Ich habe von einem Geistlichen sogar die Äußerung gehört, dass
die Gesetzgebung der allermeisten Länder unheimlich viel
Ähnlichkeit mit den Gesetzen aus der Bibel hat, und da diese
Gesetzte nachweislich zuerst in der Bibel aufgezeichnet worden
sind, so seine Argumentation, müssen die Bibelschreiber quasi
als Urgünder unseres heutigen Rechtssystems gelten.
Das ist nicht ganz korrekt. Sehr ähnliche Verbots- und Gebotslisten gab es auch in anderen Kulturen. Aber man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, daß es sich dabei um eine Minimalethik handelt, die in großen Teilen in Verfassungen von freien Staaten, dem Grundgesetz und den Menschenrechten aufgegangen ist.
Ich finde schon, dass diese Gebote damals eine wichtige Rolle
gespielt haben, sie haben schließlich das tägliche Miteinander
der Leute geregelt, die bereit waren sich an diese Gebote zu
halten, also das Leben im Israel zum Beispiel.
Das war wohl einfach gültiges Recht. Ich würde es nicht allzusehr überhöhen. Glaube an höhere Wesen war damals so normal wie heute Urknall und Evolution.
Was ich mich aber frage ist, hätten die Menschen eigentlich
selber darauf kommen können?
Meiner Meinung nach schon.
Aber für das Ergebnis ist die Frage nun wirklich egal. Was jemand glaubt oder nicht ist doch einerlei, hauptsache er hält sich an die Regeln. Glaube hat sich da als ein sehr wirksames Motiv erwiesen.
Ich meine, braucht man tatsächlich göttliche Führung, um zu
erkennen, dass es falsch ist zu töten oder zu stehlen und dass
es andererseits etwas Gutes ist, dass man seine Eltern ehrt?
Dazu eine Anmerkung: Vom Töten ist da nirgends die Rede. Sowohl Krieg als auch Todesstrafe sind davon ausgenommen. Biblisches Recht ist nicht pazifistisch noch besonders menschenfreundlich. Kriege damals waren größer angelegte Raufereien, die in einem Massenmord endeten (nichts durfte am Leben bleiben, da dem anderen Gott gehörend). Ebenso war die Sklaverei Normalität, und die Behandlung von Frauen als Möbelstücken. (Nun, nicht ganz so, einzelne Paragrafen sind sogar sehr frauenfreundlich, aber in diese Richtung geht es.) Die damalige Gesellschaftiche Realität spiegelt sich im Recht wider.
Doch bin ich der Meinung,
dass die Gesellschaftsphilosophen, die sich damit beschäftigt
haben, alle von diesem bestimmten Verständniss dessen, was
Recht und Unrecht ist, vorgeprägt waren. Man könnte also
behaupten, sie kannten ja das Ziel und mussten nur den Weg
dorthin finden. Sie haben nichts neues gefunden, sie haben es
„nur“ neu begründet.
Analog zu einem berühmten Zität kann man sagen: Die Wissenschaft ist die Madg der gesellschaftlichen Trends.
Was denkt ihr? Kann man wirklich behaupten, dass unser
Rechtssystem, unsere Werte, heute andere wären, wenn es die
Bibel nicht gebe?
Ja.
Und weiter: Hat denn die Bibel durch die Einführung 10 Gebote
tatsächlich etwas neues gebracht oder den bereits bestehenden
Regeln des Miteinander eine verbindliche, schrifftliche Form
verpasst?
IMHO ist es nicht der konkrete Inhalt, der irgendwie innovativ wäre, sondern das Faktum, daß ein einziges Recht, das für alle (freien Männer) gilt, eingeführt wurde. Eine Absage an sich immmer steigernder Blutrache, Clanswesen, Despotentum. (In diesem Lichte ergibt auch das Talionsgesetz einen Sinn.)
Waren diese Gebote, vor ihrer Niederschrift damals, auch schon
selbstverständlich?
Das biblische Rechts- und Kultsystem ist eine Absage an umgebende gesellschaftliche Zustände. Dauernd ist von „den anderen“ die Rede und was sie alles machen, und das man das auf keinen Fall nachmachen darf (die schlimmste Übertretung ist, anderen Göttern zu dienen). Sämltiche antiken israelitischen kultischen Verbote von Prostitution bis Fleisch in Rahmsoße kann man so erklären. Insofern denke ich: Nein.
Gruß
d.