Weihnachts- Winterdepression?

Hallo Ihr,

gibts sowas?
Seit ein paar Wochen bin ich richtig schwermütig, ich heule ständig und alles kotzt mich an. Überall türmen sich die Probleme und es gibt anscheinend kein Ende (Liebeskummer, Arbeitslosigkeit in der Familie, eine Fehlgeburt(nicht ich), alleine in einer Stadt usw)
Hatte vor ein paar Wochen einen Nervenzusammenbruch und diese Woche zuckte ständig mein Auge.
Was kann ich nur dagegen tun? Hab Angst das ich irgendwann ausklinke.

Danke
Bianca

Hallo liebe Zugezogene,

wie gefällt es Dir die Hauptstadt des schönsten Bundesland der Welt? :wink:

Sehr unschön, daß Du in einem Stimmungstief bist. Ja, es gibt so etwas wie die Winterdepression. Dabei handelt es sich um eine Sonderform der Depression, die sich von anderen Depressionsarten ziemlich unterscheidet. Die Winterdepression ist eine „seasonal affective disorder“, eine saisonalabhängige psychische Störung. Die Betroffenen sind in der lichtarmen Jahreszeit depressiv (frühe Vorzeichen im September / Oktober, am schlimmsten sehr häufig im Januar / Februar) und in der Sommerzeit (frühestens im Mai, häufig im Juli) beschwerdefrei, können dann aber auch Stimmungshochs erleben (bzw. hypomanische Phasen).

Die depressiven Beschwerden sind meistens untypisch für andere Depressionsarten. Nichtsdestowenigertrotz handelt es sich um depressive Beschwerden. Bei Winterdepression treten gewöhnlich auf:

· Lustlosigkeit
· Deprimiertheit
· Lethargie
· vermehrtes Schlafbedürfnis / vermehrter Schlaf
· Appetitsteigerung und Gewichtszunahme.

Die biochemische Ursache der Winterdepression ist die übermäßige Produktion des Stoffes Melatonin im Gehirn. Melatonin wird bei Dunkelheit von der Zirbeldrüse, einer kleinen Drüse in direkter Nachbarschaft zur Sehnervenkreuzung, ausgeschüttet und regelt bei bestimmten Tieren u.a. den Winterschlaf. Auch beim Menschen schüttet die Zirbeldrüse während der dunklen Jahreszeiten mehr Melatonin aus: Weniger Licht -> mehr Melatonin. Und umgekehrt. Manche Menschen sind anscheinend sehr empfindlich gegenüber dieser Abnahme der Sonneneinstrahlung in den Wintermonaten und entwickeln daher eine Winterdepression.

Gegen Winterdepression kann man die Lichttherapie einsetzen. Bei dieser Therapie erhalten die Winterdepressiven über den Winter hinweg täglich mehrere Stunden lang Bestrahlungen mit künstlichem Licht von ziemlich hoher Intensität (Zimmerlampe reicht nicht). Dadurch wird die Melatonin-Produktion gedämpft, die depressiven Symptome gehen zurück und verschwinden. Der Behandlungserfolg ist ziemlich hoch.

Ob Du persönlich eine Winterdepression hast, kann ich nicht per Internet sagen. Dazu müßte Dich ein Arzt / Psychologe untersuchen. Vielleicht sind es vielmehr die Dich momentan belastenden Probleme (Liebeskummer, Arbeitslosigkeit in Deiner Familie und die Fehlgeburt in Deinem Umfeld), daß Du Dich schlecht fühlst. Der zeitliche Zusammenhang zur dunklen Jahreszeit mag zufällig sein. Vielleicht nimmst Du Dir in den nächsten Tagen eine Auszeit. Du kannst auch Johanniskraut (in ausreichender Dosierung) ausprobieren. Dessen stimmungsaufhellende Wirkung entfaltet sich aber erst nach einiger Zeit. Natürlich kannst Du einen Mediziner aufsuchen. Ich würde es erst einmal mit einer Auszeit und evtl. Johanniskraut probieren.

Lichterlohe Grüße eines urlaubsreifen PISAners sendet Dir

Oliver Walter

Hallo,

gibts sowas?

ja - zwar nicht als diagnostizierbare Krankheit, aber als Gemütsverfassung, die darauf beruht, dass man mit der Welt und sich selbst unzufrieden ist. Du glaubst gar nicht, wie häufig so etwas ist und gerade in der Weihnachtszeit, wo alles leuchtet und hektisch ist.
Ich denke, du fühlst dich handlungsunfähig, stagnierend, antriebslos. Ist das so?

Was kann ich nur dagegen tun? Hab Angst das ich irgendwann
ausklinke.

Da man gegen die Schicksalsschläge nichts machen kann, weil sie eben da sind, hilft es manchmal, den Blick von den schönen Dingen, die man selbst nicht hat, und den schlechten Dingen, die man hat, abzuwenden und sich zu fragen, ob man diese vermeintlich „schönen“ Dinge wirklich braucht. Man muss sich nämlich nicht immer mit anderen Menschen vergleichen, schon gar nicht im Sinn von „der hat etwas, was ich nicht habe“. Wenn du diesen Gedanken verinnerlicht hast, geht es dir gewiss schon ein Stückchen besser. Dann kannst du an die positiven Dinge denken, die du (auch) in dir selbst findest. Das Weitere ergibt sich dann oft.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hey Thomas Miller,

Danke erstmal für Deine Worte. Das gute ist ja das ich am Samstag zu meinen Eltern fahre und meine beste Freundin dann auch bald wieder sehen werde. ich versuche ja immer positiv ins nächste Jahr zu schauen (möchte dann ein Studium beginnen, meinen Lebenstraum dadurch erfüllen und das in meiner Heimat), aber dann kommen wieder solche „Schübe“ und mir gehts dann wieder schlecht. Hab dann zu nix Lust, fahre nach der Arbeit nur schnell nach Hause und hänge vorm Fernseher bis ich tot müde einschlafe und Nachts ein paar mal wach werde.
Kann mich schlecht konzentrieren und vergesse ständig was.

LG
Bianca

Hallo Thomas,

der urlaubsreife PISAner muß Dir trotz Urlaubsreife reiflich widersprechen: Winterdepression ist eine diagnostizierbare psychische Störung. Es kann nach DSM-IV diagnostiziert werden: Major Depression, Rezidivierend, Mit Saisonalem Muster. Mit Weihnachtstreß hat die Winterdepression primär auch nichts zu tun, sondern mit zu wenig Sonnenlicht.

Grüße,

Oliver Walter

3 „Gefällt mir“

Hallo Oliver Walter,

eigentlich gefällt es mir nicht so gut, jedenfalls nicht im Winter.
Muss auch nur noch morgen arbeiten und habe dann 2 Wochen frei. Ich nahm mal kurz Baldrian Tropfen, dank deren Hilfe konnte ich auch ein paar Nächte durchschlafen.
Ich hoffe der Sommer kommt bald :frowning:

LG aus Schilksee (die beste Ecke Kiel’s)
Bianca

Hallo Bianca,

eigentlich gefällt es mir nicht so gut, jedenfalls nicht im
Winter.

So?

Muss auch nur noch morgen arbeiten und habe dann 2 Wochen
frei.

Ja, ich auch. Hoffentlich …

Ich nahm mal kurz Baldrian Tropfen, dank deren Hilfe
konnte ich auch ein paar Nächte durchschlafen.

Gut.

Ich hoffe der Sommer kommt bald :frowning:

Der nächste Sommer kommt bestimmt. In Kiel kann´s aber auch einmal länger dauern.

LG aus Schilksee (die beste Ecke Kiel’s)

In Schilksee wohnt meine Tante. Ich selbst bin ein Ostufer-Kind (ein Wellingdorfer Jung - das Beste am Norden). Es gibt da diese Westufer/Ostufer-„Konkurrenz“. Ein paar Kolleginnen von mir (Zugezogene) sprechen sogar nur vom Westufer als „Kiel“. So ´was.

Gruß,

Oliver Walter

2 „Gefällt mir“

hhmmm
Nochmal…
kennst Du die Klinik im Niemannsweg ?
Dort hatte ich vor einem halben Jahr mal eine Sitzung. Kann es sein dass dort nicht gerade gute Ärzte tätig sind? Oder erwischte ich gerade den schwarzen Peter?
Ich fühlte mich damals richtig unwohl bei der Frau im Zimmer. So als ob ich sie langweilen würde. Hatte oder besser hab das Problem dass ich ständig alles kontrollieren muss. Es dauert 10 Minuten bis ich aus der Wohnung bin weil ich erstmal nachprüfen muss ob auch alles aus und zu ist.
Kennst Du einen guten Phsychologen (lieber eine Frau) zu der ich gehen könnte?

Danke schon mal
Bianca

Hallo Bianca,

kennst Du die Klinik im Niemannsweg ?

Ja. Ich habe dort Psychopathologie bei Prof. Aldenhoff und bei Prof. Schütze gelernt sowie ein Praktikum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gemacht.

Dort hatte ich vor einem halben Jahr mal eine Sitzung. Kann es
sein dass dort nicht gerade gute Ärzte tätig sind? Oder
erwischte ich gerade den schwarzen Peter?

Na ja, von einer Sitzung kann man nicht auf alle Ärzte, die dort arbeiten, schließen. Allerdings habe ich gemischte Erfahrungen dort gemacht. Öffentlich möchte ich das aber nicht vertiefen.

Ich fühlte mich damals richtig unwohl bei der Frau im Zimmer.
So als ob ich sie langweilen würde.

Es würde mich interessieren, wie die Frau hieß. Vielleicht kenne ich sie nämlich. Ich kenne ein paar Leute da und ein paar Leute gut genug, um u.U. verstehen zu können, was Du meinst. Wenn Du das näher mit mir besprechen möchtest, kannst Du mich per Mail anschreiben.

Hatte oder besser hab das
Problem dass ich ständig alles kontrollieren muss. Es dauert
10 Minuten bis ich aus der Wohnung bin weil ich erstmal
nachprüfen muss ob auch alles aus und zu ist.

Hm. Das ist etwas, das vielleicht von der schlechten Stimmung, in der Du Dich jetzt befindest, getrennt gesehen werden muß. Wenn Du das schon länger so machst oder es auch bei anderen Dingen so ein „Alles-kontrollieren-müssen“ gibt, dann ist die Frage nach einer Psychologin nicht verkehrt.

Kennst Du einen guten Phsychologen (lieber eine Frau) zu der
ich gehen könnte?

Ich kenne einige klinisch tätige Psychologen. Mit Empfehlungen bin ich aber vorsichtig. Mir ist nämlich noch kein Psychotherapeut untergekommen, der „mit allen gut“ kann. Ich möchte Dir deshalb empfehlen, Dir eine Liste von Psychotherapeuten von Deiner Krankenkasse zu besorgen. Verlange ausdrücklich auch eine Liste der psychologischen Psychotherapeuten. Bei den Krankenkassen kommt es schon ´mal vor, daß sie Dir nur die Ärzteliste zuschicken.

Viel Erfolg bei der Suche!

Gruß,

Oliver Walter

3 „Gefällt mir“

Nachfrage
Hallo Oliver,

Major Depression, Rezidivierend, Mit Saisonalem Muster. Mit
Weihnachtstreß hat die Winterdepression primär auch nichts zu
tun, sondern mit zu wenig Sonnenlicht.

das ist interessant, aber da ich die DSM nicht vorliegen habe, muss ich auf die ICD-10 zurückgreifen. Da entspräche deine Klassifikation dann doch wohl F33, oder?

Nun finde ich dort für die Episodendauer eine Differenz vor, die mich stutzen lässt. Es heißt dort, die Episoden dauerten zwischen 3 und 12 Monaten. Wenn das Ganze nun mit dem Sonnenlicht zu tun hätte, dann müsste in den Polarregionen die Depressivität ja erheblich höher sein (ist sie wahrscheinlich auch). Aber wie kann man dann von einer Winterdepression sprechen, wenn die Dauer regelmäßig 3 Monate überschreitet?

Ich kann mir noch keinen Reim darauf machen. Ist die „Winterdepression“ vielleicht eine spezielle F33? Oder - und das würde ich vermuten - liegt hier nicht vielleicht eine Überschätzung der Krankhaftigkeit vor, zumal ja die Umstände, die die Fragerin beschreibt, alles andere als heiterkeitsfördernd sind?

Ich meine die Frage ganz ernst und ohne Hintergedanken.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

1 „Gefällt mir“

Hallo Thomas,

es ist nicht meine Klassifikation, sondern die aus dem DSM-IV, die sich übrigens im Fall der Zusatzcodierung „mit saisonalem Muster“ auf die ICD-9-CM beruft. In meiner Ausgabe der ICD-10 finde ich im Index unter „saisonale depressive Störung“ den Verweis auf F33. Das hat den Grund, daß eine einzelne depressive Episode niemals den Zusatz „mit saisonalen Merkmalen“ erhalten kann, weil man schon rein logisch gesehen ein saisonales Muster erst bei mindestens 2 Episoden festellen kann.

Wie Du richtig schreibst, steht unter den Klinisch-Diagnostischen Leitlinien der ICD-10 etwas von 3 bis 6 Monaten. Du weißt vielleicht, daß diese Klinisch-Diagnostischen Leitlinien der ICD ziemlich dehnbar und deshalb weniger gut für eine „harte“ Diagnostik geeignet sind. DSM-IV operationalisiert die Störungen deutlich strenger - in etwa so wie die Forschungskriterien in der ICD-10. Das ist der Maßstab, an dem DSM-IV-Kriterien zu messen sind. Sowohl DSM-IV als auch ICD-10-Forschungskriterien definieren eine Episode einer Major Depression bzw. eine depressive Episode als mindestens 14 Tage andauernd. Etwas anderes ist es dann, wie lange eine solche Episode tatsächlich andauert. Die tatsächliche Dauer liegt nämlich in dem Bereich, der in den Klinisch-Diagnostischen Leitlinien der ICD-10 angegeben wird. Zumindest remittieren 40-50% der depressiven Episoden innerhalb von 6 Monaten.

Insofern ist es also kein Widerspruch, daß die Winterdepression als rezidivierende depressive Störung in der ICD-10 verschlüsselt wird. Alles, was mindestens 14 Tage lang die Kriterien der einzelnen depressiven Episode erfüllt und mindestens 2mal auftrat, wobei 2 Monate lang zwischen den einzelnen Episoden die Kriterien der einzelnen Episode nicht erfüllt waren, wird mit F33 verschlüsselt - gleichgültig, um was ein sich genau für einen Typ von Depression handelt.

Was die heiterkeitsfördernden Umstände angeht, so hast Du da etwas mißverstanden. Die sommerlichen hypomanen Phasen der Winterdepressiven sind nicht belastungs-, sondern lichtabhängig. Was Biancas konkreten Fall angeht, dann wirst Du feststellen, daß Deine Sorge hinsichtlich der Überschätzung der „Krankhaftigkeit“ übertrieben ist, weil ich das, was Du nanntest, nämlich auch ansprach (zum Schluß, als ich konkret auf Biancas Beschwerden einging).

Rein zu informatorischen Zwecken verlinke ich zwei meiner Postings zum Thema „Winterdepression“:

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

und

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Schönen Abend wünscht Dir und Euch allen

Oliver Walter

3 „Gefällt mir“

Hallo Oliver-Walter!

Warum ist es eine diagnostizierbare Krankheit, wenn du davon sprichst, dass das mit der Melatonin-Produktion und Dunkelheit zu tun hat. Das bedeute ja, dass die Dunkelheit die Ursache für diese Erkrankung ist. Das ist aber doch natürlich und unvermeidbar, dass es im Winter früher dunkel wird und deshalb ist doch ein Mensch nicht krank, nur weil er darauf reagiert. War das denn nicht so gedacht, ich meine so ursprünglich, dass der Mensch sich dem nicht einfach widersetzen kann? Ist es nicht ein Phänomen, dass wir uns von dem natürlchen Rythmus immer mehr entfernen und deshalb wehrt der Körper sich (mit Recht)?
Also, ich finde es zu einfach, es als Krankheit abzustempeln. Ich leide auch unter diesen Symptomen, mir geht es ziemlich genauso wie Bianca. Nur dass ich nicht in Kiel wohne :frowning:
Aber ich denke, dass mit der Lichttherapie macht Sinn, oder?

Beste Grüße an den gestressten PISAner!
Fabi

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

2 „Gefällt mir“

Hallo Fabi,

Winterdepression ist eine diagnostizierbare Störung, weil Menschen darunter leiden. Es wird der Sache nicht gerecht, davon zu sprechen, daß ein Winterdepressiver sich „gegen den natürlichen Kreislauf wehrt“. Im Gegenteil liegt beim Winterdepressiven eine Störung eines natürlichen, weil biochemischen Prozesses vor. Wenn gegen den gestörten biochemischen Prozeß lichttherapiert wird, dann kommt der Prozeß wieder ins rechte, weil natürliche Lot.

Gruß,

Oliver Walter

2 „Gefällt mir“

Hallo Oliver,

erstmal danke für deine Antwort, obwohl ich schon etwas enttäuscht bin, dass du wieder beleidigt bist, weil ich „deine“ Klassifikation geschrieben habe (was natürlich relativ und nicht absolut gemeint war). Denn selbstverständlich weiß ich, dass die DSM nicht von dir stammt, und du weißt auch, dass ich das weiß. Also warum diese Marginalienerwähnung? Ich habe doch gesagt, dass ich mein Posting als ganz normale Frage ohne Hintergedanken verstanden wissen wollte.

Dass die DSM-IV sich auf die ICD-9 (was heißt „CM“) und nicht auf die ICD-10 beruft, finde ich interessant und werde dem bei Gelegenheit mal nachgehen, weil mich die Entwicklung des Forschungsstandes interessiert. Danke schön für den Hinweis.

In meiner Ausgabe der ICD-10 finde ich im Index unter „saisonale
depressive Störung“ den Verweis auf F33.

Genau dort habe ich sie auch gefunden, wie ich auch andeutete.

Das hat den Grund, daß eine
einzelne depressive Episode niemals den Zusatz „mit saisonalen
Merkmalen“ erhalten kann, weil man schon rein logisch gesehen
ein saisonales Muster erst bei mindestens 2 Episoden festellen
kann.

Das verstehe ich nicht ganz, denn als Muster muss man das doch angeben können - oder als Möglichkeit. Die Richtlinien wimmeln doch nur so von Möglichkeiten.

Wie Du richtig schreibst, steht unter den Klinisch-Diagnostischen
Leitlinien der ICD-10 etwas von 3 bis 6 Monaten.

Ich lese sogar „bis 12 Monate“.

Du weißt vielleicht, daß diese Klinisch-Diagnostischen Leitlinien der
ICD ziemlich dehnbar und deshalb weniger gut für eine „harte“
Diagnostik geeignet sind.

Ja, das weiß ich, und ich denke, dass das Absicht ist.

DSM-IV operationalisiert die Störungen deutlich strenger

  • in etwa so wie die Forschungskriterien in der ICD-10.

Das verstehe ich wieder nicht. Soll das heißen, dass die DSM-IV strenger ist als die ICD-9, aber ungefähr gleich streng wie die ICD-10, die doch „dehnbar“ ist? Oder ist die DSM-IV auch strenger als die ICD-10? In diesem Fall wäre meine nächste Frage, ob das vielleicht mit dem Menschenbild und der Krankheitsdefinition zu tun hat. Damit wäre erklärlich, warum du als mehr behavioristisch orientierter Psychologe die DSM-IV vorziehst. Oder gibt es doch keinen (nennenswerten?) Unterschied zwischen den beiden Systemen.

Das ist der Maßstab, an dem DSM-IV-Kriterien zu messen sind.

Lass mich bitte noch einmal konkret fragen: Sind die DSM-IV-Kriterien nun strenger als die der ICD-10 oder etwa gleich streng?

Sowohl DSM-IV als auch ICD-10-Forschungskriterien definieren
eine Episode einer Major Depression bzw. eine depressive
Episode als mindestens 14 Tage andauernd. Etwas anderes ist es
dann, wie lange eine solche Episode tatsächlich andauert. Die
tatsächliche Dauer liegt nämlich in dem Bereich, der in den
Klinisch-Diagnostischen Leitlinien der ICD-10 angegeben wird.
Zumindest remittieren 40-50% der depressiven Episoden
innerhalb von 6 Monaten.

Natürlich, das leuchtet ja sofort ein.

Insofern ist es also kein Widerspruch, daß die
Winterdepression als rezidivierende depressive Störung in der
ICD-10 verschlüsselt wird. Alles, was mindestens 14 Tage lang
die Kriterien der einzelnen depressiven Episode erfüllt und
mindestens 2mal auftrat, wobei 2 Monate lang zwischen den
einzelnen Episoden die Kriterien der einzelnen Episode nicht
erfüllt waren, wird mit F33 verschlüsselt - gleichgültig, um
was ein sich genau für einen Typ von Depression handelt.

Auch das scheint mir klar.

Was die heiterkeitsfördernden Umstände angeht, so hast Du da
etwas mißverstanden. Die sommerlichen hypomanen Phasen
der Winterdepressiven sind nicht belastungs-, sondern
lichtabhängig.

Mein Argument war eher, ob man wirklich jede Verstimmung, die etwas mehr als üblich belastet, als pathologisch einstufen muss bzw. sollte. Die Geschichte mit der Lichttherapie hatte ich auch vor einiger Zeit schon gelesen oder gehört, und das leuchtet mir auch ein *g*. Aber die Frage ist, ob eine zu frühe Ansetzung dieser Art von Therapie nicht den - ich sag es mal etwas lax - Maschinencharakter des Menschen zu sehr betont, also die Anwesenheit von Melatonin etc. nicht vielleicht doch zu sehr die somatische Komponente psychischer Vorgänge betont.

Was Biancas konkreten Fall angeht, dann wirst
Du feststellen, daß Deine Sorge hinsichtlich der Überschätzung
der „Krankhaftigkeit“ übertrieben ist, weil ich das, was Du
nanntest, nämlich auch ansprach (zum Schluß, als ich konkret
auf Biancas Beschwerden einging).

Das habe ich gelesen und war einverstanden. Ich war nur eben etwas verwirrt, weil ich mir nicht ganz klar war, was du nun wirklich an meinem Posting auszusetzen hast, die Ratschläge oder nur die Ablehnung zu früher Krankheitseinstufung.

http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
und
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Das schaue ich mir noch mal an. Danke schön.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

1 „Gefällt mir“

Hallo Fabi,

Winterdepression ist eine diagnostizierbare Störung, weil
Menschen darunter leiden. Es wird der Sache nicht gerecht,
davon zu sprechen, daß ein Winterdepressiver sich „gegen den
natürlichen Kreislauf wehrt“. Im Gegenteil liegt beim
Winterdepressiven eine Störung eines natürlichen, weil
biochemischen Prozesses vor.

Wodurch ist der denn gestört, was ist die Ursache?

Wenn gegen den gestörten

biochemischen Prozeß lichttherapiert wird, dann kommt der
Prozeß wieder ins rechte, weil natürliche Lot.

Danke! Noch dazu eine weitere Frage: Heilt das Licht die Störung oder muss ich dann jedes Jahr diese Licht-Therapie wiederholen?

Grüße
Fabi

Gruß,

Oliver Walter

Hallo Thomas,

erst einmal brauchst Du nicht enttäuscht zu sein, denn ich bin nicht beleidigt. Es wird mir wohl gestattet sein, darauf hinzuweisen, daß das DSM-IV nicht mein Kriterienkatalog ist. Das ist keine Marginalie, denn hier lesen Leute, die das nicht wissen.

Eine saisonal abhängige Depression kann man nur dann als solche erkennen, wenn die depressive Episode mindestens 2mal auftrat. Wenn nur eine depressive Episode auftrat, kann man ja nicht darauf schließen, daß in Zukunft wieder eine ungefähr im gleichen Zeitraum auftritt, oder? Und das ist ausschlaggebend für diese Zusatzcodierung.

DSM-IV verwendet strengere Kriterien als ICD-10 (Klinisch-Diagnostische Leitlinien) und in etwa so strenge wie ICD-10 (Forschungskriterien). Mit Behaviorismus hat das nichts zu tun. Schade, daß Du immer wieder meinst, alles, was ich schreibe, habe einen solchen Hintergrund. Ich weiß, um das zu erkennen, müßte man entweder wissen, was behavioristisch und was nicht ist, oder mir glauben. Abgesehen von dieser forumsinternen sozial-kommunikativen Schwierigkeiten ziehen viele Psychologen und viele Ärzte ganz unabhängig von ihrer theoretischen Ausrichtung DSM-IV vor, u.a. weil ICD-10 (Klinisch-Diagnostische Leitlinien) so schwammig ist. Es gibt weitere sehr gute Gründe, das DSM-IV der ICD-10 vorzuziehen, z.B. die multiaxiale Klassifikationsmöglichkeit, die ICD-10 ursprünglich nicht bot.

Was die biochemische Hypothese zur Winterdepression anbelangt, so kann ich nichts daran ändern, daß Du bestimmte Assoziationen dazu hast. Ich halte mich an die Forschungsergebnisse und die sind in dem Fall ziemlich eindeutig (im Gegensatz zu anderen Arten von Depression).

Ich war nur eben etwas verwirrt, weil ich mir nicht ganz klar war, was du nun
wirklich an meinem Posting auszusetzen hast, die Ratschläge
oder nur die Ablehnung zu früher Krankheitseinstufung.

Keines von beiden. Wie ich schrieb, habe ich Dich auf Deine falsche Aussage, daß es Winterdepression nicht als diagnostizierbare Krankheit gebe, wohl aber als Gemütszustand, hingewiesen. Akzeptierst Du das?

Gruß,

Oliver Walter

4 „Gefällt mir“

Hallo,

Wodurch ist der denn gestört, was ist die Ursache?

Da könnte es eine Reihe von Ursachen geben. Zentral dürften dabei Melatonin und Serotonin (als Grundsubstanz des Melatonins sein). Serotin wird lichtabhängig in Melatonin gewandelt (weniger Licht - mehr Umwandlung). Findet zuviel Umwandlung statt (z.B. durch „Überangebot“ der umwandelnden Enzyme) oder ist das Serotonin Depot ohnehin niedriger als die Norm (z.B. durch Streß, Veranlagung, Fehlernährung, verminderte Aufnahme durch Störungen im Verdauungssystem und/oder zuwenig Insulin etc.), kann ein Serotonin Defizit entstehen, daß die depressiven Verstimmungen erklären könnte. Eine Ursache wird sich ohne umfassende Untersuchungen kaum feststellen lassen.

Gruss
Enno

1 „Gefällt mir“

Hallo Fabi,

zur möglichen Verursachung der Störung des biochemischen Prozesses hat Enno schon etwas geschrieben. Deshalb beschränke ich mich jetzt auf die

weitere Frage: Heilt das Licht die Störung oder muss ich dann jedes Jahr
diese Licht-Therapie wiederholen?

Zuerst einmal würde ich Dir empfehlen, feststellen zu lassen, ob Du überhaupt unter Winterdepression (die medizinisch-psychologische Störung) leidest. Erst dann ist Lichttherapie primär sinnvoll. Eine Heilung erreicht man mit dieser Therapieform leider nicht, denn es wird ja nur die mangelnde Lichteinstrahlung beseitigt, nicht aber der biochemische Prozess verändert. Ob dieser Prozeß mit derzeitig verfügbaren Methoden überhaupt veränderbar ist (z.B. Psychotherapie), wage ich zu bezweifeln. Obwohl es schon nachgewiesen ist, daß erfolgreiche kognitive Verhaltenstherapien mit positiv veränderten Hirnprozessen einhergehen (z.B. bei Zwangsstörung). Aber ob das bei Winterdepression so ist, weiß ich nicht.

Gruß,

Oliver Walter

2 „Gefällt mir“

Hallo Oliver,

die multiaxiale Klassifikationsmöglichkeit, die ICD-10
ursprünglich nicht bot.

inwiefern denn ursprünglich? Als ICD-9?

Akzeptierst Du das?

Klar. Danke für deine Erläuterungen.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Bianca,

mit Winterdepressionen habe ich leider auch meine Schwierigkeiten. So kann ich dir als Leidende von meinen Maßnahmen erzählen:
mir helfen homöopathische Mittel, die ich mir von meinem Hausarzt (der darin eine Ausbildung gemacht hat) empfehlen ließ. Mit Johanniskraut komme ich nicht zurecht, weil ich mich mit Einnahme von Medikamenten auf lange Zeit schwer tue. Und die sollen erst nach Wochen der Einnahme wirken. Außerdem soll die Haut und die Augen davon empfindlich werden, was ich gerne meiden möchte, denn außerdem habe ich mir angewöhnt viele Wege am Tag lieber mit dem Rad als mit dem Auto zurückzulegen. Dadurch verändern sich meine Sichtweisen, im wahren Sinn des Wortes, raus aus der eigenen Enge, Abstand von dem häuslichen Kummer, mehr Horizont, mehr Luft, mehr Bewegungsfreiheit. Mit der Schlafqualität und -quantität habe ich gute Erfahrung gemacht. Richtig optimistich werde ich neuerdings von enzymhaltigem Obst wie Mango und Ananas. Grüner Tee mit Orangensaft ist ein Fitmacher, im Gegensatz zu Kaffee, von dem ich auch schon müde und damit antriebslos wurde.

Das sind alles keine Wundermittel, aber sie helfen mir Depressionsabwärtskurven zu verkürzen. Und manchmal bin ich überrascht wie mich dasselbe Problem einmal lähmt das ich anderntags leicht bewältigte. Nach dem Motto hat man das Problem oder hat es einen. :wink:

viele Grüße
von der nebelverhangenen Donau
grilla