Hallo Paul,
Psychotherapie darf sich nicht schon deshalb ‚wirksam‘ nennen,
weil sie wirkt. Ebensowie ein Medikament erst dann als
‚wirksam‘ gilt, wenn es *besser* wirkt als ein Placebo.
die meisten psychotherapeutischen Verfahren wirken nachgewiesenermaßen und auch besser als Placebo. Das zeigen Meta-Analysen (das sind zusammenfassende Analysen mehrerer Wirksamkeitsstudien). Die Meta-Analyse von Smith, Glass und Miller (1980) zeigt z.B. eine durchschnittliche Effektstärke von Psychotherapien von 0,85, von Placebo von 0,56. Selbstverständlich sollte man noch nach der Art der Therapie differenzieren. Wie das Bild dann aussieht, kannst Du Dir hier ansehen:
http://people.freenet.de/oliverwalter/Psychotherapie…
Dort findest Du auch Angaben aus drei Meta-Analysen zum indirekten und direkten Vergleich zwischen Verhaltenstherapie und tiefenpsychologischer oder humanistischer Therapie.
Heutzutage gibt es eine Fülle von meta-analytischer Information, die über das hinausgeht, was in den älteren Studien gefunden wurde, z.B. störungsspezifische Effekte einzelner Psychotherapien oder im Vergleich mit anderen. Dabei orientiert man sich zunehmend an den Kriterien der sogenannten „evidence-based medicine“, die unterschiedliche Ausprägungsgrade hinsichtlich der Aussagekraft von Therapiestudien unterscheidet.
Deshalb gibt es in den Untersuchungen zur Wirksamkeit immer
die Kontrollverfahren, dennen sie die Psth als überlegen
erweisen muss.
Mich irritiert jetzt folgendes: Guck ich nach den
Kontrollverfahren finde ich immer sowas wie ‚ins Theater
gehen‘, ‚Broschüren lesen‘ oder so.
Leider gibt es nicht immer Kontrollgruppen. Viele Studien beschränken sich auf den Prä-Post-Vergleich, der keine starken Aussagen über die Wirksamkeit erlaubt. Dennoch gibt es einige Studien mit Kontrollgruppen. Oftmals handelt es sich dabei um Wartelistenkontrollen, d.h. die Mitglieder dieser Gruppen erhalten zunächst keine Therapie, machen während der Zeit irgend etwas anderes, oder um Gruppen, die eine unspezifische Beratung erhalten. Hier ist die Aussagekraft über die Wirksamkeit schon größer.
Wenn die Bezeichnung ‚Psychotherapeut‘ geschützt ist, und
entsprechend nicht auch nicht alles und jedes als
‚Psychotherapie‘ zählen sollte, dann legt man m.E. damit auch
die Maßstäbe fest, nach denen Psyth sich als wirksam erweisen
muss.
Das tut man auch. Es gibt unterschiedliche Bereiche / Kriterien, nach denen man die Wirksamkeit beurteilt: z.B. globaler Gesundheitszustand, Befindlichkeit, Hauptsymptomatik, Kompetenzen, zwischenmenschlicher Bereich, Arbeit / Leistungsfähigkeit, Freizeitverhalten, Sexualität, Psychophysiologie. Das sind die Bereiche, die in der Meta-Analyse von Grawe und Kollegen (1994) betrachtet wurden. Du kannst ja mal in deren Buch schauen, wenn´s Dich näher interessiert.
Konkret: Die relevanten Kontrolverfahren gegenüber denen sie
sich als überlegen erweisen sollte, sind ‚Therapiegespräche‘
durch Laien (also Leute, die nicht die Ausbildung haben, die
es erlauben würde sich ‚Psythpt‘ zu nennen).
Ich kenn jetzt keine Untersuchungen, die solche Überlegenheit
zeigen. Im Gegenteil: Mir fällt jetzt der Name nicht ein, aber
es gab so ein paar Untersuchungen mit Laientherapeuten, bei
denen die Laientherapeuten fast ausschließlich (nicht
signifikant) besser absgeschnitten haben.
Ich weiß von einer Studie, in der gezeigt wurde, daß Laientherapeuten in der Gesprächspsychotherapie erfolgreich waren (Zielke, 1979). Es ist aber nicht bekannt, ob die Effekte, die durch Laientherapeuten erzielt werden, langfristiger Natur sind. Außerdem wird kritisch eingewendet, daß der Begriff „Laientherapeut“ unterschiedlich definiert wird: In manchen Untersuchungen handelt es sich bei den „Laientherapeuten“ um unerfahrene, in anderen um untrainierte Therapeuten.
Inwieweit solche Ergebnisse auf andere Arten von Psychotherapie verallgemeinert werden können, ist zudem fraglich. Bei schwereren Störungen z.B. erzielen erfahrene Therapeuten einer Meta-Analyse von Stein und Lambert (1984) zufolge bessere Erfolge als unerfahrene Therapeuten.
Grüße,
Oliver Walter