Hallo!
Die gesellschaftlichen Moralvorstellungen?
… sind bunt und vielfältig, gerade im Mittelbereich. Ehrlich gesagt: Ich habe schon sehr unterschiedliche Ansichten mit dem gleichen Argument gesellschaftlichen Konsens begründet gefunden.
Klar gibt es da eine gewisse Grauzone und oftmals ist das
Verhalten kontextabhängig, jedoch wäre es zu einfach zu
meinen, dass nur Verhalten, welches gesetzeswidrig ist, auch
rücksichtslos wäre.
Es ist zumindest ein Punkt, auf den man sich objektiv verlassen kann. Alles andere ist subjektiv.
So „darf“ ich im Biergarten meine Zigarre auspacken und meinen
Rauch in alle Richtungen pusten. Ich halte mich aber zurück,
wenn am Nachbartisch gegessen wird.
Ich habe nicht geschrieben, daß man alles darf, was nicht verboten ist. Aber ich vertrete die Ansicht, daß die Herangehensweise völlig unterschiedlich sein muß, ob jemand gegen ein Gesetz verstößt oder „nur so“ etwas macht, was ich nicht möchte. Die moralische Bewertung als rücksichtlos ist in der Regel völlig überflüssig und kontraproduktiv. Man erwirbt nicht dadurch mehr Rechte, daß man einem anderen Rücksichtlosigkeit vorwirft. Es ist eine völlig sinnlose Übung, die meistens nur dazu dient, den eigenen Wunsch vor sich selbst zu rechtfertigen.
Um es klar zu sagen: Ja, es stört mich, wenn jemad am Nachbartiscxh Zigarre raucht. Mein Ziel ist, daß er damit aufhört. Also werde ich den Weg einschlagen, der die größte Erfolgswahrscheinlichkeit verspricht. Nach allen Erkenntnissen der Psychologie sind Vorwürfe aber eher ein schlecher Weg, etwas zu erreichen.
Ich kann natürlich die private Meinung verteten, daß der andere rücksichtlos ist - zur Lösung des Problemes wird sie mit größter Wahrscheinlichkeit nicht beitragen.
So „darf“ ich in der S-Bahn ein Bier trinken, ich würde es
aber dennoch nicht tun, weil ich finde, dass man sich in so
einem engen Raum für die paar Minuten wohl zurückhalten kann.
Ein sehr gutes Beispiel. Bis zu diesem Punkt hatten wir nämlich die gleichen „gesellschaftlichen Moralvorstellungen“. Hier nicht mehr: Mich stört das nicht im geringsten, und ich würde denjenigen, der sich davon gestört fühlt, in meinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen als „kleinlich“ einstufen. Wir können uns jetzt gerne unsere Wertvorstellungen um die Ohren hauen: „Rücksichtlos!“ - „Kleinlich!“ - „Rücksichtlos!“ - „Kleinlich!“ -„Rücksichtlos!“ - „Kleinlich!“ - „Rücksichtlos!“ - „Kleinlich!“ - „Rücksichtlos!“ - „Kleinlich!“ -„Rücksichtlos!“ - „Kleinlich!“ - Aber glaubst Du wirklich, daß das zu irgendeinem Ziel führt? Und wir können auch stundenlanmg darüber streiten, wer von uns beiden die Mehrheitsmeinung und wer die Mindermeinung vertritt - es wird uns aber auch nicht weiterbringen.
Das Bedenkliche an Miameis (und evtl auch Deiner?) Einstellung
ist doch, dass gerade das ‚hemmungslose‘ Ausschöpfen dessen,
was nicht gerade ausdrücklich verboten ist, immer mehr dazu
führt, dass wir keine „sich selbstregulierende, emanzipierte
Gesellschaft“ mehr sind, sondern einen
„Regelungs-und-Verbote-Staat“, der offenbar für alles Gesetze
braucht.
Das sehe ich genau umgekhrt. Das was Du vertrittst, führt zum „Regelungs-und-Verbote-Staat“, weil Menschen nicht bereit sind, sich mit dem Gegenüber ruhig, sachlich und vernünftig auseinanderzusetzen, sonderen anch (moralischen) Urteilen verlangen. Der Unterschied zwischen „Ich bin im Recht!!!“ und „Ich bin moralisch im Recht!!!“ ist nicht so groß.
Woran ist das frieedliche Zusammenleben von Rauichern und Nichtrauchern gescheitert? Weil beide Seiten sich „moralisch“ im Recht gefühlt haben und sich gegenseitig Rücksichtlosigkeit und Egoismus vorgeworfen haben - nicht, weil die LÖeute respektvoll und freundlich miteinander geredet haben. Den „Regelungs-und-Verbote-Staat“ verdanken wir den Leuten, die sich im Recht fühlen und ganz schnell mir Worten wie „rücksichtlos“ zur hand sind - nicht denjenigen, die nach einer gemeinschaftlichen Lösung suchen.
Gruß,
Max