Bei den Diskussionen, die sich in diesem Forum an das eingangs geschilderte Problem angeschlossen haben, tut mir die arme Sonja ein bißchen leid, denn wie soll sie als Patientin beurteilen, ob Ihre Symptomatik am ehesten klassich verhaltenstherapeutisch oder besser tiefenpsychologisch bzw. psychoanalytisch angegangen werden sollte?! Möglicherweise ist das auch der Grund dafür, daß sich die Betroffene selbst trotz der ganzen Stellungnahmen meines Wissens selber nicht mehr zu Wort gemeldet hat…
Zum besseren Verständnis für Laien sei vielleicht erläutert, daß es in der Psychotherapie-Szene seit vielen Jahren einen grundätzlichen „berufsständlichen“ Konflikt zwischen den (lerntheoretisch orientierten) Verhaltenstherapeuten auf der einen Seite und den (mehr auf unbewußte lebensgeschichtliche Konflikte ausgerichteten) Tiefenpsychologen bzw. Psychoanalytikern auf der anderen Seite gibt. Diese Situation kann für den ratsuchenden Patienten mitunter recht verwirrend sein.
Ganz grob gesagt, soll vorgeblich die Verhaltenstherapie eher an der Funktionalität der Symptome „im Hier und Jetzt“ interessiert sein und mit relativ technischen Methoden zu einer verhältnismäßig raschen Beseitigung derselben führen, während es in der Tiefenpsychologie bzw. Psychoanalyse tendenziell mehr um die subjektive Seite und um die Einbettung der aktuellen Symptomatik in die Biographie
und die Rückführung auf z.B. frühkindliche Konflikte gehen soll.
Die einzelnen Diskutanten haben in ihren Beiträgen gute Argumente für die grundsätzliche Überlegenheit des einen oder des anderen Ansatzes vorgebracht.
Als Laie sollte man jedoch bedenken, daß es sich in der *Praxis* hierbei im Grunde um akademische Spitzfindigkeiten handelt, die natürlich auch von daher relevant sind, als es in Verhandlungen mit Kostenträgern, hinsichtlich der Besetzung von Positionen an Universitäten, in Kliniken und der ambulanten Versorgung usw. immer auch (wie meistens im Leben) um viel Geld und Macht geht!
So veröffentlichen *beide* Richtungen seit langer Zeit jeweils tolle Wirksamkeitsnachweise für *ihre* Methode in ihren entsprechenden Fachzeitschriften, die die Überlegenheit gegenüber der jeweils anderen Richtung belegen sollen.
Darüber könnte man einen ganzen Abend lang diskutieren (z.B. besteht ein großes methodologisches Problem darin, daß beide Schulen etwas anderes unter Heilung verstehen und der Behandlungserfolg der einen nur schwer mit den Methoden der anderen Methode zu messen bzw. zu quantifizieren ist udgl. mehr).
Nur trägt das ganze nur wenig zur professionellen Selbstdarstellung der Psychotherapie in der Öffentlichkeit und zur Transparenz gegenüber den Hilfe suchenden Laien bei - eigentlich sollten die Fachleute das unter sich ausmachen und den Patienten damit in Ruhe lassen, weil es ihn, dem es ja aktuell psychisch schlecht geht, verwirren kann.
Deswegen sollte sich z.B. auch Sonja nicht durcheinanderbringen lassen, sondern ihre Entscheidung eher an solchen Kriterien orientieren wie „Welche Psychotherapierichtung ist an meinem Wohnort eher bzw. schneller verfügbar?“, „Erscheint mir der Therapeut kompetent, finde ich einen guten persönlichen Zugang zu ihm/ihr und fühle mich verstanden?“, „Weiß ich von persönlichen Empfehlungen meines Hausarztes oder aus dem Bekanntenkreis bzgl. dieses oder jenes Therapeuten?“ udgl. mehr.
Alle Erfahrungen aus der klinischen Praxis der letzten Jahre laufen nämlich im Grunde darauf hinaus, daß die so genannte „Therapeutenvariable“ von großer Bedeutung ist.
Mit anderen Worten: ein guter Therapeut ist ein guter Therapeut, relativ unabhängig von der angwandten Methode - und jemandem, der die erforderlichen menschlichen Voraussetzungen nicht mitbringt, nützt auch eine prinzipiell überlegene Methode nicht.
In der ambulanten klinischen Versorgung gibt es außerdem auch kaum noch „reinrassige“ Vetreter der einen oder anderen Schule; die meisten Psychotherapeuten haben mehr als ein Verfahren erlernt.
Beide Schulen haben (nicht zuletzt durch die Kritik der jeweils anderen) in den letzten Jahren wichtige Modifikationen erfahren:
die Tiefenpsychologie orientiert sich jetzt mehr am „Hier und Jetzt“ als früher, während die Verhaltenstherapie nicht mehr nur auf Konditionierungsvorgänge udgl. abzielt, sondern sich zur „kognitiven Verhaltenstherapie“ gemausert hat und jetzt auch subjektiv-emotionale und lebensgeschichtliche Faktoren stärker berücksichtigt als in ihrer Gründerzeit. Man könnte auch sagen, beide Verfahren haben von einander „abgeschrieben“ und wichtige Bestandteile des jeweils anderen Verfahrens integriert und in ihre eigene Terminologie übersetzt. Deswegen habe ich in meinem ersten Beitrag ja auch davon gesprochen, daß Sonja eine Psychotherapie *z.B.* in Form einer Verhaltenstherapie helfen könnte.
Ein guter Verhaltenstherapeut wird auch den Kontext des aktuellen Symptoms zur Biographie des Patienten/Klienten thematisieren, während ein guter Tiefenpsychologe sich nicht auf frühkindliche Konflikte beschränken, sondern natürlich auch die gegenwärtige konkrete psychosoziale Lebenssituation des Betroffenen genügend berücksichtigen wird.
Viele Grüße,
Dr. Stefan Müschenich