Hallo,
und ich finde es sehr realitätsfern, so etwas isoliert zu sehen.
Es gibt ein Alter, in dem Kinder wahnsinnig gerne ausräumen (auch SChubladen). Man bekommt sie aber nicht zum einräumen.
Klingt nach schlechter Erziehung, hat aber eine phyisologischen (sic!) Hintergrund.
In der Zeit, in der sich der Streckermuskel im Oberarm entwickelt, gibt das Hirn Anweisungen dazu, diesen Muskel zu trainieren --> ausräumen.
Der Beugermuskel (also der Antagonist) entwickelt sich erst einige Monate später, d.h. es besteht vom Hirn aus keine Notwendigkeit, die Gegenbewegung zu üben und die Gegenbewegung fällt dem Kind auch viel schwerer (außer Acht lassend: , dass das Gegenstück auch viel schwerer ist, weil es ja mit einfach reinschmeißen meist nicht getan ist).
Meine Konsequenz aus dieser einfachen Tatsache wäre (war, bei meinen Kindern) nicht, sie an meine Handtasche zu lassen - die stand hoch, sondern die unteren Schubladen zuhause mit Unzerbrechlichem zu füllen (wer kennt nicht das Bild von dem Kleinkind, das hingebungsvoll mit Kochtöpfen und Plastikschüsseln spielt) und Zerbrechliches für einige Jahre außer Reichweite zu halten. Es gibt Kämpfe, die man nicht gewinnen kann und die man deshalb erst gar nicht führen sollte. Dennoch heißt das nicht, dem Kind alles durchgehen lassen. Aber man kann eine angepasste Umgebung schaffen.
Um beim Beispiel zu bleiben: Wenn ich unterwegs bin, habe ich normalerweise Spielzeug mit (das kann auch eine alte Tasche sein, mit alten Schlüsseln etc.; erfahrungsgemäß ist so etwas VIEL interessanter für kleine Kinder als bunte Plastikschlüssel usw.). Mein Tasche wäre (da Wichtiges drin ist) auch in dieser Situation tabu.
Allerdings hat jeder andere Grenzen. Dem einen seine Handtasche, ist dem anderen sein Schminkkoffer. Das muss jeder selbst entscheiden.
Um auf Mikhaels Anfangsthese zurückzukommen: Es ist halt wieder mal ein populärwissenschaftliches Buch, dass viel Aufmerksamkeit bekommt und diskutiert wird und fast jeder findet es einleuchtend, weil es genauso geschrieben ist. Dann gibt es Artikel und Nachfolgebücher und die Thesen werden allgemein akzeptiert. Als Vergleich schaue man sich mal die Thesen an, die mit dem Buch „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ an. Das ist ein Trend, der lange genug beworben, von sehr vielen Menschen in der Gesellschaft akzeptiert und weiter propagiert wird. Bis der nächste Trend kommt.
Genauso ist es mit dieser These. Es passt halt. Es wurde ja auch vorbereitet (medial). Und nun denken alle, diese Thesen müssten stimmen und durch selektive Wahrnehmung passen alle gemachten Erfahrungen genau in dieses Bild.
Die heute so geschmähte antiautoritäre Erziehung (wobei das, was da heute geschmäht wird, sehr wenig mit den Ideen der eigentlichen anti-autoritären Erziehung zu tun hat) war als die Bücher von A.S. Neil rauskamen, sehr einleuchtend. Das war der Trend damals.
Und natürlich kam die Gegenbewegung (Kinder brauchen Grenzen) und auch das ist einleuchtend.
Das Kindererziehung viel komplexer ist, wird gern vergessen, weil das heißt, dass das Leben nicht so sehr zu kontrollieren ist, wie wir es gerne hätten.
Gruß
Elke