Würgereiz psychologisch begründet - Lösung?

Hallo,

es geht um den Würgereiz, den ich immer wieder verspüre.
Angefangen hat es wohl an dem Tag, als ich erfuhr, mein Opa ist gestorben (das war vor 7 Jahren). Ich musste sofort aus Klo und mich übergeben.

Seit dem bekomme ich bei Ekelgefühlen einen Würgereiz. So ist es mir fast nicht mehr möglich auf eine öffentliche Toilette zu gehen, ohne Würgegefühle zu bekommen. Alleine die Vorstellung, dass es stinken könnte oder auch wenn es nur wenig unangenehm riecht löst das schon aus. Auch für mich eklige Szenen im Fernsehen können das auslösen (aber eher selten).
Manchmal glaube ich, es wird schlimmer, umso gestresster ich bin. Wie kann ich das kontrollieren, bzw. abstellen???

Vielleicht kennt ja einer von Euch das Problem und kann mir helfen.
Vielen Dank,
Sonja

Evtl. Verhaltenstherapie
Hallo Sonja,

Du arme. Das hört sich im wahrsten Sinne *übel* an. Aber Du kennst wenigsten den Auslöser und bist Dir über die Situationen bewußt, *wann* das ekel Gefühl entsteht. Damit will ich sagen, daß Du Dir diesen Reiz irgendwann einmal antrainiert haben musst und daß sicher Chancen bestehen, dieses Verhalten wieder abzutrainieren. Es gibt eine Therapie, die sich Verhaltenstherapie nennt. Mit der sogenannten Extinktion des erlenten Verhaltens können angelernte und unerwünschte Verhaltensweisen wieder abtrainiert werden. Ich habe so eine Verhaltenstherapie vor einiger Zeit gegen eine Spinnenphobie durchgemacht. Mit bleibendem Erfolg. Meine Angst vor Spinnen ist verschwunden. Wie wäre es, wenn Du Dir einen Verhaltenstherapeuten suchst, der mit Dir übt, das erlernte Verhalten wieder aubzutrainieren? Viel Glück dabei wünscht Lara

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Hallo Sonja,

bei der Würgereaktion könnte es sich tatsächlich um ein durch Klassische Konditionierung gelerntes Verhalten handeln. Daß Du eine Klasse von Reizen nennst, die diese Reaktion auslöst, läßt diese Vermutung wahrscheinlich sein. Auch daß es schlimmer ist, wenn Du unter Streß stehst, deutet darauf hin. Manche Reflexe - wie z.B. der Schreckreflex - werden durch Stimmungen und Streß modifiziert, d.h. sie treten dann in veränderter Intensität auf. Genauer könnte man / ich es jedoch erst sagen, wenn man / ich zusammen mit Dir genauer die Situationen unter die Lupe genommen hätte, in denen die Würgereaktion auftritt. Falls die Würgereaktion klassisch konditioniert ist, dann besteht u.U. eine gute Möglichkeit, sie im Rahmen einer Verhaltenstherapie zu verlernen. Aber auch das müßte erst im persönlichen Gespräch zwischen Dir und einem Psychologen abgeklärt werden.

Gruß,

Oliver Walter

Sehr geehrte Sonja,

Bei der „psychogenen Übelkeit“, unter der Sie offenbar leiden,
könnte Ihnen *kurzfristig* vielleicht das Medikament „Psyquil“ etwas Erleichterung verschaffen. Sie müßten es mit Ihrem Arzt besprechen und schauen, ob es für Sie geeignet ist und Sie es gut vertragen.

*Mittelfristig* haben Oliver Walter und Lara völlig recht, daß Ihnen am ehesten eine Psychotherapie z.B. in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie helfen könnte. Wenn Sie das rechtzeitig machen, ist die Prognose gut - wenn sie es sich hingegen weiter chronifizieren lassen, können die Heilungsaussichten schlechter werden.

Ich weiß nicht, wo Sie wohnen, aber prinzipiell ist es in solchen Fällen manchmal ganz gut, sich (nach Rückprache mit Ihrem Hausarzt)
ambulant an einer Psychosomatischen oder Psychiatrisch-psychotherapeutischen Universitätsklinik vorzustellen (gibt es in den meisten Universitätsstädten). Die dortigen Ärzte bzw. Psychologen könnten Ihnen dann auch helfen, einen geeigneten niedergelassenen Psychotherapeuten zu finden.

Alles Gute!

Dr. Stefan Müschenich

Hallo sonja, natürlich ist dir zu helfen, den weg dahin haben die Autoren der
anderen Artikel ja aufgezeigt. Ich möchte nur noch der Vollständigkeit halber
anmerken daß deine Symptomatik natürlich auch von einem Psychotherapeuten mit
einer analytischen oder tiefenpsychologischen Ausrichtung behandelt werden
kann.Die anderen Antworten scheinen mir etwas verhaltenstherapielastig. Es
kommt auch wesentlich darauf an ob du zu dem Therapeuten einen „Draht“ findest,
ob ihr zusammenpaßt, die Methode die er dann anwendet ist dann meiner Meinung
zweitrangig.
viele Grüße…nashorn

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Hintergründe
Hi Sonja

Angefangen hat es wohl an dem Tag, als ich erfuhr, mein Opa ist :gestorben …Ich musste sofort aufs Klo und mich übergeben.

Diese Anmerkung von dir über den Anlaß, an den der Beginn deines Würgereflexes gekoppelt ist, gibt mir wiederum Anlaß, dich nochmal auf das Posting von nashorn zu verweisen.

Die Verbindung solcher Reaktionen mit gerade solchen Ereignissen (Tod einer nahestehenden Person) sind nämlich einschlägig nicht gerade unbekannt und sie sind häufig (aber natürlich nicht notwendig) ein Anzeichen für einen etwas umfangreicheren biografischen Hintergrund.

Mehr ist an dieser Stelle dazu nicht zu sagen, nur, daß es sich daher in diesem Falle doch eher empfehlen könnte, von vornherein eine therapeutische Beratung aufzusuchen, die solche Hintergründe kennt, sie berücksichtigt und gegebenenfalls auch mit dir gemeinsam aufarbeiten kann. Und das wäre tatsächlich eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie.

Der übersteigerte Ekelreflex allein läßt zwar die Empfehlung einer Verhaltentherapie naheliegend erscheinen, der spezielle Zusammenhang mit einem solchen Auslöseereignis aber eher nicht.

Auch ich wünsche dir, wie alle hier, daß du eine Therapeutin findest, zu der du ein Vertrauensverhältnis aufbauen kannst.

Grüße

Metapher

methodische Nachfrage
Hallo,

Ich möchte nur noch der Vollständigkeit halber anmerken daß deine
Symptomatik natürlich auch von einem Psychotherapeuten mit
einer analytischen oder tiefenpsychologischen Ausrichtung
behandelt werden kann.Die anderen Antworten scheinen mir etwas
verhaltenstherapielastig.

soweit mir im Moment geläufig ist (bitte mich zu korrigieren, wenn es nicht stimmen sollte), ist die Psychoanalyse hauptsächlich auf unbewusste Reaktionen spezialisiert, also auf Phänomene gerichtet, deren Ursachen man sich nicht bewusst macht. Nun ist bei der Fragerin aber ja die Ursache zwar nicht der Reaktion, wohl aber des Phänomens bekannt, nämlich der Tod eines Angehörigen - so scheint es wenigstens.

Da ich kein Psychoanalytiker bin, würde es mich interessieren, welchen Beitrag denn die Psychoanalyse in diesem Fall leisten könnte. Bei der Verhaltenstherapie scheint es mir klar zu sein, denn man möchte ja die Reaktion als Reaktion abstellen. Wenn psychoanalytisch betrachtet nach der Grund der Reaktion bekannt ist, dürfte doch diese Methode erschöpft sein, oder sehe ich das falsch? Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass man psychoanalytisch vermutet, dass mit dem bekannten Grund der wahre Grund noch nicht gefunden sei, aber dafür scheint es mir in der Beschreibung keine Hinweise zu geben, es sei denn, man würde annehmen, dass es immer so sei, dass der bekannte Grund nicht der richtige Grund sei.

Wie sieht das die heutige Psychoanalyse?

Herzliche Grüße

Thomas Miller

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Hallo Thomas Miller, erstmal danke für deine nachfrage, die wie ich sehen kann
wirklich das Bedürfnis signalisiert etwas zu erfahren.
Die Psychoanalyse hat zwei wesentliche Vorausannahmen, die erste ist, daß
Symptome, Impulse und Handlungen unbewußt motiviert sind, die zweite ist: daß
unser bisheriges Leben einfluß auf unsere jetzigen Impulse , Symptome und
Handlungen hat. Bei einer Psychoanalytischen aber auch in einer
tiefenpsychologischen Behandlung gilt es nun zusammen mit dem Therapeuten die
unbewußte Motivation zu ergründen und in einen sinnvollen und nachvollziehbaren
Zusammenhang mit der Lebensgeschichte zu setzen. Dieses Verstehen, das nichts
mit einem nur intellektuellen Erklären zu tun hat sondern mit einem tiefen sich
akzeptieren oder Annehmen entspricht macht dann das Symptom überflüssig, es muß
nicht mehr eingesetzt werden, es hat seinen Sinn verloren.
Ich will damit aber nicht sagen, daß es nur , in diesem Speziellem Fall über
diesen Weg klappt, daß nur über diese Methode das Symptom dauerhaft beseitigt
werden kann,glaube aber, daß hier eine tiefenpsychologische Therapie durchaus
erfolgversprechend ist.

viele Grüße…nashorn

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Hallo Metapher,

Der übersteigerte Ekelreflex allein läßt zwar die Empfehlung
einer Verhaltentherapie naheliegend erscheinen, der spezielle
Zusammenhang mit einem solchen Auslöseereignis aber
eher nicht.

Wieso das? Könntest Du Gründe für Deine Meinung anführen? Ich frage deshalb, weil es in der von Sonja beschriebenen Situation Bedingungszusammenhänge gegeben haben könnte, unter denen sich durch Klassische Konditionierung eine solche Verhaltensauffälligkeit gebildet und später aufrechterhalten haben könnte. Diese Bedingungszusammenhänge können sehr einfach gewesen sein. Das scheint mir sogar als erste Arbeitshypothese für die Diagnostik geeignet. Meinst Du nicht, daß man das abchecken sollte?

Nächtliche Grüße,

Oliver Walter

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Hi Oliver

Diese Bedingungszusammenhänge können sehr einfach gewesen sein. Das :scheint mir sogar als erste Arbeitshypothese für die Diagnostik :geeignet. Meinst Du nicht, daß man das abchecken sollte?

ja - sie können sehr einfach gewesen sein. Ganz zweifellos, daß man das vorher herausfinden sollte. Aber das hast du ja Sonja schon ausführlich und umsichtig erklärt.

Nur: Dieses Herausfinden ist für Sonja selbst wiederum ein Prozess, in den sie Hoffnung auf Linderung dieser lästigen Reaktion setzt. Und ich erwähnte ja, das diese spezielle Art von Auslöseereignissen für psychosomatische Erscheinungen der Art, die sie erlebt, auf einen „etwas umfangreicheren biographischen Hintergrund“ verweisen. Soll heißen: Nicht allein als konditionierter Reflex in die Therapie eingehen sollte … Bitte hab Verständnis, daß ich das in diesem Thread nicht näher ausführen möchte.

Gute Nacht auch dir

Metapher

Hallo Herr Dr. Zeller,

Die Psychoanalyse hat zwei wesentliche Vorausannahmen, die
erste ist, daß Symptome, Impulse und Handlungen unbewußt motiviert
sind, die zweite ist daß unser bisheriges Leben einfluß auf unsere
jetzigen Impulse, Symptome und Handlungen hat.

zu diesen Vorausannahmen, welche die Psychoanalyse auch meiner Kenntnis nach macht, habe ich eine Frage: Sind diese Annahmen Ihrer Meinung nach spezifisch für die Psychoanalyse oder machen auch andere Therapien / psychologische Strömungen diese Annahmen? Ich habe in Gedanken statt „Psychoanalyse“ „Verhaltensanalyse“ (die von Skinner begründete Verhaltenswissenschaft) eingesetzt und dann stimmt der Satz ebenfalls. Ich meine, daß es daran liegt, daß Ihr Satz etwas zu allgemein gehalten ist, so daß die tatsächlichen Unterschiede gar nicht hineinspielen. Besonders hinsichtlich der zweiten Vorausannahme („Daß unser bisheriges Leben Einfluß auf“ unser jetziges Verhalten hat) frage ich mich grübelnd, welche der großen Therapierichtungen (VT, Gesprächspsychotherapie, Psychoanalyse) diese Annahme nicht macht. Kennen Sie eine?

Gruß,

Oliver Walter

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Guten Morgen,

danke für Deine schnelle Antwort.

Und ich erwähnte ja, das diese spezielle Art
von Auslöseereignissen für psychosomatische Erscheinungen der
Art, die sie erlebt, auf einen „etwas umfangreicheren
biographischen Hintergrund“ verweisen.

Genau deshalb stellte ich die Frage nach den Gründen, wieso Du meinst, daß sie auf einen „etwas umfangreicheren biographischen Hintergrund verweisen“. Wenn Du meinst, daß die Beantwortung dieser Frage zu heikel für diesen Thread ist, könntest Du mir per Mail Deine Meinung begründen? Mich interessiert wirklich, wieso Du aufgrund der speziellen Begleitumstände in diesem Fall von vornherein meinst, daß Klassische Konditionierung eher unwahrscheinlich ist, wie Du in Deinem ersten Posting geschrieben hast. Mir verschließt sich der Grund leider. Wenn Du mir es per Mail begründen könntest, hätte ich eine Chance, Deine Meinung zu verstehen und mein Wissen zu erweitern.

Gruß,

Oliver Walter

Präzisierung der Frage
Hallo,

erstmal danke für deine nachfrage, die wie ich sehen kann
wirklich das Bedürfnis signalisiert etwas zu erfahren.

naja, deine Formulierung impliziert, dass es die Regel sein könnte, etwas anderes zu wollen als etwas zu erfahren (vielleicht zu diffamieren?). Zumindest scheinst du solche Tendenzen bei mir (?) zu befürchten. Ich denke nicht, dass ich dazu irgendwie Anlass gegeben habe. Meine Position ist, dass nicht die Methode im Vordergrund stehen darf, sondern das Problem primär ist, sich die zu verwendende Methode also nach dem Problem zu richten hat. Mit anderen Worten: Ich meine, dass Methoden immer nur so gut sind, wie sie zu einem Problem passen.

Die Psychoanalyse hat zwei wesentliche Vorausannahmen, …

Danke schön für die Erläuterungen, aber das ist mir bekannt gewesen. Meine Frage bezog sich darauf, ob hier in diesem Fall nicht evt. die Einordnung in die Lebensgeschichte schon erfolgt war - und also die PA eben nicht (mehr) zuständig wäre.

Ich will damit aber nicht sagen, daß es nur , in diesem
Speziellem Fall über diesen Weg klappt, daß nur über diese Methode
das Symptom dauerhaft beseitigt werden kann,glaube aber, daß hier :eine tiefenpsychologische Therapie durchaus erfolgversprechend ist.

Ich will ja auch nicht der PA die Kompetenz generell abstreiten, was du zu vermuten scheinst. Ich denke auch, dass es umgekehrt Fälle gibt, die besser psychoanalytisch in den Griff zu bekommen sind als verhaltenstherapeutisch. Nur eben in diesem speziellen Fall der Fragerin leuchtet mir nicht ein, warum die PA dasselbe leisten können soll wie die VT. Denn das, was die PA erkennen helfen soll, ist ja schon erkannt. Und diese Erkenntnis hat die Symptome nicht beseitigt.

Nun könnte man ja in zweierlei Hinsicht argumentieren: Entweder man sagt, die Psychoanalyse sei eben für diesen Fall nicht einschlägig - wie ich vermutend angedeutet habe -; oder man sagt, die Erkenntnis des Gründe für das Symptom seien noch nicht die richtigen Erkenntnisse, und also müsse die Psychoanalyse diese noch fehlenden Erkenntnisse ermöglichen. Darauf aber - das war mein Zweifel - gibt es im ausgehenden Frageposting keinen Hinweis, oder?

Ich habe darüber nachgedacht, welche Art von Erlebnis denn psychoanalytisch hier überhaupt zugrunde liegen könnte , und ich bin zu keinem wirklich für mich überzeugendem Ergebnis gekommen. Und das hat meinen Zweifel - erstmal nur für diesen Fall! - nicht ausgeräumt.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

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hallo Thomas miller,
ist halt alles nicht so einfach!

„Danke schön für die Erläuterungen, aber das ist mir bekannt gewesen.
Meine Frage bezog sich darauf, ob hier in diesem Fall nicht evt. die
Einordnung in die Lebensgeschichte schon erfolgt war - und also die
PA eben nicht (mehr) zuständig wäre.“

wollte dich mit den Vorannahmen nicht belehren, aber wenn ich sage
daß die eine Vorannahme die Existenz des Unbewußten ist dann meine
ich das auch so. Wenn die verfasserin eine zeitliche Übereinstimmung
herstellen kann hat das nichts mit der erkenntnis des unbewußten zu
tun, es ist eine zeitliche korrelation die natürlich eine gute
voraussetzung für die erfolgschanchen einer wie auch immer gearteten
Therapie ist. Der unbewußte zusammenhang kann nur mit den mitteln
einer Psychoanalytischen therapie (freie assaziation, Traumarbeit und
bearbeiten von Fehlleistungen) ergründet werden. Das Unbewußte ist
nunmal per definition unbewußt, das heißt , auch mit der größten
Anstrengung durch nachdenken nicht zu ergründen. Deshalb ist eine
psychoanalytische Therapie oder auch eine tiefenpsychologische
Therapie durchaus angezeigt.
Entschuldige bitte mein Mißtrauen aber ich habe in diesem
zusammenhang einfach schon zuoft erlebt , daß es grade in solchen
Foren nicht darum geht etwas zu verstehen sondern zu diffamieren oder
einfach nur recht zu haben. Darauf hätte ich dann keine Lust.

MfG…nashorn

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zu diesen Vorausannahmen, welche die Psychoanalyse auch meiner
Kenntnis nach macht, habe ich eine Frage: Sind diese Annahmen
Ihrer Meinung nach spezifisch für die Psychoanalyse oder
machen auch andere Therapien / psychologische Strömungen diese
Annahmen? Ich habe in Gedanken statt „Psychoanalyse“
„Verhaltensanalyse“ (die von Skinner begründete
Verhaltenswissenschaft) eingesetzt und dann stimmt der Satz
ebenfalls. Ich meine, daß es daran liegt, daß Ihr Satz etwas
zu allgemein gehalten ist, so daß die tatsächlichen
Unterschiede gar nicht hineinspielen. Besonders hinsichtlich
der zweiten Vorausannahme („Daß unser bisheriges Leben Einfluß
auf“ unser jetziges Verhalten hat) frage ich mich grübelnd,
welche der großen Therapierichtungen (VT,
Gesprächspsychotherapie, Psychoanalyse) diese Annahme nicht
macht. Kennen Sie eine?

hallo herr walter, ich kann hier wörtlich aus den Grundzügen der
Psychoanalyse von Brenner Seite 18 zitieren:…zwei solche
fundamentale Hypothesen…sind: das Prinzip der psychischen
Determiniertheit oder die Kausalität, und der Satz, daß Bewußtheit
eher ein außergewöhnliches als ein regelmäßiges Attribut psychischer
Prozesse ist.
Letztendlich sind ja wohl alle Therapierichtungen bis auf die
Verhaltenstherapie aus den Vorstellungen der Psychoanalyse
entstanden, deshalb ist es nicht verwunderlich wenn andere Therapien
ähnliche Grundannahmen haben. wenn die Verhaltenstherapie ähnliche
Annahmen hat freue ich mich , habe aber zweifel ob sie die annahme
des Unbewußten wirklich teilen kann.
Sie haben völlig recht wenn sie schreiben daß ich mich recht
allgemein ausdrücke, ich bemühe mich sogar das zu tun, dies ist ein
forum für alle, wir fachleute sollten uns davor hüten unserem
Geltungsbedürfnis allzusehr zu erliegen.
MfG…nashorn

Bei den Diskussionen, die sich in diesem Forum an das eingangs geschilderte Problem angeschlossen haben, tut mir die arme Sonja ein bißchen leid, denn wie soll sie als Patientin beurteilen, ob Ihre Symptomatik am ehesten klassich verhaltenstherapeutisch oder besser tiefenpsychologisch bzw. psychoanalytisch angegangen werden sollte?! Möglicherweise ist das auch der Grund dafür, daß sich die Betroffene selbst trotz der ganzen Stellungnahmen meines Wissens selber nicht mehr zu Wort gemeldet hat…

Zum besseren Verständnis für Laien sei vielleicht erläutert, daß es in der Psychotherapie-Szene seit vielen Jahren einen grundätzlichen „berufsständlichen“ Konflikt zwischen den (lerntheoretisch orientierten) Verhaltenstherapeuten auf der einen Seite und den (mehr auf unbewußte lebensgeschichtliche Konflikte ausgerichteten) Tiefenpsychologen bzw. Psychoanalytikern auf der anderen Seite gibt. Diese Situation kann für den ratsuchenden Patienten mitunter recht verwirrend sein.

Ganz grob gesagt, soll vorgeblich die Verhaltenstherapie eher an der Funktionalität der Symptome „im Hier und Jetzt“ interessiert sein und mit relativ technischen Methoden zu einer verhältnismäßig raschen Beseitigung derselben führen, während es in der Tiefenpsychologie bzw. Psychoanalyse tendenziell mehr um die subjektive Seite und um die Einbettung der aktuellen Symptomatik in die Biographie
und die Rückführung auf z.B. frühkindliche Konflikte gehen soll.

Die einzelnen Diskutanten haben in ihren Beiträgen gute Argumente für die grundsätzliche Überlegenheit des einen oder des anderen Ansatzes vorgebracht.

Als Laie sollte man jedoch bedenken, daß es sich in der *Praxis* hierbei im Grunde um akademische Spitzfindigkeiten handelt, die natürlich auch von daher relevant sind, als es in Verhandlungen mit Kostenträgern, hinsichtlich der Besetzung von Positionen an Universitäten, in Kliniken und der ambulanten Versorgung usw. immer auch (wie meistens im Leben) um viel Geld und Macht geht!
So veröffentlichen *beide* Richtungen seit langer Zeit jeweils tolle Wirksamkeitsnachweise für *ihre* Methode in ihren entsprechenden Fachzeitschriften, die die Überlegenheit gegenüber der jeweils anderen Richtung belegen sollen.
Darüber könnte man einen ganzen Abend lang diskutieren (z.B. besteht ein großes methodologisches Problem darin, daß beide Schulen etwas anderes unter Heilung verstehen und der Behandlungserfolg der einen nur schwer mit den Methoden der anderen Methode zu messen bzw. zu quantifizieren ist udgl. mehr).

Nur trägt das ganze nur wenig zur professionellen Selbstdarstellung der Psychotherapie in der Öffentlichkeit und zur Transparenz gegenüber den Hilfe suchenden Laien bei - eigentlich sollten die Fachleute das unter sich ausmachen und den Patienten damit in Ruhe lassen, weil es ihn, dem es ja aktuell psychisch schlecht geht, verwirren kann.

Deswegen sollte sich z.B. auch Sonja nicht durcheinanderbringen lassen, sondern ihre Entscheidung eher an solchen Kriterien orientieren wie „Welche Psychotherapierichtung ist an meinem Wohnort eher bzw. schneller verfügbar?“, „Erscheint mir der Therapeut kompetent, finde ich einen guten persönlichen Zugang zu ihm/ihr und fühle mich verstanden?“, „Weiß ich von persönlichen Empfehlungen meines Hausarztes oder aus dem Bekanntenkreis bzgl. dieses oder jenes Therapeuten?“ udgl. mehr.

Alle Erfahrungen aus der klinischen Praxis der letzten Jahre laufen nämlich im Grunde darauf hinaus, daß die so genannte „Therapeutenvariable“ von großer Bedeutung ist.

Mit anderen Worten: ein guter Therapeut ist ein guter Therapeut, relativ unabhängig von der angwandten Methode - und jemandem, der die erforderlichen menschlichen Voraussetzungen nicht mitbringt, nützt auch eine prinzipiell überlegene Methode nicht.

In der ambulanten klinischen Versorgung gibt es außerdem auch kaum noch „reinrassige“ Vetreter der einen oder anderen Schule; die meisten Psychotherapeuten haben mehr als ein Verfahren erlernt.
Beide Schulen haben (nicht zuletzt durch die Kritik der jeweils anderen) in den letzten Jahren wichtige Modifikationen erfahren:
die Tiefenpsychologie orientiert sich jetzt mehr am „Hier und Jetzt“ als früher, während die Verhaltenstherapie nicht mehr nur auf Konditionierungsvorgänge udgl. abzielt, sondern sich zur „kognitiven Verhaltenstherapie“ gemausert hat und jetzt auch subjektiv-emotionale und lebensgeschichtliche Faktoren stärker berücksichtigt als in ihrer Gründerzeit. Man könnte auch sagen, beide Verfahren haben von einander „abgeschrieben“ und wichtige Bestandteile des jeweils anderen Verfahrens integriert und in ihre eigene Terminologie übersetzt. Deswegen habe ich in meinem ersten Beitrag ja auch davon gesprochen, daß Sonja eine Psychotherapie *z.B.* in Form einer Verhaltenstherapie helfen könnte.

Ein guter Verhaltenstherapeut wird auch den Kontext des aktuellen Symptoms zur Biographie des Patienten/Klienten thematisieren, während ein guter Tiefenpsychologe sich nicht auf frühkindliche Konflikte beschränken, sondern natürlich auch die gegenwärtige konkrete psychosoziale Lebenssituation des Betroffenen genügend berücksichtigen wird.

Viele Grüße,

Dr. Stefan Müschenich

Danke
Hallo,

ist halt alles nicht so einfach!

eben :smile:

Entschuldige bitte mein Mißtrauen aber ich habe in diesem
zusammenhang einfach schon zuoft erlebt , daß es grade in
solchen Foren nicht darum geht etwas zu verstehen sondern zu
diffamieren oder
einfach nur recht zu haben. Darauf hätte ich dann keine Lust.

Das kann ich verstehen, und dem wollte ich auch nur entgegenwirken, indem ich mich nach der Meinung erkundigte.

Danke für die Erläuterungen.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Ratschläge und Wissenschaft
Hallo,

ganz wunderbar, genau meine Meinung (auch wenn du dieser Bestätigung nicht wirklich bedarfst).

Möglicherweise ist
das auch der Grund dafür, daß sich die Betroffene selbst trotz
der ganzen Stellungnahmen meines Wissens selber nicht mehr zu
Wort gemeldet hat…

Das ist möglich und sollte uns zu Vorsicht mahnen, aber es kommt oft vor, dass sich Menschen nach einer Erkundigung nicht mehr melden, auch wenn es so eine Diskussion wie hier nicht gegeben hat.

An Sonja: Vielleicht sagst du mal, was du dem Ganzen bisher entnehmen konntest! Das könnte sowohl uns hier als auch dir helfen.

Zum besseren Verständnis für Laien sei vielleicht erläutert,
daß es in der Psychotherapie-Szene seit vielen Jahren einen …

Wir haben hier im Forum diesen Konflikt fast täglich, jedenfalls sehr regelmäßig vor Augen. Die Bezeichnung „Laien“ finde ich etwas überheblich, weil sie doch nur dazu dienen kann, auszugrenzen - nein, gar nicht mich, sondern ich beziehe mich darauf, dass „Nashorn“ Arzt und Psychoanalytiker ist und „Oliver Walter“ Diplompsychologe ist. Dass man als Arzt die anderen Ausbildungen nicht für überzeugend hält, lasse ich jetzt einfach einmal so stehen, aber ich denke, es ginge auch ohne diese Herabsetzung der anderen Forumsteilnehmer.

Diese Situation kann für den ratsuchenden Patienten mitunter recht
verwirrend sein.

Das Problem ist, dass hier im Brett nicht getrennt wird zwischen Ratsuchen bzw. Ratgeben und wissenschaftlichen oder methodischen Diskussionen. Dafür gibt es Gründe, die aber hier jetzt nicht erneut diskutiert werden sollten - es ist eben so.

Deswegen sollte sich z.B. auch Sonja nicht
durcheinanderbringen lassen, sondern ihre Entscheidung eher an
solchen Kriterien orientieren wie „Welche
Psychotherapierichtung ist an meinem Wohnort eher bzw.
schneller verfügbar?“, „Erscheint mir der Therapeut kompetent,
finde ich einen guten persönlichen Zugang zu ihm/ihr und fühle
mich verstanden?“, „Weiß ich von persönlichen Empfehlungen
meines Hausarztes oder aus dem Bekanntenkreis bzgl. dieses
oder jenes Therapeuten?“ udgl. mehr.

Das scheint mir besonders wichtig zu betonten. Wenn ein guter Therapeut merkt, dass er nicht weiterkommt, wird er schon für einen Wechsel der Therapieform oder des Therapeuten sorgen, denke ich. Nur leider kann man auch das als Patient schwer entscheiden, ob ich einen „guten“ Therapeuten vor mir habe oder nicht.

In der ambulanten klinischen Versorgung gibt es außerdem auch
kaum noch „reinrassige“ Vetreter der einen oder anderen
Schule; die meisten Psychotherapeuten haben mehr als ein
Verfahren erlernt.

Da habe ich eine Nachfrage: Ist die Einschränkung auf den klinischen Bereich ernst gemeint, oder soll sich die Aussage implizit auch auf niedergelassene Praxen beziehen. Wenn das Letztere der Fall ist, hätte ich einige Zweifel. Denn dieser Absatz:

Ein guter Verhaltenstherapeut wird auch den Kontext des
aktuellen Symptoms zur Biographie des Patienten/Klienten
thematisieren, während ein guter Tiefenpsychologe sich nicht
auf frühkindliche Konflikte beschränken, sondern natürlich
auch die gegenwärtige konkrete psychosoziale Lebenssituation
des Betroffenen genügend berücksichtigen wird.

scheint mir wünschenswert zu sein, leider aber bei niedergelassenen Therapeuten immer noch ein unerfülltes Ideal darzustellen.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Antwort unterwegs (o.w.T.)
.

Hallo Herr Dr. Zeller,

daß Sie das Zitat gebracht haben, läßt vermuten, daß Sie meine Frage derart aufgefaßt haben, daß ich an ihre Darstellung der Annahmen zweifelte. Wie Sie meinem Posting sicherlich entnehmen werden, wenn sie es noch einmal lesen, dann werden Sie erkenenn, daß meine Frage nicht darauf abzielte.

Wie ich Ihrem Satz

wenn die Verhaltenstherapie ähnliche Annahmen hat freue ich mich ,
habe aber zweifel ob sie die annahme des Unbewußten wirklich teilen
kann.

entnehmen kann, scheinen Sie über die VT weniger informiert zu sein als über die Psychoanalyse. Die VT nimmt nicht das „Unbewußte“ an, wohl aber, daß viele Prozesse, die bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Verhalten und Verhaltensstörungen „unbewußt“ sind. Bei Bedarf werde ich dies irgendwann später einmal ausführen.

wir fachleute sollten uns davor hüten unserem Geltungsbedürfnis
allzusehr zu erliegen.

Gut, daß Sie es erwähnen.

Gruß,

Oliver Walter