Hallo Xelya,
was ich damit meine, wenn ich sage, daß „mit diesem ganzen Grobzeug aufgeräumt wird, das auf dem ‚Psychomarkt‘ gefunden werden kann“ ist folgendes:
Es gibt sehr viele psychotherapeutische und „psychologische“ Ansätze, nicht nur die großen bekannten, sondern auch sehr viele kleine. Als Beispiel: Der „Spiegel“ vom 4.9.2000 hat sich unter dem Titel „Was kann Psycho-Therapie?“ damit beschäftigt und einmal zusammengetragen, was es denn alles gibt. Ich habe das Heft aufgehoben. Da wird als AUSWAHL genannt:
Aktualisierungstherapie, Anthroposophisch orientierte Psychotherapie, Aqua-Energetik, Aromatherapie, Astrologische Psychotherapie, Aura-Healing, Aura Soma, Avatar-Training, Bach-Blütentherapie, Biosynthese, Core-Energetik, Edelsteintherapie, Eidetische Psychotherapie, Enlightenment Intensive, Enneagramm, Ermutigungstherapie, Est-Training, Farbtherapie, Festhaltetherapie, Funktionale Psychotherapie, Hakomi, Hoffman Quadrinity Process, Impasse-Priority-Therapie, Iniatische Therapie, Kinesiologie, Konfrontative Therapie, Kreative Aggression, Kurs in Wundern, Märchentherapie, Mainstreaming, Mind Machines, Morita-Therapie, Mutual-Need-Therapie, Naikan, Neurolinguistisches Programmieren, Poesie-Therapie, Polaritätstherapie, Positives Denken, Posturale Integration, Primärbeziehungstherapie, Primärtherapie, Provokative Therapie, Psychoimaginationstherapie, Psycholyse, Psychosynthese, Radix-Training, Rebalancing, Rebirthing, Recall-Therapie, Reflextherapie, Reiki, Reinkarnationstherapie, Rolfing, Schamanistische Therapien, New Identity Process, Silva Mind Control, Tibetan Pulsing, Trager Work, Trancetanz, Transzendenztherapie, Vierundzwanzig-Stunden-Therapie, Z-Prozess-Beziehungstherapie.
Wie die „Spiegel“-Autoren bin ich der Meinung, daß es sich bei vielen dieser „Therapien“ um ziemlich „esoterisches, teils bizarres“ Zeug handelt. Obwohl ich zugunsten dieser „Therapien“ annehmen möchte, daß ihre Entwickler es mit potentiellen Klienten/Patienten/Kunden gut meinten, bin ich der Auffassung, daß die Welt auch ohne viele dieser „Therapien“ auskäme, daß für Menschen ohne psychische Probleme manche dieser „Therapien“ ganz nette Erfahrungen sein können, aber daß es für manche Menschen auch Verzögerungen, ja regelrechte Hindernisse auf dem Weg zu einem angemessenen Umgang mit ihren Problemen darstellen können. Wenn der Entmystifizierungsprozeß auch in der Laienpsychologie (dieses Board ist ja v.a. ein Platz, an dem sich Laien aufhalten) weiter voranschreitet, dann wird vielen wahrscheinlich aufgehen, daß z.B. „Avatar-Training“ oder „Rebirthing“ in den Bereich der modernen „Mystik“ gehören und nicht in eine mehr oder minder aufgeklärte Psychologie. Viele dieser „Therapien“ beruhen auf Vulgärpsychologie - Alltagspsychologie mit Esoterik und Psychodynamik zu einem Gebräu zusammengerührt.
Daß Esoterik den Boden dazu bereitet, brauche ich hoffentlich nicht weiter auszuführen. Daß Psychodynamik dazu verführt, hat etwas mit dem Umgang mit Begriffen und Metaphern zu tun, der in der Psychodynamik vorherrscht. Relativ anspruchsvolle psychodynamische Ansätze wie die Psychoanalyse, Adlers Individualpsychologie und Jungs Analytische Psychologie verwenden eine Menge Begriffe, die sie selbst als metaphorisch bezeichneten oder bezeichnen. So war z.B. Freud als einer der Väter der Psychodynamik stets der Meinung, daß Begriffe wie z.B. „Ich“ oder „Es“ Metaphern sind und daß sie auf etwas verweisen, daß er in der Biologie des Menschen vermutete, daß dort aber zu seiner Zeit noch nicht gefunden werden konnte. Daher, so meinte er, sei es gerechtfertigt in der Zwischenzeit von „Ich“ oder „Es“ zu sprechen, bis diese Begriffe durch Befunde aus der Physiologie überflüssig gemacht werden. In der heute in der universitären Psychologie dominierenden Richtung, der Kognitionspsychologie, herrscht weitgehend eine ähnliche Meinung: Die Psychologie solle jetzt schon Theorien über Prozesse formulieren, die die Neurowissenschaften irgendwann mit den „hard facts“ untermauern wird. Diese Theorien gruppieren sich um hypothetische Konstrukte. Diese sind so ähnlich wie die Metaphern der Psychodynamik. Das größte dieser Konstrukte ist der menschliche „Geist“. Solche Metaphern und Konstrukte sollen die Lücke, die heutzutage zwischen den Bedingungen des menschlichen Verhaltens und dem Verhalten selbst liegen, füllen, bis die Lücke durch die Neurowissenschaften gefüllt wird.
Im Reiz-Organismus-Reaktions-Schema kann man es so veranschaulichen:
S: beobachtbare Umweltbedingungen
O: Organismus, Mensch (unbekannte Prozesse in der „black box“)
R: beobachtbares Verhalten
Über die unbekannten Prozesse in der „black box“ soll theoretisiert werden, bis die Neurowissenschaften aus der „black box“ einen transparenten Organismus gemacht haben. Das war Freuds Meinung, das ist die Mainstream-Meinung in der universitären Psychologie.
Was ist daran problematisch? Erst einmal gar nichts. Problematisch wird es dann, wenn die Theorien über die „black box“-Prozesse bestimmte Formen annehmen und zu Mißbrauch verleiten. Zum Mißbrauch kommt es dann, wenn solche Metaphern und Konstrukte eingeführt werden, mit denen man sich leicht mehr und mehr von dem entfernen kann, was beobachtbar ist. Dann gibt es mehr und mehr Spekulation. Der „Geist“ existiert plötzlich wirklich. Dann stellt sich die Frage, wie er den Körper beeinflussen kann. Vergessen ist dabei, daß der „Geist“ nur ein Konstrukt ist, nicht wirklich existiert und deshalb auch kein Problem besteht, wie er mit dem Körper interagiert. Er ist nur eine „Erfindung“ gewesen, um eine Theorie über unbekannte Prozesse zu formulieren, die notwendigerweise körperlich sein müssen, denn sonst könnten die Neurowissenschaften sie ja nicht aufklären. Daß die Neurowissenschaften sie aufklären können, wird als nächstes bestritten. Denn der „Geist“, das „Ich“ und das „Es“ sind so vollständig vom Körper verschieden. Das ist doch gar kein Thema für die Neurowissenschaften! Der „Geist“ liegt doch auf einer völlig anderen Ebene - auf der mentalen, auf der seelischen. Und nun können die Spekulationen ins Kraut schießen. Woher kommt der „Geist“? Sein Name ist „Seele“. Ist er deshalb unsterblich? Wie ist seine Verbindung zu Gott? Könnte er immer in neuen Körpern wiedergeboren werden? Sind Menschen vielleicht in „falschen“ Körpern gefangen? Müssen sie sich an frühere „Leben“ erinnern? Kann man daraus eine Therapie machen? Wir sind an dem Punkt angelangt, an der der Mensch nicht mehr eine Einheit aus Körper und „Geist“ ist, sondern allein über seinen „real existierenden“, nichtphysikalischen „Geist“ definiert wird. Jetzt sind wir vollständig bei mystischen und religiösen Vorstellungen. Jetzt könnte man auch sagen, daß in einem Menschen, der sich seltsam verhält, ein Dämon hausen könnte, der den „Geist“ gefangen hält.
Ich denke, daß klar ist, welche Probleme solche mystische Sichtweisen mit sich bringen. Man beschäftigt sich mit Dingen, die zu weit von dem entfernt sind, was wirklich beobachtbar ist, was wirklich geschieht. Damit nimmt man sich die Möglichkeit, wirklich etwas über andere Menschen und sich zu erfahren, und dieses Wissen fehlt dann, um Probleme jeglicher Art zu lösen. Um dies zu vermeiden, bin ich für eine Entmystifizierung psychologischer Vorstellungen. Dies bedeutet, daß man vorsichtig mit solchen Konstrukten wie „Geist“, „Seele“, „Bewußtsein“, „Ich“, „Es“ usw. umgeht. Sparsam eingesetzt und so genau wie möglich definiert können solche Konstrukte hilfreich sein. Auch in der Psychotherapie oder in populärpsychologischen Texten kann man mit solchen Begriffen in Gegenwart des Patienten/Klienten/Kunden arbeiten, denn sie erleichtern ihm das Verständnis. Aber bitte: Es soll Verständnis gefördert werden, keine Mystifizierung von Verhaltensweisen.
Gruß,
Oliver Walter