Diverse Probleme
Hallo!
Ich habe mir neulich gedacht, daß es eigentlich „dank“ der
Medizintechnik heute möglich ist, jemanden nicht sterben zu
lassen. Theoretisch kann man einen Körper beatmen, ihm einen
Schrittmacher verpassen, an eine Dialyse anschließen, ihn
künstlich ernähren usw…
Kommt darauf an, wie du leben definierst. Das Herz am schlagen zu halten ist weiter wohl kein großes Problem, aber die Definition über die Hirnströme ist imho sinnvoller.
Ich finde, daß die Medizin bereits der Natur ein Schnppchen
geschlagen hat, das heißt ein Mensch, der von der Natur schon
zum Sterben vorgesehen ist, wird am Leben erhalten.
Das heißt also du gehst von einer Vorsehung aus, die aber gleichzeitig nicht uneingeschränkt deterministisch ist?
Ich glaube, wenn es um eine Blinddarmoperatiopn geht, sind wir
uns einig, daß das OK ist, aber wie sieht es mit der
Intensivmedizin aus? Oder mit Babies, die mit einer
Behinderung auf die Welt kommen, die so schlimm ist, daß das
Baby nach ein paar Tagen sterben würde(z.B.
Autoimmunerkrankungen)?
Einerseits müßte man ja sagen, wenn es Gottes Wille ist, daß
dieser Mensch stirbt, dann muß er eben sterben, andererseits
müßte man aber auch sagen, Gott gab uns die Fähigkeit
Medizintechnik zu entwickeln.
Ob du Gott oder den obskuren Begriff „Natur“ wählst ist hier vollkommen belanglos. Letztlich haben MENSCHEN die Medizintechnik zu ihrem NUTZEN entwickelt und zu dem sollte sie auch eingesetzt werden. Selbst eine rein utilitaristische Betrachtung der Situation ist oft schwierig, weil es unmöglich ist, dem menschlichen Leben oder der menschlichen Würde definitive Werte zuzuweisen. Einige hier (z.B. Datafox) sehen ja im Leben an sich den höchsten Wert überhaupt. Da „Wert“ aber kein biologischer sondern mehr eine philosophischer Terminus ist, hielte ich es für angebrachter, ihn auch mit dem philosophischen Begriff Würde zu verbinden. Leben alleine ist nicht von besonderem Wert, weshalb wir - man sehe mir dieses drastische Beispiel nach - auch kein Problem damit haben, (lebende) Yogurth-Bakterien mit unserer Magensäure zu zerstören. Wenn das mensschliche Leben nur noch aus einem schlagenden Herzen besteht, es aber keine Möglichkeit mehr gibt, den Verstand zumindest soweit aufrecht zu erhalten, daß sich der Patient zumindest seiner selbst bewußt ist, dann sehe ich nicht, wo der Wert des menschlichen Lebens hier über den des lebens einer Mikrobe hinausragt.
Wenn wir nun die „Würde des Menschen“ als Meßlatte anlegen, dann stellt sich natürlich die Frage der Auslegung. Aber wenn es nur darum geht, einem Totkranken künstlich das Leben, das nur noch aus Schmerz oder gnadenreichem Morphinrausch besteht, um ein paar tage oder Wochen zu verlängern, anstatt ihn in Würde sterben zu lassen, dann ist für mich die Entscheidung doch klar. Wenn tatsächlich nur die Wahl besteht, zwischen Tot zulassen oder nicht ist da ganze gestzlich auch unproblematisch und der Begriff Euthanasie im eigentlichen Sinne (sanfter Tot) ist hier zwar treffend, aber nicht negativ zu belegen.
Erst vor kurzem mußte ich zusehen, wie meine Großmutter nach und nach vom Krebs zerfressen wurde und letztlich daran starb. Als ich von der Prognose hörte (stark metastasierende Karzinome im gesamten Bauch und Unterleibsbereich nach überstanden geglaubter Chemotherapie in einem anderen Bereich) habe ich direkt gesagt: Das ist der Punkt, an dem ich Schluß machen würde. Für mich wäre das freilich rein technisch kein Problem, da ich als Chemiestudent an so ziemlich alles giftige problemlos drankäme, aber wie soll eine Rentnerin so einen Entschluß umsetzen? Schnell etwas runterschlucken ist sicherlich einfacher als von einer Brücke zu springen. Kurzum - sie ist eines natürlichen Todes gestorben, aber die Person, die da Wochenlang am Leben erhalten worden ist (nur die letzte Woche verbrachte sie in der Palliativ-Abteilung ohne Intensivmedizinische Betreuung) war nicht die, die ich so lange gekannt habe. Hätte man auf die selbst nach Aussage der behandelnden Ärzte von vorn herein aussichtslose Intensivbehandlung verzichtet, wäre das Leiden dieser Frau schon früher beendet gewesen - im Sinne aller Beteiligten.
Problematisch wird es da, wo es darum geht, den Tod aktiv herbeizuführen. Meine Vorstellung wäre, daß „Tötung auf Verlangen“ eben dann nicht zuträfee, wenn der Patient sich selbst tötet (bspw. durch Schlucken einer Kapsel), auch wenn der Arzt dazu Beihilfe leistet, indem er z.B. die entsprechende Pille besorgt.
Natürlich gibt es auch Gegenargumente, aber ich halte den Lebenswillen der Menschen für stärker als den Konformitätsdrang bezüglich gesamtgesellschftliher Interesen. Jemand, der wirklich nicht sterben will, wird die Pille auch nicht schlucken. Eventuelle Einzelfälle würden durch das verhinderte Leid mhr als ausgeglichen.
Was ich ja nicht verstehe ist, daß offensichtlich einige ihre Moralvorstellungen weit über das Selbstbestimmungsrecht anderer stellen. Natürlich geht es hier um Extremsituationen, in denen vielleicht die Entscheidungsrichtung durch die Situation beeinflußt wird, aber eine Selbstbestimmung nur für den Alltag zu fordern ist vollkommen witzlos, weil es den Menschen wider seine Würde zu einem in Extremsituationen entscheidungsunfähigen Wesen abstempelt.
Man könnte einerseits sagen, wer die Maschine abdreht, ist ein
Mörder, andererseits denke ich, einmal von den enormen Kosten
abgesehen, wo wird das Leiden verlängert und vor allem, wer
darf die Grenze setzen?
Also MÖRDER auf keinen Fall, sieh dir einmal die Definition von Mord an!
Aus weltlicher Sicht ist mir klar, daß es eher eine
Kosten/Nutzen-Rechnung ist (nicht nur finanziell), aber mich
würde die Sicht eines Gläubigen interessieren, wie er mir
dieser Ambivalenz umgeht.
Ich bin Atheist, aber ich denke aus bibeltreuer Sicht (…ich war immerhin mal Katholik und hab genug Sakramente gesammelt, um - sollte ich doch falsch liegen - mit ein paar Jahrhunderten Fegefeuer letztlich doch in den Himmel zu kommen *Nichtzyniker bitte letzten Satz au dem Protokoll streichen*) spricht nichts dafür, ein Leben auf Teufel komm raus zu verlängern. Das kann sich mal wieder jeder so zurechtinterpretieren wie er will.