Widerstand der zivilen Bevölkerung im 3.Reich

Hallo,

Nach meinem Wissensstand gab es im 3.Reich kaum Chancen und Möglichkeiten der zivilen Bevölkerung gegen den Antisemitismus des NS-Regimes zu handeln. Meistens waren es doch Einzel"kämpfer" wie Bonhoefer oder kleine Gruppen Wie die weiße Rose, die versuchten zu helfen. Hat jemand Informationen darüber, inwieweit nicht doch Möglichkeiten vorhanden waren, oder inwieweit die Chancen der Bevölkerung dafür vorhanden waren?

Vielen Dank

Hi,

ich verstehe die Frage nicht ganz. Du hast doch selbst geschrieben, dass es Einzelne gab, die sich gegen die Verfolgung der Juden stellten. Also gab es auch Möglichkeiten dazu. Natürlich waren diese Möglichkeiten mit der Gefährdung des eigenen Lebens verbunden, aber es gab sie.

Hallo !

Die meisten Menschen im 3.Reich waren Nutzniesser und deshalb gab es auch keinen sehr großen Widerstand.

Und die, die heute als Widerstandskämpfer gelobt werden, waren anfangs begeistert dabei. Erst als der Endsieg sehr unwahrscheinlich wurde, wurden sie zu Widerständlern.

mfgConrad

Hallo,

wenn ich wollte, könnte ich Dich schon morgen besuchen und Dich davon abhalten von dem was Du gerade tust.

Auch wenn es bei Dir recht einfach ist und da Du sicherlich nicht mir Geleitschutz herumläufst weniger lebensgefährlich für mich, so würde ich davon ausgehen, dass mir das zumindestens innerhalb ein- oder zwei Wochen auch im 3. Reich gelungen wäre. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre ich dann zwar tot gewesen, aber der Hauptübeltäter auch.

Wo ein Wille ist, ist ein Weg…das galt schon immer, nur so richtig wollen wir nicht immer.

Falls Du eher danach gefragt hast, ob man den Herrn auch hätte demokratisch abwählen können, dann ist dies sicherlich zu verneinen.

Fragen gibt es!

Eencockniedo

inwieweit nicht doch Möglichkeiten vorhanden waren,
oder inwieweit die Chancen der Bevölkerung dafür vorhanden
waren?

Man hätte einfach Nein sagen müssen. Es gab meines Wissens keine ernsthaften Bestrafungen, wenn ein bestimmter Befehligter aus emotionalen Gründen es nicht fertigbrachte, ein paar Leute einfach umzubringen.

Warum trotzdem keiner Nein gesagt hat, läßt sich so erklären:

http://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment
http://www.new-life.net/milgram.htm

Zitat:
Der Versuch bestand darin, dass der „Lehrer“ dem „Schüler“ bei „Fehlern“ in der Zusammensetzung von Wortpaaren, jeweils einen Stromschlag versetzte. Dabei wurde die Spannung nach jedem Fehler um 15 Volt erhöht. In Wirklichkeit erlebte der Schauspieler keine Stromschläge, sondern reagierte nach einem vorher bestimmten Schema, abhängig von der eingestellten Spannung.

Das Ergebnis:

Zitat:
In der ersten Versuchsreihe waren 65% der Versuchspersonen bereit, den „Schüler“ mit einem Stromschlag mit den maximalen 450 Volt zu „bestrafen“; allerdings empfanden viele einen starken Gewissenskonflikt."

Noch wichtiger ist dieser Absatz:

Zitat:
Das Ergebnis einer Erweiterung des Experiments im Jahre 1965 war, dass der Anteil der bedingungslos gehorchenden Probanden stark abnahm (auf 10%), sobald zwei weitere vermeintliche „Lehrer“ an dem Experiment teilnahmen, die dem Versuchsleiter Widerstand entgegensetzten. Befürworteten die zwei „Lehrer“ allerdings die Fortführung des Experimentes, so folgten dem 90% der Probanden.

Es ist also ziemlich dumm, von mehr als 10% zu erwarten, daß sie sich überhaupt weigern mitzutun. Wieviele aktive Widerstandskämpfer sind da zu erwarten? Eben die magere Zahl.

Gruß
dataf0x

Widerstand in Österreich

Erst als der Endsieg sehr unwahrscheinlich wurde,
wurden sie zu Widerständlern.

Das trifft doch wohl für die Gruppe O5 (wie der
Buchstabe „o“) nicht zu.

Gruß
J.

http://de.wikipedia.org/wiki/O5
http://www.doew.at/

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Hat jemand Informationen
darüber, inwieweit nicht doch Möglichkeiten vorhanden waren,
oder inwieweit die Chancen der Bevölkerung dafür vorhanden
waren?

Die Chancen der Bevölkerung wären sehr groß gewesen.
Siehe
Dänemark, Ende September/Anfang Oktober 1943
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/1997/i…
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Holocaus…
http://www1.yadvashem.org/righteous/bycountry/denmar…

Das Verhalten der gesamten dänischen Bevölkerung war einzigartig… und ziemlich peinlich für Deutschland und seine Bürger.

Warum das nicht in so vielen anderen Ländern und auch nicht in Deutschland ging?
Keine Ahnung…
Fehlende Zivilgesellschaft?
Wurschtigkeit?
Obrigkeitsdenken?
Einfluss der permanenten Propaganda?

Die einzelaktionen waren für die Helfer z.T. mit enormen Risiken verbunden.
Wenn man z.B. Hans Calmeyer, der grösste „Judenentsterner“ Europas draufgekommen wäre…
Alfred Rossner wurde (vermutlich) auch wegen seiner Hilfe für Juden 1943 hingerichtet
usw usw

Gruß
Mike

Hallo,

ich denke, da muß man relativieren und vor allem erst einmal definieren, was man unter Wiederstand verstehen will.

Die erklärte Gegnerschaft zum Regime jedenfalls war extrem lebensgefährlich. Das sieht man ja schon an der hohen Zahl der zum Teil rein auf Verdacht festgenommenen Kommunisten, Sozialdemokraten und anderen Demokraten. Ein Aufruf zum Wiederstand und offener Wiederstand war wohl echt kaum möglich.

Nun gibt es aber auch dioe passiven Mitläufer und Nutznießer. Und da hat das deutsche Volk leider keine sehr gute Figur abgegeben.
Es war ja niemand gezwungen, z.B. jüdische Geschäfte von Beginn anzu boykottieren. Es war auch kein deutscher Unternehmer gezwungen, jüdische Betriebe für ein Spottgeld zu übernehmen - das hätte man unter verschiedenen Gründen und Vorwänden ablehnen können. Und es war auch niemand gezwungen, den Juden ihr Eigentum für ein Spottgeld abzukaufen, man hätte ja heimlich nur zum offiziellen Kaufpreis was drauflegen können.
Genau so war niemand gezwungen, verhaftete Juden und andere Häftlinge zu beschimpfen und zu verhöhnen, wenn diese durch die Straßen getrieben wurden.

Eine gewisse Zivilchourage im kleinen Stil war immer möglich. Es gab ja zum beispiel auch Häftlinge und Gefangene in der Landwirtschaft, selbst bei Kleinbauern. Und die menschlich oder unmenschlich zu behandeln lag dann immer im persönlichen Ermessen. Da konnte dann auch meine Großmutter mal den Ortsbauernführer anknurren, weil der gemängelkt hatte, daß meine Oma ihrem zugeteilten Gefangenen ganz normal in der Küche mitessen ließ, statt ihm irgendwelchen Schweinefraß im Stall vorzusetzen. Und der Knilch hat die Tür zu gemacht und das war es dann - mehr ist nicht passiert.

Nur leider neigen viele nun mal zum vorauseilenden Gehorsam. Und leider haben es sehr viele ganz gerne, wenn unter ihnen noch irgend einer steht, auf den sie auch mal rumtrampeln können.

Gernot Geyer

Gab es eigentlich auch basisdemokratische Elemente im 3. Reich? Volksbefragungen usw.?

Gruß

Pavel

Es war ja niemand gezwungen, z.B. jüdische Geschäfte von
Beginn anzu boykottieren. Es war auch kein deutscher

Wie lange ging eigentlich diese Boykott-Aktion?
Hat sie am Tag nach dem Nazi-Wahlsieg begonnen?

Gruß

Pavel

Servus:smile:

Das trifft doch wohl für die Gruppe O5 (wie der
Buchstabe „o“) nicht zu.

Nur um diese Widerstandsgruppe findbarer zu machen:

05 stand für OE (Null für „O“, E = 5. Buchstabe im Alphabet) und damit für
OE sterreich. Heute noch am Stephansdom als damals von den Widerstandsgruppen in die Dommauern am Haupttor graviert zu sehen.

Liebe Grüße aus Wien, jenny

Hallo Stephanie,

der Frauenprotest in der Rosenstraße (Berlin)
http://www.berlin-judentum.de/frauenprotest/rosenstr…

im Februar 1943, an dem sich mehrere hundert Frauen beteiligten, zeigt, daß

  1. Widerstand möglich war
    und
  2. Widerstand erfolgreich sein konnte

In Berlin haben etwa 1400 Juden im Versteck überlebt, was nur möglich war, weil sie Helfer hatten, die sie unterstützten. Auch das ist eine Form von Widerstand.

Recha Freier rettete über 7000 jüdische Jugendliche, die sie aus Deutschland bzw. besetzten Ländern herausbrachte.
http://www.hagalil.com/deutschland/berlin/frauen/fre…

Viele Grüße

Iris

Hallo Stephanie,

Nach meinem Wissensstand gab es im 3.Reich kaum Chancen und
Möglichkeiten der zivilen Bevölkerung gegen den Antisemitismus
des NS-Regimes zu handeln.

Ich denke, das war (und ist vielleicht noch?) einer der Kern-Mythen in der Geschichtsvermittlung über das dritte Reich. Es wäre zu fragen:
Über welchen Zeitabschnitt reden wir wann konkret.
Was war wann wo konkret möglich oder nicht mehr möglich.
Wem und für was dient dieser Mythos?
(z.B. der Entlastung im Sinne: "Man konnte ja sowieso nicht …).

Es wäre weiter zu hinterfragen, ob nur das „NS-Regime“ - wie Du es in Deinem Posting behauptest - antisemitisch war oder ob Antisemitismus nicht in weiten Kreisen der Bevölkerung konsensfähig war.

Deine Formulierung legt nahe, nur das NS-Regime wäre „böse“ gewesen und die anderen hätten sich so quasi nicht wehren können (die Bevölkerung).
Ich denke, die Ausgrenzungspolitik des NS-Regimes, die schon gleich nach der Machtübernahme begann, lief so wie sie lief, weil eben ein weitgehendes Einverständnis der Bevölkerung - die Gründe wären zu diskutieren - vorhanden war.

Meistens waren es doch
Einzel"kämpfer" wie Bonhoefer

Warum nimmst Du Bonhoeffer als „Einzelkämpfer“ wahr:
Stichwort: Pfarrernotbund, Predigerseminar Finkenwalde oder eben der Kreisauer Kreis, der sein Kontext war.

kleine Gruppen Wie die
weiße Rose, die versuchten zu helfen.
Hat jemand Informationen
darüber, inwieweit nicht doch Möglichkeiten vorhanden waren

Kommt immer auf den zeitlichen und örtlichen Kontext an.
Ein Beispiel wäre das Verstecken von Juden.
Wenn im Deutschen Reich ein „Verstecker“ erwischt worden ist, dann ist demjenigen kaum was passiert - zumindest nicht, was danach als Befürchtung an die Nachgeborenen überliefert worden ist („da wäre man ja selber ins KZ gekommen“).

Wenn eine polnische Familie Juden versteckt hat und aufgeflogen ist, dann sah das schon ganz anders aus:
Da wurden erst die ehemals versteckten Juden erschossen, dann die Kinder der Verstecker und dann die Verstecker selber.

Es hing ganz wesentlich davon ab, in welchem Land die Widerstandshandlung passierte und welchen „Rassenstatus“ den Leuten zugeschreiben war:
Arier - Nichtarier und für letzte gab es auch noch verschiedene Kategorien.

Oder nimm das Beispiel vom Polizeiwachtmeister Krützfeld, der durch seinen Einsatz verhindert hat, daß die Neue Synagoge in Berlin angezündet wurde.
Konsequenz: Gerade mal eine Strafversetzung nach Schleswig.

oder inwieweit die Chancen der Bevölkerung dafür vorhanden
waren?

Für mich wäre die Frage eher, warum die vorhandenen Chancen so wenig genutzt wurden?
Stichwort: Kollektive Ausplünderung und Bereicherung am Besitz der jüdischen Bevölkerung.

Viele Grüße

Iris

Hallo,

über Deutschland selber ist mir da nichts bekannt.
Aber es gab eine Volksbefragung im damals französisch besetzten Saarland (wohl 1935) über den Anschluß an Deutschland, bei der fast die ganze Bevölkerung für den Anschluß stimmte und nach der besetzung Österreichs (1938) wohl auch dort eine Brfragung zum gleichen Thema Zusammenschluß mit ähnlichem Ergebnis.
Allerdings wird der Wert derartiger befragungen durch die Art der Fragestellung relativiert, die nicht ganz korrekt war (so ließ die Befragung im Saarland nur die Alternative Anschluß an Fankreich oder Deutschland zu, eine Beibehaltung des damaligen Zustandes stand nicht zur Diskussion und in Österreich wurde wohl einfach gefragt „Bist Du ein Deutscher?“)

Man muß einfach feststellen, daß die Merhheit der Deutschen mit Hitler im Großen und Ganzen einverstanden war.
Das lag vor allem an 2 Gründen: Erstens trat nach 1933 mit Ende der Weltwirtschaftskrise ein Aufschwung ein, der Hitler zugeschrieben wurde. Die Arbeitslosigkeit verschwand und das Lebensniveau stiegt erst einmal wirklich - das wirkte sehr überzeugend. Und zweitens wirkte auch Hitlers Außenpolitik positiv auf das Volk. Auch die bürgerlichen Regierungen der Weimarer republik sprachen ja immer vom Schandfrieden von Versailles nach dem 1. Weltkrieg und die Tatsache, daß Hitler mit den ersten (noch friedlichen) Besetzungen Österreiches und des Sudetenlandes und mit seiner Aufrüstung diese angebliche Schande überwand, wirkte positiv.
Und die Judenverfolgung sowie die Verfolgung politischer Gegner war in weiten Teilen des LAndes ja nicht sichtbar. Es gab ja noch kein Fernsehen und demzufolge keine landesweiten Informationen im heutigen Sinne, objektive Informationen vom Ausland erreichten das Volk schon gar nicht. Da erschienen in der Provinz, in der es ja kaum bzw, keine Synagogen und jüdische Gemeinden gab und allenfalls einzelne Verhaftungen sichtbar wurden, das ganze Problem ja gar nicht in der entscprechenden Größe.

Gernot Geyer

Hallo,

ich denke, man muss hier doch etwas differenzieren.

Wie ja schon mehrfach gesagt wurde, gab es Widerstand, heirauf will ich nicht weiter eingehen.
Es gibt jedoch eine Reihe von Gründen, warum es in vielen Fällen keinen Widerstand gab.

Zunächst einmal muss man sehen, dass das Nazi-Regime am Anfang seinen Antisemitismus nicht derart offen zur Schau gestellt hat, wie man es heute im Rückblick meint. Zwar ging man nach der Machtergreifung davon aus, hier offene Türen einzurennen, bereits der erste Judenboykott kann jedoch als Fehlschlag bezeichnet werden. Insgesamt merkte man sehr schnell, dass das Volk hierfür noch nicht ausreichend bereit war.
Aus diesem Grund war die Politik in den ersten Jahren stark bemüht, ein Bild von Normalität gerade im In-, aber auch im Ausland zu generieren (daher wurden viele Schriftsteller, Filmemacher aus dieser Zeit später gerade dafür verurteilt, „Heile Welt“-Filme gedreht und damit der Propaganda tatsächlich gedient zu haben).

Das führt zum zweiten Punkt. Viele haben den Antisemitismus maßlos unterschätzt. Einerseits wurde er um des erstrebten Zieles, eines stärkeren Deutschland, insb. aber eines wirtschaftlichen Aufschwungs hingenommen. Nach dem Motto: " Das mit den Juden ist zwar nicht ganz in Ordnung, aber wenns der Hilter insg. richtet, muss man halt ein Auge zudrücken." Gerade diese Einstellung beschreibt Haffner gut nachvollziehabar.
Andererseits hat man aber das Ausmaß einfach nicht abschätzen können. Man darf hier nicht übersehen, dass Antisemitismus natürlich keine deutsche Erfindung, sondern weltweit so alt wie das Christentum ist. Es gab ihn also grundsätzlich schon und auch in anderern Ländern. Zudem waren das Deutsche Reich und die Weimarer Republik im internationalen Vergleich den Juden gegenüberpostiver eingestellte Staaten. In wenigen anderern Ländern hatte sie derart viele hohe Ämter und andere Berufe inne. Daher konnten sich viele in Deuschland einfach nicht vorstellen, dass man hier nun den ganz anderen Weg ging. Ausgrenzung, Benachteiligung, das war noch vorstellbar. Aber systematsiche Ausrottung hatte jedenfalls zu Beginn wohl wirklich keiner geglaubt. Und als sich später (zum Teil auch gar nicht so spät wie viele von damals es gerne hätten) die Anzeichen hierfür nicht mehr übersehen ließen, haben die Deutschen eine ihrer effektivstesn Fähigkeiten angewendet: das Verdrängen (weil nicht sein kann, was nicht sein darf).

Man muss natürlich auch anderes sehen:

Wie schon gesagt, gab es in Deuschland natürlich Antisemitismus. Manche haben das wirlich ideologisch gesehen. Viele haben diesen aber aus einfachem Sozialneid entwickeln. Aus bekannten Hintergründen waren viele Juden wohlhabend und saßen in hohen Positionen. Da kommt eine Parole wie „Die sind an allem Schuld, weg mit ihnen“ natürlich sehr gelegen.

Manche haben das auch einfach genutzt, um unliebsamen Nachbarn, Vorgesetzten, etc. eins auszuwischen. Viele haben sich des Antisemitismus also für den persönlichen Erfolg bedient.

Aber auch das sind nur grobe Ansätze, die sich aus zeitgenössischer Literatur, Überlieferungen udn Forschungsergebnissen ergeben.
Gruß,
Dea

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Titel: widerstand der zivilen Bevölkerung im 3.Reich
Nach meinem Wissensstand gab es im 3.Reich kaum Chancen und
Möglichkeiten der zivilen Bevölkerung gegen den Antisemitismus
des NS-Regimes zu handeln. Meistens waren es doch
Einzel"kämpfer" wie Bonhoefer oder kleine Gruppen Wie die weiße
Rose, die versuchten zu helfen. Hat jemand Informationen
darüber, inwieweit nicht doch Möglichkeiten vorhanden waren,
oder inwieweit die Chancen der Bevölkerung dafür vorhanden
waren?

Wer damals heimlich Juden und anderen Verfolgten geholfen hat, leistete doch keinen Widerstand. Er half heimlich, sicher. Aber offener Widerstand gegen die Organe der Reichsführung zu leisten, war etwas ganz anderes.
Wer heimlich Verfolgten half, tat alles, das zu verheimlichen, sich selbst und den Geholfenen zum Nutzen. Ging es gut, hatte man nichts zu befürchten.
Gegen den offiziellen Kurs des Antisemitismus offen anzugehen, war ganz was anderes. Man war sehr schnell selbst betroffen und fand sich in der Reihe der KZ-Insassen wieder. Ein kleiner Fehler im Ariernachweis (nach antinationalsozialistischen Äußerungen) und man war selbst jüdicher Abstammung.
Zusätzlich herrschte damals so etwas wie Sippenhaft. Wenn ein Deutscher wegen einer Sache ins KZ kam, war der Rest der Familie ebenfalls betroffen. Man verlor öffentliche Ämter, man durfte nicht mehr in kriegswichtigen Betrieben arbeiten, usw.
Allein aus diesem Grund hielten sich die meisten mit Kritik bzw Widerstand zurück.
Keine deutsche Familie war lupenrein antinationalistisch eingestellt! Irgendeiner oder eine war doch mit dem Regime verbunden.
Ein Beispiel nur aus unserer Familie :
Eine Tante von mir war BDM-Führerin in Hamburg.
Ein Onkel war hoher Offizier bei der Waffen-SS.
Ein Onkel war persönlicher Mitarbeiter von Robert Ley, KdF.
Ein Onkel bei der Gestapo.
Ein Onkel bei der Schwarzen SS.
So oder ähnlich sah es in vielen Familien aus. Hätte einer von ihnen widerständlerische Äußerungen gemacht und wäre in die Fänge der Gestapo oder des SD gekommen, wäre dem Rest der Familie das Parteibuch entzogen worden und sie hätten ihre guten Jobs verloren.
Das allein hinderte viele, Widerstand zu leisten. Wenn sie überhaupt auf den Gedanken kamen, das zu tun.

Die paar „Widerstandskämpfer“ wurden nicht Widerstandskämpfer, weil ihnen die Judenverfolgung zu viel wurde. Sie wurden es, weil sie sahen, dass der Krieg verloren war.

mfgConrad

Gleichgültigkeit
Moin,

darüber, inwieweit nicht doch Möglichkeiten vorhanden waren,
oder inwieweit die Chancen der Bevölkerung dafür vorhanden
waren?

Die Chancen für Widerstand liegen im Wesentlichen im Charakter des Einzelnen begründet. Warum soll das damals anders gewesen sein als heute ? Wenn man heute sieht, wie unter Gejohle Asylbewerberheime angezündet werden, Leute wegsehen, wenn Menschen an öffentlichen Orten Opfer von Gewalt werden etc., öffentlich gemunkelt wird, ob Folter nicht doch wieder salonfähig ist, wo ist es dann noch schwer zu verstehen, was „damals“ geschah ?

Das Größte Hindernis damals wie heute dürfte die Gleichgültigkeit der Menschen gewesen sein. Dieses „ist mir doch egal“, „da kamm man doch eh nichts machen“, „was geht mich das an“. Wieviel Leute, die hier groß die Klappe aufreißen, verstecken denn Asylbewerber, die in ihrer Heimtat von Folter bedroht sind, und abgeschoben werden sollen (da dies meines Wissens nach kein Abschiebehindernis mehr ist) ? Wieviele Leute verstecken denn von Abschiebung betroffene Jugendliche, die abgeschoben werden sollen, weil sie das 18. Lebensjahr erreichen, auch wenn sie die meisten Zeit ihres Lebens in D gelebt haben und dies als ihre Heimat ansehen etc. ?

Und wenn heute schon nichts passiert, wo man für „Zivilcourage“ vermutlich sogar das Bundesverdienstkreuz bekäme, wer glaubt dann ernsthaft, dass die Lage „damals“ besser war, in einem Staat, der seine eigenen Bürger terrorisierte und Kinder aufforderte, ihre Eltern zu bespitzeln ?

Damals war es opportun und vermutlich sogar überlebenswichtig, nichts gesehen zu haben. Heute ist man lediglich zu bequem.

Und wer glaubt, damals wär das doch mit dem Widerstand alles so easy gewesen, der soll sich mal mit Leuten unterhalten, deren Verwandte in Arbeitslagern verreckt sind, weil sie z.B. Kommunisten waren.

Gruß
Marion

Und nicht vergessen :

Jede Familie hatte ihre Söhne oder Väter als Soldaten an der Front.
Diese wurden sofort in Sippenhaft genommen, wenn ihre Angehörigen in der Heimat etwa gegen die Nazis unternahm oder nur Witze über sie machte.

Hallo,

Und wer glaubt, damals wär das doch mit dem Widerstand alles
so easy gewesen, der soll sich mal mit Leuten unterhalten,
deren Verwandte in Arbeitslagern verreckt sind, weil sie z.B.
Kommunisten waren.

Nur mal so eine Nachfrage.
Wer hat das denn behauptet?

Eencockniedo

Hallo,

Wer damals heimlich Juden und anderen Verfolgten geholfen hat,
leistete doch keinen Widerstand. Er half heimlich, sicher.

Ich bin schon der Meinung, dass das auch Widerstand ist, aber sicherlich ist es vielen gar nicht richtig bewußt gewesen, wie sehr sie ihr eigenen Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Aber offener Widerstand gegen die Organe der Reichsführung zu
leisten, war etwas ganz anderes.

Ja, sicherlich genauso empfehlenswert wie sich als Soldat einem Panzer gegenüberzustellen.

Gegen den offiziellen Kurs des Antisemitismus offen anzugehen,
war ganz was anderes.

Offen im Sinne von öffentlich durch Widersprache dagegen anzugehen war lediglich naiv.

Man war sehr schnell selbst betroffen
und fand sich in der Reihe der KZ-Insassen wieder.

Ziemlich logisch.

Zusätzlich herrschte damals so etwas wie Sippenhaft. Wenn ein
Deutscher wegen einer Sache ins KZ kam, war der Rest der
Familie ebenfalls betroffen. Man verlor öffentliche Ämter, man
durfte nicht mehr in kriegswichtigen Betrieben arbeiten, usw.

Ja das liebe Geld.

Allein aus diesem Grund hielten sich die meisten mit Kritik
bzw Widerstand zurück.

Genau, aus Feigheit. Sehr richtig erkannt.

Keine deutsche Familie war lupenrein antinationalistisch
eingestellt! Irgendeiner oder eine war doch mit dem Regime
verbunden.

Verstehe zwar den Zusammenhang jetzt nicht mehr…aber sicherlich keine falsche Aussage.

Ein Beispiel nur aus unserer Familie :
Eine Tante von mir war BDM-Führerin in Hamburg.
Ein Onkel war hoher Offizier bei der Waffen-SS.
Ein Onkel war persönlicher Mitarbeiter von Robert Ley, KdF.
Ein Onkel bei der Gestapo.
Ein Onkel bei der Schwarzen SS.
So oder ähnlich sah es in vielen Familien aus.

Das stimmt.

Hätte einer von
ihnen widerständlerische Äußerungen gemacht und wäre in die
Fänge der Gestapo oder des SD gekommen, wäre dem Rest der
Familie das Parteibuch entzogen worden und sie hätten ihre
guten Jobs verloren.

Ja das liebe Geld.

Das allein hinderte viele, Widerstand zu leisten.

Hinderte? Das nennst Du Hinderung?

Wenn sie
überhaupt auf den Gedanken kamen, das zu tun.

Naja, die in der SS wohl eher weniger. *schmunzel

Die paar „Widerstandskämpfer“ wurden nicht Widerstandskämpfer,
weil ihnen die Judenverfolgung zu viel wurde.

Das ist mir neu.

Sie wurden es,
weil sie sahen, dass der Krieg verloren war.

Ich glaube hier gibt es schon starke Unterschiede bei den einzelnen Gruppen.

Eencockniedo