ein Bruder meines Vaters ist ebenfalls im Krieg gefallen. Er war 20 Jahre alt.
Als ich noch ziemlich klein war (vielleicht 10 Jahre), bin ich einmal mit meiner Mutter in die nächst größere Stadt gefahren, weil sie Bekleidung für mich kaufen wollte. Und dort habe ich dann in einem Geschäft etwas im Schaufenster gesehen, was mir wohl gefallen hatte und ich gerne gehabt hätte. Aber meine Mutter hat mir damals erzählt, in diesem Geschäft würde sie nichts kaufen, da es Juden gehöre. Mit 10 Jahren fragt man dann nicht weiter nach. Oft hat meine Mutter und auch meine Großmutter, die damals bei uns im Haus lebte, über die Tschechen gesprochen (wir lebten in einem kleinen Ort direkt an der tschechischen Grenze), die für sie das personifizierte Böse waren – so verstand ich das jedenfalls damals als Kind.
Später im Gymnasium hatte ich wohl das Glück, sehr engagierte und gute Geschichts- und Sozialkundelehrer zu haben. Da wurde mitnichten, wie das viele aus meiner Generation immer gerne behaupten, das Dritte Reich und die Entstehung und Pervertierung des Nationalsozialismus ausgelassen. Mein Entsetzen und ungläubiges Staunen, dass meine Eltern bzw. meine Verwandtschaft das einfach so hingenommen hatten, bzw. wie mein Onkel und Großvater noch aktiv sich engagiert hatten, war riesig. Ich habe mir dann Bücher über die Weiße Rose z.B. besorgt und gelesen. Und schließlich meine Eltern auch gefragt, warum sie das nicht verhindert haben. Nun ja, mit 16, 17 Jahren ist man noch ein bisschen naiv… Es gab Streit und Auseinandersetzungen ohne Ende über dieses Thema zu Hause. Irgendwann habe ich dann eben gemerkt, dass wir zu keinem Ergebnis kommen. Vor allem meine Mutter (Jahrgang 1919) war empört, dass ich als Jugendliche mit Null Ahnung vom Leben ihr deshalb Vorhaltungen mache (heute sehe ich das alles ein bisschen differenzierter, aber das würde jetzt hier zu weit führen).
Aber es kam noch schlimmer für meine Mutter: als ich in München dann studiert habe, habe ich mich mit einer anderen Studentin angefreundet, die erstens Tschechin und zweitens auch noch Jüdin war. Meine Mutter hat mir das nie so recht verziehen, als ob ich so quasi sie damit beleidigen wollte. Aber für mich hat das halt überhaupt keine Rolle gespielt, woher meine Freundin kam und welchen Glauben sie hatte. Warum auch. Wir mochten uns einfach und sind heute noch die besten Freundinnen.
Nun könnte man doch davon ausgehen, dass ich mit diesem Background auch endlich froh sein könnte, dass wir hier in Deutschland wieder laut und deutlich sagen können, „was wir denken“. Dass es endlich Zeit ist, mit der Vergangenheit, für die wir nichts können und für die wir keine Schuld tragen, abzuschließen. Dass wir endlich mal „kein schlechtes Gewissen“ mehr haben dürfen. Dass ich mich auch endlich dagegen wehren dürfte, dass „wir Deutschen so abgrundtief schlecht sind und durch und durch antisemitisch“.
Komisch, ich habe dieses Bedürfnis nicht. Ganz im Gegenteil. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Menschen getroffen, der mir verboten hätte, das zu sagen, was ich denke. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen getroffen, der mir gesagt hätte, dass ich Schuld bin an unserer Vergangenheit. Ich habe noch nie ein schlechtes Gewissen wegen der Verbrechen im 3. Reich gehabt und niemand hat mir das bisher vorgeworfen. Ich musste mich auch noch niemals dagegen wehren, als Deutsche für abgrundtief schlecht und antisemitisch gehalten zu werden.
Aber ich fühle eine sehr, sehr starke Verantwortung dafür Sorge zu tragen, dass es nie mehr dazu kommt, dass irgend jemand das mir oder uns Deutschen vorwerfen kann. Und ich gestehe es denjenigen zu, die ich durch Aussagen oder Taten (vielleicht noch nicht einmal bewusst) möglicherweise verletze, mich dann dafür kritisieren zu dürfen bzw. mir das sagen zu dürfen. Und ich gestehe diesen Leuten dann auch zu, mir ihre Definition von Antisemitismus zu erklären, weil sie es sind, die betroffen sind, nicht ich.
Und das ist eigentlich das, was ich in der ganzen Diskussion nicht verstehe:
Warum bestehen Leute wie Möllemann und seine glühenden Fans darauf, selbst zu definieren, was sie für eine Beleidigung bzw. antisemitische Äußerung halten und was nicht. Soll derjenige, der sich dann angegriffen fühlt, einfach still sein?
Es kommt mir so vor, als würde ich zu jemandem sagen, du bist ein Idiot. Und wenn der sich dann beleidigt fühlt, erkläre ich ihm, das ist keine Beleidigung, sondern die Wahrheit (weil ich insgeheim ja weiß, dass ihn auch andere für einen Idioten halten). Und sollte der dann immer noch keine Ruhe geben, dann nehme ich das als Beweis, dass er tatsächlich ein Idiot ist. Und die Umstehenden applaudieren.
Ein Möllemann, der sinngemäß Kritikern wie einer Hildegard Hamm-Brücher sagt, die Alte solle endlich das Maul halten oder verschwinden, ist für mich als Mensch absolut „unten durch“. Einer 82-jährigen, von allen hoch geschätzten und verdienten Politikerin, die immer Stil und Klasse bewiesen hat, in keine Skandale verwickelt war, so etwas an den Kopf zu werfen, ist primitiv und zeugt von einem Verhalten, wo ich nur noch den Kopf schütteln kann. Ist das das, was wir hier in Deutschland wollen und wählen? Na, bravo!
Gruß
Uschi

