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Trinken bis zum Ertrinken
Von Brigitte Neumann
Keine der zehn DGE-Regeln dürfte so populär sein wie die, „reichlich Flüssigkeit” zu trinken. Nicht nur Sportler und Wellnessfans halten sich geradezu sklavisch an den Ratschlag, sondern auch Zeitgenossen, die sich weitaus weniger um „gesunde Ernährung” scheren. Sicherheitshalber trinken sie ebenfalls regelmäßig über ihren Durst. Denn die gängige Interpretation der Empfehlung lautet: Viel trinken ist stets gesund, in jedem Alter und in jeder Lebenslage.
Die Angst, nicht genügend zu trinken, sitzt tief in unserer Gesellschaft. Geschürt wird sie vor allem von Experten, die unermüdlich vor den Folgen einer Dehydrierung warnen. Bei erwiesenen gesundheitlichen Störungen mit Verlust des Durstgefühls, wie sie beispielsweise in der Altenpflege immer wieder beobachtet werden, mögen solche Hinweise zwar berechtigt sein, nicht jedoch bei gesunden Individuen. Schließlich hat sich die Menschheit seit Jahrtausenden auf ihr Durstgefühl verlassen – und kam unbeschadet über die Runden. Der unwiderstehliche Drang, bei Flüssigkeitsmangel trinken zu müssen, war und ist eine treibende Kraft, durch die der Körper im inneren Gleichgewicht bleibt. Die Natur hat dafür gesorgt, dass er nicht freiwillig auf lebensnotwendiges Wasser und damit auf die für seinen Körper erforderlichen Trinkmengen verzichtet.
Vom Lebenselixier zum Kultobjekt
Gerade weil es unverzichtbar ist, symbolisiert Wasser in allen Weltkulturen eine lebenserhaltende Kraft. Märchen, Mythen und Legenden ranken sich um das wertvolle Nass. So berichtet bereits Herodot von der Langlebigkeit der Äthiopien, die er mit dem Trinken des Wassers einer besonderen Quelle erklärt. Aus der Tiefe stammendes Brunnenwasser ist zwar nach wie vor dafür beliebt, dass es die „gesunden” Mineralien der Gesteine in sich birgt – wichtiger mag in früheren Jahrhunderten jedoch die Tatsache gewesen sein, dass es im Gegensatz zum oberflächennahen Wasser natürlich gereinigt war und keine Krankheitserreger enthielt.
In Zeiten moderner Trinkwasserversorgung kommt hygienisch einwandfreies Naß aus der Leitung, doch der Kult um das Wasser ist ungebrochen. Er spiegelt sich insbesondere in den Warenlagern der Lebensmittel- und Getränkemärkte wider. Dort hat der Kunde die Qual der Wahl zwischen still bis spritzig oder aromatisiert und jetzt sogar – mit dem heilbringenden Mythos frischen Quellwassers werbend – sauerstoffangereichert. Die Wässer stammen dabei nicht nur aus zahlreichen deutschen Regionen, sondern auch aus den entlegensten Weltgegenden.
Wenn das Fass überläuft
Die Statistiken der Brauerei- und Mineralwasserverbände zeigen, dass die Deutschen die angeratenen Flüssigkeitsmengen tatsächlich konsumieren. Im Durch-schnitt kauft der Bundesbürger jährlich knapp 700 Liter Flüssigkeit. 550 davon entfallen auf nichtalkoholische Getränke, was der empfohlenen Trinkmenge von 1,5 Liter täglich entspricht. Allein der Pro-Kopf-Verbrauch von Mineralwasser aus deutschen Brunnen ist seit 1970 von 12,5 auf 129 Liter im Jahr 2003 angestiegen, Importwässer und aufgesprudeltes Trinkwasser nicht einbezogen. Ganz zu schweigen vom Kaffee- und Teekonsum.
Doch geben diese Daten aus ernährungsphysiologischer Sicht Anlass zur Genugtuung? Leider nicht. Denn es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Gesellschaft durch fleißiges Trinken tatsächlich „gesünder” wurde. Trotzdem warnen Fachleute weiterhin vor zu geringer Flüssigkeitsaufnahme. Sie fordern, dass insbesondere Sportler, alte Menschen und Kinder, aber auch Diätwillige und Verschnupfte endlich mehr trinken müssten. Die Gefahren dieser Empfehlung werden dabei meist ignoriert: In den vergangenen Jahren häuften sich die Fälle von Wasserintoxikationen, vor allem in den genannten Zielgruppen. In Form von Lungen- und Gehirnödemen kann eine Wasservergiftung sogar lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Der Mythos des lebensspendenden Wassers darf deshalb nicht länger darüber hinweg-täuschen, dass ein Zuviel des wertvollen Nasses – besonders in Verbindung mit einer salzarmen Ernährung oder Salzverlusten – nicht zu mehr Gesundheit führt, sondern so manches Mal geradewegs auf die Intensivstation.
alle anderen, die den artikel kennen, sorry.
strubbel
W:open_mouth:)