an Wiz zum Thema Schwangerschaftsabbrüche
Lieber Wiz,
wie so oft, lese ich in deinen Zeilen keine Leichtfertigkeit. Trotzdem muss ich dir in einigem widersprechen, anderes muss ich dir leider sagen, finde ich anmaßend.
Aber der Reihe nach. Deine Antwort an mich weiter unten zitiere ich hier; da er direkt zum selben Thread gehört ist dies sicher OK.
Wie gut nur, dass „Mann“ sich da einfach
eine nette Geschichte zur eigenen Gewissensberuhigung
zusammenreimen muss, um sich gedanklich von eigener
Verantwortung und Schuld frei zu machen,
Du machst es dir viel zu einfach mit diesem Vorwurf und wirst der Situation IMHO nicht gerecht.
Frau hat das nicht ganz so einfach. Da reicht es nicht aus,
sich ein paar Dinge zurecht zu denken, sondern da muss sich
jemand Beratung und ärztlichem Eingriff stellen.
Ja, das ist wohl so. Besser wäre es da aber sicher, dem beteiligten Mann Anteil zu geben an der Situation und Teil der Entscheidungsfindung werden zu lassen, als ich ihn hier als unmännlich zu bezeichnen.
Da kommen
dann so häßliche Dinge zur Sprache, dass viele Frauen dies
psychisch für den Rest ihres Lebens mit sich rum tragen, dass
so ein Eingriff Probleme für eine spätere - gewünschte -
Schwangerschaft bedeuten kann, …
Eine, sogar jede Geburt birgt ein hohes Risiko. Sowohl für das aktuelle körperliche Leben, als auch für das psychische. Für zukünftige Schwangerschaften sowieso.
Also bleibt ein Risiko, so oder so. Du stellst es so dar, als ob NUR der Abbruch ein Risiko darstellt, damit verzerrst zu doch die Realität.
Und insbesondere auch, dass da jetzt ohne jedes weitere Zutun
ein Mensch entsteht, der zur Hälfte aus den eigenen Genen
besteht, vielleicht nicht unbedingt den besten
wirtschaftlichen Start ins Leben haben muss, aber trotzdem die
Chance auf ein glückliches Leben hat.
Ja, die Chance auf ein glückliches Leben ist da. Warum verschweigst du aber die Chance auf eine UNglückliches Leben voller Sorgen, Ungeliebtheit, Verlassenheit, Ängsten, Vereinsamungen, …?
Warum schreibst du in zwei Artikel nicht ein einziges Wort zum Standpunkt des Kindes? Warum stellst du dir und hier nicht die Frage nach dem Kindeswohl? Meinst du wirklich JEDES zum Leben gezwungen Kind ist glücklich? Gezwungen worden ungewollt geboren zu werden, weil die Moralvorstellungen gänzlich an seinem Leben Unbeteiligter Druck auf die werdenden Eltern ausgeübt haben?
Selbst die Eltern sind nach 15 bis maximal 20 Jahren (nach Wunsch) aus der Geschichte psychisch raus. Was ist mit dem Kind welches diese erzwungene Entscheidung sein Leben lang ungefragt mittragen muss?
Sorry, aber du machst es dir WIRKLICH viel zu einfach.
Diese ganzen ach so wohl meinenden Argumente bzgl.
wirtschaftlicher Situation von Frau und Kind muss man sich in
einem Staat mit einem der besten Sozialsysteme und in unserer
Zeit wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Ja, als Gesellschaftskritik an uns selbst ist dieses sicher angebracht. Aber doch bitte nicht als Vorwurf an eine konkretes Paar!
In Verden steht aktuell eine Frau vor Gericht, die ihr
Neugeborenes u.a. wohl auch deshalb tötete, weil sie
befürchtete sich mit Kind ihr Motorrad und die Urlaubsreisen
nicht mehr leisten zu können. Für Dich auch akzeptabel?
So einen Vergleich hier anzubringen finde ich unverschämt! Diese Angeklagte ist evtl. eine Mörderin, diesen Makeln willst du allen ernstes die Ursprungsposter anheften? Bist du dir im Klaren, was du da schreibst?
Nein,
würdest Du natürlich nie gutheißen, man kann doch kein Kind
töten, und so ein „Zellhaufen“ ist doch was ganz anderes, …
Ja, ist es. Überlege dir doch noch mal ganz genau wie du „Leben“ definieren möchtest und sage mir, wie viele Ameisen, zweifelsohne vollendetes Leben, du bei deinem letzten Waldspaziergang zertreten hast und welche Konflikte das in dir ausgelöst hat. Doch nicht etwa gar keine?
Wer will sich da anmaßen eine
fixe Grenze zu setzen, die morgen von medizinischem
Fortschritt überschritten werden könnte
Es maßt sich niemand an eine unabdingbare Grenze festlegen zu können, aber wir als Gesellschaft versuchen uns mit einer Abwägung verschiedener Kriterien. So wie bei Tierversuchen und anderen schwierigen Themen auch. Und ja, sowas ist dynamisch was nicht heißt, dass wir heute in Bewegungsstarre verfallen müssen und alles über uns ergehen lassen müssen. Darum sind Tierversuche erlaubt und Schwangerschaftsabbrüche auch. Beides unter (weltlichen) Auflagen.
interessanter Vergleich: Also dürfen wir auch Babys schlachten
und essen, weil wir das mit Äpfeln schließlich auch tun.
Du hast meine Analogie offenbar nicht verstanden. Ein Mensch wäre ein Baum und auch diesen dürfen wir nicht so einfach fällen, weil unsere Gesellschaft und übrigens auch der Gesetzgeber, diesem einen hohen Wert einräumt.
Die Sache mit dem unbeseelten Zellhaufen ist eine wunderbar
einfache Erklärung für Menschen, die sich keine weiteren
Gedanken zu dem Thema machen wollen, weil sie eine möglichst
einfache Erklärung brauchen, auf die sie ihre eigene
Absolution aufbauen.
Das ist eine Unterstellung. Man könnte befürchten, dass du diese brauchst um Abtreibungsbefürwortern nicht als erwachsene, selbst reflektierte, sorgenvolle Entscheidungen treffende Menschen akzeptieren zu müssen.
Kann durchaus sein, dass wir in 100 Jahren wegen unserer
aktuellen Fristenregelung genauso als Barbaren von unseren
Nachkommen gesehen werden, wie wir heute diejenigen
betrachten, die noch vor nicht langer Zeit Menschen mit
geistiger Behinderung das Lebensrecht abgesprochen haben,
Schade, dass du hier offenbar Nazivorwürfe aus der Versenkung holst um deinem Standpunkt zu untermauern. Darum werde ich diesen Abschnitt inhaltlich nicht kommentieren.
Viele Grüße,
J~