Wut bei einer Beschwerde

Hallo Sax,

also ich versteh das :wink: Ich brauche zwar recht lange bis ich mal richtig aus der Haut fahre - aber dann ist’s auch vorbei mit der Diplomatie *fg*

Manchmal hilft’s mir wenn ich zumindest nochmal kurz inne halte (das geht ja bei lärmenden Nachbarn recht gut - bei eingedellten Autotüren und einem potentiell flüchtenden Verursacher weniger).

Wenn’s geht versuche ich das zumindest aufzuschrieben, mal kurz aufs stille Örtchen gehen, kaltes Wasser über die Unterarme. Atmen. Atmen. Atmen. Isses wichtig? Isses mir meine Zeit wert, dass ich mich darüber aufrege? Wirklich? Oder hat der andere vielleicht ein winizigkleines bisseleinchen recht?

Was ich in der letzten Zeit angefangen habe, ist in solchen Situationen vor mich hin zu murmeln „ich bin ganz ruhig, mein Atem geht gleichmässig, ich befinde mich in einem Heissluftballon über dem Meer, alles was mich belastet werfe ich in Päckchen über Bord“. Nein, das hilft mir nicht wirklich (soo schnell kann ich mich nicht entspannen) - aber es nimmt irgendwie die Spannung aus der Situation raus. Denn meistens muss sowohl ich als auch der Gegenüber schrecklich grinsen :wink:

Und wenn der „Schaden“ schon passiert ist - also wenn das Kind schon plärrend aufgewacht ist, dann haste doch erstmal keinen Zeitdruck. Vielleicht hilft’s Dir, das mal zu überlegen? Also sowas wie: Okay schon passiert - kann den Drecksack von Vermieter auch morgen noch anpflaumen.

Und da würde ich mir auch keine Gedanken über „Lächerlichkeit“ oder „Kleinigkeit“ oder so machen - das ist Dir wichtig und basta. Und damit hat sich der andere das mal anzuhören und gemeinsam könnt Ihr vielleicht ne Lösungsstrategie finden. Wenn der das ne lächerliche Kleinigkeit findet, dann wird er Dir das schon mitteilen - und auch Du kannst ja dann in Ruhe begründen, warum das für Dich eben keine lächerliche Kleinigkeit ist. Weil nämlich das Kind aufgewacht ist oder das Auto funkelnagelneu oder was auch immer…

Und die Sachen, die ich nicht ändern kann (insbesondere - sagen wir mal - merkwürdige Verhaltensweisen anderer Autofahrer) die versuche ich eben wirklich hinzunehmen und mir immer wieder vorzuhalten, dass mir meine Lebenszeit jetzt echt zu schade ist, mich darüber aufzuregen. Das gelingt mir mit durchaus wechselndem Erfolg und höchst abhängig von der Tagesform :smile:

*wink*

Petzi

Danke :wink:

Gruß,
Sax

Sax,
mal eine Frage an dich… verhältst du dich denn immer ‚korrekt‘. Damit meine ich, z.B. im Straßenverkehr, nimmst du immer Rücksicht auf andere und deren Bedürfnisse? Sicher, ich gehe mal davon aus, dass du dir alle Mühe gibst, wie ist es aber mit den Situationen, wo du eine ganz andere Wahrnehmung hast als andere? In denen du etwas nicht siehst, etwas anders einschätzt, eine andere Auffassung von ‚korrekt‘ hast?
Es stimmt, viele Leute verhalten sich Scheiße – ‚shit happens‘ – entweder weil sie dumm sind, faul, unreflektiert, nicht nachdenken, es nicht besser wissen, provozieren wollen, Geld sparen, Zeit sparen, ignorant und, und, und.
Das Gefühl der Wut oder des Ärgers auf solche Situationen ist je nach Temperament unterschiedlich. Auch wie weit einem das stört variiert. Du scheinst solche Sachen lange mit dir rum zu tragen.
Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder du lässt es so wie es ist – ärgerst dich halt weiter und ärgerst dich auch noch, dass du dich ärgerst – oder du erkennst, dass du am Verhalten der Anderen nichts bis wenig ändern kannst und du nur an deiner Einstellung und deinem Umgang mit den Situationen etwas tun kannst.

Ein Beispiel: Du fährst im Bus und ein Mann mit zwei Kindern zwischen 8 und 10 sitzt zwei Reihen weiter vorne. Der Mann schaut Gedankenverloren aus dem Fenster und kümmert sich nicht um seine Kinder. Die turnen über die Sitze, balgen sich, rempeln andere Fahrgäste an – kurz verhalten sich unmöglich. Alle sind gestört, der Mann sagt nichts. Alle denken sich: „Kann der nicht mal seine Kinder ordentlich erziehen!“ Irgendwann schubst eines der Kinder das andere auf seinen Vater, der sich umschaut, als wäre er gerade erst wieder zu sich gekommen. Er schaut verlegen in die Runde und meint traurig: „Ich sollte sie wohl zur Ordnung rufen…. Aber wir kommen gerade aus dem Krankenhaus – ihre Mutter ist gerade gestorben.“ In diesem Fall allen löst sich der Ärger in Mitgefühl auf.

Du hast hier von vielen gute Tipps bekommen, wie du deine Einstellung verändern kannst, wie du mit Ärger umgehen kannst, welche anderen Möglichkeiten es gibt.
Du hast meist mit ‚Ja,…aber……‘ reagiert oder angepisst, dass die Menschen zu viel interpretieren, schießt sogar zurück, dass andere ja anscheinend so abgeklärt wären – hast aber geschrieben:

ich suche Hilfestellungen, wie man seine Wut kontrollieren bzw. „sinnvoll“ kanalisieren kann

Bei mir entstand aber der Eindruck, dass du ‘eigentlich’ willst, dass die anderen Menschen sich so verhalten wie du findest, das es richtig ist oder dass andere das gleiche Problem haben und auch nicht damit um gehen können.
Ich ärgere mich auch manchmal. Jeder tut das wahrscheinlich. Dann wende ich die ‚Taucherstrategie‘. Unter Wasser in Panik zu geraten ist noch schlimmer als auf dem Land. Daher muss man alles tun das zu vermeiden. Die Strategie lautet:
„STOPP – ATMEN – DENKEN – HANDELN“ Was unter Wasser hilft ist auch im alltäglichen Leben gut zu gebrauchen.
Wut und Ärger sind Gefühle die entweder Flucht oder Kampfbereit machen. Beides nicht das was man möchte. Daher muss man dem Körper Zeit geben, die Welle der Aufregung abebben zu lassen. Daher Stopp. Seine Atmung unter Kontrolle bringen und besonders auf die Ausatmung zu achten entspannt und hilft beim Abbau von z.B. Adrenalin. Dann folgt das Denken. Ist es wirklich so schlimm? Habe ich das vielleicht auch schon gemacht? Was könnte bei dieser Person hinter so einem Verhalten stecken usw. Und erst am Ende dieses Prozesses kommt das Handeln – oder vielleicht auch nicht – weil man zur Einsicht gekommen ist, dass es sich nicht lohnt.
Das hört sich komplizierter an als es ist. Am Anfang dauert es eine Weile, aber mit der Zeit geht es innerhalb von Sekunden. Und Ganz wichtig: Lächle dir selbst zu.
Erfolg…lux

Hallo Sax,

frage ich mich nun doch, ob ihr euch überhaupt in Konfliktsituationen beschwert bzw. ob ihr wirklich in solchen Situationen so wenig empfindet.

Was mich betrifft, kann ich das mit einem eindeutigen Nein beantworten. Ich gehöre zu denen, die explosionsartig hochkochen können und habe das auch ausgiebig getan.

Der Flurschaden, den ich damit in der Vergangenheit öfter mal angerichtet habe, war immens - und das in erster Linie für mich selber. Denn bis auf den Umstand, dass ich ausreichend Dampf abgelassen und meine Meinung ungefiltert kundgetan habe, habe ich in aller Regel nicht das erreicht, was ich erreichen wollte.

Dafür habe ich Leute derartig verprellt, dass danach kein konstruktives Gespräch mehr möglich war. Im Gegensatz zu mir selbst, bei der nach verrauchter Wut die ideale „Redetemperatur“ erreicht war, reagierten meine Gegenüber nämlich eher unkooperativ.

Ich musste mühsam (und teilweise schmerzhaft) lernen, dass es tatsächlich besser ist, mir erst mal Zeit zum Runterfahren zu geben. Und im Nachhinein wog z.B. die spontane Genugtuung darüber, meinem intriganten Chef den Schreibtisch umgekippt und ihn als „ignorantes Arschloch“ tituliert zu haben, doch nicht wirklich den Verlust einer spannenden und äußerst gut bezahlten Arbeitsstelle auf.

Natürlich werde ich auch heute noch spontan wütend. Vor allem dann, wenn es um Ungerechtigkeiten geht. Im Gegensatz zu früher muss ich aber dem anderen nicht gleich was am Hals machen :smile:. Das Alter spielt da sicher eine gewisse Rolle: So manches, was mich früher in Wut versetzte, ist es mir heute gar nicht mehr wert, mich drüber aufzuregen. Und die Dinge, die mir wichtig sind, kläre ich inzwischen tatsächlich mit bewusstem Zeitabstand, weil ich gelernt habe, dass das unterm Strich viel mehr bringt.

Verstehen kann ich dich trotzdem gut :smile:

Schöne Grüße,
Jule

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Hallo,

„rechtlich dürfen“ und „angemessenes Verhalten“ bzw.
„Rücksichtnahme“ sind aber durchaus unterschiedliche Paar
Schuhe…

ja, und ein Unterschied besteht darin, dass sich Ersteres notfalls erzwingen lässt, Letzteres nicht.
Wer sich benimmt wie die Axt im Walde und ein Gemüt hat wie der sprichwörtliche Fleischerhund, wird sich von einer - noch dazu eher unfreundlich geäußerten - Forderung nach Rücksichtnahme nicht beeindrucken lassen, sondern, so meine Erfahrung, bei der nächsten Gelegenheit noch einen Zahn zulegen.

Gruß
Kreszenz

Servus,

da sprichst Du einen weiteren wichtigen Punkt an.

Das man nämlich seine Reaktion auch noch auf den „Empfängerhorizont“ abstimmen muss.

So sollte man wahrscheinlich einen Bauarbeiter (ohne jetzt diese Berufsgruppe angreifen zu wollen, aber ihr wisst was ich meine) anders ansch… zur Rechenschaft ziehen, als z.B. die Bedienung in einem Restaurant, um die gleiche gewünschte Reaktion zu erzielen.

Schwierig, wenn man „emotional aufgeladen“ ist.

Gruß,
Sax

Hallo,

dass in 99 von 100 Fällen Konflikte
eher aus Rücksichtslosigkeit, Unbedachtheit oder einfach nur
Dummheit entstehen.

… und das Problem dabei ist, dem Betreffenden auf eine Art zu Selbsterkenntnis und Einsicht zu verhelfen, bei der er nicht das Gesicht verliert.
Keiner lässt sich gern beschimpfen, anbrüllen, abkanzeln dafür, dass er ohne böse Absicht etwas getan hat, womit er einen anderen beeinträchtigt oder in Schwierigkeiten brachte.

Es ist sicher nicht leicht, aber auch nicht unmöglich, seine Botschaften so „rüberzubringen“, dass sie nicht geradezu zwangsläufig eine aggressive Reaktion provozieren.

Beim Beispiel Baumfällen (wo der Schaden nun mal bereits angerichtet war → Kind wach) würde eine gesprächsweise Erwähnung des Schreckens zu einem anderen Zeitpunkt wohl eher zur Einsicht führen als erzürnte Beschwerden an Ort und Stelle.

Wenn man es allerdings mit einem „Büffel“ zu tun hat, werden sämtliche Strategien nichts nützen…

Gruß
Kreszenz

Servus,

ich erwarte nicht, dass andere „perfekt“ sind, aber ich erwarte, dass sie erkennen, wenn sie es nicht sind und entsprechend „Reue“ zeigen. Spätestens wenn man sie darauf hingewiesen hat.

Leider trifft man nicht selten auf Mitmenschen, die ihr Fehlverhalten überhaupt nicht einsehen wollen und noch kräftig „dagegen halten“.

Frei nach dem Motto: „Erst mit dem Auto den Spiegel abfahren und dann noch den anderen beschimpfen, dass er im Weg steht.“

Aber dies ist eigentlich schon ein anderes Thema…

„Ärgern über den Ärger“ ist ein interessanter Punkt, daher will ich ihn aufgreifen.

Insofern hast Du vollkommen Recht, dass ich bei „echtem Ärger“ eher nicht zu den Leuten gehöre, die „einmal drüber schlafen und am nächsten Tag alles schon vergessen“ haben. Allein schon deshalb, weil bei echtem Ärger schon das Einschlafen nicht mehr so gut funktioniert und die Denkmaschine die Situation immer wieder in Variationen durchspielt.

Gut, bei Kleinigkeiten, wie z.B. Problemen im Straßenverkehr, habe ich die Sache schnell vergessen, meist schon an der nächsten Kreuzung.

Aber „richtiger Ärger“ kann mich schon recht lang beschäftigen. Wenn ich dann an die entsprechende Situation zurückdenke, ist dies auch nicht nur eine blasse Erinnerung, sondern so als erlebte ich die Situation äußerst real wieder aufs neue, bis hin zu erneutem Herzklopfen und rotem Kopf.

Somit, glaube ich, täte mir irgendeine Form von Meditation ganz gut.

„STOPP – ATMEN – DENKEN – HANDELN“ klingt gut, jedoch ergibt sich spätestens bei dem Punkt „DENKEN“ eben für mich das Problem, dass ich wieder alles wie zuvor erlebe.

Besser als „darüber schlafen“ hilft mir übrigens mit Unbeteiligten darüber reden. Das hilft vor allem auch den eigenen Kompass wieder auszurichten, also zu reflektieren, ob die Situation wirklich sooo schlimm war oder nicht.

Dennoch gibt es Situationen, die - wenn sie wieder hochkommen - selbst nach Jahren noch den gleichen Ärger hervorrufen können, als wären sie vor zehn Minuten erst passiert.

Gruß,
Sax

Hi,

ich denke, wie man reagiert hängt auch von der Einsichtigkeit des Gegenüber ab. Es gibt Leute, da schwillt mir schon der Kamm, ohne dass sie überhaupt was gemacht haben, da ist die Toleranzgrenze natürlich auch entsprechend niedrig :wink:

Und je nach Situation ist die Wut natürlich auch entsprechend größer oder kleiner. Man sollte sich nur im Klaren drüber sein, dass es nichts bringt, völlig sein Gesicht zu verlieren, bevor man reagiert kurz mal durchschnaufen und das Adrenalin etwas absacken lassen, ist wahrscheinlich die beste Methode.

Wie man Schlagfertigkeit erlernen kann, oder auch nicht, dazu gab es hier schon etliche Threads, ich glaube, das richtige Gefühl dafür hat man oder eben nicht.

Grüße
wildpferd

Hi Sax,

Insofern hast Du vollkommen Recht, dass ich bei „echtem Ärger“
eher nicht zu den Leuten gehöre, die „einmal drüber schlafen
und am nächsten Tag alles schon vergessen“ haben. Allein schon
deshalb, weil bei echtem Ärger schon das Einschlafen nicht
mehr so gut funktioniert und die Denkmaschine die Situation
immer wieder in Variationen durchspielt.

Das entspricht aber in keinster Weise der Dir von Deinen Freunden apostrophierten Gelassenheit.

Gruß,
Anja

1 „Gefällt mir“

Servus,

na ja, nur die wenigsten schauen mir Nachts beim einschlafen zu :wink:.

Außerdem ist ja nicht so, dass jeder Ärger so auf mich wirkt. So bin ich z.B. ziemlich gelassen beim täglichen Ärger im Beruf oder bei Konflikten in der Familie oder mit Freunden.

Gruß,
Sax

Hallo,

Das man nämlich seine Reaktion auch noch auf den
„Empfängerhorizont“ abstimmen muss.

sicher - sofern es einem nicht nur darum geht, Dampf abzulassen, sondern man eine Änderung bewirken, ein Problem beseitigen möchte.

So sollte man wahrscheinlich einen Bauarbeiter (ohne jetzt
diese Berufsgruppe angreifen zu wollen, aber ihr wisst was ich
meine) anders ansch… zur Rechenschaft ziehen, als z.B. die
Bedienung in einem Restaurant, um die gleiche gewünschte
Reaktion zu erzielen.

Das Sprichwort vom Wald, in den man hineinruft, ließe sich insofern ergänzen, dass die Akustik nicht in jedem Wald gleich ist und man daher auch mit unterschiedlichem Echo rechnen muss.

Nimm Dich selbst als Exempel: Deine Reaktion hängt doch auch von der Form ab, in der Du bei Fehlverhalten kritisiert wirst - Du möchtest doch bestimmt weder wie ein ungezogenes Kind ausgeschimpft noch mit Sprüchen wie „Ey, Alda, gehts noch?!“ angemacht werden.

Und Du selbst wirst Deinem Chef gegenüber Kritik oder Missbilligung auch anders ausdrücken als gegenüber Teenies, die ihre Getränkeflaschen in Deinen Vorgarten werfen.
(Verbalinjurien und Kraftausdrücke halte ich allerdings bei keiner „Zielgruppe“ für angemessen.)

Schwierig, wenn man „emotional aufgeladen“ ist.

Da hilft das mehrfach erwähnte Durchatmen, bis 10 zählen (… und sich dabei vielleicht vor Augen führen, dass nicht jeder, über den man sich geärgert hat, zur „Rechenschaft“ gezogen werden muss - und dass man sich mit Rumpelstilzchen-Auftritten sehr leicht zum Affen macht).

Gruß
Kreszenz

„rechtlich dürfen“ und „angemessenes Verhalten“ bzw.
„Rücksichtnahme“ sind aber durchaus unterschiedliche Paar
Schuhe …

Richtig. Und was angemessen oder rücksichtsvoll ist, dafür gibt es eben keine Norm und kein Gesetz. Die Extreme sind meistens klar und un umstreitten, aber die meisten Konflikte enstehen im Mittelfeld - und zwar dadurch, weil jeder seine Einschätzung von angemessen und rücksichtsvoll als die einzig wahre und richtige Einschätzung von angemwessen und rücksichtsvoll ansieht. Mann kann andere Menschena uch durchaus mit der Forderung nach Rücksichtnahme terrorisieren.

Um bei dem Beispiel mit dem Vermieter zu bleiben: Es ist sicher nett, wenn er erst um 9 Uhr Lärm macht, aber er muß es nicht. Wenn ich nun als Mieter um 7.15 Uhr vor die Tür stürze und ihn ein rücksichtloses Arschloch nenne, dann heißt das eigentlich bloß, daß ich meine eigene Einschätzung zum allgemeinen Maßstab erhebe - eigentlich eine swehr egozentrische Weltsicht.
Ganz anders, wenn ich meine subjektive Sicht als das anerkenne, was sie ist: nämlich meine subjektive Sicht. Dann kann ich den Vermieter freundlich bitten, vielleicht etwas später anzufangen.

Die Wut über „Fehler“ anderer ist oft nur die Wut darüber, daß andere sich erdreisten, anders zu denken und anders zu fühlen.

Gruß,
Max

darüber, daß andere einen anderen

Nur ganz selten hat jemand mal eine wirklich entschuldigende
Erklärung für rücksichtsloses Verhalten.

Das Problem ist: Wer definiert eigentlich rücksichtsloses Verhalten? Wenn ein Autofahrer mit 100 durch den Ort fährt, ist das rücksichtlos, denn da gibt es klare Regeln in unserer Gemeinschgaft. Viele empfinden es aber auch als rücksichtslos, wenn jemand 50 fährt, weil es mit 55 zügiger geht. Und andere sagen: Der Vermieter darf zwar ab 7 Uhr arbeiten, aber es ist rücksichtlos, wenn er es tut.

Gruß,
Max

Hallo,
vieles aus Jules Antwort kenne ich absolut von mir.
Ich bin so aufgewachsen, dass mir beigebracht wurde: „Du musst deinen Mund nicht halten, vertrete deine Meinung“.
Im Laufe der Zeit bin ich - ähm… sagen wir mal - ziemlich impulsiv geworden: ich habe meinen Standpunkt vertreten, oft viel zu schnell, d.h. ohne Abstand und mit vielen Konsequenzen. Denn das hat halt nicht nur Vorteile.

Vom Grundsatz her lebe ich immer noch so „Vertrete deinen Standpunkt und sage deine Meinung!“ und es kommt auch noch einigermaßen oft vor, dass ich zu schnell reagiere; im Eifer des Gefechtes. In manchen Situationen lässt sich das auch gar nicht vermeiden (wie in deinem Beispiel mit dem Radfahrer, der deine Tochter fast umfährt. Naja, dem sei ein wenig Impulsivität deinerseits auch gegönnt).

Was mir allerdings wirklich geholfen hat, sind vom Grundsatz her 3 Gedanken:

  1. ich habe mich früher fürchterlich über Menschen aufgeregt, die eine total irrige Ansichtsweise haben. Super-Machos, Arroganzler, Alpha-Männchen, „Tussis“.
    Über die sag ich mir heute: jo mei, jeder hat das Recht auf seine Meinung. Und irgendwann wird er/sie/es wohl merken, wie weit man damit kommt. (Klappt nicht immer, wenn man sieht, dass manche leider wirklich WEIT damit kommen. Selbst-Beeinflussung spielt also auch eine Rolle *gg*)

  2. Man trifft sich immer 2mal im Leben. Hab ich mal von einem Ex-Chef gehört und gedacht: ja sicher…
    Aber es stimmt ja auch: wenn der Nachbar weiß, ich habe ein kleines Kind, das um 7 ins Bett geht, und er fängt an seinen Rasen um 8 zu mähen… dann ist das natürlich ärgerlich. Ich weiß nicht, wie alt deine Tochter ist, aber: es wird ganz bestimmt die Zeit kommen, in der sie ihren Fußballverein abends einlädt, der sehr gerne bis 22:00 und länger schöne laute Spiele im Garten spielt. Da kann man den Nachbarn, der sich beschwert, ja dezent darauf hinweisen, dass es bei euch mit den Ruhezeiten ja eh nicht so genau genommen wird.
    Mit Kindern ist das ja eh so eine Sache: ich sehe Rasenmähen um 8 oder bäume-Fällen um 7 da eher als eine Art „Vorschuß“ auf die Zeiten, wo meine Kinder sich auch nicht sooooo an die Zeiten halten.
    Diesen 2. Gedanken habe ich sehr erfolgreich mit einer ehemaligen Arbeitgeberin durch-exerziert, die auf dem Standpunkt „ich bin Chefin, ich stehe damit direkt über Gott und muss mich nciht an Gesetze halten“ steht. Nach einigen Monaten hatte sie begriffen, dass man bei mir mit der „es beruht sehr vieles auf Gegenseitigkeit“ viel weiter kommt.

  3. Die „Heu-wääää-gel-chen“ Methode: sich das langsam vorsagen, am besten eine Nacht drüber schlafen und um Himmels willen nicht mit ins Bett nehmen! Und dann ruhig reagieren. Meistens ärgert das das Gegenüber eh am meisten: wenn man total ruhig bleibt. Bringt viel mehr, als auszuflippen. Mir hilft da immer, mit meinem Mann schnell zu telefonieren oder zu smsen. Er soll gar nix sagen, ich muss meine Wut nur los werden. Fertig. Habe allerdings den Vorteil, einen Mann zu haben, der in solchen Situationen extrem lässig ist. „Wozu seine Zeit verschwenden mit solchen Exemplaren? Das lohnt nicht und man hat eher einen Nach- als einen Vorteil. Manche Dinge kann man nciht ändern.“

War jetzt ein wenig lang (sorry dafür!) und natürlich bin ich immer noch teilweise echt wütend und handle unüberlegt. Ok, shit happens, kann man nix machen. Denn vom grundsatz her lautet meine Devise auch immer noch: manche Dinge muss man nicht für sich behalten und man kann seinem Gegenüber auch mal verständlich machen, dass sein Verhalten völlig abartig ist. Im Großen und Ganzen komme ich damit aber wirklcih gut zurecht und bin dadurch auch zufriedener.
Manchmal denke ich, es sei schon fast therapie-würdig, denn was mich total aus der Ruhe bringt, sind Menschen, die sich so verhalten, als könnten sie sich alles erlauben… ohne Rücksicht auf Verluste, Regeln, gesunden Menschenverstand… und damit durchkommen. Das sind bei mir echte Ausnahmesituationen. Man kann halt nicht alles haben :wink:

Ein stressfreies Wochenende wünscht
shannons

Hallo,

ich habe den ganzen Strang gelesen und meine zu verstehen, warum du schreibst, viele Antworten seien „nicht ehrlich“ (2x) oder zu theoretisch, zu konstruiert, banal auf verschiedene Perspektiven verweisend, auf ja nicht geleugnete eigene Fehlerhaftigkeit im Verhalten hinweisend, deinen Ärger auf unterstellte mangelnde Souveränität zurückführend u.ä.

Außerdem ist ja nicht so, dass jeder Ärger so auf mich wirkt. So bin ich z.B. ziemlich gelassen beim täglichen Ärger im Beruf oder bei Konflikten in der Familie oder mit Freunden.

Aber „richtiger Ärger“ kann mich schon recht lang beschäftigen. Wenn ich dann an die entsprechende Situation zurückdenke, ist dies auch nicht nur eine blasse Erinnerung, sondern so als erlebte ich die Situation äußerst real wieder aufs neue, bis hin zu erneutem Herzklopfen und rotem Kopf.

Dennoch gibt es Situationen, die - wenn sie wieder hochkommen - selbst nach Jahren noch den gleichen Ärger hervorrufen können, als wären sie vor zehn Minuten erst passiert.

Mit „richtigem Ärger“ ist also etwas Prinzipielles gemeint.
Wenn also, um das eine Beispiel zu nehmen, dein Hauswirt um 7 Uhr einen Höllenlärm macht, (auch wenn er das laut Gesetz darf), dann vermutest du vielleicht weder Dummheit noch Geistesabwesenheit noch gedankenlose Rücksichtslosigkeit dahinter, sondern perfide Absicht, eine Machtdemonstration oder Ähnliches. Das Dilemma ist dann: wie immer du reagierst, du ziehst den Kürzeren: ob du vor Wut kochst, aber so tust, als störe es dich nicht (er weiß, dass es dich und andere stört, macht es ja gerade deswegen), oder ob du ihn beherrscht höflich/sachlich oder unbeherrscht zur Rede stellst (er bekommt dadurch den Effekt seines Tuns bestätigt, ergötzt sich daran). Meist reagiert so einer dann auch noch pampig, wie du berichtest.

Wenn es also um „richtigen Ärger“ geht, gibt es wohl keinen Ausweg aus dem Dilemma (für das es evtl. noch ein passenderes Lehrbeispiel gäbe). Durchatmen etc., das alles hilft hier nicht. Man kann nur versuchen, solche Menschen zu meiden (Epikur: „lathe biosas“), und man sollte seine Fähigkeit zu einem solchen prinzipiellen Ärger als Positivum, als Zeichen eigener Lebendigkeit ansehen - im Gegensatz zu der verbreiteten Praxis, sich solche Sensibilität abzutrainieren und damit nicht nur die Fähigkeit zu „richtigem Ärger“, sondern auch zu „richtiger Freude“ zu reduzieren.

Gruss
Nescio

Servus,

erst einmal vielen Dank, dass Du Dir dir Mühe gemacht hast, so ausführlich den inzwischen schon ziemlich verzweigten „Thread“ durchzulesen.

Mit „richtigem Ärger“ ist also etwas Prinzipielles gemeint.
Wenn also, um das eine Beispiel zu nehmen, dein Hauswirt um 7
Uhr einen Höllenlärm macht, (auch wenn er das laut Gesetz
darf), dann vermutest du vielleicht weder Dummheit noch
Geistesabwesenheit noch gedankenlose Rücksichtslosigkeit
dahinter, sondern perfide Absicht, eine Machtdemonstration
oder Ähnliches.

Ich gebe zu das Vermieterbeispiel war nicht das Beste, aber in so einem offenen Forum konnte ich mir nur fiktionale Beispiele ausdenken.

Das Dilemma ist dann: wie immer du reagierst,

du ziehst den Kürzeren: ob du vor Wut kochst, aber so tust,
als störe es dich nicht (er weiß, dass es dich und andere
stört, macht es ja gerade deswegen), oder ob du ihn beherrscht
höflich/sachlich oder unbeherrscht zur Rede stellst (er
bekommt dadurch den Effekt seines Tuns bestätigt, ergötzt sich
daran). Meist reagiert so einer dann auch noch pampig, wie du
berichtest.

Ich glaube Du hast da einen wichtigen Punkt identifiziert. „Ernster/richtiger Ärger“ tritt häufig dann auf, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand aus „perfider Absicht, Machtdemonstration oder Ähnlichem“ mir oder meiner Familie gegenüber rücksichtslos ist.

Vor allem, wenn man weiß, dass man eigentlich nicht viel gegen diese Verhaltensweise ausrichten kann - sei es weil er das Recht auf seiner Seite hat oder eine Machtposition ausnutzt - und man letztendlich auf die Einsicht des Gegenübers angewiesen ist.

Wenn es also um „richtigen Ärger“ geht, gibt es wohl keinen
Ausweg aus dem Dilemma (für das es evtl. noch ein passenderes
Lehrbeispiel gäbe). Durchatmen etc., das alles hilft hier
nicht. Man kann nur versuchen, solche Menschen zu meiden
(Epikur: „lathe biosas“), und man sollte seine Fähigkeit zu
einem solchen prinzipiellen Ärger als Positivum, als Zeichen
eigener Lebendigkeit ansehen - im Gegensatz zu der
verbreiteten Praxis, sich solche Sensibilität abzutrainieren
und damit nicht nur die Fähigkeit zu „richtigem Ärger“,
sondern auch zu „richtiger Freude“ zu reduzieren.

Interessanter Ansatz. Ja, ich glaube in der Tat, dass eine emotionale Reaktion durchaus eher etwas Gutes ist und es daher sicherlich schade wäre, wenn das Bestreben „kontrollierter“ auf Ärger zu reagieren, zwangsläufig auch dazu führte, nicht mehr Freudentränen in den Augen haben zu können.

Gruß,
Sax

Servus,

danke für die Antwort.

(Klappt nicht immer, wenn man sieht,dass manche leider wirklich WEIT :damit kommen.)

Ja, manchmal erstaunlich, oder? Ich kenne da ein paar Personen in meinem weiteren Bekanntenkreis, die es mit ihrer gnadenlosen Rücksichtslosigkeit sehr weit gebracht haben (zumindest materiell, menschlich möchte ich nicht mit ihnen tauschen).

Da kann man den Nachbarn, der
sich beschwert, ja dezent darauf hinweisen, dass es bei euch
mit den Ruhezeiten ja eh nicht so genau genommen wird.

Guter Punkt, nur sind es interessanterweise häufig genau diese Menschen, die selbst keine „fünfe gerade sein“ lassen können.

Ein gutes Beispiel, welches mir wirklich mal passiert ist: Wir wohnten damals in einem Mehrfamilien-Mietshaus. Für alles gab es einen „Putzplan“ nur die Eingangstür wurde von keinem gereinigt. Da erbarmte sich meine Frau dies einmal einfach mal zu tun. Zwei Tage später erwähnte ich eher nebenbei im Gespräch zu dem unter uns im gleichen Haus wohnenden Nachbarn, dass meine Frau mal die Tür mitgesäubert und eine ziemliche Staubschicht von der Tür entfernt habe (im Gespräch ging es um die jährliche Staubbelastung durch Pollen etc.).

Da geht doch der Nachbar, der wohlgemerkt seit ungefähr fünf Jahren eine Reinigung der Tür nie für notwendig erachtet hat, mit „Inspizierblick“ zur Tür und meint zu einer kleinen Stelle „Na, die Stelle hat sie wohl übersehen.“

Er soll gar nix sagen, ich muss meine Wut nur los
werden. Fertig.

Geht mir eigentlich auch so, geteilter Ärger ist halber Ärger…

Denn vom grundsatz her
lautet meine Devise auch immer noch: manche Dinge muss man
nicht für sich behalten und man kann seinem Gegenüber auch mal
verständlich machen, dass sein Verhalten völlig abartig ist.

Da bin ich froh, dass ich nicht der Einzige bin. Man bekam ja fast den Eindruck, dass hier nur Gandhis im Forum unterwegs sind…:wink:.

Manchmal denke ich, es sei schon fast therapie-würdig, denn
was mich total aus der Ruhe bringt, sind Menschen, die sich so
verhalten, als könnten sie sich alles erlauben… ohne
Rücksicht auf Verluste, Regeln, gesunden Menschenverstand…
und damit durchkommen. Das sind bei mir echte
Ausnahmesituationen. Man kann halt nicht alles haben :wink:

Gut zusammengefasst.

Danke,
Sax

Servus,

Das Problem ist: Wer definiert eigentlich rücksichtsloses
Verhalten?

Die gesellschaftlichen Moralvorstellungen?

Klar gibt es da eine gewisse Grauzone und oftmals ist das Verhalten kontextabhängig, jedoch wäre es zu einfach zu meinen, dass nur Verhalten, welches gesetzeswidrig ist, auch rücksichtslos wäre.

So „darf“ ich z.B. mittags Rasen mähen, da es keine offizielle Mittagsruhe mehr in meiner Gemeinde gibt, dennoch mache ich das nicht, weil ich weiß, dass dadurch meine bettlägerige Nachbarin beim Mittagsschlaf gestört wird.

So „darf“ ich im Biergarten meine Zigarre auspacken und meinen Rauch in alle Richtungen pusten. Ich halte mich aber zurück, wenn am Nachbartisch gegessen wird.

So „darf“ ich in der S-Bahn ein Bier trinken, ich würde es aber dennoch nicht tun, weil ich finde, dass man sich in so einem engen Raum für die paar Minuten wohl zurückhalten kann. Ebenso frage ich in der Regel vorher, ob es in Ordnung für meine nächsten Mitreisenden ist, bevor ich die Leberkässemmel auspacke und in der Bahn verzehre. Allerdings sehen das einige offensichtlich nicht so, so dass inzwischen z.B. in U- und Trambahnen der Alkoholkonsum schon verboten werden musste.

Das Bedenkliche an Miameis (und evtl auch Deiner?) Einstellung ist doch, dass gerade das ‚hemmungslose‘ Ausschöpfen dessen, was nicht gerade ausdrücklich verboten ist, immer mehr dazu führt, dass wir keine „sich selbstregulierende, emanzipierte Gesellschaft“ mehr sind, sondern einen „Regelungs-und-Verbote-Staat“, der offenbar für alles Gesetze braucht.

Gruß,
Sax

(Das alles sind jetzt übrigens Beispiele, die mich eigentlich nicht aufregen würden, daher „off topic“.)

Servus,

Dann
kann ich den Vermieter freundlich bitten, vielleicht etwas
später anzufangen.

Was lediglich dazu führt würde, dass er mit den Schultern zuckt und weiter sägt…

Gruß,
Sax