Karma und Wiedergeburt im Buddhismus
Moin,
wäre toll, wenn du als expertin was dazu sagen könntest?
Ich könnte höchstens etwas zu Karma und Wiedergeburt im Buddhismus sagen.
In der buddhistischen Vorstellung ist unsere Welt voller Bedingtheiten. Nichts existiert unabhängig, alles ist in irgend einer Weise durch etwas anderes bedingt. Das betrifft die materielle Welt, aber auch unseren Geist, unsere Gefühlswelt, unsere Wahrnehmung und alles andere. Alles ist eingebettet in ein Geflecht aus Ursachen und wirkungen. Somit gibt es auch kein isoliertes Wirken. Jedes Wirken ist bedingt und bedingt wiederum.
Unter Karma versteht man nun jedes sich durch Wollen äußernde Wirken, wobei das Wollen hier im Vordergrund steht, also nicht unbedingt das Handeln. Zudem muss dieses Wollen/Wirken eine „moralische“ Komponente haben, also heilsam oder unheilsam sein. Aus heilsamem Wollen/Wirken bedingt sich nun heilsames Karma und aus unheilsamem Wollen/Wirken bedingt sich unheilsames Karma. Dieses Karma wird quasi in einen unendlichen „Prozess“ aus Ursache und Wirkung eingespeichert.
Wenn also ein Apfel vom Baum fällt, dann ist das kein karmisches Wirken, weil hier die Komponente des „Wollens“ fehlt, selbst wenn der Apfel jemanden am Kopf trifft. Wenn ich auf einem Apfelbaum sitze und absichtlich einen Apfel hinunterwerfe ist dies hingegen karmisches Handeln. Werfe ich ihn absichtlich so herunter, dass er jemanden treffen soll, ist dies unheilsames karmisches Handeln, auch wenn der Wurf daneben geht und niemand zu Schaden kommt.
Andererseits unterliegt der Mensch auch „Karma“ quasi als Objekt dieser Wirkungen. Aber nicht alles, was uns wiederfäht ist Folge von Karma. Der Buddhismus kennt 8 Ursachen für das Entstehen von Schmerzen, durch die Wesen Leid erfahren. Die da wären: ein Übermaß an Blähungen, an Gallenfluss, an Schleim, das Zusammenwirken dieser Säfte, Schwankungen der Temperatur, eine ungeregelte Lebensweise, äußere Einwirkungen und eben Karma. Wenn dir also der aus dem obigen Beispiel von alleine vom Baum fallende Apfel an den Kopf knallt, ist das keine Folge karmischen Handelns, wenn dir jemanden den Apfel an den Kopf wirft, hingegen schon.
Die spannende Frage ist nun natürlich, kann ich durch mein eigenes heilsames oder unheilsames Wollen/Wirken das Karma beeinflussen, dessen Objekt ich werde ? Die Antwort muss lauten: Jein. Ja, weil mein ganzes karmisches Wirken/Wollen letztendlich natürlich auch wieder einen Einfluss auf mich hat (da ich ja untrennbarer Bestandteil dieses Ursache-Wirkung-Geflechtes bin), Nein, weil wir als normale Menschen die Mechanismen dieses Systems nicht durchschauen können. Ich möchte in diesem Zusammenhang gerne H. Bhattacharyya zitieren:
„Sicher ist hiernach die Ernte unseres Wirkens; unsicher aber für die allermeisten Menschen wegen seiner äußersten Kompliziertheit der Verlauf des Karma-Gesetzes im einzelnen, eine Kompliziertheit, die so groß ist, dass „die Frucht der Taten“ eben insofern ein weiteres der vier „unfassbaren Dinge“ bildet, über die man nicht nachzudenken hat, es sei denn, dass man, indem man darüber nachdenkt, dem Wahn oder der Verstörung anheimfällt“ (aus Georg Grimm, „Die Lehren des Buddho“).
Wenn wir also nicht in der Lage sind, die karmischen Gesetze zu durchschauen, wie können wir sie dann trotzdem beeinflussen ? Ganz einfach, durch heilsame Taten vermehren wir heilsames Karma. Und je mehr heilsames Karma in der Gegend rumschwirrt, desto größer ist hoffentlich unsere Chance, ebenfalls irgendwann welches abzukriegen
(stark vereinfacht ausgedrückt).
Was hat nun Karma mit Wiedergeburt zutun ? Laut buddhistischer Vorstellung besteht der Mensch aus Fünf Daseinsfaktoren (Körper, Empfindung, Wahrnehmung, Geistesregungen und Bewusstsein), die ihrerseits wiederum karmischen Wirkungen unterliegen und als Prozess verstanden werden. Zwar reden wir von der Summe dieser fünf Faktoren als „ich“, aber die Vorstellung, dass diese etwas isoliertes, in sich abgeschlossenes oder gar dauerhaftes bilden (z.B. ein „ich“, dass den Tod überdauert) wird im Buddhismus als Illusion angesehen. Geburt und Tod sind nur Bestandteile dieses endlos währenden Prozesses. Somit ist auch die Vorstellung, dass „jemand“ handelt oder „jemand“ stirbt nur ein Konstrukt. Statt dessen gibt es nur eine endlose Abfolge von Handlungen, Entstehen, Vergehen etc.
Schließen möchte ich wiederum mit einem Zitat aus der Visuddhi-Magga:
„Nicht findet man der Taten „Täter“,
Kein „Wesen“, das die Wirkung trifft;
Nur leere Dinge zieh’n vorüber;
Wer so erkannt, hat rechten Blick.“
„Und während so die Tat und Wirkung
Im Gange sind wurzelbedingt,
Kann, wie beim Samen und beim Baume,
Man keinen Anfang je erspäh’n.“
„Da gibt es weder Gott noch Brahma,
Der dieses Daseinsrad erschuf:
Nur leere Dinge zieh’n vorüber,
Durch viele Ursachen bedingt“ .
Gruß
Marion