Hai, Alexander
Diese These ist aus theologischer Sicht heute schon längst
nicht mehr wissenschaftlich haltbar. Darauf habe ich hier im
Forum schon einmal hingedeutet; ich zitiere mal aus einem
früheren Artikel von mir im Archiv (dort ging es um das Thema
„Der Bann im AT“):
„wissenschaftlich haltbar“ ist gut, im Zusammenhang mit Glaubensfragen *ggg*
Aber wenn er ständig
alle ausrotten würde, dann wäre ja bald niemand mehr auf
diesem Planeten.
ohne Kommentar
Die Gleichsetzungen „Gott des AT = nur Rächer und Vernichter“,
„Gott des NT = nur liebender und vergebender Gott“ sind
völliger Blödsinn.
Ich schrieb nicht von Gleichsetzung, sondern von betonten Aspekten, und ich brauche keinen Theologen, um zu bemerken, daß der strafende Aspekt Gottes im AT stärker betont wird und im NT der barmherzige Aspekt.
Der Satz „Schrecklich ist es, in die Hände
des lebendigen Gottes zu fallen“ steht im Hebräerbrief (NT)
und der Satz „Bei dir aber, Herr unser Gott, ist
Barmherzigkeit und Vergebung“ steht bei dem Propheten Daniel
und sinngemäß auch bei Jesaja und in den Psalmen (AT)!!!
Drum schrieb ich ja auch " fast komplett weg" und nicht nur „komplett weg“
Dies kann schon sein, aber die Bedeutung der zentralen
Schlüsselbegriffe in der Bibel (z. B. Liebe, Sünde, Gehorsam,
Buße, Umkehr, Vertrauen usw.) hat sich bis heute überhaupt
nicht verändert.
Hier muß ich Dir widersprechen, nicht nur daß mit „Liebe“ zu Gott etwas anderes gemeint war, als heute unter Liebe verstanden wird, „Sünde“ anders interpretiert wird, „Gehorsam“ heute andere Verhaltensweisen zur Folge hat als damals, „Buße“ inzwischen nicht einmal mehr ein genauer Begriff ist (Wiedergutmachung oder „Rosenkranz-runterbeten“?) und „Vertrauen“ für mich mit Sicherheit etwas anderes bedeutet, als für Dich - wie willst Du denn überhaupt wissen, was damals mit diesen Begriffen genau verbunden wurde? Wenn wir das so genau wüssten, wäre es nie möglich gewesen, die Bibel nach den aktuellen politischen Erfordernissen zu interpretieren - und Du willst doch nicht bestreiten, daß mit der selben Bibel sowohl Kruzzüge und Hexenverbrennungen, als auch passiver Widerstand und Liebe-Deinen-Nächsten-bis-zur-Selbstaufgabe begründet wurden.
Dazu kommt noch, daß die Bibel nicht widerlegbare Parallelen zu unseren aktuellen Gesetzesbüchern aufweist: für jeden Paragrafen gibt es einen, der das Gegenteil behauptet… plumpstes Beispiel: „Wenn Dir einer auf die linke Wange…“ gegen „Auge um Auge…“ ja, ja, ich weiß, Theologen haben wissenschaftlich bewiesen, daß das ja ganz anders gemeint war - aber genau das ist es, wovon ich spreche - nee, schreibe - die Bibel wird interpretiert und zwar zu jeder Zeit anders, heutzutage wird die Barmherzigkeit Gottes sogar in Textstellen „erkannt“, die eigentlich garnichts damit zu tun haben (Noah zu retten macht die Vernichtung zweier Städte incl. der Kinder nicht weniger erbarmungslos)
Die Frage ist eher: Können wir oder vielmehr
wollen wir die Botschaft der Bibel nicht mehr verstehen?!?!
Sieh Dir die Geschichte an und Du wirst erkennen, daß die, doch angeblich so offensichtliche, Botschaft der Bibel scheinbar in jedem Jahrhundert eine andere war, noch 'n Beispiel? Bitteschön: Sklavenhaltung.
Nochmal zum Verständnis: ich hab nicht vor, Deinen Glauben in irgendeiner Form schlecht zu machen, im Gegenteil, solange ein Glaubender sich auf den Teil der Bibel bezieht, der Nächstenliebe predigt, Verständnis und Toleranz, bin ich „voll dafür“, ich versuche hier nur klarzustellen, daß jedes geschriebene Wort der Gefahr ausgesetzt ist, nach Bedarf gelesen zu werden, und das betrifft sowohl die existierende Bibel, als auch ein jedes mögliche Nachfolgewerk.
allerfreundlichste Grüße
Sibylle