Neuer Grundsatzartikel
Moin Marion,
hier geht ja auch wieder mal die Post ab! Mein lieber Scholli, dieses ganze Land scheint verrückt zu spielen. Ich habe noch mal einen sprachkritischen Anlauf unternommen und all meinen Wittgenstein zusammengekratzt, um zu verstehen, was hier abgeht:
Für mich ist ein Antisemit jemand, der einen Menschen hasst,
nur weil dieser Jude ist. (Gegenprobe: würde man ihn eher
mögen, wenn man nicht wüsste, dass er Jude ist, oder er kein
Jude ist ?).
Die hier häufig auftauchende Definition, Antisemitismus sei
das gleiche wie Vorurteile oder negative Vorbehalte gegenüber
Juden kann ich nicht teilen. Ich will dies auch gerne Anhand
eines Beispiels begründen und dadurch zu einer etwas anderen
Interpretation der Worte Möllemanns kommen.
Jede/r kann natürlich eine eigene Definition von Antisemitismus aufmachen. Habe mich da auch schon versucht. Nur sieht ja die Begriffsverwendungspraxis so aus, das der Begriff von Leuten aufgebracht wird, die einen laufenden Buchkilometer Vorsprung mit dem Definieren dieses Wortes haben. Und ich für meinen Teil habe festgestellt, dass ich keine Lust habe, da hinterher zu Dackeln. Das Vertrackte ist, dass dieses Wort sich anders anhört, als es gemeint ist, und dadurch seinen informierten Benutzern gestattet, nach dem ersten Missverständnis die gönnerhafte Rolle eines Spielregelerklärers einzunehmen. Ich glaube, dass dieser diskursiv-semantische Trick auch ein wichtiger Hintergrund für das Feed-Back ist, dass Friedmann erntet. Ich sage nicht, dass dieser Trick unzulässig ist, aber ich sage, dass ich ihn durchschaut habe:
„Antisemitismus“ :
soll einen autoritär-ignoranten „Charakterdefekt“ (den der Antisemiten halt) bezeichnen, sowie dessen Feindbildreflex gegen „den Juden“ als einen pathologisch-konsequenten;
postuliert das Phänomen Judenfeindlichkeit als Ressentiment-Konsequenz einer Charakterpathologie.
(Auch etwa so, als wenn ein pathologischer Frauenfeind Lesben zur Politfeindgruppe erklären würde)
Und das hat Folgen:
Der Begriff ist konzeptionell so „judenfrei“, wie an Kinderschänderei kein Kind Schuld sein kann. Der Begriff exkulpiert „jüdisches Handeln“ von jeder kognitiv legitimen Negativbewertung, indem er die kritische Anstoßnahme als Indienstnahme bzw. Wegbereitung einer autoritären Sozialpathologie brandmarkt.
Wir kennen so etwas ja aus bestimmten Überdrehungen im Gender- Geschimpfe ja auch. Auf dem FF-Brett hatten wir ja auch vor drei Wochen noch Positionen vertreten, denen alles „männerfeindlich“ war und in historischen Diskussionen, so erinnere ich mich, gab es auch schon mal Konstellationen von der Art: „Nun beruhig dich doch mal, Genossin“ darauf: „Nimm sofort das frauenfeindliche Klischee zurück, dass ich hysterisch sei.“
Der Begriff der „Einstellung“, den die Sozialwissenschaft da erforscht haben will, geht da weiter. Eine Einstellung genügt sich selbst und erfreut sich an allem, was sie bestätigt. Ein Vorurteil will ja immerhin noch ein Urteil sein und kann durch hartnäckige Falsifizierung frustriert werden. Eine bestätigte Einstellung dagegen ist lust-, triumphbesetzt. Die Freude an einem bestätigten Vorurteil kann dagegen durch nachfolgende Blamagen oder Misserfolge vergällt werden. Vorurteile sind immer noch ein bisschen pragmatikanfällig; Einstellungen dagegen besessen, „fetischistisch“.
Antisemitismus ist irgendwo zwischen Einstellung und „Perversion“ hin definiert. Der Antisemit handelt triebhaft, charakterdefizitär und unbelehrbar. Seine Disposition unterliegt nicht Einsichten, sondern Aufstachelungen bzw. Abnutzungen, Ermüdungen. (Michel Friedmann hatte eine Ausnahmegenehmigung fürs Mutmaßen über das Mehrungs- und Minderungsverhalten von Antisemitismus ausdrücklich für Therapeuten erteilt!)
Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Pathologisierung und Stereotypisierung. Stereotype sind sozusagen ein extrem mechanisierte, reflexartig hochschnellende Attributierung. Von einem „normalen Vorurteil“ nimmt man ja immer noch an, dass es „abbaubar“ sei, sein Träger „belehrbar“ sei. So funktionieren dagegen „Stereotype“ praktisch:
Herr Reich-Ranicki kann als Kritiker politisch korrekt unmöglich herabsetzungsbesessen und verneiungsversessen sein, weil dies zu sagen, der pathologischen Einstellung, wonach, „der Jude“ hetzerisch und zersetzerisch veranlagt sei, das Wort rede, bzw. diese in Dienst nehme.
Herr Bubis konnte als Immobilienfachwirt politisch korrekt unmöglich ein rücksichtsloser Sanierer und skrupelloser Spekulant sein, weil dies zu sagen, der pathologischen Einstellung, wonach, „der Jude“ raffgierig und betrügerisch sei, das Wort rede, bzw. diese in Dienst nehme.
Herr Friedmann kann politisch korrekt unmöglich ein selbstverliebter Wortverdreher sein, weil dies zu sagen, der pathologischen Einstellung, wonach, „der Jude“ rabulistisch und windwendisch sei, das Wort rede, bzw. diese in Dienst nehme.
Etc, etc.
Bei großen Teilen der deutschen Bevölkerung besteht das
Vorurteil, Osteuropäer würden gerne mal einen über den Durst
trinken. Ist dies ein Vorurteil ? Ja. Ist es ein negativer
Vorbehalt ? Ja, denn dieses Vorurteil ist wohl kaum sonderlich
schmeichelhaft.
„Statistisch“ ist es eine Erfahrung. Im Leben, d.h. gegenüber konkreten Mensch, von denen man sonst noch nichts weis, wäre die Annahme ein Vorurteil.
Würde man dies über Juden sagen, wäre nach obiger Definition
bereits der Tatbestand des Antisemitismus erfüllt.
Wahrscheinlich. Und zwar wegen „Lasterhaftigkeit“. Die historischen Antisemiten (Kaiserzeit) haben sich „ihre Juden“ gern als „lasterhaft“ vorgestellt. (Weil sie selbst wohl gern einen drauf gemacht hätten, sich aber wohl nicht getraut haben, wegen erwartbarem Ärger daheim, den sie wiederum der „jüdischen Mannweiberidealisierung“ angelastet haben. Subjektiv sind „Antisemiten“ immer „Opfer“ irgendeines „jüdischen Umtriebes“.)
Da drunter würde das mit dem Alk wohl fallen. Zumal es tatsächlich koscheren Schnaps gibt. (habe in den USA mal gekauft, im Kosher Deli…war auch in Ordnung…)
Dies ist allerdings zu kurz gedacht, denn was impliziert eine
solche Einstellung ?
a) Bedeutet es, dass ich 1 Flasche Wodka mehr einkaufe, wenn
ich zu meiner Party Osteuropäer einlade (auf der ich dann
womöglich sitzen bleibe) und hoffe, dass es nicht gar zu arg
wird ?
Oder bedeutet das, b) dass ich erst gar keine Osteuropäer
einlade, weil ich keine Besoffenen auf meiner Party will ?
Im Fall b) würde ich von einem Anti-Isums sprechen. Hier sind
die Vorurteile bereits so fest einzementiert, dass derjenige
sich selbst um die Möglichkeit bringt, mit den Vorurteilen
aufzuräumen (indem er Beispielsweise persönliche Erfahrungen
mit dieser Bevölkerungsgruppe macht). Jemanden von dieser
Einstellung wegzubringen, dürfte sehr schwer sein.
Beim Fall a) hingegen handelt es sich meiner Meinung nach um
Vorurteile, wie sie allen möglichen Bevölkerungsgruppen
entgegen gebracht werden, und die ich zwar für nicht
sonderlich schön, aber auch nicht für dramatisch halte.
Wenn Fall a) sich nun jedoch Osteuropäer zu seiner Party
einlädt, diese sich hemmungslos betrinken und randalieren,
dann kann es sehr gut sein, dass, dass seine Einstellung
dadurch (durch das Verhalten einzelner) von a) nach b) kippt
(und er nie wieder Osteuropäer einlädt). Hier werden durch den
Einzelfall Vorurteile quasi „verifiziert“.
Um die „Vorurteilsrelevanz“ für konkrete Leute zu überprüfen (bei Russen, z.B.) mache ich das so: Ich beziehe mich auf „abscheuliche Vorurteile“ und „übelste Nachreden“ von Rassisten oder der Bourgeoisie, wonach Russen saufen würden und frage, ob ich davon ausgehen kann, wir dieser vergiftenden Hetze nicht durch konsequente Mäßigung eine mächtige Abfuhr erteilen können. Dann wissen alle Bescheid und wer sich noch besaufen will, plant schon ein, das danach und woanders zu tun.
(Funktioniert
umgekehrt in Sachen Sympathie übrigens genau so, ich kenne
viele Leuten, denen „Tibeter“ sympathisch sind, einfach weil
der Dalai Lama und viele im Westen lebende tibetische Mönche
offensichtlich Sympathieträger sind).
Man kann diesen Mechanismus zwar bescheuert finden, aber zu
leugnen, dass es ihn gibt, halte ich für albern.
Und hier passt nun auch der Spruch von Möllemann rein.
Und genau dessen Logik können die Holokaust-Erfahrungsträger „traumapatho-logisch“ an dieser Stelle nicht akzeptieren; denn dann droht der Umkehrschluss zu dem Verdacht, dass sie zum Holokaust vielleicht nicht angepasst genug waren und „Vorurteile begründet hätten“. Weil das nicht sein darf (Hier liegt das Tabu!) darf der Antisemitismus kein normal begründbares Vorurteil sein, sondern muss pathologisiert werden. (So weit waren wir ja schon mal mit Iris)
(Um es noch etwas konkreter anzunähern: Das muss gerade aus einem ethnisch-europäisch-jüdischen Verständnis von israelischer Staatsräson so gesehen werden (und gegen die Ansprüche der benachteiligten orientalischen Juden und der Ultraorthodoxen behauptet werden) sowie von den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Das Tabu muss den Holokaust als zwingende und durch menschliches Vermögen nicht abwendbare Veranlassung für das „Projekt Israel“ ideologisch absichern. Deswegen müssen Antisemiten eher pathologisch pervers Verrückte sein und keinesfalls als Leute erscheinen, die zu einem „Urteil“ über das Judentum gefunden haben. Die „kognitive Qualität“ von Judenfeindlichkeit muss bestritten werden.)
Ich denke, die meisten Deutschen haben irgendwelche Vorurteile
gegenüber Juden, was sicher auch damit zusammenhängt, dass die
wenigsten direkte Erfahrungen mit Juden z.B. als
Arbeitskollegen oder Nachbarn machen. Sicher gibt es dabei
auch negative Vorbehalte. Hier befinden wir uns noch bei Fall a).
Ich glaube das ehrlich gesagt nicht. In meinen antiimperialistischen Politzeiten waren die meisten Widersacher in den hitzigen Straßendebatten begeistert von Dayans flotten Truppen, fanden prima, dass die Israelis die „Wüste zu Gärten verwandelt hätten“ und auch so wirtschaftswunderkompetent wie sie, die Westdeutschen seien etc. Seit dem öffentlichen Holokaustdiskurs haben die (schlichten) Leute schlicht Bammel, dass sie was angelastet bekommen und nicht kapieren, wie.
Wenn nun aber jemand daher kommt, der diese Vorurteile
durch sein Verhalten zu bestätigen scheint (zumal wenn es sich
um einen recht exponierten, „offiziellen Vertreter“ dieser
Gruppe handelt), dann besteht allerdings die Gefahr, dass auch
hier die Einstellung von a) nach b) kippt, weil die etwas
schlichteten Gemüter hier ihre Vorurteile verifiziert sehen.
Ich glaube, die Leute finden die für sie undurchsichtigen Sprachregelungen demütigend (!) zumal diese „von außen“ zu kommen scheinen; und sie empfinden es als anstößig, dass sie Fernsehbilder vom „Bandenkampf“ (Nazijargon für Partisanenkrieg) a la „Wehrmachtsausstellung“ als o.k. ansehen sollen, wenn Israelisches Militär „am Drücker“ ist. In Deutschland diskutieren wir Jahrelang, („gegen“ die Vätergeneration) dass „Repressalien“ (Geiselerschießungen etc.) Mord sind und Israel meldet alle zwei Tage einen mächtigen „Vergeltungsschlag“. Das zehrt an Nerven und Gemütern.
Ich glaube nicht, dass es „antisemitische Vorurteile“ von der Art gab oder gibt, dass, „Die Juden“ militaristisch seien und zu Landnahme und Ausdehnung neigten. Eher ja im Gegenteil, von wegen “Parasitenvolk auf der Wanderschaft“, „weichlich-wehruntüchtig“ und so.
Insofern denke ich, dass die „demonstrativ rabiaten“ Züge israelischer Politik auch gerade die ollen, traditionellen judenfeindlichen Klischees widerlegen sollen. Abkriegen tun das die Pallis.
Ich glaube, das und nichts anderes hat Möllemann gemeint.
Möllemann dürfte nach meinem Eindruck, auf sowas wie einen „Aufstand der Geknebelten“ spekuliert haben. Aus dem Zoff, nicht aus der Kritik an Sharon, hat er sich Zulauf versprochen. Das peinliche ist, dass dieses zulaufende Volk das alles natürlich nicht überblickt und nicht einfach sagt, o.k. lassen wir den Unfug, hören wir auf Israel zuzugestehen, was wir unseren Vätern übel nehmen, sondern; stattdessen, sein ach so geknechtetes Schicksal begrummelt, nicht alles sagen zu dürfen. natürlich darf es das, nur blöd herumpoltern, darf man dabei nicht. Sie halten es intellektuell nicht durch, Legitimität und Plausibilität ihrer Gefühle, angesichts der Fernsehbilder zu begründen und raunen statt dessen lieber von Maulkorb etc. was sich dann alles wieder „antisemitisch“ anhört.
Ja, natürlich ist das Scheiße. Aber so funktionieren diese
Mechanismen bedauerlicherweise bei einigen Simpels, und ich
denke, das sollte eigentlich auch jedem klar sein.
Was das jetzt praktisch heißt, ist nicht undelikat: Ich habe keinerlei Bedürfnis, das Wort „Antisemitismus“ von mir aus zu benutzen. Ich anerkenne, dass das Wort eine bestimmte Tradition, Funktion und Gebräuchlichkeit hat, die ich nicht beeinflussen kann. Wenn „die“ meinen (also die committed users des Wortes „Antisemitismus“) der bezeichnete Gegenstand funktioniere „judenfrei“, dann bitte, dann sollen sie. Jeder hat das Recht, seine Hirngespinste, und seien es welche, die mit autotherapeutischer Funktionalität, selbst zu benennen. Wenn die Nazis ihren „ewigen Juden hatten“, warum sollen nicht ihre Opfer sich einen „ewigen Antisemiten“ backen? Das ist alles pure Ideologie. Da gibt’s Freiheit für.
Ich würde also nicht sagen, Friedmann nährt Antisemitismus, einfach, weil ich mich auf die ominöse Mechanik dieses Begriffes überhaupt nicht einlassen will. Ich würde statt dessen sagen, dass der anmaßende Gestus des ewigen Spielregelerklärers mir und einigen Leuten, die ich kenne, auf die Nerven geht. Friedmanns Gestus belastet seine Argumente, und seine anmaßenden Geltungsansprüche belasten seine Punkte. Seine „Korrektheitspunkte“ wirken kränkend, demütigend, zurechtweisend, schuhriegelnd. Dafür muss seine Art nicht unbedingt „gehässig“ sein, wie Mölli gleich meinte, das ist sie auch nicht; sie ist auf eine provozierende Art „überlegen“; bis man das Spiel durchschaut hat. Aber das ist es ja nunmehr, oder, was meinst du?
Der Friedmann macht den Spielregelerklärer und ich den „Spielregelunterschiederklärer“. So berühmt wie er kann ich damit wohl nicht werden, oder was meinst du?
Gruss
Thomas
P.S. Schnauzer gegen Pomade Update:
Der Mölli ist ja doch auch etwas gerissen; mit seiner bedingten Entschuldigung („wenn ich gekränkt haben sollte“). Er entschuldigt sich für den Kollateralschaden seiner Konterattacke auf Friedmann, nicht aber für diese. Das ist schlau. Mal sehen, womit der Pomadenmann seine Fangemeinde jetzt wieder zusammenzutrommeln sucht.