Depressionen ohne Leidensdruck? (leider lang!)

PS

Wer gibt uns das Recht in ein Leben derart einzugreifen, nur weil wir und die gesellschaftlichen Ansprüche es für nötig halten, dass jeder in „unser“ Schema passt.
So nach dem Motto, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Ach ich merke schon. Das was diese Person in mir auslöste passt doch wirklich eher in ein anderes Brett.

Nicht notwendig. Schon deswegen nicht, weil das „Ausgelöste“ teils auch zum Reich der „Emotionen“ gehören müsste…

Du könntest zwar ins „philosophische“ gehen und dort die Hypothese aufstellen, dass das „System“, in dem Du lebst und (angeblich) von dem Du Dein ‚täglich Brot‘ beziehst, auch in seiner „demokratischen“ Version (des Kaisers neuestes Kleid) wenn’s hart auf hart kommt nicht logisch argumentiert, sondern fanatisch rechthaberisch agiert, bzw. seine Schergen dafür hat.

Diese Hypthese könnte dann im ‚anthropologisch-ethnologischen Brett‘ empirisch untersucht werden, zwecks Widerlegung oder Verifizierung. Solchen Versuch hat Freud in seinem Buch „Totem und Tabu“ zusammengefasst, mit dem Ergebnis, dass unserer modernes Patriarchat in der Tat auf dem „Totemismus“ - ein Synonym für die umfassende Wesensentstellung des Menschen u.a. durch offen brutale „Pubertätsrituale“ (die heute subtil zur ‚pädagogischen‘ Frühkindheitsdomestikation ‚verfeinert‘ wurden) - verankert ist.

Mit der Frage, wie Du persönlich in dies System gerietst und wie es kommt, dass Du ihm nicht einfach - wie die Masse und geistige Elite - blind dienst, sondern zu der Sorte von Ausnahmemenschen gehörst, die sich bei Konfrontation ernsthaft Gedanken über ‚Richtig und Falsch‘ machen kann, bist Du dann wieder im ‚Psychologiebrett‘ geholfen…

Hi Ulrich,

Vielen dank für deinen kritischn und anregenden Beitrag!

Dein Bericht über die Person ist sehr emotional gehalten. Das
macht mich immer sehr mistrauisch. Denn dabei werden häufig
Eigene und Klienten-Bedürfnisse und Ansichten vermischt. (was
du ja auch selber so beschreibst)

Ja sicher. Das ist so. Da hast du recht.
Ich schreibe hier auch privat, weil mich dies emotional berührt und einiges in mir ausgelöst hat.

Davon abgesehen, gestehe ich auch Therapeuten und Psychologen zu, dass sie ihre Emotionen nicht immer gänzlich außen vor lassen können. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass das gar nicht möglich ist, wenn man keine Maschine ist.

Es gibt natürlich „Techniken“ dies gering zu halten, aber letztlich sind ja gerade solche Berufe auch „abhängig“ von der Empathiefähigkeit.

Und ganz ohne Interpratation, bzw. Einstufen bestimmter aussagen und Verhaltensweisen des Klienten geht es wohl seltenst, da die Klienten ja nicht klar sprechen, sondern in Andeutungen, die einen gewissen Spielraum der „Wharheit“ bieten. Ich kann mir gut vorstellen, dass 2 versch. Therapeuten oder Psychologen zu stellenweise anderen Ergebnissen kommen, weil die meschl. Psyhe mit all ihren Facetten nicht in eine Schublade und eng begrenzte Schablone passen.

Wenn du zu ihr in einer professionellen Beziehung stehst,
muss zuerst dies reflektiert sein. Dem Klienten zuliebe.

Bitte sieh mir nach, dass ich da jetzt nicht so viele Infos über mich und meine Stellung abgebe. Aber professionell im Sinne von offiziellem Therapeuten o.ä. ist meine Rolle hier nicht.

Bei mir klingeln immer so ein bisschen die Alarmklocken bei
dem Begriff Systemkritik. Ja man kann ein/das System
kritisieren. Und auch mit guten Gründen. (Wobei ich auch schon
viel intellektuell angehauchte Kritik gehört habe, der man
auch sehr klar entgegen treten kann).

Das ist ohnehin Ansichtssache und der Thread hat sich in diese Richtung so ergeben.

Nur: Egal wie gerechtfertigt, es gibt kein Recht (göttlich?
staatlich?) auf eine perfekte Welt und man muss seine
Handlungsalternativen und den gegebenen Bedingungen wählen.
Das klingt und ist mitunter hart. Doch das kann z.B. eine
Aufgabe sein, einen Klienten auf dieser Reise zu begleiten.

Stimmt, ich denke, das ist aber nicht das Hauptproblem hier, was der moralische Konflikt dieser Person mE zeigt. Da scheinen einige Abwehrmechanismen für den Selbstschutz aktiv zu sein.

Ich bin ja leider keine Fachfrau und muss mich auf mein „psychologisches Gespür“ verlassen.

Auf deinen Fall angewendet kann das bedeuten die Frage
abzuändern: was man für seine Fähigkeiten bekommt anstatt ob
man sich unter Wert verkauft.

Ansichtssache. Ich verstehe den Anspruch, denn die Person hat eine gehörige Portion Erfahrung und jahrelang in verantwortlicher und leitender Funktion gearbeitet.
Kein Wunder kommt die sich inzw. vor wie der letzte Dreck, wo alles nicht mehr zählt, was man mal leistete.

Dahinter steckt von mir weder Utilitarismus oder eine
wir-machen-druck Kampagne. Sondern auch die Frage , wie kann
ich Denkblockaden gerade von Personen wie du sie beschreibst
aufheben.

Kommt mir nicht vor wie Denkblockaden, sondern eher ein erkennen, wie das System funktioniert und die auf Grund ihrer Analyse zu eben diesem Ergebnis führte.

Wie richtig oder falsch diese Analyse ist, ist wiederum Ansichtssache. Ich teile sie eben, andere wiederum nicht.
Menschen sind eben sehr verschieden.

Ein anderer Punkt ist das Bewerbungsszenario. Natürlich spielt
hier der oben genannte Punkt mit eine Rolle. Wenn jede
Bewerbung ein Verrat an sich selber ist, ist es demotivierend.
Wenn eine Bewerbung zu einem bewussten Abklären seines
Marktwertes ist, kann es zwar immer noch hart sein, aber es
kriegt eine andere Wertung.

Das ist richtig. Meine persönliche Mutmaßung ist, dass das Selbsbewusstsein und Selbstvertrauen ziemlich angekrazt ist und die Person zwar in ihre Fähigkeiten vertraut, bzw. sich zutraut etwas zu schaffen und sich schnell einarbeiten zu können, aber dass da doch erhebliche Zweifel sind, weil ihre Kenntnisse z. T. eben doch veraltet sind.
Ich dneke auch, dass sie das bei ihren Bewerbungen ausstrahlt, bzw. das irgendiwe ganz subtil auch rein schwingt.

Vielleicht ist für sie das klassische bewerben auch nichts.
Vielleicht is auch ihr Bewerbungsleitfaden zu
ordinär/schlecht. Ja davon gibt es sehr viele. jova-nova fährt
z.B. einen etwas anderen.

Ich persönlich kenne jova-nova, musste aber feststellen, dass einige Tipps ein Griff ins Clo sein können.
Zumindest ging es mir mal so, dass ich einen jova-nova Rat befolgte und genau der dann das ko Kriterium war :frowning:
Aber ok, ist gut 8 J. her, da waren die Firmen vielleicht noch nicht so weit :wink:

Bewertung rumsitzen und produktiver Kreislauf.
Was denn nun? sitzt sie rum oder bringt sie sich auf
vielfältige Weise gesellschaftlich ein? Deine Beschreibung ist
auch hier sehr wertend, was es schwierig für mich Leser macht,
eine klaren Blick auf die Person zu werfen? sind das ihre
Begrifflichkeiten oder deine, die du benutzt.

Das sind die Äußerungen dieser Person. Da gibt es aucfh einiges widersprüchliches, was es mir persönlich ja auch so schwierig macht bei miner Einschätzung, was wie stark wiegt.

Wie gesagt, ich bin halt nicht wirklich die Fachfrau.

Ehrenamt kann erfüllend sein, kann aber auch eine Ausflucht
sein. Warum kann es nicht sein, dass so eine Person nicht in
die Arbeitswelt integrierbar ist? Mir fallen da spontan einige
Gründe ein:

Integrierbar wäre sie denke ich schon. Das Problem ist, dass sie bisher niemanden fand, der ihr diese Chance gibt. Ob das nun an ihren Bewerbungen oder am Markt lag ist insofern zweitrangig, als dass die Situation eine Lösung fordert, bzw. der Druck da ist, sie in die Arbeitswelt rein zu bringen.

Ich kürze diese super gute Aufstellung von dir mal ab.

Branche) Eigentlich hätte ich so ne Person sogar benötigt
(auch wenn ihre Vorstellung wie ich es richtig machen sollte
ich nicht teilte).

  • fällt mir noch so ein Kanditat ein: er war (glaubhaft)
    gewillt zu arbeiten, allerdings nur im Einzugsgebiet seines
    Fahrrads (auf dem Lande) und auf keinem Fall PC. Komisch das
    der nix gefunden hat, oder? Wir haben ihn vor die Wahl
    gestellt: Führerschein machen für Auto oder PC. Hat geholfen.

Isolierung.

Es gibt das Wort der Intelektualisierung. Wenn man zB
emotional belastende Ereignisse, Situationen nicht mehr als
solche wahrnimmt, sondern sich von seinen Gefühlen abkapselt
und die Situation intelektualisiert.
Das hilft, um sich vor diesen starken Gefühlen zu schützen,
kann aber auch zur Selbstentfremdung führen, was wiederum
handlungshindernd sein kann. Dieser Prozess findet nicht
bewusst statt.

Sehr interessant! Danke für diese Anregung!
doch ein Fall für den Psychologen? Hmm, solange kein Leidensdruck von der Person gespürt wird, ist das wohl schwierig.

Selbstreflexion.
mir fällt zu ihrer Selbstreflexion noch etwas ein. Das sind
wertende Sätze, keine deskriptiven. vielleicht kennst du das
innere TEam von Schulz von Thun.

Nein, kenne ich nicht.

Nach deiner Schilderung zu folgern klingt es richtig, hier
psychologische Unterstützung mit einzubringen. Um genau solche
Punkte zu klären.

Tja, das ist dann echt der Part der Fachkräfte oder des Amtes, diese Frau da reinzuwingen, bzw. dazu zu bringen.
In mir selbst sträubt sich aber nahezu alles, darauf hinzuwirken. So ein laienhaft gefühlsmäßig würden mir da ganz andere Kandidaten einfallen, wo eine psychologische Behandlung wirklich wichtig wäre. Das sehe ich im Fall dieser Person halt nicht.

Lange Fragen verursachen lange Antworten

Vielen Dank, dass du dir so viel Mühe gemacht hast!!
Hat mir jedenfalls geholfen, da da sehr gute Denkanstöße enthalten sind.

Hi,

das JC bedeutet Job CVenter also Arbeitsamt (veraltet, aber im Volksmund immer noch verwendet) bzw. (Bundes) Agentur für Arbeit.

Nein ich bin nicht in der Position ein Gutachten im klassischen Sinne abzugeben und meine Einschätzung wird auch nicht wirklich Gewicht haben.

Ich glaube ich habe irgendwo etwas in Richtung Gutachten oder Bericht angedeutet. Das war wohl etwas missverständlich und nicht ganz korrekt ausgedrückt.

Nennen wir es einfach eine persönliche Einschätzung zur Situation und der Person selbst.

Eine eventuell weiter führende ideologische
Diskussionsgrundlage aber könnte sein, dass die von der
akademischen Psychologie vorgenommene Gleichsetzung der
statistischen sog. „Normailität“ mit „Gesund“ absolut
unzureichend ist, den Gesundheits- und Krankheitszustand eines
Menschen zutreffend zu bewerten. Die Angehörigen der
„unnormalen“ gesellschaftlichen Randgruppen können also sowohl
überragend psychisch gesund als auch extrem abweichend krank
sein. Einige sehr wenige von der ersteren Sorte sind sogar so
gesund, abgeklärt und glücklich, dass sie völlig immun gegen
Anfechtung ihres So-Seins sind und nicht darüber diskutieren,
sondern all ihre Talente, Wissen, Kraft, Befähigungen in die
selbstlose Einsatzbereitschaft zugunsten ihrer hilf- und
ratloseren Artgenossen stellen und wo angebracht eine
tiefenpsychochologische Untersuchung ihrer Problematik
empfehlen…

cool :wink:

Ja das ist auch ein sehr erschöpfendes und interessante Thema!

Hallo,

auf mich macht Deine Schilderung dieser Frau den Eindruck von guter psychischer Gesundheit.

Man hat sich bisher vor allem mit psychischen Störungen einzelner Individuen beschäftigt, und deren Therapie läuft dann oft auf Anpassung auf das Kollektiv hinaus, in dem jemand lebt.

Ich behaupte, auch ein Kollektiv, eine ganze Gesellschaft kann „krank“ sein (das Musterbeispiel wäre wohl die nationalsozialistische Gesellschaft).

Als Symptome heute sehe ich die Fixierung auf rein ökonomische Werte und Ziele, obwohl den meisten klar sein dürfte, daß dies keine nachhaltige Zukunftperspektive ermöglicht. Die äußerst ungerechte Verteilung der erwirtschafteten Ressourcen gehört ebenso zu den Symptomen, wie die Tatsache, daß auf die (offenbar systembedingt zwangsläufig vorhandenen) Erwerbsarbeitslosen dieser Druck in den Arbeitsmarkt hinein ausgeübt wird, als ob wir in Notzeiten leben würden, wo alle Hände anpacken müßten - das Gegenteil ist der Fall. Therapie, die auf Anpassung hinausläuft, würde nichts bringen.

Mir scheint, diese Frau macht ohnehin schon das Beste aus ihrer Situation. Du schreibst, sie hat abgesehen von den Personen, denen sie hilft, kaum soziale Kontakte. Das wundert mich nicht. Bekanntschaften oder Freundschaften gibt es eigentlich nur innerhalb der gleichen sozialen Schicht und auf ähnlichem ökonomischen Niveau.

Grüße,

I.

Das einzige überhaupt, wenn man beginnen will, sich aus dem egal wie logisch anmutenden Geschwätz über anderer Leute Probleme herauszuarbeiten.

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