So sehe ich das auch: Leute wie Du und ich entscheiden am Ende, wer in meiner Abteilung oder meinem Standort antritt. Wir haben aktuell über 100 Bewerbungen pro Monat in der Firma und die Aufgabe unserer HR besteht zunächst einmal darin, die Dinger auf die Standorte zu verteilen und generelle Zugangsvoraussetzungen zu prüfen. Später dürfen die dann den Papierkram machen. Die Zeugnisse interpretieren meine Kollegen Standortleiter und ich selbst.
So geht es meiner Kenntnis nach auch in vielen anderen mittelständischen und großen Unternehmen zu. In kleinen Unternehmen macht’s der Chef eh selbst.
Und selbst in meiner Zeit in einem Großkonzern kamen die Bewerbungen, die inhaltlich zu meiner Abteilung passten, zunächst auch zu mir. Die HR-Tante durfte dann im Bewerbungsgespräch dabei sitzen und ein paar Fragen stellen. Die Entscheidung trafen dann meine direkte Vorgesetzte und ich.
Insofern mag jetzt jeder selbst beurteilen, WIE Zeugnisse wirklich gelesen werden. Natürlich kann man einen dialektischen Diskurs über vertauschte Reihenfolgen und weggelassene Begriffe beginnen, aber dabei sollte man im Blick behalten, dass kaum ein neuer potenzieller neuer Vorgesetzter hauptamtlicher Zeugnisdechiffrierer ist, sondern mit wachem Auge liest „Gesamtbeurteilung ist X, dabei war Freundlichkeit überdurchschnittlich und Genauigkeit unterdurchschnittlich augsgeprägt… etc. pp.“.
Natürlich hat die FAQ insofern recht, dass man so viel wie möglich vom Zeugnis zeigen sollte, um ein optimales Ergebnis zu bekommen. Aber ein Personaler, der ins Zeugnis „stest zur vollsten Zufriedenheit“ schreibt, um dann durch die Länge der Unternehmensbeschreibung sein Missfallen zu äußern und daraus eine 4- zu machen, ist IMHO ein Anfänger und falsch in seinem Job. Er muss ja befürchten, dass >50% der Leser das falsch auffassen. Warum sollte er das Risiko eingehen.
Natürlich gibt es die Welt der Zeugniskodierer, aber denen stehen praktisch zu viele nicht-Coder als Leser gegenüber. Ich kann mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Thema auch als Selbstzweck dient, um die eine oder andere Beratung/Buch/Seminar etc. zu verkaufen.
Das sind zugegeben Meinungen, aber sicherlich keine unerfahrenen oder falschen. Es wird einfach auch andere geben. Das liegt in der Natur der Sache.
Und im hier besprochenen Fall ist es noch eindeutiger: Die Betroffene hat auch noch einen IHK-Auszeichnung. Was soll da noch passieren?