Lieber Peter,
ich glaube nicht, daß ich zu einem laudator temporis acti, zu
einem kulturpessimistischen Besinger des „Früher-alles-besser“
werde, wenn ich Deine Beobachtungen bestätige.
Es wird allerdings nicht nur weniger zugehört, sondern -
entscheidender noch - weniger hingehört, hingelesen,
hingeantwortet.
Die in der Mängelrüge implizite Forderung ist nicht so sehr
eine nach der Höflichkeit („Solange der Andere Geräusche
macht, schweig’ ich höflich und laß’ mich geduldig, zumindest
äußerlich geduldig, beschallen…“ „Wenn der Andere
sich schon der Mühe unterzogen hat, einen Text zu verfassen,
so schweife ich höflich zumindest einen Augenblick seinen
Zeilen entlang…“ „Wenn der Andere schon einen gewissen
Eindruck von Argumentation hinterlassen hat, so werd’ ich
höflich zumindest einen Anschein von Darauf-Eingehen erwecken
wollen…“ ), sondern eine nach der Substanz: Man möge
intensiv hinhören, mit präsenter Seele horchen, nicht allzu
selten aufhorchen; man möge intensiv hinlesen, den Text
mehrmals und mehrfach auf sich wirken lassen, ihn
setzen lassen, den Subtext sprechen lassen; man möge dem
tatsächlich Gemeinten hinantworten, dem Anderen - ob man mit
ihm einig sei oder nicht - begegnen.
Ich bin seit Anfang der sechziger Jahre überzeugt, daß in der
Tat die Lesekultur (es handelt sich um ein Phänomen des
Lesens, auch eben des horchenden Lesens, des
„Hinlesens“, der „Hinwendung“, auch der
„Lese“-Fähigkeit als solcher überhaupt) schwindet.
Man kann dazu mehrere Erscheinungen aufzählen, welche zum Teil
mit-verursachen, zum Teil mit-aufzeigen: Die
Merkantil-Veränderungen in der Auffassung von Bildung als
„Schlüssel-Fertigkeit“ (Sowohl mit dem Akzent auf den ersten,
als auch auf den zweiten Bestand der Wort-Zusammensetzung…);
das Fersehen mit seiner „neapolitanisierenden“ Transformation
von allem und jedem in billig-effekthascherische totaldigitale
„Commedia dell’arte“ mit 90 Sekunden Maximal-Spannungsbogen;
die Verdemagogisierung des Demokratie-Begriffes; der epochale
Siegeszug des Internets, an dieser Stelle freilich nicht so
sehr mit seinen Anteilen „Paranoidisierung“,
„Latrinenparolisierung“, „Förderung aggressiver
Empathieverweigerung“, „Züchtung freiflottierender
Aggressionspotentiale“ (obwohl sie alle sicherlich am Rande
miteinfließen), und schon gar nicht in seinen die kulturelle
Entwicklung ins Positive verwandelnden Aspekten, sondern mit
seinem vielfältigen „Sog zur Derealisierung“, seiner
„Platzhirschenzüchtung“, kurzum seinem Hang zum umfassend &
alltäglich Sektiererischen und zur semi-stabilen Sekten-
(Subsekten-)Bildung.
Doch…
kommt es mir vor, daß im Kern die wirkende Kraft eine andere sei; eine die womöglich direkt oder indirekt mit mancherlei aus dem bisher Ausgeführten mitverwoben sein mag, jedoch als eigenständige „Kontinentalverschiebung“ gelten dürfte: die im Westen schleichend zunehmende Verwandlung der Charaktersozialisation in eine (zumindest in der Hauptinzidenz und zumindest hauptsächlich) narzißtische.
Daß des Narziß „Gespräche“ Spiegel-„Reflexionen“ waren (sind), ist sprichwörtlich. Wichtiger: Ihm fehlen schlichtweg einige der instrumentellen Voraussetzungen des Hinhörens und Verstehens auch in dem günstigeren Fall, daß sonst ein einigermaßen effizientes Ersatzinstrumentarium für eine „indirekte Hinwendung“ aufgebaut wurde.
So wird der eine trotz Bildung und Erfahrung „selbstspöttelnde Ironie“ einfach nicht zu „lesen“, zu verstehen vermögen; der andere einer Antenne für die „Hauptintention“ des „Gedeuteten“ ganz einfach ermangeln; der dritte „gut erfassen“, sich indes nicht „mitschwingend einfühlen“ können.
Solche Phänomene werden zu unfreiwilliger ganz und gar „unneapolitanischer“ Komik führen, wenn zun Beispiel mehrere Gebildete nach unerkannten deftigen antizivilisatorischen Ausrutschern sich ganz ehrlich und recht wohlmeinend über eine entsprechende Vorhaltung empören, nicht aber über die Ausrutscher, da sie jene ganz und gar nicht wahrnehmen können, fehlt ihnen doch dazu komplett das entsprechende Sensorium; oder sie im ernst sich eitel über die Eitelkeit eines dritten unterhalten, dessen Selbstbespöttelung sie einfach dem Grunde nach nicht zu „lesen“, zu deuten vermögen;
doch…
der Modalfall wird das nicht sein, daß sich jemand auf dem Umweg im großen und ganzen gelungen - bis auf die gelegentliche Komik - einem „Horchen, Lesen & Verstehen“ annähern wird! Der Modalfall wird das kraße ungeschminkte Fehlhören, Fehllesen, Fehlverstehen, das Gar-nicht-des-Verstehens-Bedürfens, ja das Sich-durch-das-Überhauptverstehen-gestört-Fühlen, letzlich auf den ersten Blick vielleicht paradoxerweise, auf den zweiten jedoch folgerichtig „Gar-nicht-verstanden-werden-Wollen“, „Gar-nicht-ertragen-können-verstanden-zu-Werden“.
abifiz
.