Was war das? Untersaeuerung? Uebersaeuerung?

Hallo,

ich habe mal eine sportwissenschaftliche, vielleicht sogar medizinische Frage: Ich hatte in der Vergangenheit schon mehrmals den Effekt, dass mir irgendwie die „Muskelkraft ausging“. Konkret war das immer bei laengeren Fahrradtouren (so bis ca. 100 km), und zwar dann, wenn ich vorher laengere Zeit, vielleicht so 3 Monate, sportlich nicht aktiv war. Nach laengerem Fahren versagten dann ploetzlich selbst bei geringeren Steigungen meine Beine, so dass ich absteigen und schieben musste. Ich hatte weder Schmerzen, noch raste der Puls, noch war mir die Puste ausgegangen. Nur die Beinmuskulatur lieferte einfach keine Kraft mehr. Was ist das fuer eine Erscheinung? Ich hatte mal was von „Uebersaeuerung“ gehoert. Kann das jemand erklaeren?

Jan

Hallo,
von einer „Untersäuerung“ habe ich im sportlichen Bereich noch nichts gehört. Von einer Untersäuerung kann man sog. Säuren-Basen-Haushalt sprechen, aber diesen meinst Du hier nicht.

Zum Thema:
Eine Übersäuerung der Muskulatur tritt dann auf, wenn dem Muskel mehr Leistung abverlangt wird, als er alleine durch den Sauerstoff, den Du ihm durch Deine Atmung und dem Blutkreislauf zuführst, erbringen kann. Du gerätst in eine sog. Sauerstoffschuld oder auch anaerobe Phase genannt.
Wie tritt so etwas beim Radfahren auf?
Das geschieht in einem sehr langen Sprint, dessen Leistung stärker ist, als die Leistung, die Du alleine durch Deinen beschleunigten Puls und Deine beschleunigte Atmung abrufen kannst. Wen der Muskel Leistung unter Sauerstoffmangel erbringt, bildet sich Laktat oder auch Milchsäure genannt. Profi-Radsportler, insbesondere Sprinter versuchen durch spezielles Training ihre Laktattoleranz nach oben zu verschieben. Bei einer Übersäuerung hat nämlich nicht nur der Muskel keine „Lust“ mehr, sondern auch die Psyche rebelliert gegen diese nun „unsinnige“ Schinderei.

Ich habe Dir das erklärt, um Dir zu zeigen, dass Du keine Übersäuerung haben kannst - nicht nach 80km bei einer leichten Steigung. Nein, nein :wink:

Da Deine Kraft schnell nachlässt und Du Dich sehr schnell sehr kraftlos fühlst, gehe ich von einer Unterzuckerung aus. Im Fachjargon auch „Hungerast“ genannt. Du hast Deine Kalorienspeicher leer gefahren. Das ist nicht schlimm, man weiß nur nicht, wie man noch zurückkommen soll. :wink: Ein Hungerast tritt leider immer sehr plötzlich auf.
Wenn man sich ein paar Monate Pause gönnte, ist die Gefahr wirklich groß. Warum ausgerechnet dann, weiß ich gar nicht. Aber ich bin so häufig im Frühjahr abgekackt, bis ich es endlich gelernt hatte. (Einmal habe ich bei einem Bauern geklingelt und wollte nur eine Banane - Ich war so fertig. 120km und total am Ende. Es ging nix mehr. Ein Kumpel hatte mich schon geschoben.)

Was macht man dagegen?
Die Banane, Junge. Die Banane! :smile: Bei Strecken ab 2 Stunden (Du bist ja schon trainiert, wenn Du solange durchhältst) immer eine Banane einstecken (modern darf es auch ein Riegel sein) und diese min. eine halbe Stunde essen, bevor man ein Hungergefühl bekommen könnte(!). Also z.B. nach 90min.
Außerdem immer schön trinken. Apfelsaft/Wasser 50:50 in die Flasche.

Man braucht ordentlich Tinte auf dem Füller, wenn man lange schreiben will. Nicht nur einen großen Füller. :wink:

Keep on riding :smile:
Ingo

P.S.: Wenn das Verhindern des Hungerastes nicht der Treffer war, melde Dich nochmal. Wenn es der Treffer war, auch.
Lektüre -> http://de.wikipedia.org/wiki/Hungerast

Hallo Ingo,

danke fuer Deine interessante Antwort. Wie ist das bei diesem „Hungerast“? Hat man da Hungergefuehl, vielleicht sogar Heisshunger? In der von mir in meiner urspruenglichen Frage beschriebenen Situation hatte ich naemlich kein ausgepraegtes Hungergefuehl, kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Wie gesagt, die einzigen Symptome waren Kraftlosigkeit der Beinmuskulatur, ansonsten keinerlei Schmerzen, keine Kreislaufprobleme, keine Atemlosigkeit oder sowas. Kann es trotzdem eine Unterzuckerung gewesen sein?

Jan

Hallo Ingo,

danke fuer Deine interessante Antwort. Wie ist das bei diesem
„Hungerast“? Hat man da Hungergefuehl, vielleicht sogar
Heisshunger?

Das ist etwas unterschiedlich zwischen den Personen. Einige spüren Hunger, andere wollen sich am Liebsten schlafen legen, also absteigen und ins Gras legen.

In der von mir in meiner urspruenglichen Frage
beschriebenen Situation hatte ich naemlich kein ausgepraegtes
Hungergefuehl, kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Wie
gesagt, die einzigen Symptome waren Kraftlosigkeit der
Beinmuskulatur, ansonsten keinerlei Schmerzen, keine
Kreislaufprobleme, keine Atemlosigkeit oder sowas. Kann es
trotzdem eine Unterzuckerung gewesen sein?

Schmerzen hat man dabei nicht, Atemlosigkeit auch nicht und Kreislaufprobleme meistens auch nicht.
Kraftlosigkeit ist das beherrschende Gefühl, allerdinsg ist es nicht nur auf die Beine beschränkt. Ein unterzuckerter Radsportler hängt quasi „in den Seilen“. Er wird unkonzentriert, langsam, hängt mehr auf dem oder im Lenker, als dass er in greift. In seinem Gesicht sieht man starke Ermüdung, evtl. Anstrengung oder Quälerei, allgemein jedoch Schlaffheit und Lustlosigkeit.
Die Beine können keinen Druck mehr auf die Pedale bringen, Kraftlosigkeit.

Ich habe keine Idee, was es sonst sein könnte.

Grüße, Ingo