Hola Helena,
Das wäre ok. Als Ehefrau eines Ariers geniesst Du
offiziell Schutz, wie in den Nürnberger Gesetzen
vorgegeben.
Ich dachte aber, die Ehe wird für ungültig erklärt…
Und somit entfällt dieser Schutz…
Nein, das stimmt (afaik) nicht. Ehen, die vor 1935
geschlossen wurden, blieben rechtens.
Nach 1939 wäre es übrigens Deine Pflicht gewesen,
Deinen „Rassestatus“ selbst zu kennen, da eine „Ent-
deckung“ eines Verstosses unzweifelhaft KL bedeutet
hätte.
Und wenn ich das bekenne, erst recht KL… Und dann umso
schneller!
Nein, denn bis Mitte 1942 hättest Du, auch als
Jude, nicht sicher gewusst, dass KL gleich Tod bedeutet.
Es gab auch keinen Grund für Dich anzunehmen, dass
Du als „Verheiratete“ ins KL kommst, wenn Du Jude bist.
Ganz sicher war jedoch, dass Du massiv bestraft
wirst, wenn Du eines „Rassenvergehens“ überführt
worden wärest. Dazu gehört auch, dein „Judentum“
verborgen zu haben. Dann konnte Dich niemand mehr
bewahren.
Das hättest Du nicht riskiert. Du hättest
herausgefunden, dass Du Jude bist und hättest das
mit Deinem Mann ausgehandelt. Er kann Dich schützen
oder sich trennen.
Vermutlich ist es so bei meiner Patientin vorgekommen…
Ihr Schicksal hing wahrscheinlich *nur* an seiner Hand.
Siehe „Rosenstrasse“ oder auch Viktor
Klemperer. Entrechtung, Berufsverbot ja, KL nein.
Soory Semjon: Wenn die Nazis nichts wissen, weshalb hätten
sie mich dann entrecht oder gar berufsverbot erteilt??? Ich
verstehe Dich jetzt nicht…
Hier meinte ich, dass eine Anzahl Juden überlebten, weil
ihre (deutschen!) Partner zu ihnen standen und die damit
verbundenen Nachteile und Diskriminierungen selbst in
Kauf nahmen. Hätte der Partner sich getrennt -> Deportation.
Die Nazis konnten nicht hellsehen. Ob Du, wie oben gesagt,
riskiert hättest, das Versteckspiel aufrechtzuerhalten,
da Du ja als „Verheiratete“ Rechte hattest, ist fraglich.
Klar! Siehe Dein 1. Paragraph! aber man mußte es so sehen:
Entweder Versteckspiel oder Tod. Da ist, aus heutigem Sicht,
keine schwere Entscheidung, oder?
Ich denke, dass so ein Versteckspiel sehr selten vorgekommen
ist, weil nämlich die Überlebenschancen „durch die Gnade
des Ehepartners“ sehr viel höher waren, als durch Verstecken
in einer Gesellschaft wie der Nazideutschen.
Du hast Deine Unterlagen ausgefüllt und die Nazis konnten
das dann sehen!?
Dann hätte ich bestimmt gelogen und darauf ankommen lassen…
Hättest Du nicht, weil 1939 die Angst vor Strafe bei
„erwischt werden“ und die Wahrscheinlichkeit, dass
es doch „raus kommt“ viel höher war als die Angst
oder Unsicherheit, was mit Dir „offiziell“ passiert.
Wie gesagt. Als verheirateter (vor 1935) Volljude,
dessen Partner zu ihm steht, hattest Du „Glück“.
Irgendwie kann ich mir, bei so viele abgrundtiefer Bösheit und
Grausamkeit nicht vorstellen, daß es so einfach gewesen war.
Es war zunächst so einfach, da viele Deutsche, die jüdische
Ehepartner hatten, in wichtigen Positionen sassen bzw. unverzichtbar
waren. Es bestand ein Kalkül darin, diese Leute und ihre Partner
(erstmal) in Ruhe zu lassen, um nicht unnötigen Aufruhr
auszulösen.
Allerdings musste die Rasse am Türschild der Wohnung
in folgender Form angegeben werden (z.B. „Helena (Jude)“,
„Wilhelm (Arier)“). Nachzulesen in Klemperers „LTI“.
Vermutlich der kleinste Übel…
Ausserdem musstest Du, bei amtlichen Unterschriften,
als Frau ein „Sara“ und als Mann ein „Israel“ zwischen
Vor- und Nachname einbauen. Du wurdest sozusagen von
staats wegen „umgetauft“ (wurde hier im Thread schon erwähnt).
Eine weitere Variante war, wenn Du als Mann (50% oder
25% Jude nach Rassengesetz) in der Wehrmacht dienen
konntest. Der „Führer“ hat sich nämlich tatsächlich
sehr viel Zeit genommen, für „Mischlinge“, sofern sie
ihm „gefielen“, eine „Deutschblütigkeitserklärung“
auszustellen. Möglicherweise hat er das getan, weil
er im 1. Weltkrieg von einem jüdischen Offizier, den
er sehr schätzte, befördert wurde.
Ich denke, das waren vermutlich nur Glückspilze und absolute
Einzelfalle. Siehe dazu auch „Schindler’s Liste“.
Ich denke, das waren recht viele. Vor allem im Krieg
erfuhren manche Soldaten erst während der Gefechte über ihre
Anfragen an die Ämter, dass sie offiziell „jüdischer Abkunft“
wären. Das führte dann oft dazu, dass deren kommandierende
Offiziere ein Gesuch an Hitler um die „Deutschblütigkeits-
erklärung“ unterstützten.
Was für ein Deal. Man Kämpft als „Deutscher“ für ein
verhasstes Regime, für einen verhassten Führer, weil
das die einziga Chance ist, sich selbst und seinen Leuten zu
helfen.
Mit so einer „Deutschblütigkeitserklärung“ war man in der
Position, bei der SS nachzusuchen und seine jüdischen
Angehörigen aus dem KL zurückzuholen. Das hatte sicher
nicht in vielen Fällen Erfolg, aber es kam vor.
Siehe dazu auch:
http://www.kansaspress.ku.edu/righit.html
http://www.kansaspress.ku.edu/righitpix.html
Grüße
Euer CMБ