‚am Leben erhalten‘ heißt uU quälen
Hallo!
Hallo Gollum !
Ich wende mich in erster Linie an die Gläubigen unter Euch.
*grins* welche Gläubigen meinst Du damit genau ? In gewissem Sinn sind auch Atheisten gläubig, sie glauben, dass da „Nichts“ ist.
Ich habe mir neulich gedacht, daß es eigentlich „dank“ der
Medizintechnik heute möglich ist, jemanden nicht sterben zu
lassen. Theoretisch kann man einen Körper beatmen, ihm einen
Schrittmacher verpassen, an eine Dialyse anschließen, ihn
künstlich ernähren usw…
Ich hatte eine Großtante und einen Großvater, die eine Zeit lang an lebenserhaltenden Geräten angeschlossen waren.
Ich finde, daß die Medizin bereits der Natur ein Schnppchen
geschlagen hat, das heißt ein Mensch, der von der Natur schon
zum Sterben vorgesehen ist, wird am Leben erhalten.
Du triffst mit Deiner Formulierung den Nagel auf den Kopf. Als „Leben“ würd ich das nicht mehr bezeichnen, wenn jemand im Bett liegt, ohne Chance, von der liegenden Position je wieder wegzukommen; eher so wie Du: „am Leben erhalten“.
Ich glaube, wenn es um eine Blinddarmoperatiopn geht, sind wir
uns einig, daß das OK ist, aber wie sieht es mit der
Intensivmedizin aus?
Wenn jemand einen Blinddarmdurchbruch hat und Blutkonserven oder Blutbestandteile braucht, dann sollte die Person nach Ansicht der Zeugen Jehovas doch besser sterben.
Oder mit Babies, die mit einer Behinderung auf die Welt kommen, die
so schlimm ist, daß das Baby nach ein paar Tagen sterben würde(z.B.
Autoimmunerkrankungen)?
Einerseits müßte man ja sagen, wenn es Gottes Wille ist, daß
dieser Mensch stirbt, dann muß er eben sterben, andererseits
müßte man aber auch sagen, Gott gab uns die Fähigkeit
Medizintechnik zu entwickeln.
Strapazier nicht „Gottes Wille“ ! Den kennt niemand, auch wenn manche Buchgelehrten da jetzt heftig widersprechen.
Wo seht Ihr die Grenze, wo der Mensch noch eingreifen sollte
und wo sollte er der Natur ihren Lauf lassen? Speziell im
Zusammenhang mit der Gentechnologie denke ich, daß da ein
großes ethisches Problem auf uns zukommen wird.
Bezogen auf meine persönlichen Erlebnisse: wenn keine Chance besteht, von den Maschinen jemals wieder wegzukommen, dann sollte man das besser bleiben lassen.
Man könnte einerseits sagen, wer die Maschine abdreht, ist ein
Mörder, andererseits denke ich, einmal von den enormen Kosten
abgesehen, wo wird das Leiden verlängert und vor allem, wer
darf die Grenze setzen?
Ich dreh die Formulierung um: Wer die Maschinen weiterlaufen lässt in dem Wissen, dass keine Besserungschance möglich ist, ist ein - ich drastifizier jetzt absichtlich - perverser Sadist. Mit folgender Einschränkung : Es gibt gar nicht wenige Leute, die ihre todkranken Verwandten nicht loslassen können, obwohl keine Besserungschance besteht. Das bräuchte imo eine psychologische Begleitung. Allerdings haben wir in unseren westlichen Gesellschaften das Sterben sehr weit von uns weggeschoben; in der Gruppe läßt sich unter Umständen viel leichter „Abschied nehmen“.
Aus weltlicher Sicht ist mir klar, daß es eher eine
Kosten/Nutzen-Rechnung ist (nicht nur finanziell), aber mich
würde die Sicht eines Gläubigen interessieren, wie er mir
dieser Ambivalenz umgeht.
Nein, nicht Kosten-Nutzen-Rechung. Wenn Du mal ansehn musst, wie sich Deine Großtante im komaähnlichen Zustand stöhnend hin und her dreht und durch die tagelange gleiche Haltung wundliegt, dann ist für mich das „Sterben lassen“ viel eher ein Akt der Barmherzigkeit.
Danke
Gollum
Grüße
Wolkenstein