Hallo,
ich poste hier mal nen kurzen Abschnitt aus einer Arbeit, die ich im Studium geschrieben habe und die sich mit dem Erstspracherwerb befasst hat, vielleicht hilft Dir das ja.
Ein Wort im Voraus: Nichts genaues weiß man nicht 
LG;
NOrah
_______________
Allgemein versteht man unter Erstspracherwerb das ungesteuerte Erlernen
einer natürlichen Sprache mit all ihren Aspekten. Dieser Vorgang beginnt mit
der Geburt und vollzieht sich in voneinander unterscheidbaren Phasen. Dabei
können diese zwar verschieden lang sein, sie haben aber immer die gleiche
Reihenfolge.
Vorstadium:
Die ersten Wochen direkt nach der Geburt zeichnen sich
durch das so genannte reflektorische Schreien aus. Dabei ist das zunächst
undifferenzierte Schreien ab der zweiten Woche durchaus als differenziert zu
beschreiben, da das Kind bereits verschiedene affektive Zustände
auszudrücken vermag. Diese Entwicklung nimmt zu, und in der 4. bis 6.
Woche ist das Schreien dann schon deutlich emotional gefärbt, zuerst nur
negativ, dann auch positiv. Missbehangen und Zufriedenheit können gut
unterschieden werden. Man geht davon aus, dass die Kinder in diesem
Stadium ihre Muttersprache schon von anderen Sprachen unterscheiden
können.
Lallstadium:
Im 3. bis 6.Monat kommt es zu einer stimmlichen
Expansion, das Kind spielt mit der Stimme, mit der Fähigkeit, Melodie und
Intensität zu modulieren. Der Vokaltrakt wird ausgebildet, es kommt zum
Ausprobieren aller Laute. Ab dem 6. Monat bildet sich das Phoneminventar
der Muttersprache heraus. Im 7. bis 10. Monat zeigt das Kind erstmals das
Lallen bestimmter Silben, wobei Reduplikationen (Ma-Ma, Pa-Pa, etc) gehäuft
auftreten. Wichtig ist, dass der Grundlautschatz noch bei allen Kindern
identisch ist. Erst ab etwa dem 12. Monat werden dann nichtmuttersprachliche
Kontraste nicht mehr wahrgenommen.
Einwortphase:
Mit dem 12. Monat beginnen Kinder, die ersten Wörter
zu produzieren. Dabei handelt es sich mehrheitlich um offene Wortklassen,
vor allem Substantive, Verben, Wörter mit einer einfachen Silbenstruktur. Bis
zum Alter 1;6 (1 Jahr 6 Monate) erwirbt das Kind seinen ersten Wortschatz mit
einem Umfang von ca. 40-50 Wörtern. Die Äußerungen sind oft so genannte
„Holophrasen“, die sich aus dem Wort und seinem Kontext zusammensetzen.
Zweiwortphase:
Etwa im Alter von 18 Monaten zeigen Kinder die ersten
Kombinationen von Wörtern. Dabei treten allerdings keine Flexionen auf,
vereinzelt finden sich Plurale oder Genitive. Die Äußerungen zeichnen sich
durch individuelle Wortstellungen aus. Zwischen 1;8 und 3;6 findet ein
sprunghafter Zuwachs an Wörtern statt, der sich bis etwa ins vierte Jahr so
fortsetzt.
Weiterentwicklung:
Zwischen 2;0 und 2;6 gehen die Kinder von den
Zwei- zu Drei- und Mehrwortäußerungen über, die allerdings noch eine
einfache syntaktische Struktur aufweisen. Erst danach bis etwa zum Ende des
vierten Lebensjahres bilden Kinder Sätze, die bereits eine komplexere Syntax
besitzen, die Flexionen werden ausgebaut, es tauchen Nebensätze auf.
Dieser Ausbau und der Angleich an die Erwachsenensprache setzen sich
anschließend fort.
Theorien
Die wichtigsten Theorien und Erklärungsansätze zum Spracherwerb sind der
Behaviorismus, der Nativismus, der Interaktionismus, Instruktionalismus und
der Kognitivismus.
Der Behaviorismus hat seine theoretischen Wurzeln im Empirismus
(Aristoteles), sein wohl bekanntester Vertreter ist B.F. Skinner, der 1957 mit
seinem Buch „Verbal Behavior“ die behavioristische Theorie des
Sprachverhaltens begründete.
Die Theorie des Behaviorismus geht davon aus, dass menschliches Wissen
primär auf Erfahrung und Lernen beruhe. Wissenschaftliche Theorien wie die
zum Spracherwerb nehmen ausschließlich Bezug auf unmittelbar
beobachtbare Phänomene, Annahmen über mentale Prozesse werden nicht
zugelassen sondern in der „black box“ eingeordnet.
Sprache wird als spezifische Form von Verhalten gesehen, wobei Verhalten
wiederum entsteht aus der Verbindung von Stimulus (Reiz) und Response
(Reaktion). Die Entstehung sowohl menschlichen als auch tierischen
Verhaltens basiert auf einem grundlegenden Lernmechanismus, dem
klassischen und operanten Konditionieren.
„Die Beschreibung jeglichen Verhaltens soll mit drei Grundkategorien
auskommen. Im Hinblick auf einen betroffenen Organismus können
Ereignisse entweder als Stimuli, als Responses oder als
Reinforcements klassifiziert werden. Bestimmte Stimulus-Response-
Verbindungen sind von vornherein angelegt; andere erwirbt der
Organismus, wenn eine Response auf einen Stimulus durch ein zeitlich
benachbartes Ereignis bekräftigt wird. Je häufiger auf eine Stimulus-
Response-Verbindung ein Reinforcement folgt, desto wahrscheinlicher
wird, daß der Organismus mit der bekräftigten Response auf den
entsprechenden Stimulus reagiert. […] Selbst eine so spezifisch
menschliche Eigenschaft wie Sprache – ‚verbal behavior’ in Skinners
Terminologie – soll nach den gleichen Lernprinzipien erworben
werden.“
Beim Worterwerb als Konditionierungsvorgang etwa wird ein Objekt durch das
wiederholte gemeinsame Auftreten mit der Objektbenennung zum bedingten
Stimulus und die Objektbenennung zur bedingten Reaktion. Neben den
tatsächlich auftretenden Stimuli können auch innere Vorstellungen des
Objekts die Benennung auslösen. Dementsprechend wird das Erlernen von
Sätzen auch als Kettenkonditionierung verstanden.
Zentrale Krititkpunkte am Behaviorismus sind neben der direkten Übertragung
beobachteten tierischen Verhaltens auf den Menschen auch, dass er nicht in der Lage ist, den kreativen Prozess des Erstspracherwerbs zu erklären und
der komplexen Struktur der Syntax keine Rechnung trägt:
„Children learn to speak, the popular view, by copying the utterances
heard around them, and having their responses strengthened by the
repititions, corrections, and other reactions that adults provide. In recent
years, it has become clear that this principle will not explain all the facts
of language development. Children do imitate a great deal, especially in
learning sounds and vocabulary; but little of their grammatical ability
can be explained in this way.”
Die Wurzeln des Nativismus liegen im Rationalismus und Mentalismus (Plato),
bekanntester Vertreter ist Chomsky, der sich 1959 mit seiner „Review of
Verbal Behavior of B.F. Skinner“ klar vom Behaviorismus abgrenzte und die
so genannte „kognitive Wende“ der Psychologie mitbegründete.
„Neben dem allzu direkten Schluß vom tierischen auf das menschliche
Verhalten bestritt Chomsky den Wert der von Skinner vorgenommenen
Übertragung der Laborergebnisse auf natürliches (‚real life’) Verhalten.
[…] Er gelangte zu dem Schluß, daß Skinners Vorschlag zur Analyse
des Sprachverhaltens, wörtlich genommen, nichts über linguistisches
Verhalten aussage.“18
Der Nativismus geht davon aus, dass die geistige Entwicklung des Menschen
primär auf der Interpretation von Wirklichkeit durch den menschlichen Geist
und auf der Reifung angeborener mentaler Strukturen beruht.
Wissenschaftliche Theorien bezüglich des Denkens (Kognition incl. Sprache)
und entsprechender Erwerbsmechanismen müssen auf Annahmen über
abstrakte Wissensrepräsentationen und Informationsverarbeitungsmechanismen
beruhen.
Zentrale Fragestellung ist hier also das logische Problem des sprachlichen
Strukturerwerbs: Wie können Kinder trotz fehlerhaften Inputs durch die
Erwachsenen und fehlender negativer Evidenz so schnell und scheinbar
mühelos ein derartig abstraktes und vielschichtiges Wissen über die Struktur
der Sprache und die Grammatik ihrer Muttersprache derart detailgenau
erwerben? Aus dieser Fragestellung wurde der Schluss gezogen, dass Kinder, eben da
der Input zu fehlerhaft sei um allein auf dessen Basis so schnell und genau
sprechen zu lernen, über eine bereits in ihren Grundzügen angelegte
Sprachstruktur verfügen müssten (Prädisposition).
Dieser Einzelsprachen-unabhängige „Bauplan“ wurde als Universalgrammatik
(UG) bezeichnet, wobei die UG den Spracherwerb mit Hilfe einer begrenzten
Menge von Sprachbauprinzipien und einer Auswahl an
Ausgestaltungsmöglickeiten steuert. Diese Anlage bezeichnet Chomsky als
LAD, Language Acquisition Device.
„The child uses its LAD to make sense of the utterances heard around it
[…]. This knowledge is then used to produce sentences that, after a
process of trial and error, correspond to those in adult speech: the child
has learned a set of generalizations, or rules, governing the way in
which sentences are formed.“19
Die Kritik am Nativismus macht sich an vier Punkten fest: Erstens lässt die
ausschließliche Orientierung an der Grammatik die funktionalen Aspekte des
Spracherwerbs (Kommunikativer Ausdruck, Pragmatik, Semantik) außer Acht.
Zudem berücksichtigt der Ansatz nicht die Relation nonverbaler kognitiver
Strukturen und Entwicklungsprozesse im sprachlichen Strukturaufbau. Der
sprachliche Input ist drittens auch weitaus spezifischer und weniger „arm“ als
postuliert, und schließlich stellt die genetische Verankerung von
Sprachkompetenz keine befriedigende Antwort bereit auf die zentrale Frage
nach dem Lern- bzw. Erwerbsmechanismus (vgl. Entwicklungssequenzen).
Der Interaktionismus beruht auf der Handlungstheorie und der
Sprechakttheorie (Sprache wird nicht als primär strukturelles System
betrachtet, sondern als Instrument zur Ausführung von Sprechakten).
Dabei wird von der pragmatischen Basisstruktur der Sprache ausgegangen:
Sprache wird als Form des kommunikativen Handelns gesehen, d.h. ein Kind
erwirbt Sprache immer in situativen, kommunikativen Handlungskontexten.
Der Spracherwerb beruht folglich auch auf dem grundlegenden menschlichen
Bedürfnis nach Kommunikation und Interaktion. Die pragmatischen Handlungen der Mutter/ primären Bezugspersonen fungieren dabei laut
Bruner als LASS, als Language Acquisition Support System.
Den präverbalen Mutter-Kind-Interaktionen kommt eine entscheidende
Bedeutung zu. Zu diesen kommunikativen Routinen gehören das
abwechselnde Vokalisieren, das rhythmische Blickkontaktverhalten und das
Ausführen ergänzender Tätigkeiten.
Sprachentwicklung ist die Fortführung nonverbaler Kommunikation, da sich
verbale Kommunikationsstrategien direkt aus den nonverbalen ableiten. Die
unerstellte Interpretation der Mütter in Bezug auf die Lautäußerungen ihrer
Kinder veranlasst zu verbalen und nonverbalen Handlungen. In der verbalen
Phase werden Handlungsspiele und kommunikative Routinen schrittweise zu
Sprachspielen und kommunikativen Routinen und so aus nonverbalen verbale
Handlungen. Im Lexikonerwerb entwickelt sich die Referenzfunktion von
Sprache im interaktionalen Kontext durch Aufmerksamkeitslenkung, greifende
Gesten, Zeigen, Ausführen und Benennen. Beim Grammatikerwerb bilden
kommunikative Handlungs- und Sprachspiele die Basis für die so gestaltete
Strukturierung der Umwelt durch die Mutter, dass das Kind daran lernen kann.
Dies bietet auch gleich einen Ansatzpunkt für Kritik: der Interaktionismus
erklärt einen Aspekt der sozialen Entwicklung des Kindes, nicht aber der
sprachlichen Strukturentwicklung. Es handelt sich eher um eine Theorie der
sozialen Motive des Strukturerwerbs als um eine Theorie, welche diesen
hinreichend erklären könnte. Zudem weist dieser Ansatz nur eine schmale
empirische Grundlage auf, bezieht sich zumeist auf Einzelfallstudien.
Die theoretische Grundposition des Instruktionalismus ist in der Empirie
verankert, der bekannteste Vertreter ist Snow.
Spracherwerb wird hier verstanden als indirekter Sprachunterricht vermittels
eines gezielten sprachstrukturellen Angebots und Rückmeldeverhaltens aus
der sprachlichen Umwelt. Die kindlichen Bezugspersonen reagieren intuitiv
fein abgestimmt (fine-tuning-Hypothese) auf die Informationsbedürfnisse und
Sprachverarbeitungskapazitäten ihrer Kinder. Dies tun sie durch erstens ein
gezieltes Angebot an formal und semantisch vereinfachtem Input (Motherese), und zweitens durch ein spezifisches Rückmeldeverfahren, d.h. durch
vollständige, erweiternde oder korrigierende Imitation kindlicher Äußerungen.
Motherese könnte man wie folgt charakterisieren:
„ - Prosodische Merkmale. Die mütterliche Sprache weist eine höhere
Grundfrequenz und überdeutliche Intonationsmuster auf
- Komplexitätsmerkmale. Die mütterliche Sprache enthält kurze
Äußerungen, viele Fragen, viele Aufforderungen, wenige
Vergangenheitsformen
- Redundanz. Die mütterliche Sprache ist durch konkrete Wörter,
durch Wiederholungen von Wörtern, Äußerungsteilen und
Äußerungen sowie durch Expansionen, das sind erweiternde
Paraphrasen der kindlichen Äußerungen, bestimmt.“20
Der Instruktionalismus bestreitet die nativistische These von der
Fehlerhaftigkeit des elterlichen Inputs und postuliert, dass die
Vorstrukturierung des Inputs beim Motherese ausreicht, um den sprachlichen
Strukturerwerb zu erklären. Dazu wäre kein angeborener LAD nötig.
Als Kritikpunkt kann man jedoch nennen, dass Motherese eben doch keine
zwingende Vorraussetzung zum Spracherwerb zu sein scheint, wie
interkulturelle Studien belegen konnten. Zudem kann der kindliche Output
komplexer sein als der Input und die angebliche Feinabstimmung auf die
Kapazitäten und Bedürfnisse des Kindes ist i.d.R. nicht beobachtbar21, d.h. der
Input aus spezifischen Kommunikationssituationen reicht nicht aus, um die
Komplexität des Strukturaufbaus zu erklären.
Der moderne kognitivistische Ansatz in der Spracherwerbsforschung beruft
sich vor allem auf Slobin. Doch auch Piagets Annahme, dass sich die
Sprachentwicklung nach den allgemeinen Regeln der Denkentwicklung
vollziehe, prägte diesen Ansatz entscheidend22.
Grundsätzlich wird von der Kontinuität und Universalität der kognitiven
Entwicklung ausgegangen. Alle kognitiven Fähigkeiten werden gesehen als
Ergebnis ein- und desselben, durch angeborene Strukturen gesteuerten,
kontinuierlichen Erwerbsprozesses, wobei Sprache als höchste Stufe in der
Entwicklung der Abstraktions- und Symbolfähigkeit darstellt, womit der Spracherwerbsprozess in die allgemeine kognitive Entwicklung eingebettet ist:
„[…] language acquisition must be viewed within the context of a child’s
intellectual development.“23
Der Kognitivismus postuliert dabei ein so genanntes Primat der Bedeutung,
d.h. Kinder können nur solche Konzepte versprachlichen, die sie auch
verstanden haben. Sprachliche Strukturen entwickeln sich nicht unabhängig
von semantisch-konzeptuellen Strukturen, d.h. wann ein Konzept ausgedrückt
und verstanden werden kann, hängt nicht primär davon ab, wie komplex die
sprachliche Kodierung erfolgt, sondern vom (universellen) Zeitpunkt des
Konzepterwerbs.