Alles nur anekdotische Beispiele, aber …
Hallo nochmal,
eigentlich wollte ich hier gar nicht einsteigen, aber nun kann
ich mich doch nicht zurückhalten.
Nur zu, in diesem Thread ist es für Zurückhaltung eh viel zu spät.
Ich schon. Stress. Wieso er mehr als einen Schein pro Semester
als Stress empfindet und wie man das abstellen kann, sollten
dann die dringlichsten Fragen sein.
Stimmt. Da sollte man mal drüber nachdenken. Übrigens meinte
er durchaus nicht nur eine Klausur pro Semester, sondern auch
nur eine Vorlesung. Das ist natürlich zu viel Streß, allein
schon diese zeitliche Belastung - immerhin bis zu 48
Schulstunden in einem halben Jahr (12 Wochen Vorlesung, die
umfangreichste Vorlesung mit 4 Stunden Vorlesung und 2 Stunden
Praktikum pro Woche). Kaum zum Aushalten.
Hehe, das ist in der Tat ein wenig … übertrieben. Aber sehr wahrscheinlich hat er da wirklich ein massives psychisches Problem, für das er Hilfe (und zwar von der Allgemeinheit durch Krankenkassenbeiträge bezahlt) und nicht etwa Strafe verdient hätte.
Stattdessen wird er
ausgegrenzt,
Niemand hat ihn ausgegrenzt. Ich hab’ ihn nur als Beispiel
aufgeführt.
Nicht hier in diesem Thread, aber von der Gesellschaft im allgemeinen, durch die Debatte über „Bummel-“ und „Scheinstudenten“. Man sollte allen zunächst einmal Sten Nadolny’s „Die Entdeckung der Langsamkeit“ verschreiben.
soll auf einmal für die katastrophalen
Studienbedingungen, die miserable Ausstattung und den
didaktisch/methodischen Analphabetismus der Dozenten
verantwortlich sein.
Hier ist kein einziges Labor miserabel ausgestattet.
Ich habe während meines Physikstudiums an Geräten gearbeitet, die noch aus dem vorigen Jahrhundert stammten. Es war alles ein einziges Flickwerk und eigentlich gar kein vernünftiges Arbeiten mehr damit möglich. Der Ergebnis bestand dann darin, dass alle(!) ihre Messergebnisse so lange frisiert haben, bis einigermaßen das rauskam, was die Theorie verlangt hat. War an der Universität Bonn.
Die Labore an der Fachhochschule Hamburg waren ebenso grauenhaft. Alles noch original „Siemens & Halske“ im „geilen Retro-Design“. Nur vereinzelt gab es vernünftige Messgeräte, an denen man dann aber ja nichts einstellen durfte. Da gab es extra Zettel, in denen jede Einstellung exakt vorgegeben war. Und wehe, man ist mal davon abgewichen. Sofort gab’s Mecker vom Prof.
Wirklich hervorragend ausgestattet war allerdings die TU Harburg, wo ich das Vergnügen hatte, als Tutor zu arbeiten und ein Praktikum zu betreuen. Da ging es auch wirklich vornehmlich um das Verständnis und viel weniger um Kampf mit mieser Apparatur und anschließendem Messwertangleichen für das Protokoll, das dort gar nicht mehr kontrolliert wurde. Sowohl an der Uni Bonn als auch der FH Hamburg hingegen war das Protokoll das absolute Killerkriterium für das erfolgreiche Abschließen des Versuchs. Egal, ob man das nun gleich einfach abgeschrieben hatte oder die unmöglichen Versuchsergebnisse hingefummelt hat. Einmal habe ich den Fehler gemacht, zum Betreuer zu gehen und auf meine komplett unmöglichen Messwerte hinzuweisen. Erfolg: Die ganzu Gruppe musste nachsitzen, weil die bereits das üblibe Messwert frisieren durchgeführt hatten. Es gab einen Riesenärger und von da an habe ich auch einfach meine Werte angepasst.
Wenn man
mit einem Dozenten nicht klarkommt, sagt das nichts über alle
aus.
Selbstverständlich nicht. Generell sind unsere anekdotischen Beispiele keineswegs in irgend einer Weise auf die Allgemeinheit anwendbar.
Und Bücher soll es auch noch geben. Wenn man lesen kann
und weiß, wo die (kostenlose) Bücherei ist.
Da ist nun allerdings eine große Schwierigkeit. Fachliteratur ist teuer. Insbesondere in den Ingenieur- und Naturwissenschaften auch verdammt schnell veraltet. Von den Informatikern mal ganz zu schweigen. Gleichzeitig werden die Budgets der Bibliotheken immer wieder massiv beschnitten. Dutzendweise werden Zeitschriftenabos gekündigt, es werden immer weniger neue Bücher angeschafft. Hinzu kommen die unverschämten Öffnungszeiten. Von 9:00 - 17:00 Uhr, ausser Mittwochs, da nur bis 12:00 Uhr und Freitags nur bis 14:00 Uhr. Wochenende natürlich ganz zu. Was soll der Scheiss? Da haben die meisten Studenten Vorlesungen. Und die guten Bücher sind nur als Präsenzbestand vorhanden. Wenn, dann also nur ausnahmsweise über ein Wochenende ausleihbar.
In vielen Bibliotheken darf man die Bücher nicht mal anfassen, sondern muss komplizierte Leihscheine ausfüllen. Die Bücher werden dann Stunden später an die Ausgabe gebracht. Ist also nix mit „mal eben reinschauen, ob’s was für mich ist“.
Wenn ich da an die Situation in den USA, England oder Belgien denke *schwärm*
Ich weiß nicht,
was Du unter katastrophalen Studienbedingungen verstehst, aber
hier mußte noch kein einziger Student in einer Vorlesung
stehen.
Ich musste das schon. Z.B. Nebenfachvorlesung Chemie für Physiker, Geologen, Meteorologen, Mediziner, Oecotrophologen, etc. etc. Aus Rationalisierungsgründen natürlich nur eine Veranstaltung. Wenn man sich da nicht beeilt hat, mindestens 30 Minuten vor Beginn einzutrudeln, dann hat man nicht einmal mehr einen Stehplatz bekommen. Und zwar in der Kaffeteria, in die das Spektakel per Video übertragen wurde, weil der große Hörsaal bereits bis zum bersten gefüllt war. Wäre interessant gewesen, zu sehen was in einem Brandfall passiert wäre …
Es ist auch des öfteren passiert, dass es zu einem Pflichtpraktikum einfach keinen Platz mehr gab. Pech gehabt. Gibt ja nächstes Semester schon das nächste. Dann das Verhalten der Professoren, Assistenten und Kommilitonen, letztere sehr häufig schon durch die Schule auf Einzelkämpfer getrimmt. Allenfalls kleine Grüppchenbildung findet statt, die dann untereinander allzuhäufig in Konkurrenz stehen. Da werden die guten Bücher (die es aus Kostengründen nur ein- oder zweimal gibt) schonmal an einen besonderen Platz im Regal gestellt, damit man sie das nächste Mal auch bestimmt griffbereit hat.
Dafür ist er nun anzuprangern und zu
bestrafen. Was natürlich weiteren Stress auslöst.
Es hat ihn keiner angeprangert, geschweige denn bestraft.
Dann lies doch mal die Zeitungsmeldungen und schau Dir die Debatten im Fernsehen an. Wenn das nicht anprangern, ausgrenzen und bestrafen ist.
Dein Posting hier war doch überhaupt nicht gemeint.
Komisch, dass die Gesellschaft mit Alkohol- und sonstigen
Suchtkranken (noch) so sensibel umgeht, wenn sie sich auf der
anderen Seite ein solches Vorgehen leistet.
Welches Vorgehen meinst Du eigentlich? Darf man über solche
Beispiele nicht sprechen? Dann darfst Du auch nicht über die
angeblichen katastrophalen Studienbedingungen nicht sprechen.
Du darfst gerne über solche Beispiele sprechen. Aber genau wie „Miami-Paule“ oder wie der arme Tropf hiess, sagen sie (übrigens genauso wenig, wie meine Beispiele) etwas über die Allgemeinheit aus.
Wenn jemand einen Schein pro Semester schafft, dann ist er ja
nicht prinzipiell zu dumm.
Nein. Aber mit Sicherheit zu faul.
Oder aber massiv psychisch krank. Das verdient Mitleid und Hilfe, nichts anderes.
Andere machen ein
Fernstudium neben ihrem Vollzeitjob. Mit mehr als einem Schein
pro Semester.
Ja super. Da möchte ich mit Heinrich Böll antworten:
Wunsiedels Stellvertreter war ein Mann mit Namen Broschek, der seinerseits einen Ruhm erworben hatte, weil er als Student sieben Kinder und eine gelähmte Frau durch Nachtarbeit ernährt, zugleich vier Handelsvertretungen erfolgreich ausgeübt und dennoch innerhalb von zwei Jahren zwei Staatsprüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte. Als ihn Reporter gefragt hatten: „Wann schlafen Sie denn, Broschek?“, hatte er geantwortet: „Schlafen ist Sünde!“
Wunsiedels Sekretärin hatte einen gelähmten Mann und vier Kinder durch Stricken ernährt, hatte gleichzeitig in Psychologie und Heimatkunde promoviert, Schäferhunde gezüchtet und war als Barsängerin unter dem Namen Vamp 7 berühmt geworden.
(aus: Heinrich Böll, „Es wird etwas geschehen – eine handlungsstarke Geschichte“, Gesammelte Erzählungen 2, Kiepenheuer& Witsch, 1981)
Also muss ihm (im Interesse aller
und seiner selbst) geholfen werden.
Ja. Zum Beispiel, indem man sein Studium zwangsweise beendet.
Nein. Indem man ihm eine vernünftige psychologische Betreuung zukommen lässt, damit er sein Studium erfolgreich abschließen kann. Auf Dauer kann sich auch unsere Gesellschaft nicht erlauben, eine große Zahl an Menschen einfach abzuschreiben anstatt sie vernünftig zu fördern. Das ist nicht nur langfristig billiger(!), sondern obendrein auch noch förderlich für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung.
Oder ihn ein wenig zu mehr Fleiß zwingt - durch
Studiengebühren zum Beispiel.
Solche Menschen werden durch Zwang vermutlich nur noch viel mehr gelähmt. Sie brauchen nicht mehr Druck, sondern das genaue Gegenteil und (ich wiederhole mich) dringend psychologische Hilfe. Die Zeiten, in denen nur abgehackte Gliedmaßen und grippale Infekte als „echte Krankheiten“ galten, sollten wir doch langsam hinter uns haben.
Das stellt sich sehr schnell bei ihrer ersten Stelle heraus.
Wenn sie das Vorstellungsgespräch überstehen…
Dann ist es aber zu spät. Das schöne Geld, was die Allgemeinheit dann in sie investiert hat, alles zum Fenster rausgeworfen.
Meinst Du nicht, daß es da durchaus noch Stufen dazwischen
gibt?
Btw., glaubst Du, daß unser 26-Semester-Student wirklich
besser ausgebildet ist und mehr von der Praxis kennt? Dann
wären seine Zensuren bestimmt ein wenig besser ausgefallen,
wenn er sich doch durch so viel Ruhe so gut vorbereitet hat…
Ich hatte schonmal das zweifelhafte Vergnügen, eine Personalentscheidung treffen zu dürfen. Ich habe mich für einen weit älteren Kandidaten entschieden, der obendrein noch schlechtere Zensuren hatte. Aber was er sonst noch in die Waagschale legen konnte (langjährige Auslandserfahrung, fundierte Allgemeinbildung, sicheres und gewinnendes Auftreten, realistische Vorstellung von Arbeitsbedingungen und Gehalt), war mir wichtiger. Und ich bin für die Wahl nie kritisiert worden.
Ich habe übrigens mal eine Diplomarbeit im Fachbereich BWL gesehen, da ging es um eine Untersuchung, welche Kriterien denn für die Auswahl bei Einstellungen entscheidend wären. Weder Zensuren noch Alter waren in den top 10. Ist aber auch schon ein paar Jahre her. Vielleicht sind die Personalabteilungen wieder sehr viel konservativer geworden, ich weiss es nicht.
Sorry, aber die Dalli-Dalli-Studenten, die Du da erwähnst,
sind zumindest in den Ingenieursstudiengängen nicht
diejenigen, die hinterher nichts wissen.
Doch, leider.
Sondern die, die sich
um ihr Studium bemühen und für das Fach interessieren.
Die Erfahrung habe ich gerade nicht gemacht. „Öhhrgs, nicht schon wieder über’s Studium reden.“ „Mir egal, hauptsache ich hab den Schein/das Diplom.“ „Keine Ahnung, erstmal machen. Später kann ich mir das ja dann anlesen, wenn ich’s brauche.“
Grade
diejenigen, die sich ihr Studium durch Arbeit nebenbei
verdienen, sind übrigens gleichzeitig diejenigen, die ihr
Studium möglichst schnell abschließen wollen.
Wollen schon, können aber nicht.
Langsam sind
dagegen die, die das Studium vor allem ‚geniessen‘ wollen und
nur das nötigste kurz vor der Klausur lernen. Das allerdings
führt zu übermäßigem Stress und zu Nichtwissen, wenn die
Klausur erledigt ist.
Nein, gerade die eiligen Studenten haben meiner Erfahrung nach überhaupt kein Interesse am jeweiligen Fach (wie denn auch, ist ja keine Zeit für echte Auseinandersetzung mit dem Stoff), sondern besorgen sich möglichst früh im Semester die letzten 5-6 Klausuren des Dozenten zu der jeweiligen Vorlesung. Die werden dann stumpf durchgearbeitet und davon ausgegangen, dass die nächste Klausur sehr ähnlich sein wird. Damit kommen sie, meist sogar mit recht guten Noten, durch. Und zwar obendrein noch sehr schnell. Bis auf wenige Ausnahmen bringen die’s aber dann in der Praxis nicht.
Ach ja, da kommst es übrigens auch bei weitem nicht nur auf das Fachwissen an. Vielmehr muss man verdammt gut in Menschenkenntnis, Diplomatie, Mobbingabwehr, Ränkeschmieden, Bürokratenkram erledigen, sinnvolle von unsinnigen Aufgaben trennen, Arbeit delegieren und richtigen-Riecher-haben sein. Allesamt Fertigkeiten die im Studium, und schon gar nicht in einem dalli-dalli Studium, vermittelt werden. Sowas lernt man nur im (richtigen) Leben.
Gruß
Fritze