Wozu ist die Bibel gut?

Hallo,

las ich heute, dass in unserer Gesellschaft das Wissen über die Bibel erbärmlich sei. Fachleute sprechen von massiven Traditionsabbrüchen abendländischem Kulturgut. Noch keine Zeit sei so kenntnislos und bibelfern wie die unsere gewesen. Dabei geht es um die Identität der Menschen, ihre kulturell-religiösen Wurzeln. Immer weniger Jugendliche, aber auch Erwachsene seien überhaupt in der Lage, die Symbolik von Kunstwerken oder Büchern zu verstehen…
ich zitiere aus dem Artikel unserer Zeitung.
Ist das tatsächlich so? Ich sehe in der Bibel ein Buch, das vorallem für religiös lebende Menschen wichtig ist. Wie wichtig sind diese relikten Geschichten für unsere Gesellschaft? Verschätze ich mich da, wenn ich abwinkend behaupte, die Kirchenväter sagen das nur um Eigenwerbung zu machen?

viele Grüße
grilla

Hallo Grilla,

mag sein, dass vor allem die Kirchenväter diese wachsende Verdummung in Bibel- und Kirchenangelegenheiten bedauern. Aber ich denke schon, dass gewisse Grundkenntnisse der heiligen Schrift zum abendländischen Kulturgut gehören und somit auch Teil der Allgemeinbildung sein sollten. Und das gilt imho auch für Leute, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, d. h. auch für Leute wie mich.
Die Kirche hat seit ihrem Bestehen unsere Kultur und den Alltag der Menschen so stark beeinflußt, wie Karl der Große, Goethe, Napoleon und Bismarck zusammen nicht.
Über die Entstehung der Kirche, die Bibel und deren Inhalte nichts wissen zu wollen und sich nicht damit auseinanderzusetzen, halte ich schon für ein wenig ignorant.

Gute Nacht wünscht Babe!

noch was…
Hast Du das in der Mittelbayerischen gelesen?
Mit Deiner Zeit kannst Du doch bestimmt besseres anfangen, oder? :wink:
Nicht böse sein, das konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Babe.

hi,

Ich sehe in der Bibel ein Buch, das
vorallem für religiös lebende Menschen wichtig ist.

jein. als teil der weltliteratur sollte man das buch auf jeden fall gelesen haben, unabhängig davon, ob man „dran glaubt“ oder nicht. schlimm ist es, wenn journalisten in ihren artikeln biblische bilder oder akteure einbauen und dann voll einfahren. „nebukadnezar könig von israel“ war schon zu lesen. peinlich, peinlich. es ist eine sache von allgemeinbildung.

ich bin außerdem der meinung daß es eben ein paar bücher gibt, die unsere welt bis heute nachhaltig beeinflussen. es sind interessanterweise immer bücher, die als besonders „gefährlich“ gelten. für nicht wenige aufgeklärte geister ist auch die bibel „gefährlich“. also sollte man sie lesen! den koran gleich hinterher. die evangelien, alles, was als „offenbarung“ gehandelt wird, auch politische „offenbarungen“, zb. das kapital, oder wissenschaftliche, darwin, beeinflussen unser denken. kurz, alles was irgendwann irgendwo verboten war, sollte man lesen.

datafox

die ‚Bibel‘
Hi grilla

… dass in unserer Gesellschaft das Wissen über
die Bibel erbärmlich sei. Fachleute sprechen von massiven
Traditionsabbrüchen abendländischem Kulturgut.

Daß da was im Gange ist, was die Kenntnis über die abendländische Kulturgeschichte angeht, das steht außer Zweifel. Auch das Thema „Berufung auf Traditionen“ wird in diesen und den kommenden Jahrzehnten für ganz schön viel Turbulenz sorgen.

Aber daß die Bibel einfach ein Buch „mit Geschichten“ sei, das nur für religiös lebende Menschen von Bedeutung sei, das ist ein gewaltiger Irrtum, zumal gerade die christliche Gewohnheit sich dadurch auszeichnet, daß ein überwiegender Teil der Gläubigen in dem Buch nie gelesen haben.

Die Bibel - und zwar sowohl der jüdische als auch der chritliche Anteil - ist eben nicht ein „Buch“, sondern lediglich der manifest gewordene Kern eines gigantischen Gebäudes von Ideen, ohne die die abendländische Welt im Vergleich zur heutigen nicht wiederzuerkennen wäre.

Bereits aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ist sie (bzw. vielmehr die Inhalte) sowenig wegzudenken wie z.B. die Städte Jerusalem, Alexandria, Rom, Byzanz, ohne die Europa gar nicht existieren würde.

Ohne die kritischen Auseinandersetzungen mit den Inhalten, die im „Neuen“ und dem von Christen so genannten „Alten Testament“ kondensiert sind, hätte es z.B. die europäische Philosophiegeschichte nicht gegeben, infolgedessen auch die Naturwissenschaftsgeschichte nicht, es gäbe den Begriff der Rationalität und der Vernunft nicht (der erst aus der Revolte gegen den Primat des römisch-christlichen Dogmatismus entstanden ist), die gesamte politische Geschichte Europas wäre eine vollständig andere geworden, die Kunstgeschichte ebenfalls … die aus dem Bestand europäischer Bibliotheken wegzuphantasieren wäre vergleichbar mit der Frage, wie würden Säugetiere funktionieren, wenn es das Zentralnervensystem nicht gäbe.

Natürlich muß kein Mensch die Bibel „lesen“, um in der abendländischen Welt seine Brötchen zu verdienen, ebensowenig wie man auch christlichem Gedankengut anhängen muß, um sein Häusle zu bauen … Um es bildlich zu sagen: So wie man auch Autofahren kann, ohne zu wissen wie ein Motor oder eine Radaufhängung funktioniert - und der Strom kommt aus der Steckdose *grins*.

Man muß aber auch nicht unbedingt naiv daran vorbeisehen, daß die abendländische Kultur nicht nur einen Teil ihrer Wurzeln in den christlichen und jüdischen Inhalten dieser Textsammlung hat, sondern daß ihre ganze Geschichte auch von der kritischen Auseinandersetzung damit - also vor allem auch in der Revolte gegen diese Inhalte - getragen wurde.

Verschätze ich mich da, wenn ich abwinkend behaupte, die Kirchenväter sagen das nur um Eigenwerbung zu machen?

Du meinst sicher nicht die „Kirchenväter“ genannten Gestalten der Geschichte (Augustinus, Anselm v. Canterbury, Thomas v. Aquin usw.), sondern die gegenwärtigen Machthaber im römisch-katholischen Klerus. Ja, da verschätzt du dich. Die reiten nur auf dem Wellenkamm einer 2000-jährigen Woge von Geschichte, egal, ob sie Ratzinger oder Opus Dei heißen.

Grüße

Metapher

Die Bibel lesen
Hallo,

die Bibel ist tatsächlich erst einmal ein historisches religiöses Dokument und insofern nicht „gut für“ irgendeinen bestimmten Zweck. Das mal gegen die Verteidiger des Abendlandes, die so gern die Bibel für ihre Ziele einspannen. Die Bibel kann auf sehr verschiedene Weise gelesen, verstanden oder missverstanden werden, der Streit darüber ist vielfältig und prägend. Mir sind die Formulierungen aus dem Zeitungsartikel da zu pauschal und vereinnahmend.

Darüber hinaus aber haben Inhalt, Sprache und Wirkungsgeschichte tatsächlich unsere Kultur ungeheuer stark geprägt. Menschen, die Anspruch auf ein gewisses Diskussionsniveau erheben, die sich - oft unbewußt - biblischer oder verklitterter biblischer Bilder bedienen, sollten schon wenigstens Grundkenntnisse über dieses Buch besitzen, und die kann man in der Tat vermissen. Und das ist auch wirklich peinlich und nicht nur eine Eigenwerbung von Kirchenvätern.

Viele Menschen ersparen sich mit dem Hinweis auf den angeblichen oder tatsächlichen Machtmissbrauch von Kirchenleuten die Mühe, wenigstens Grundkenntnisse im Umgang mit der Bibel zu erwerben. Es ist aber auch andrerseits tatsächlich nicht eben einfach. Die unreflektiert konsumierten Bilder der Werbung in Frage zu stellen ist schon enorm anstrengend - wer nimmt es da schon auf sich, etwa das antike theologische Konzept der Jungfrauengeburt zu durchleuchten, wenigstens ansatzweise zu verstehen und auf heutige Ausdruckweisen zu übertragen? Es ist einfach viel leichter, das als Quatsch abzutun!

Und die Theologen mit ihren geschraubten Formulierungen, die auch ja darauf achten wollen oder müssen, das naiv gläubige Mütterchen nicht zu verunsichern - die machen den ganzen Prozess auch nicht leichter.

Zumal ja auch die biblischen Bilder einen nicht unwesentlichen „Verführungscharakter“ haben. Wer möchte denn schon hören, dass Jesus gar nicht in Bethlehem geboren ist? Wer möchte sich denn klarmachen, dass unheilbar Kranke eben in der Regel nicht durch ein religiöses Wunder geheilt werden, sondern anders mit ihrem Schicksal umgehen müssen? Solche Schwierigkeiten stehen aber ernsthaft zwischen dem modernen Menschen und seiner Bibelrezeption, denn wer sie nicht löst, kommt mit den Widersprüchen und logischen Brüchen der Bibel kaum zurecht und beendet seine Bibellektüre enttäuscht und verwirrt.

Mit Appellen ans Bildungsideal und Verweisen auf die europäische Tradition ists jedenfalls nicht getan. Die Verfasser eines solchen Artikels sind meiner Meinung nach Wichtigtuer, die sich mit solcherart Leserherabsetzung wohlfeil auf das Siegertreppchen des besten Abendländers stellen. Das ist wiederum auch peinlich.

Viele Grüße,
Juliane

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Data,

als teil der weltliteratur sollte man das buch auf jeden
fall gelesen haben,

Wieviele haben dieses Buch denn gelesen? Die meisten lesen ‚in der Bibel‘, bzw. im Religionsunterricht liest man „Geschichten aus der Bibel“ und vielleicht einige Verse, aber die Bibel als Buch lesen – ich glaub nicht,dass es da allzuviele Menschen gibt oder gab, die das von sich behaupten koennen.

Gruesse, Elke

eine DPA-Meldung
hallo Babe,

Hast Du das in der Mittelbayerischen gelesen?
Mit Deiner Zeit kannst Du doch bestimmt besseres anfangen,
oder? :wink:
Nicht böse sein, das konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Genau da habe ich den Artikel her. Mir ist schon klar, dass dieses Blatt dünne und einseitig gefärbte Informationen zu bieten hat, wobei der Artikel von der DPA ist. Darin wurden auch ein Herr Kesting von der Hauptredaktion Kulturelles Wort der NDR und ein Pastor Kahl von der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart um ihre Meinungen gefragt - alles keine kirchlichen Würdenträger aus Regensburg. :wink:))
Mich hat das Thema in dem Moment beschäftigt, und ich bin ganz froh, wenn ich mir vom w-w-w ein bisschen Wissen und neue Denkanstöße holen kann.

viele Grüße
grilla

Hallo,

las ich heute, dass in unserer Gesellschaft das Wissen über
die Bibel erbärmlich sei. Fachleute sprechen von massiven
Traditionsabbrüchen abendländischem Kulturgut. Noch keine Zeit
sei so kenntnislos und bibelfern wie die unsere gewesen. Dabei
geht es um die Identität der Menschen, ihre
kulturell-religiösen Wurzeln. Immer weniger Jugendliche, aber
auch Erwachsene seien überhaupt in der Lage, die Symbolik von
Kunstwerken oder Büchern zu verstehen…
ich zitiere aus dem Artikel unserer Zeitung.
Ist das tatsächlich so?

Ja, das ist so. Ich gebe sofort zu, daß ich als Theologin da vielleicht ein wenig voreingenommen bin, aber es läßt sich feststellen, daß die Menschen immer weniger in der Lage sind, die Symbolik ihrer Städte zu entschlüsseln. Wichtiger ist aber wohl das hier schon genannte Argument: Abendländische Kultur- und Geistesgeschichte ist ohne die biblischen Schriften nicht erklärbar oder verstehbar. Wenn man sich dazu herabließe, die Bibel zur Kenntnis zu nehmen und daran ihre verschiedenen Interpretationen im Laufe der Jahrhunderte zu studieren, lernt man viel über die Fehlbarkeit des Menschen, der das Gute will und das Böse tut.
In meiner Arbeit in einer interdisziplinären Forschungsgruppe habe ich die Erfahrung machen müssen, daß die meisten sich einbilden, die Bibel zu kennen, nur weil sie mal die WEihnachtsgeschichte gehört haben. Für Historiker ist es ein Armutszeugnis, nicht zur Kenntnis zu nehmen, daß das Neue Testament nicht ein einziger Klumpatsch ist, sondern aus 27 verschiedenen historischen Quellen besteht. Unsere Elterngeneration wußte das noch! Diese selbstverschuldete Dummheit hat dann kuriose Auswirkungen: Weil man die Bibelzitate nicht als solche erkennt, schreibt man sie dem jeweiligen Autor einer SChrift zu und kommt zu absurden Fehldatierungen. Die UNwissenheit erstreckt sich zudem auf christliche Geistesgeschichte, die man meint, ignorieren zu dürfen, die aber gerade auch für Datierungsfragen unerläßlich zu kennen ist. „Religionswissenschaftliche“ Theorien werden aufgestellt, die allein deswegen schon falsch sind, weil man mal eben griechische SChriften des AT mit hebräischen verwechselt…
Prinzipiell würde ich behaupten, daß, wenn wir meinen, Geistesgeschichte gehört zur Allgemeinbildung, dann kann man sie nicht ohne Kenntnis der Bibel begreifen. Wenn jeman meint, daß Christentum für überholt zu halten, soll er das tun, aber seine Geschichte und Schriften zu ignorieren zeugt von intellektueller Verblendung.

Als Theologin mache ich immer wieder die Erfahrung, daß viele tatsächlich meinen, dieser Hinweis wäre ein Missionsversuch. Ist es auch - ein Bildungsmissionsversuch:wink:

Grüße,
Taju

Hallo grilla,

die Bibel ist insofern wichtig, als es die Stiftungsurkunde einer seeeehr einflußreichen Gesellschaftsgruppe darstellt und unsere gesamte Gesellschaft (und nicht nur unsere) nachhaltig geprägt hat.

Historisch betrachtet ist die Bibel der Kodex eines semitischen Hirtenvolkes, das vor über 2000 Jahren gelebt hat. Nicht mehr und nicht weniger.

Ob Kenntnisse der Bibel wichtig sind sei jedem einzelnen überlassen. Allerdings bin ich regelmäßig erschüttert, wie wenig selbst überzeugte Christen über die Bibel bzw über deren Inhalt wissen.

Auf die Frage, wieviele Evangelien es gibt, stolperten über 3/4 der Gefragten und eine Nennung der Evangelisten gelang weit weniger als 10 % !!!
Befragt wurden Menschen, die sich selber als praktizierende Christen bezeichneten, die Quelle hab ich jetzt leider vergessen, es war soweit ich mich erinnere eine Zeitung (Spiegel?!)

Insofern sollten sich zumindestens diejenigen, die sich Christen nennen etwas schämen und die Bibel studieren.

Über den literarischen Wert der Bibel und ob sie in dieser Hinsicht ein großes Werk ist möchte ich kein Urteil abgeben, da ich mich in dieser Hinsicht zu wenig auskenne.

Gandalf

Hallo,

Die Bibel … ist eben nicht ein „Buch“, sondern
lediglich der manifest gewordene Kern eines gigantischen
Gebäudes von Ideen, ohne die die abendländische Welt im
Vergleich zur heutigen nicht wiederzuerkennen wäre.

Sicher richtig. Aber ist es nicht nur eine Richtung, die sich (zufällig?) ergeben hat? Womit ich natürlich nichts gegen diese „Richtung“ sagen möchte. Nur wir wären wohl auch mit anderen „Richtungen“ glücklich geworden, hätten Philosophie und Naturwissenschaften usw. entwickelt.

Ohne die kritischen Auseinandersetzungen mit den Inhalten, die
im „Neuen“ und dem von Christen so genannten „Alten Testament“
kondensiert sind, hätte es z.B. die europäische
Philosophiegeschichte nicht gegeben, infolgedessen auch die
Naturwissenschaftsgeschichte nicht, …

Hmmm, " so nicht gegeben". Siehst Du das nicht etwas eng? Welche Rolle spielen denn dabei die vorchristlichen Griechen und Römer? Auch ist es ja in Mode, den islamisch-europäischen (Osmanen, Mauren in Spanien) Anteil einfach außen vor zu lassen. So gibt es da z.B. Ibn Ruschd/Averoez im maurischen Spanien, der sich vor 800 Jahren, also schon lange vor den Europäern intensiv mit der griechischen Antike beschäftigt hatte. Nur langsam kommen Stimmen hoch, die zu sagen wagen, dass „die Araber die griechische Antike für Europa erhalten, gerettet haben“ (Altbundeskanzler Schmidt und andere). Ohne die Osmanen wäre z.B. auch die (christliche!) orthodoxe Kirche wohl ad acta gelegt worden.
Was die Naturwissenschaften angeht: Zu behaupten, dass sie sich auf dem Fundament der Bibel (und damit der Kirche), und nur auf diesem, entwickeln konnte, halte ich für ziemlich verwegen!

es gäbe den Begriff der
Rationalität und der Vernunft nicht (der erst aus der Revolte
gegen den Primat des römisch-christlichen Dogmatismus
entstanden ist), …

„… erst aus der Revolte …“. Verstehe ich Dich richtig, dass man die Menschen nur bevormunden muss, härter ausgedrückt: Unterdrücken muss, damit sie Widerstand entwickeln und sich dadurch weiter entwickeln?

… die gesamte politische Geschichte Europas
wäre eine vollständig andere geworden, die Kunstgeschichte
ebenfalls …

Klar, triviale Aussage!

Natürlich muß kein Mensch die Bibel „lesen“, um in der
abendländischen Welt seine Brötchen zu verdienen, …

Ich behaupte mal, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, dass die Klagen über das zurückgehende Bibelinteresse merkwürdig sind. Kein Mensch hat vor 100 oder mehr Jahren Erhebungen gemacht, wieviel Leute die Bibel (wirklich) gelesen haben, und ob das mehr waren als heute.

… Ja, da verschätzt du dich. Die
reiten nur auf dem Wellenkamm einer 2000-jährigen Woge von
Geschichte, egal, ob sie Ratzinger oder Opus Dei heißen.

Puuh! Das war jetzt ein echter Metapher-Abschluss :wink:)

Gruß, Stucki

Hallo, Taju,
selbst als nicht nur kirchenferner sondern unkirchlicher Mensch kann ich Deinen Beitrag nur unterstreichen.
Es bleibt bei dem alten Schüttelreim:
Die beste Fibel?
Lies feste Bibel!

Grüße
Eckard.

Hallo Grilla,

viele Werke der Kunst, Literatur und Musik bleiben ohne den Hintergrund der biblischen Texte unverständlich.

Schöne Grüße: Zerni

P.S.: Das Zitat mit dem Apfelbäumchen (sh. Deine Visitenkarte) scheint wohl erst aus neuerer Zeit zu stammen.

Hallo Diskutanten,

wenn wir dabei sind: „…ich würde heute noch einen Apfelbaum pflanzen“ ist von dem zwar ziemlich schlampigen, aber fleissigen Bibelübersetzer Dr Martin Luther, der in manischen Phasen Metaphorik dieser Art gerne verwendet hat. „Und wenn soviel Teufel an den Ecken säßen wie Ziegel auf den Dächern…“ (in Worms)

Schöne Grüße

MM

Hallo Taju,

Zustimmung! - übrigens, finde ich auch, unabhängig von Fachgebiet und Bekenntnis. Ich bin hie und da überrascht, wie wenig teilweise selbst Theologen mit der Schrift zu tun haben wollen. Natürlich ist es nicht ganz leicht, aus einer subjektivistischen „love & easy going“-Position heraus über Hiob zu predigen, aber Hiob ist jedenfalls nicht daran schuld.

Regelrecht bizarre Züge nimmt die Chose an, wenn werauchimmer sich engagiert à la mode mit dem „Wissen vom guten Leben“ = Ayurveda beschäftigt, auf der Grundlage von nicht immer prima übersetzten Texten, und eine umfangreiche und in vielerlei Hinsicht für Ungläubige wie mich uneingeschränkt gültige Sammlung von Texten über das Wissen vom guten Leben (die Aspekte Geschichte, Dokumentation … lass ich mal auf der Seite) mag er bloß deswegen nicht kennen, weil sie auch bei Vatern im Regal gestanden hat (und ja auch dort schon traditionell ungelesen und unbeachtet geblieben ist…).

Gilt nicht nur für Ayurveda, sondern auch für Fantasy (z.B. Jonas), Sex&Crime (z.B. Joseph), usw. usw.

In diesem Sinne Tolle, lege!

MM

Myzel
Hi Stucki

… Aber ist es nicht nur eine Richtung, die sich (zufällig?) ergeben hat?
Nur wir wären wohl auch mit anderen „Richtungen“ glücklich geworden, hätten Philosophie und Naturwissenschaften usw. entwickelt.

Sicher sind iwr uns darin einig, daß das müßig zu spekulieren ist. Aber es ist unübersehbar, auf welche Weise die Entstehung und Entwicklung der europäischen Philosophie mit den Auseinandersetzungen um theologische Kernfragen verwoben ist. Die Auseinandersetzungen mit Gnosis, später mit Neuplatonismus, die jahrhundertelange Diskussion um das Thema creatio ex nihilo und die Trinität, der Universalienstreit - um nur einige Punkte anzudeuten - das alles hat zu einer Verfeinerung der Begriffe und der Argumentationsverfahren geführt, ohne die auch die Naturwissenschaften ihre Wurzeln nicht hätten bilden können.

Welche Rolle spielen denn dabei die vorchristlichen Griechen und Römer?

An Römern gibt es da nichts besonders nennenswertes, von Cicero abgesehen, dem wir die Übersetzung entscheidender philosophischer Termini aus dem Griechischen ins Lateinische verdanken. Aber die Griechen spielen sogar eine Hauptrolle. Gerade deshalb nannte ich ja Alexandria - als den Schmelztiegel der griechischen und jüdischen Geistesgeschichte, von wo die ersten wesentlichen Impulse für die weiter nördlichen Denkwege ausgingen.

Auch ist es ja in Mode, den islamisch-europäischen (Osmanen, Mauren in Spanien) Anteil einfach außen vor zu lassen. So gibt es da z.B. Ibn
Ruschd/Averoez im maurischen Spanien, der sich vor 800 Jahren,
also schon lange vor den Europäern intensiv mit der griechischen :Antike beschäftigt hatte.

Das ist keineswegs Mode. Es ist vielmehr absolut gesichert, daß die arabische Philosophie und Mathematik vorzüglich mitmischte. Und der arabische Hauptimpuls liegt schon 200 Jahre vor Averroes bei Avicenna (Ibn Sina), der enormen Einfluß auf die Scholastik hatte (Anselm, Abaelard, Thomas …). Durch die Araber (vorgeprägt durch die von Harun al-Raschid in Bagdad aufgegebene Übersetzung griechischer Werke ins Arabische) wurde vor allem der zeitweilig vergessene Aristoteles wieder präsent gemacht, so daß ein Großteil der philosophischen Literatur tatsächlich in Aristoteles-Kommentaren bestand (was allerdings bereits einige Jahrhunderte früher schon einsetzte: Porphyrios, Proklos …).

… dass „die Araber die griechische Antike für Europa erhalten, gerettet haben“ (Altbundeskanzler Schmidt und andere).

Hm - hier irrt der ansonsten geschätzte Helmut gewaltig. Es bezieht sich lediglich auf die Aritoteles-Diskussion. An der Auswirkung des Neuplatonismus auf die europäische Geistesgeschichte haben die Araber keinen nennenswerten Anteil gehabt.

Was die Naturwissenschaften angeht: Zu behaupten, dass sie
sich auf dem Fundament der Bibel (und damit der Kirche), und
nur auf diesem, entwickeln konnte, halte ich für ziemlich verwegen!

Dazu siehe oben. Sie haben nichts mit den Inhalten Bibel zu tun, sondern sie konnten vielmehr erst auf dem Boden der Verstandesbegriffe gedeihen, die durch die philosophischen Auseinandersetzungen (einige hatte ich genannte) damit zusammenhängender Probleme entwickelt wurden. Kurz gesagt: Ohne die „Bibel“ (und damit ist nicht das Buch gemeint), hätte es Giordano Bruno, Nikolaus von Kues, später Descartes, Spinoza, Leibniz nicht gegeben - und ohne die sind die Naturwissenschaften schlecht denkbar …

Es ist halt ein gigantisches Myzel von Strömungen der Geistesgeschichte, in dem die Kontroversen(!) um theologische Inhalte eine Hauptader darstellten.

„… erst aus der Revolte …“. Verstehe ich Dich richtig,
dass man die Menschen nur bevormunden muss, härter
ausgedrückt: Unterdrücken muss, damit sie Widerstand
entwickeln und sich dadurch weiter entwickeln?

Nein, soherum kann man das wohl kaum argumentieren. So war es ja auch nicht gemeint. Aber es ist zu bedenken, daß - unterstützt durch die im Grunde revolutionäre Bewegung der deutschen und spanischen Mystik - an den Universitäten der Spätscholastik (Paris, Straßburg, Padua …) der Gedanke erkämpft wurde, daß Erkenntnis und Wissenschaft auch ohne theologische (und erst recht klerikale) Bezugnahme möglich sei. Dadurch wurde überhaupt erst dem Individuum kognitive Kompetenz erkämpft. Das hatten die Griechen zwar auch bereits (spätestens mit den Skeptikern und Sokrates), aber dort stand das Individuum (und das individuelle Denken) nicht so im Zentrum der Thematik.

Ich behaupte mal, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen,
dass die Klagen über das zurückgehende Bibelinteresse merkwürdig sind.

Das finde ich allerdings auch. Ich hatte mich mehr an dem gedanken aufgehängt, daß die „Bibel“ lediglich ein Buch mit komischen Geschichten sei …

… Ja, da verschätzt du dich. Die reiten nur auf dem Wellenkamm einer 2000-jährigen Woge von Geschichte, egal, ob sie Ratzinger oder Opus Dei heißen.

Puuh! Das war jetzt ein echter Metapher-Abschluss :wink:)

*lach* Schönes feedback :wink:)

Gruß

Metapher

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nur Vorwürfe?
Hallo,

das Jahr der Bibel geht zuende. Ein Anlaß Veranstalter danach zu fragen, wie ihre Engagements ausgefallen sind. So hat es mich in vieler Hinsicht nicht überrascht, dass denen die Bibelkenntnisse zu wenig sind, was nicht zuletzt an dem abnehmenden Interesse an den Kirchen überhaupt liegen mag.
Darum habe ich in meinem Ausgangsposting auch ein wenig flapsig (zugegebenermaßen eine überflüssige Wertung von mir) von „alten Geschichten“ geschrieben.

Wenn man sich dazu herabließe, die
Bibel zur Kenntnis zu nehmen und daran ihre verschiedenen
Interpretationen im Laufe der Jahrhunderte zu studieren, lernt
man viel über die Fehlbarkeit des Menschen, der das Gute will
und das Böse tut.

Ich komme mit dem Ausdruck „herablassen“ nicht zurecht. Es gibt viel zu lesen und zu wissen. Das hat nichts mit Ehrerweisung zu tun, sondern mit Einsicht, im Sinne sich einen Gefallen tun.

Für Historiker ist es ein
Armutszeugnis, nicht zur Kenntnis zu nehmen, daß das Neue
Testament nicht ein einziger Klumpatsch ist, sondern aus 27
verschiedenen historischen Quellen besteht.

Wer als Nicht-Historiker die Bibel liest, will bestimmte Erkenntnisse wahrnehmen. Ich habe meine Zweifel, dass ein „Normalo“ über seine Religiösität hinaus sich für geschichtliche Abläufe im Detail interessiert.

Unsere Elterngeneration wußte das noch!

Weil Zugehörigkeit zur Kirche und damit das Lesen der Bibel (wer hatte früher soviele Bücher wie wir heute) ein wichtiger Teil des Alltags war.

Prinzipiell würde ich behaupten, daß, wenn wir meinen,
Geistesgeschichte gehört zur Allgemeinbildung, dann kann man
sie nicht ohne Kenntnis der Bibel begreifen. Wenn jeman meint,
daß Christentum für überholt zu halten, soll er das tun, aber
seine Geschichte und Schriften zu ignorieren zeugt von
intellektueller Verblendung.

Ich stelle nur fest, dass auch heute noch im Religionsunterricht eben nicht so sehr Basiswissen (Geschichte, Philosophie…) sondern mystischen Vorkommnisse vermittelt werden. Und wehe, 11jährige lachen über Adam und Eva-Geschichten, denen eigentlich ganz andere Lebensfragen auf den Nägeln brennen.

Als Theologin mache ich immer wieder die Erfahrung, daß viele
tatsächlich meinen, dieser Hinweis wäre ein Missionsversuch.
Ist es auch - ein Bildungsmissionsversuch:wink:

Sehr begrüßenswert, wenn dieses Engagement über Vorwürfe und Ermahnungen hinausgehen.

viele Grüße
grilla

Hallo MM,

was hälst Du hiervon:

http://www.luther.de/legenden/baeume.html

?

Zerni

Hallo Zerni,

dann müssen wir das Apfelbäumchen in den Wald neben der Wartburg pflanzen, so daß man es vom Zimmer mit dem Tintenklecks aus sehen kann…

Schade eigentlich, ich hab den Herrn für diesen Spruch gerne gemocht.

Schöne Grüße

MM

Hallo,

Darum habe ich in meinem Ausgangsposting auch ein wenig
flapsig (zugegebenermaßen eine überflüssige Wertung von mir)
von „alten Geschichten“ geschrieben.

Nu ja, vielleicht etwas flapsig war auch meine Antwort formuliert…

Ich komme mit dem Ausdruck „herablassen“ nicht zurecht. Es
gibt viel zu lesen und zu wissen. Das hat nichts mit
Ehrerweisung zu tun, sondern mit Einsicht, im Sinne sich einen
Gefallen tun.

Daher sei nicht pingeliger bei mir als ich bei Dir:wink: Ich würde in einem anderen Kontext auch fordern, daß sich jemand dazu herablassen sollte, Platon zu lesen, wenn er die Neuplatoniker verstehen möchte…

Für Historiker ist es ein
Armutszeugnis, nicht zur Kenntnis zu nehmen, daß das Neue
Testament nicht ein einziger Klumpatsch ist, sondern aus 27
verschiedenen historischen Quellen besteht.

Wer als Nicht-Historiker die Bibel liest, will bestimmte
Erkenntnisse wahrnehmen. Ich habe meine Zweifel, dass ein
„Normalo“ über seine Religiösität hinaus sich für
geschichtliche Abläufe im Detail interessiert.

Unsere Elterngeneration wußte das noch!

Weil Zugehörigkeit zur Kirche und damit das Lesen der Bibel
(wer hatte früher soviele Bücher wie wir heute) ein wichtiger
Teil des Alltags war.

Nu ja, als meine Eltern sicherlich auch nicht wenige:wink: Es ging mir um folgendes: Daher, daß die unsere Erziehung bestimmende Generationen noch diejenigen sind, die die INhalte der Bibel selbstverständlich (warum auch immer) vermittelt bekamen, ist ihnen nicht bewußt, daß diese heute - aufgrund der Säkularisierung - als Bildungsgut angesehen werden muß. Das ist auch meine Antwort auf Deine Frage: Wozu ist die Bibel gut? Sie ist eines der zentralen Hilfesmittel, die Geschichte des Abendlandes zu begreifen. Mit Halbwissen ist nie jemandem gedient…

Ich stelle nur fest, dass auch heute noch im
Religionsunterricht eben nicht so sehr Basiswissen
(Geschichte, Philosophie…) sondern mystischen Vorkommnisse
vermittelt werden. Und wehe, 11jährige lachen über Adam und
Eva-Geschichten, denen eigentlich ganz andere Lebensfragen auf
den Nägeln brennen.

Also Deine Frage war nicht diewozu ist Religionsunterricht gut, sondern wozu die Bibel. Ich wundere mich über Deine Religionsunterrichtserfahrungen, und, um das gleich klarzustellen (da ich den Eindruck habe, daß Du mich hier in eine Ecke stellen willst, in die ich nicht gehöre): Ich bin gegen Religionsunterricht an staatlichen Schulen.

Als Theologin mache ich immer wieder die Erfahrung, daß viele
tatsächlich meinen, dieser Hinweis wäre ein Missionsversuch.
Ist es auch - ein Bildungsmissionsversuch:wink:

Sehr begrüßenswert, wenn dieses Engagement über Vorwürfe und
Ermahnungen hinausgehen.

Ok, diese Deine Reaktion habe ich einerseits sicherlich provoziert (sorry dafür), andererseits ist sie auch symptomatisch: Ich hatte auf meine Erfahrungen in einer interdisziplinären Forschergruppe hingewiesen. Ein Professor, Althistoriker, wollte z.B. die These aufstellen, das NT sei geschrieben worden, um Petrus als Identifikationsfigur darzustellen. Seine ganze Argumentation basierte auf seinen Erinnerungen. Dabei übersah er nicht nur die Tatsache, daß seine Erinnerungen die verschiedenen Quellen durcheinanderbrachte, auch verschiedenste Datierungen, Echtheitsfragen sowie die Tatsache, daß es im NT (vor allem in den Evangelien) um eine andere Person ginge, wurden ignoriert. Da ich zwar Theologin, als Wissenschaftlerin in erster Linie jedoch Historikerin bin, versuchte ich ihm mühsam auseinander zu setzen, warum aufgrund allgemein anerkannter Richtlinien der historischen Forschung seine These absurd ist. Reaktion: Klar, die Theologen wollen wieder missionieren! Diese Ignoranz kann ein in den Wahnsinn treiben,
Und tatsächlich bleibe ich dabei, denn nur in diesem Kontext habe ich mein Posting gestellt: Was den Umgang mit Quellen angeht, ist immer wieder zu ermahnen, es sorgfältig und selbstkritisch zu tun, und bei „Zuwiderhandlung“ sind Vorwürfe zu machen. Es geht darum, eine Quelle zur Kenntnis zu nehmen, nicht darum, ihr vorbehaltlos religiöse Bedeutung zuzuschreiben.

Grüße,
Taju

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