Hallo,
mal wieder ein armes Opfer eines unvermeidbaren plötzlichen Schicksalsschlages. Wie gut nur, dass „Mann“ sich da einfach eine nette Geschichte zur eigenen Gewissensberuhigung zusammenreimen muss, um sich gedanklich von eigener Verantwortung und Schuld frei zu machen, und sogar noch den aufgrund seines klaren Verstandes und reiner Logik überlegenen Retter von sonst scheiternden Frauen und Kindern geben kann.
Meine Güte, was für eine jämmerliche Selbstbemittleidung, was für ein Männerbild. Hauptsache was in der Hose, Hauptsache was finden, wo man schnell einen verstecken kann, von Verantwortungsgefühl und Risikobewusstsein keine Spur. Und wenn passiert, was nun mal passieren kann, tun wir so, als ob uns der Blitz aus heiterem Himmel getroffen hätte.
Frau hat das nicht ganz so einfach. Da reicht es nicht aus, sich ein paar Dinge zurecht zu denken, sondern da muss sich jemand Beratung und ärztlichem Eingriff stellen. Da kommen dann so häßliche Dinge zur Sprache, dass viele Frauen dies psychisch für den Rest ihres Lebens mit sich rum tragen, dass so ein Eingriff Probleme für eine spätere - gewünschte - Schwangerschaft bedeuten kann, …
Und insbesondere auch, dass da jetzt ohne jedes weitere Zutun ein Mensch entsteht, der zur Hälfte aus den eigenen Genen besteht, vielleicht nicht unbedingt den besten wirtschaftlichen Start ins Leben haben muss, aber trotzdem die Chance auf ein glückliches Leben hat.
Diese ganzen ach so wohl meinenden Argumente bzgl. wirtschaftlicher Situation von Frau und Kind muss man sich in einem Staat mit einem der besten Sozialsysteme und in unserer Zeit wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Großteil der Weltbevölkerung wäre froh, mit Arbeit den Lebensstandard erreichen zu können, den wir huete jedem Leistungempfänger gewähren. Und noch vor nicht langer Zeit sind unsere Großeltern noch in ganz anderen Verhältnissen geboren worden, haben trotzdem Spaß und Glück in ihrem Leben gehabt, und haben es in vielen Fällen geschafft, sich selbst wirtschaftlich auf gesunde Beine zu stellen, selbst wieder Kinder groß zu ziehen, … Ein großer Teil der „großen Köpfe“ der Menschheitsgeschichte ist unter schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen aufgewachsen, als heute bei uns jeder Leistungsempfänger.
In Verden steht aktuell eine Frau vor Gericht, die ihr Neugeborenes u.a. wohl auch deshalb tötete, weil sie befürchtete sich mit Kind ihr Motorrad und die Urlaubsreisen nicht mehr leisten zu können. Für Dich auch akzeptabel? Nein, würdest Du natürlich nie gutheißen, man kann doch kein Kind töten, und so ein „Zellhaufen“ ist doch was ganz anderes, …
Hast Du Dir schon mal Ultraschallbilder aus dem 3. Monat angesehen? Hast Du Dir schon mal Gedanken darüber gemacht, wie in den letzten Jahren die Grenzen für überlebensfähige Kinder immer weiter nach unten gerutscht ist? Überlebensfähige Kinder unter 500g und ab der 25 Schwangerschaftswoche sind eine Realität. Der „Rekord“ liegt aktuell bei 244g. Überlebende Kinder bei späten Schwangerschaftsabbrüchen nach medizinischer Indikation, die dann „zum Sterben weggelegt“ oder in Wassereimern ertränkt worden sind, sowie Maßnahmen die auf die sichere Tötung des Fötus im Mutterleib vor dem weiteren Eingriff abzielen ebenfalls. Wer will sich da anmaßen eine fixe Grenze zu setzen, die morgen von medizinischem Fortschritt überschritten werden könnte (wenn sie es nicht schon längst ist, wie gerade eben in den Fällen der medizinischen Indikation)?
Früher hatten wir es da einfacher. Solange niemand das Kind sehen konnte, und die Überlebenschancen in einem frühen Stadium der Schwangerschaft ohnehin noch nicht gegeben waren, war es leicht, da fixe Termine zu benennen, die einen ausreichenden „Puffer“ hatten, und war es so schön, sich mit dem Begriff des unbeseelten Zellhaufens selbst Absolution zu erteilen. Das funktioniert heute zunehmend weniger, und wird in Zukunft noch weniger funktionieren.
Vielleicht also nicht nur emotional, sondern auch verstandesmäßig nachzuvollziehen, wenn eine Frau sich gegen eine Abtreibung entscheidet.
Gruß vom Wiz