Myzel
Hi Stucki
… Aber ist es nicht nur eine Richtung, die sich (zufällig?) ergeben hat?
Nur wir wären wohl auch mit anderen „Richtungen“ glücklich geworden, hätten Philosophie und Naturwissenschaften usw. entwickelt.
Sicher sind iwr uns darin einig, daß das müßig zu spekulieren ist. Aber es ist unübersehbar, auf welche Weise die Entstehung und Entwicklung der europäischen Philosophie mit den Auseinandersetzungen um theologische Kernfragen verwoben ist. Die Auseinandersetzungen mit Gnosis, später mit Neuplatonismus, die jahrhundertelange Diskussion um das Thema creatio ex nihilo und die Trinität, der Universalienstreit - um nur einige Punkte anzudeuten - das alles hat zu einer Verfeinerung der Begriffe und der Argumentationsverfahren geführt, ohne die auch die Naturwissenschaften ihre Wurzeln nicht hätten bilden können.
Welche Rolle spielen denn dabei die vorchristlichen Griechen und Römer?
An Römern gibt es da nichts besonders nennenswertes, von Cicero abgesehen, dem wir die Übersetzung entscheidender philosophischer Termini aus dem Griechischen ins Lateinische verdanken. Aber die Griechen spielen sogar eine Hauptrolle. Gerade deshalb nannte ich ja Alexandria - als den Schmelztiegel der griechischen und jüdischen Geistesgeschichte, von wo die ersten wesentlichen Impulse für die weiter nördlichen Denkwege ausgingen.
Auch ist es ja in Mode, den islamisch-europäischen (Osmanen, Mauren in Spanien) Anteil einfach außen vor zu lassen. So gibt es da z.B. Ibn
Ruschd/Averoez im maurischen Spanien, der sich vor 800 Jahren,
also schon lange vor den Europäern intensiv mit der griechischen :Antike beschäftigt hatte.
Das ist keineswegs Mode. Es ist vielmehr absolut gesichert, daß die arabische Philosophie und Mathematik vorzüglich mitmischte. Und der arabische Hauptimpuls liegt schon 200 Jahre vor Averroes bei Avicenna (Ibn Sina), der enormen Einfluß auf die Scholastik hatte (Anselm, Abaelard, Thomas …). Durch die Araber (vorgeprägt durch die von Harun al-Raschid in Bagdad aufgegebene Übersetzung griechischer Werke ins Arabische) wurde vor allem der zeitweilig vergessene Aristoteles wieder präsent gemacht, so daß ein Großteil der philosophischen Literatur tatsächlich in Aristoteles-Kommentaren bestand (was allerdings bereits einige Jahrhunderte früher schon einsetzte: Porphyrios, Proklos …).
… dass „die Araber die griechische Antike für Europa erhalten, gerettet haben“ (Altbundeskanzler Schmidt und andere).
Hm - hier irrt der ansonsten geschätzte Helmut gewaltig. Es bezieht sich lediglich auf die Aritoteles-Diskussion. An der Auswirkung des Neuplatonismus auf die europäische Geistesgeschichte haben die Araber keinen nennenswerten Anteil gehabt.
Was die Naturwissenschaften angeht: Zu behaupten, dass sie
sich auf dem Fundament der Bibel (und damit der Kirche), und
nur auf diesem, entwickeln konnte, halte ich für ziemlich verwegen!
Dazu siehe oben. Sie haben nichts mit den Inhalten Bibel zu tun, sondern sie konnten vielmehr erst auf dem Boden der Verstandesbegriffe gedeihen, die durch die philosophischen Auseinandersetzungen (einige hatte ich genannte) damit zusammenhängender Probleme entwickelt wurden. Kurz gesagt: Ohne die „Bibel“ (und damit ist nicht das Buch gemeint), hätte es Giordano Bruno, Nikolaus von Kues, später Descartes, Spinoza, Leibniz nicht gegeben - und ohne die sind die Naturwissenschaften schlecht denkbar …
Es ist halt ein gigantisches Myzel von Strömungen der Geistesgeschichte, in dem die Kontroversen(!) um theologische Inhalte eine Hauptader darstellten.
„… erst aus der Revolte …“. Verstehe ich Dich richtig,
dass man die Menschen nur bevormunden muss, härter
ausgedrückt: Unterdrücken muss, damit sie Widerstand
entwickeln und sich dadurch weiter entwickeln?
Nein, soherum kann man das wohl kaum argumentieren. So war es ja auch nicht gemeint. Aber es ist zu bedenken, daß - unterstützt durch die im Grunde revolutionäre Bewegung der deutschen und spanischen Mystik - an den Universitäten der Spätscholastik (Paris, Straßburg, Padua …) der Gedanke erkämpft wurde, daß Erkenntnis und Wissenschaft auch ohne theologische (und erst recht klerikale) Bezugnahme möglich sei. Dadurch wurde überhaupt erst dem Individuum kognitive Kompetenz erkämpft. Das hatten die Griechen zwar auch bereits (spätestens mit den Skeptikern und Sokrates), aber dort stand das Individuum (und das individuelle Denken) nicht so im Zentrum der Thematik.
Ich behaupte mal, um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen,
dass die Klagen über das zurückgehende Bibelinteresse merkwürdig sind.
Das finde ich allerdings auch. Ich hatte mich mehr an dem gedanken aufgehängt, daß die „Bibel“ lediglich ein Buch mit komischen Geschichten sei …
… Ja, da verschätzt du dich. Die reiten nur auf dem Wellenkamm einer 2000-jährigen Woge von Geschichte, egal, ob sie Ratzinger oder Opus Dei heißen.
Puuh! Das war jetzt ein echter Metapher-Abschluss
)
*lach* Schönes feedback
)
Gruß
Metapher