Mein lieber Schwan!
wissen, welchem gesellschaftlichen Druck Du ausgesetzt
bist und fühlen mit Dir.
Wozu die affige Maskerade des Anmalens, Übertünchens,
Einreibens?
Wenn es aber Selbstdarstellung sein
soll, dann ist sie zur Selbstverleugnung verkommen, wenn man
nicht einmal mehr die eigene Haut zeigen will, wie sie ist.
Daraus auch noch gesellschaftlichen Druck zu stilisieren, ist
arg übertrieben oder der Teil der Gesellschaft, in dem sich
der Betreffende bewegt, ist verfault.
@Wolfgang:
Auch ich würde gern im Wattenbäuschchenland leben, wo alle lieb zueinander sind und sich durch die Oberfläche mitten ins Herz schauen, um nur nach den inneren Werten zu urteilen.
Dem ist aber leider nicht so. Ich lebe als junge Frau in Deutschland.
Und dort muß man zu Vorstellungsgesprächen gehen, um einen Job zu bekommen und zu Geschäftsessen, um diesen zu behalten. Außerdem möchte ich eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen kennenlernen und mich unbeeinträchtigt durch blöde Blicke oder Bemerkungen durchs Leben bewegen.
Und für diese Vorhaben bzw. um nicht sofort durchs Raster zu fallen, ist ein angenehmes Äußeres unabdingbar. Damit ist nicht nur Körperhygiene gemeint, sondern eben auch dem Anlaß angemessene Kleidung und Manieren; und bei Frauen wird (jawohl, von der Gesellschaft!) meist auch noch Jugendlichkeit und minimale Körperfülle gefordert.
Ich weiß, es ist eine harte Welt, aber ich habe diese Spielregeln ganz bestimmt nicht erfunden und inwieweit man auf dieses Phänomen reagiert, sollte jeder selbst entscheiden dürfen.
Und in diesem gesellschaftlichen Kontext nehme ich mir das Recht heraus, diese Spielregeln zu meinen Gunsten auszunutzen und mich äußerlich so zu verändern und zu „maskieren“, wie ich es für zweckmäßig halte.
Wenn ich schlecht geschlafen habe, geht das im Büro noch lange niemanden etwas an und ein Abdeckstift erspart mir blöde Kommentare und den Verdacht, nicht leistungsfähig zu sein.
Und wenn Andy es satt hat, ständig gefragt zu werden, warum er so blass aussieht, dann ist es seine Sache, ob er mit jedem Frager ein Grundsatzgespräch über die Inkongruenz von äußerem Schein und innerem Wohlbefinden führt, oder einfach mit einer unauffälligeren Gesichtsfarbe aus dem Haus geht, um den „besorgten“ Mitmenschen vorzugreifen.
Das mag möglicherweise die Symptomatik einer „verfaulten“ oder degenerierten Gesellschaft sein, aber einem Menschen, der sich entschieden hat, seinen Mitmenschen nicht „naturbelassen“ gegenüberzutreten, eine Geistesschwäche zu attestieren, ist ja wohl ganz schön starker Tobak und mindestens so dumm und oberflächlich, wie Du es „diesen Kreisen“ vorwirst. Denn in genau den zwei Sekunden, in denen Du entschieden hast, daß jemand „affig“ und „maskiert“ ist, wurdest Du möglicherweise in die Schublade „schlampig und ungepflegt“ gesteckt. Zeigt wieder mal, daß auch die Guten und Gerechten vorsichtig sein müssen.
Äußerliche Veränderung dient zwei Zwecken. Zum einen kann man sich dadurch vor unhöflichen Bemerkungen zum eigenen Aussehen schützen und einen neutralen bis positiven ersten Eindruck hinterlassen. Zum anderen kann man sich der Umwelt so präsentieren, wie man sich selber sieht und nonverbale Signale an seine Umwelt aussenden.
Jeder Mensch transpiriert im Laufe des Tages - soweit die unumstößliche Wahrheit. Wenn ich nun einen Deo benutze, um mein Umfeld vor meinem Schweißgeruch zu verschonen, und auch Wert darauf lege, in öffentlichen Verkehrsmitteln von meinem Nebenmann nicht „angestunken“ zu werden, bin ich dann charakterschwach und verlange von meinem Nebenmann Selbstverleugnung?
Und wenn ich eine andere Haarfarbe oder einen bestimmten Haarschnitt wähle, um mich meinem Gegenüber als modern und modisch orientiert oder als seriös/konservativ oder eben als Punk oder als sonstwas zu präsentieren, dann ist das ein legitimes Mittel zur nonverbalen Kommunikation. Genauso wie ich mit angepaßter Kleidung in der Masse untertauchen kann und mit auffälliger Kleidung mich gezielt hervorheben kann. Und wie weit ich gehe, welche Mittel ich wähle, um mich nach meinen Vorstellungen schöner zu machen als Gott mich schuf oder um meinen Mitmenschen leicht verständliche Signale über mich zu übermitteln, das sollte dann doch mir überlassen und von Menschen, die behaupten, auf Äußerlichkeiten keinen Wert zu legen, unkommentiert bleiben.