Das Problem ist, dass wir ein kleines demografisches Dilemma haben, dass nämlich auf immer mehr Empfänger immer weniger Einzahler kommen. Diesem Dilemma kann man im Prinzip auf vier Wegen begegnen, wenn man das bisherige System beibehalten will:
- höhere Beiträge
- geringere Renten
- längere Einzahlung
- kürzere Auszahlung
1997 wurde - mit Wirkung zu 1999 - der demografische Faktor eingeführt, der die Höhe der Renten von der Gehaltsentwicklung entkoppeln und mit der steigenden Lebenserwartung in Verbindung bringen sollte. Dieser demografische Faktor wurde von der Regierung Schröder abgeschafft. 2004 hat man dann dessen kleinen Bruder Nachhaltigkeitsfaktor eingeführt, der im Grunde das gleiche machte wie sein großer Bruder.
Was haben wir im Ergebnis in den letzten gut 30 Jahren gesehen: die Renten sinken, die Beiträge steigen und die Einzahlungsdauer (also späterer Renteneintritt). Ich persönlich werte das als eine eher schlechte Entwicklung aus Sicht der Arbeitnehmer und (späteren) Rentenempfänger.
Nun habe ich bei Dir zwischen den Zeilen gelesen, dass Du nicht dafür bist, das System der Umlagefinanzierung zu Gunsten einer anderen Variante abzuschaffen. Das so hingenommen, bedeutet das erst einmal nichts anderes, als dass die Beiträge weiter steigen, die Rente (in Bezug auf das Nettoeinkommen) weiter sinkt und man nicht umhinkommen wird, auch den Renteneintritt nach hinten zu verschieben.
Eine Alternative wäre das Anlageverfahren, bei dem die gezahlten Beiträge ganz oder teilweise in irgendeiner Form angelegt werden, so dass später Teile der Rente aus dem angesparten Betrag finanziert werden können. Ich lese zwischen den Zeilen, dass Du dagegen bist, weil daran jemand verdienen könnte. Das Stichwort war da wohl „Spekulanten“. Nun beobachten wir über den gleichen Zeitraum von gut 30 Jahren, dass die Einkommen dieser Spekulanten (also u.a. die Einkünfte aus Kapitalerträgen) und die Preise für Vermögenswerte (also Immobilien, Aktien, Anleihen, Rohstoffe) jeweils erheblich gestiegen sind.
Da wir alle nicht wieder 12 Stunden am Tag in Bergwerken, Stahlfabriken oder Spinnereien arbeiten, liegt die Vermutung nahe, dass dieser (massive) Zuwachs an Vermögen und Einkommen aus Kapitalvermögen nicht dadurch entstanden ist, dass wir alle zunehmend geknechtet werden, sondern dass das Konzept, mit der Anlage von Geld in Vermögen Geld zu verdienen, tatsächlich funktioniert und sogar besser funktioniert als für sein Geld arbeiten zu gehen, denn die Einkommen aus nichtselbständiger Tätigkeit sind ja längst nicht so schnell gestiegen wie eben die Einkommen aus Kapitalvermögen.
Wäre es also insofern wirklich so fatal, Geld für die Rente langfristig anzulegen, anstatt Arbeitnehmer immer länger und mehr für die Renten ehemaliger Arbeitnehmer arbeiten zu lassen, die trotzdem immer weniger und kürzer Rente bekommen?
Selbst wenn man nur eine Verzinsung von 1% über Inflation pro Jahr erzielen würde, wäre die monatliche Rente nach 40 Jahren Einzahlung und unter der Annahme, dass das angesparte Kapital über 40 (!) Jahre verzehrt wird, mehr als dreimal so hoch wie der ursprüngliche Beitrag des Arbeitnehmers.
Oder ganz praktisch gesprochen: für jeden Euro, der monatlich für mich an Rentenbeiträgen von mir und meinem AG gezahlt wird, werde ich so ungefähr zwei Euro an Rente erhalten. Auf eine branchentypische Altersvorsorge, die ich nach Arbeitsplatzwechsel vor gut 20 Jahre alleine weitergeführt habe, werde ich für jeden Euro, den ich einzahle, mehr als vier Euro an „Rente“ erhalten.
Oder kurz: können und wollen wir es uns wirklich leisten, die Kurssteigerungen an den Börsen und die Einkommen aus Kapitalvermögen allein den Menschen zu überlassen, die Du als „Spekulanten“ bezeichnest hast, während diese Gewinner immer größer, aber die Renten immer kleiner werden? Oder wollen wir diese „Spekulanten“ nicht lieber verpflichten, die offensichtlich zu erzielenden Gewinne und Wertzuwächse mit uns - den Arbeitnehmern - zu teilen bzw. uns an den Entwicklungen, von denen sie profitieren, partizipieren zu lassen?