Wilhelm II und dann?

moin in die runde,

gerade vor einigenm tagen hatte ich mit nem norweger die interessante frage erörtert, wer eigentlich „thronfolger“ des deutschen kaisers sei. wer würde eigentlich deutscher kaiser, wenn man monarchie wieder einführen würde? und: würde es die grundsätzliche möglichkeit dazu geben?

henner

Hallo,

sollte irgendjemand ernsthaft versuchen, wieder einen deutschen Kaiser einzusetzen (tatsächlich gibt es so einen Verein: http://www.pro-monarchie.de/), dann wäre Seine kaiserliche und königliche Hoheit Georg Friedrich Prinz v. Preussen der aktuelle Thronfolger. Monsieur erblickten am 10.06.76 als erster Sohn von Prinz Louis Ferdinand jun. und Prinzessin Donata von Preussen das Licht der Welt.

Theoretisch könnten wir natürlich unsere Staatsform wechseln, z. B. via Revolution; praktisch wird das wohl kaum jemand ernsthaft in Erwägung ziehen.

Für mich hätte das ganze maximal Wert als touristische Attraktion. Man stelle sich die millionen Amis und Japaner mit gezücktem Foto vor, die gebannt auf das Erscheinen des Kaisers am Balkon von Sanssouci warten. Ein bayrischer König wäre da aber vieleicht noch besser…

Gruss
Peter

moinsen,

sollte irgendjemand ernsthaft versuchen, wieder einen
deutschen Kaiser einzusetzen (tatsächlich gibt es so einen
Verein: http://www.pro-monarchie.de/), dann wäre Seine
kaiserliche und königliche Hoheit Georg Friedrich Prinz v.
Preussen der aktuelle Thronfolger. Monsieur erblickten am
10.06.76 als erster Sohn von Prinz Louis Ferdinand jun. und
Prinzessin Donata von Preussen das Licht der Welt.

oh ja. vielen dank. ich hatte jetzt auf otto von habsburg getippt, aber der dürfte nach österreich-ungarn gehören, oder?

Theoretisch könnten wir natürlich unsere Staatsform wechseln,
z. B. via Revolution; praktisch wird das wohl kaum jemand
ernsthaft in Erwägung ziehen.

okay. bei revolutionen steht ja alles auf dem kopf. ich meinte mehr den gedanken, ob irgendwo - grundgesetz oder so - festgeschrieben steht, dass deutschland die „republik“ als staatsform hat. mir ist grad nur dazu art. 20 gg ins auge gefallen. „die bundesrepublik deutschland ist ein demokratischer und sozialer bundesstaat.“

also in spanien haben sie ja auch wieder die monarchie eingeführt - allerdings unter anderen umständen…

weißt, was ich meine?

Für mich hätte das ganze maximal Wert als touristische
Attraktion. Man stelle sich die millionen Amis und Japaner mit
gezücktem Foto vor, die gebannt auf das Erscheinen des Kaisers
am Balkon von Sanssouci warten. Ein bayrischer König wäre da
aber vieleicht noch besser…

ich sehe das bild vor mir… :-/

schöne grüße aus dem demokratischen norden. :smile:

henner

Einführung der Monarchie? Geht nicht!

Theoretisch könnten wir natürlich unsere Staatsform wechseln,
z. B. via Revolution; praktisch wird das wohl kaum jemand
ernsthaft in Erwägung ziehen.

Es geht nicht einmal theoretisch. Der unten zitierte Artikel 20 GG legt die Staatsform Republik fest. Artikel 79,3 bestimmt, dass die beiden Artikel 1 und 20 in der Sache nicht geändert werden dürfen („Ewigkeitsgarantie“ - eine wichtige Erfahrung von der Weimarer Reichsverfassung).

Aus nämlichen Grund können übrigens auch die Bayern keine Monarchie - und sei sie parlamentarisch - einführen (Bundesrecht bricht Landesrecht).

Andreas

Otto von Habsburgs Ansprüche

oh ja. vielen dank. ich hatte jetzt auf otto von habsburg
getippt, aber der dürfte nach österreich-ungarn gehören, oder?

ja.
kann der eigentlich noch erbansprüche auf spanien erheben?

Nein. Die Sache ist seit dem Spanischen Erbfolgekrieg zu Gunsten der Bourbonen geregelt. Otto hat zudem auf Ansprüche in Österreich verzichtet, um seine Einreise zu ermöglichen.
Ottos Vater Karl, der letzte k.u.k. Herrscher, hat übrigens nach 1918 zweimal versucht, wenigstens auf den ungarischen Königsthron zurückzukehren. Otto v.Habsburg war in der Wendezeit 1989 einmal als ungarischer Präsident im Gespräch.
Die Voraussetzung hätte er, weil er alle Sprachen der alten Donaumonarchie spricht. (Viel Spaß beim Aufzählen!)

Andreas

Hallo,

Ganz meine Meinung! Nur eine kleine Randbemerkung: in Sans souci gibt es beim besten Willen keinen Balkon, denn das Schloß ist ebenerdig. Gruß Martin

hi

deine erklärungen sind sehr hilfreich! aber…

Otto v.Habsburg war in der

Wendezeit 1989 einmal als ungarischer Präsident im Gespräch.
Die Voraussetzung hätte er, weil er alle Sprachen der alten
Donaumonarchie spricht.

… mit ALLEN sprachen der donaumonarchie hätte der gute auch seine probleme! ob DER wohl jiddisch kann, lemkisch, romanes und goralisch? *g

dietmar

lemkisch? goralisch?
jiddisch is klar, romanes auch, aber die beiden?!?

Nein. Die Sache ist seit dem Spanischen Erbfolgekrieg zu
Gunsten der Bourbonen geregelt.

ah ja richtig, das war das! moment, wann war der krieg nochmal? war das zu napoleons zeit? nee, …

Spanischer Erbfolgekrieg

Nein. Die Sache ist seit dem Spanischen Erbfolgekrieg zu
Gunsten der Bourbonen geregelt.

ah ja richtig, das war das! moment, wann war der krieg
nochmal? war das zu napoleons zeit? nee, …

Naj, fast :smile: Geh nochmal hundert Jahre zurück. Ludwig XIV. Alles klar?

Andreas

Obwohl die Habsburger immer sehr judenfreundlich waren, kann ich mir jiddisch nur schwer vorstellen.
Die Juden wurden übrigens bei den letzten Volkszählungen in der Monarchie (1910) zu den Deutschen dazugezählt. Deutsche mosaischen Glaubens. Das verschaffte dem deutschen Bevölkerungsanteil in der österreichischen Reichshälfte nocheinmal eine Atempause auf dem Weg zur Minderheit, und den Juden die endgültige rechtliche Gleichstellung.

Aber um auf Otto zurückzukommen. Ich schränke ein: alle offizielle Sprachen. So schwer ist es auch nicht, weil ja gerade die slawischen Sprachen mehrfach vorkamen. Also ich zähle auf (Ergänzungen erwünscht):

Deutsch
Ungarisch
Latein (Parlamentssprache in Ungarn, weil die Minderheiten nicht ungarisch verhandeln wollten)
Tschechisch/Slowakisch
Polnisch
Ukrainisch
Rumänisch
Serbisch/Kroatisch
Slowenisch
Italienisch

Alles klar?

Andreas

Nein. Die Sache ist seit dem Spanischen Erbfolgekrieg zu
Gunsten der Bourbonen geregelt.

ah ja richtig, das war das! moment, wann war der krieg
nochmal? war das zu napoleons zeit? nee, …

Naj, fast :smile: Geh nochmal hundert Jahre zurück. Ludwig XIV.
Alles klar?

jau, alles klar.
naja fast, warum „mussten“ die engländer nochmal die armada versenken?
grübel…
jaja, kaum sind mal ferien…

lemkisch? goralisch?
jiddisch is klar, romanes auch, aber die beiden?!?

lemkisch ist einer der fünf ruthenischen dialekte und wurde in galizien gesprochen, also, wenn man’s streng nimmt, nur im kaiserlichen, nicht im königlichen teil der k.u.k. monarchie. zu ungarn gehörte aber bis 1918 auch die slowakei, und an deren nordgrenze liegen einige dörfer, in denen das „bergpolnische“ goralisch gesprochen wird (bis heute).

gruß
dietmar

moment mal… willst du sagen, dass das alles amtssprachen in der k.u.k. monarchie waren oder nur im ungarischen teil oder dass otto die alle kann?

Aber um auf Otto zurückzukommen. Ich schränke ein: alle
offizielle Sprachen. So schwer ist es auch nicht, weil ja
gerade die slawischen Sprachen mehrfach vorkamen. Also ich
zähle auf (Ergänzungen erwünscht):

Deutsch
Ungarisch
Latein (Parlamentssprache in Ungarn, weil die Minderheiten
nicht ungarisch verhandeln wollten)
Tschechisch/Slowakisch
Polnisch
Ukrainisch
Rumänisch
Serbisch/Kroatisch
Slowenisch
Italienisch

Sprachpolitik in Ö-U

moment mal… willst du sagen, dass das alles amtssprachen in
der k.u.k. monarchie waren oder nur im ungarischen teil oder
dass otto die alle kann?

Generell lässt sich sagen, dass in der österreichischen Reichshälfte eine sehr liberale Sprach- und Minderheitenpolitik betrieben wurde. Im Gegensatz zum Parlament, in dem verstärkt nationalistische Brandreden gehalten wurden (gerade von deutscher Seite), war die kaiserliche Regierung auf Ausgleich bedacht.

(Übrigens ein oft vernachlässigter Aspekt in der Demokratietheorie: die „reaktionäre“ kaiserliche Regierung geht das Nationalitätenproblem „fortschrittlicher“ an als das frei gewählte Parlament. Soll heißen: Demokratie und Nationalismus gehöre zusammen. Ein heißes Eisen!)

Dieser ausgleichende Geist der Habsburger spielte natürlich auch in der Erziehung der Thronfolger eine wichtige Rolle. Kronprinz Rudolf und Franz Ferdinand (der von Sarajevo) waren gerade bei den Deutschen und Ungarn unbeliebt, weil sie sich für eine Verständigung mit den slawischen Völkern stark machten.
Otto von Habsburg wurde auch nach 1918 von seiner Mutter als Kronprinz erzogen, und das hieß eben, sich mit allen Untertanen verständigen zu können.

Amtssprachen waren ursprünglich nur deutsch und ungarisch. Während aber die Ungarn in ihrer Reichshälfte gegenüber den Minderheiten wie Kroaten und Rumänen eine strikte Nationalisierungspolitik verfolgten, hatte die österreichische Regierung vor 1914 noch zwei wichtige Abkommen in Kraft gesetzt, die sehr zukunftsweisend waren: der mährische und der bukowinische Ausgleich. In diesen Provinzen wurde den Einwohnern garantiert, im Bildungswesen und auf den Ämtern in ihrer Sprache agieren zu können. Entsprechend mussten die Beamten neue Sprachen dazu lernen.

Dies verhinderte z.B. in Böhmen einen entsprechenden Ausgleich, weil die deutsche Oberschicht nicht tschechisch lernen wollte.

War etwas länger, ist aber trotzdem interessant, wie ich hoffe.

Andreas

War etwas länger, ist aber trotzdem interessant, wie ich
hoffe.

merci, ich hab’s mit genuss gelesen!

auf die assimilationspolitik gegenüber dem rumänischen hätte ich auch hingewiesen und bin mir ziemlich sicher, dass otto von h. nicht rumänisch spricht…
der zusammenhang von nationalismus und demokratie ist aber nicht sooooo brisant, wenn er nicht zu massakern und ethnischen säuberungen führt - die als bürgerliches machtinstrument der staatswerdung zuerst in den 20er jahren im türkisch.griechischen vertreibungskonflikt und dem massaker an den armeniern begannen - und damit nicht in demokratischen staaten! „staatswerdung“ und brandreden sind für mich ein engerer zusammenhang, auch wenn man berücksichtigt, dass der nationalstaat oft ein demokratisches projekt ist.

bleibt noch anzumerken, dass in deinem posting, in dem du die sprachen aufzählst, tschechisch und slowakisch nicht in eine zeile gehören (es sind halt zwei westslawische sprachen, auch wenn tschechische Philologen das slowakische liebend gerne zu einem tschechischen bauerndialekt erklären würden). kroatisch und serbisch und „bosnisch“ gehören hingegen in eine zeile, wie du es ganz richtig gemacht hast, auch wenn die herrschaften in zagreb und belgrad und sarajewo das ganz anders sehen…

dietmar

Sprachen etc.

auf die assimilationspolitik gegenüber dem rumänischen hätte
ich auch hingewiesen und bin mir ziemlich sicher, dass otto
von h. nicht rumänisch spricht…

Ich kann’s nicht bezeugen, aber die Rumänen waren eine so große Minderheit (Bukowina, Siebenbürgen), dass er es sicher gelernt hat. Ist ja auch kein Problem, wenn man italienisch und französisch „paliert“.

der zusammenhang von nationalismus und demokratie ist aber
nicht sooooo brisant, wenn er nicht zu massakern und
ethnischen säuberungen führt

Naja, man hätte sich ja vorstellen können, dass die Volksvertretung zusammenhält. Oder deutsche und tschechische Liberale zusammenhalten. War aber nicht.

Ich wage die These, dass die Zerschlagung des Vielvölkerstaates ein Grundübel des 20. Jhs. war. Aber die Diskussion führte sicher zu weit.

bleibt noch anzumerken, dass in deinem posting, in dem du die
sprachen aufzählst, tschechisch und slowakisch nicht in eine
zeile gehören (es sind halt zwei westslawische sprachen, auch
wenn tschechische Philologen das slowakische liebend gerne zu
einem tschechischen bauerndialekt erklären würden).

Jaja, die Slowaken haben es schon schwer zwischen Tschechen und Ungarn. Ich war aber in der Tat der Meinung, dass hier eine ähnliche Verwandtschaft besteht wie bei den südslawischen Sprachen. Werde diese Aussage in Zukunft unterlassen :wink:

Andreas

Ö-U nicht zerschlagen?

Naja, man hätte sich ja vorstellen können, dass die
Volksvertretung zusammenhält. Oder deutsche und tschechische
Liberale zusammenhalten. War aber nicht.

Ich wage die These, dass die Zerschlagung des
Vielvölkerstaates ein Grundübel des 20. Jhs. war. Aber die
Diskussion führte sicher zu weit.

och, ich finde es nicht zu weitgehend. nur… du hast selbst moniert, dass die parlamente entlang nationalistischer fragen diskutierten, während die monarchie ausgleichend tätig war. heißt das etwa, daß du für den erhalt der monarchie gewesen wärest? *kicher* angemessener ist es wohl, auf die entwicklung der demokratie zu drängen. Siehst du irgendeine ernsthafte alternative zur zerlegung Ö-Us?

deutsche und tschechische liberale etc… da erliegst du, mit verlaub, einer liberalen fiktion, dass der (alt-)liberalismus hätte transnational, gar internationalistisch sein können. der nationalstaat als das große projekt der liberalen im 19. Jh. war damals aber nun mal eine einrichtung, die einen wirtschaftsraum definierte, der mit anderen wirtschaftsräumen konkurrieren sollte; und wenn zusammengewachsen war, was nicht zusammengehörte, musste eben getrennt werden, um die verschiedenen ökonomien optimal zu entwickeln. es sein denn, es hätte eine neue zentralgewalt gegeben, die für einen ökonomischen ausgleich sorgte; aber finanzausgleiche etc. sind eine errungenschaft entwickelter industriegesellschaften.

auf einer weniger ökonomischen, sondern gesellschaftlichen ebene war es doch so: die liberalen grenzten sich in sozialen einheiten ab, die so klein oder groß waren, dass sie optimal zu den eigenen bedürfnissen passten und hegemonie über nachgeordnete soziale einheiten ermöglichten. dass dies nicht immer optimal lief (zerstrittene opposition gegen die monarchie, unvorteilhafte zollregime etc), macht das nicht unrichtig.

so weit erstmal, nicht gerade aus der tiefe der akademischen diskussion, aber u.a. nach vier jahren daueraufenthalt im einst königlichen teil der k.u.k. monarchie, nämlich in der slowakei :smile:
dietmar

Ich wage die These, dass die Zerschlagung des
Vielvölkerstaates ein Grundübel des 20. Jhs. war. Aber die
Diskussion führte sicher zu weit.

och, ich finde es nicht zu weitgehend. nur… du hast selbst
moniert, dass die parlamente entlang nationalistischer fragen
diskutierten, während die monarchie ausgleichend tätig war.
heißt das etwa, daß du für den erhalt der monarchie gewesen
wärest? *kicher* angemessener ist es wohl, auf die entwicklung
der demokratie zu drängen. Siehst du irgendeine ernsthafte
alternative zur zerlegung Ö-Us?

Franz Ferdinand und der spätere Kaiser Karl hatten Konzepte einer Föderalisierung des Staates. Nur im ersten Hinsehen überraschend waren es die Unagrn, die erst 1867 die Gleichberechtigung und faktische Unabhängigkeit erhalten hatten, die sich gegen weitere Reformen sperrten.

Es ist doch wirklich Schwachsinn, dass zwei Weltkriege und ein kalter Krieg geführt werden mussten (von den totalitären Regimen nicht zu reden!), damit Polen, Tschechen und Deutsche hundert Jahre später dasselbe anstreben, was sie schon 1914 hatten: Leben in einer Organisation, die Währungsunion, gleiche Rechtsgrundsätz und gemeinsame Verteidigung beeinhaltet.
Aber 1918 war der Nationalstaatsgedanke eben so dominierend, dass niemand die Donaumonarchie retten wollte.

Andreas

Hallo,

Ganz meine Meinung! Nur eine kleine Randbemerkung: in Sans
souci gibt es beim besten Willen keinen Balkon, denn das
Schloß ist ebenerdig. Gruß Martin

Naja, was nicht ist, kann noch werden :wink:)))

Mal im Ernst, was würde uns effektiv eine Monarchie bringen ? Wir hätten ( Tradition hin und her, Tourismusattraktion ok ) wieder nur ein Heer von Steuerverschwendern, es reicht so schon, denke ich. Und in allen europäischen Monarchien haben wir demokratische Strukturen, die sich von denen der „Republiken“ kaum unterscheiden.

Gruss RF