Noch einmal: Leben und leben lassen!
Hei,
Aber drum kümmern will man sich nicht…?
Es stellt sich mir die Frage, ob „sich kümmern“ eine messbare Größe ist. Wenn ja, wie misst man dies deiner Meinung nach? Es gibt mehrere Möglichkeiten:
a) Quantität
b) Qualität
c) …(Fällt dir noch was ein?)
Du vertrittst die Ansicht, „sich kümmern“ bestünde aus Zeit, aus endlos viel Zeit. Dass ist deine Einschätzung der Dinge. Andere meinen, nicht die Zeit sei entscheidend, sondern die Qualität. Um eine gewisse Qualität des „sich kümmerns“ zu erreichen, bedarf es nicht 24h am Tag, sondern vielleicht „nur“ fünf, die aber umso intensiver genutzt werden. Alle wollen aber, dass am Ende ein „guter Mensch“ rauskommt. Keiner der Wege ist empirisch oder sonst wie wissenschaftlich be- oder widerlegt. Auf dieser Welt existieren beide Formen des „sich kümmerns“ sehr gut nebeneinander und keiner der beiden Vertreter hat unbedingt wahnsinnig gute oder schlechte Menschen hervorgebracht. Das ist das einzige, um was es mir geht.
Oh, ja und dazu ist natürlich der Kindergarten unbedingt
nötig, in dem sich eine Betreuerin um 25-35 Kinder kümmert.
Nein, es ist nicht unbedingt ein Kindergarten für eine optimale Entwicklung des Kindes nötig, aber er schadet auch nicht! Eine Betreuerin kümmert sich nicht um bis zu 35 Kinder, sondern um bis zu 25. Ihr steht eine weitere pädagogische Kraft zur Verfügung. Das ist zugegeben sehr viel. Es wird aber nicht geändert, wenn man nichts dafür tut.
In der Kinderkrippe ist in Bayern ein Betreuungsschlüssel von 1:6 vorgeschrieben.
Dir ist klar, dass du hier pauschalisierst? Du stellst
indirekt Kinder, die nicht im Kindergarten waren oder
anderweitig betreut werden als unsozial hin, weil eine
Mutter/ein Vater können ja anscheinend ihr Kind nicht fördern
und sozialisieren.
Ja, das ist mir klar. Nicht jedes Kind, das keinen Kindergarten von innen gesehen hat, wird ein Mutterkindchen, und nicht jedes Kind, das fremdbetreut wurde, hat einen psychischen Schaden!
Ich weiss ja nicht, woher du deine Wissen(?) hast,
Ich beziehe mein Wissen (!) über die bayerische Betreuungskatastrophe aus folgenden Quellen:
- Ich studiere Soziologie an der Uni Erlangen und habe eine Hausarbeit zum Thema „Familienpolitik in Frankreich und Deutschland im Vergleich“ geschrieben. Das macht mich nicht allwissend, öffnet mir aber den Blick auf bestimmte Zahlen, die nun einmal im Raum stehen.
- Der Radiosender Antenne Bayern hat eine Initiative gestartet, bei der es darum geht, massiv Betreuungsplätze für groß und klein zu schaffen. Finde ich klasse. Und wird nicht grundlos sein. (Erhält sogar Unterstützung von Länderseite)
- Ich habe zwei Jahre gegenüber einem Kindergarten gewohnt, der morgens um 9 öffnete, um 12 Uhr schloss, um 14 Uhr wieder öffnete und um 17 Uhr wieder schloss. Auch das heißt nicht, dass das bei allen Kindergärten so ist, aber wir befinden uns hier in einer recht jungen, modernen Stadt, in der die Nachfrage nach Plätzen massiv ist.
- Eine Kommilitonin von mir brachte ihr 5-jähriges Kind vergangenes Semester jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr mit in die Vorlesung, weil es um diese Zeit keine Betreuungsmöglichkeit mehr gibt. Zum Glück wissen unsere Dozenten darüber Bescheid, beziehen die Kids mit ein und stören sich nicht an Zwischenrufen.
- Eine Freundin von mir, gelernte Erzieherin, arbeitet in einer Kindertagesstätte in München. Dort kommen Eltern über ein Jahr, bevor sie ihre Kinder überhaupt planen betreuen zu lassen, um sich für diese begehrten Ganztagsplätze anzumelden.
Ist übrigens erstaunlich, wieviele Papis da so ihre Kinder
abholen. Da würde echt ein ganzes Schafkopfturnier
zusammengehen.
Ist das schlimm, wenn die Papis ihre Kinder holen? Es holt der sie, der eher zu Hause ist. Ist doch egal, ob das Mama oder Papa ist. So ein Schmarrn.
Ich weiss es nicht, frag doch mal nen Psychologen oder einen
Kinderarzt, warum ein fünf Monate altes Kind angeblich Eltern
braucht.
Es streitet doch überhaupt niemand ab, dass ein Säugling, ein Kleinkind, ja selbst ein Schulkind und ein Jugendlicher seine Eltern braucht! Wo wird das denn zu irgendeinem Zeitpunkt in dieser Diskussion abgestritten?
Du siehst es so, dass ein Kind für eine optimale Entwicklung die Mutter (oder den Vater) den ganzen Tag braucht. Ich sehe es so, dass ein Kind für eine optimale Entwicklung intensiv genutzte Zeit und eine zufriedene Mutter braucht. Wenn eine Mutter zufrieden damit ist, dass sie sich voll und ganz den ganzen Tag um ihr Kind kümmert, dann ist das doch schön! Aber nicht jeder ist damit zufrieden, tut etwas anderes zusätzlich. Und das ist doch auch schön. Ich verstehe ehrlich nicht, wo hier das Problem liegt. Nur weil du glaubst, dass Kinder bis zu einem bestimmten Alter ganztags von einem Elternteil erzogen werden müssen, heißt das doch noch lange nicht, dass das die absolute Wahrheit ist.
Darf ich fragen, warum ihr ein Kind wollt, wenn keiner sich
darum kümmern will?
Also, ich möchte dir kurz aus meinem Leben erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass es dich nicht interessiert:
Ich habe meine ersten sieben Lebensjahre in einem Land verbracht, dass es heute nicht mehr gibt (und das ist auch gut so). Meine Eltern haben für heutige Verhältnisse früh geheiratet (knapp über 20) und sogleich ein Kind bekommen. Es war in der DDR nicht so, dass Frauen sofort nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten gehen mussten. Es bestand die Möglichkeit, dass man ein Jahr einen gewissen Betrag (70%, 80%? Ich weiß es nicht genau) des Einkommens bekam und zu Hause blieb. Also in etwa das, was die jetzige Regierung wieder einführen will.
Nach ihrem ersten Kind, meiner Schwester, blieb meine Mutter aber nur ein paar Wochen zu Hause, weil sie einen Beruf hat, der stark nachgefragt wurde. Zwei Jahre später kam ich, und meine Mutter blieb etwas länger daheim, ein paar Monate.
Meine Eltern haben uns immer vorgelebt, wie man Familie und Beruf unter einen Hut bringt. Da sie nun nicht den ganzen Tag mit uns zu Hause waren, wurden bestimmte Rituale eingeführt, die ein inniges Familienleben ermöglichten. Ich habe mich nie in meinem Leben zu wenig beachtet gefühlt, zu wenig geliebt, ich kann meinen Eltern keine Vorwürfe machen, weil es nichts gibt, was ich hätte anders haben wollen.
Meine Oma mütterlicherseits ist eher eine „Hausfrau“ gewesen. Sie blieb nach der Geburt meiner Mutter drei Jahre zu Hause und hat dann bis zu ihrem Schulabschluss halbtags gearbeitet. Sie ist auf Klassenfahrten mitgefahren und konnte meinen Vater nicht leiden, weil dessen Mutter, allein erziehend mit vier Kindern, es nicht so handhabte. Sie hat meine Mutter mit den schlimmsten Vorwürfen bedacht und ihre Tochter niemals loslassen können.
Du siehst, ich kenne durchaus beide Modelle, wenn auch eines nur in ihren Konsequenzen.
Aber weiter in der Geschichte.
Dann kam die Wende. Meine Eltern kommen aus etwas, was sich heute „bildungsferne Schicht“ nennt. Sie haben aber die Gunst der Stunde erkannt und alles menschenmögliche getan, damit wir eine ordentliche Schulausbildung bekommen. Wir besuchten einen Schulhort während der Grundschulzeit. Zu Hause wurde sich von Anbeginn an die Hausarbeit geteilt, und zwar nicht Mutter-Kinder, sondern Mutter-Vater-Kinder. Und das nicht nur am Wochenende, sondern jeden Tag. Das ist noch heute so.
Ein Jahr nach der Wende, in einer politisch und wirtschaftlich sehr schweren Zeit, kam „ausversehen“ mein Bruder. Zwar bestand nach aktuellem Recht die Möglichkeit, einige Zeit zu Hause zu bleiben, aber das konnte man sich gar nicht erlauben, weil der Job weg gewesen wäre. Und so kam es auch, dass meine Mutter, die zwar nur ein halbes Jahr zu Hause blieb, fortan von einer Einrichtung in die nächste geschickt wurde und sie zehn Jahre brauchte, um wieder Fuß zu fassen. Seit 2000 hat sie wieder eine Ganztagsstelle, bei der sie nicht mehr pendeln muss und von heute auf morgen irgendwohin versetzt werden kann.
Sie hat das erreicht, weil sie immer dafür gekämpft hat. Sie hat ein dreijähriges Abendstudium begonnen, nachdem mein Bruder geboren worden war. Mein Vater hat diese Abende mit uns verbracht und wir hatten trotzdem eine wunderschöne Zeit.
Meine Schwester und ich sind beide mit 18 ausgezogen und haben ein wunderbares Verhältnis zu unseren Eltern. Je nach Zeit fahren wir alle zwei bis drei Monate heim und telefonieren fast wöchentlich. Sie kommen uns besuchen und wir können stundenlang reden, diskutieren, uns erinnern.
Mich hat meine Kindheit sehr geprägt, wie das hoffentlich jede Kindheit tut, v.a. im positiven. Meine Eltern haben mir beiden eine Partner- und Elternschaft vorgelebt, die ich für erstrebenswert halte. Ich kann mit Fug und Recht sagen: Ich möchte es genauso machen wie meine Eltern.
Wahrscheinlich hast du eine andere Kindheit gehabt und findest diese als Modell für dich geeignet. Das ist doch auch gut! Aber jeder sollte aus seiner Geschichte, seinen persönlichen Einstellungen und Werten den für sich besten Weg finden. Und dafür bedarf es Unterstützung aller Kräfte einer Gesellschaft für die Kinder. Es geht nicht um den Egoismus der Frau, die wieder arbeiten will, weil sie sich sonst unterfordert fühlt. Es geht auch nicht um den Egoismus der Frau, die nicht wieder arbeiten geht und in der Kindererziehung ihre Erfüllung sieht. Es geht darum, dass beide Modelle je nach Persönlichkeit und persönlicher Situation eine Daseinsberechtigung haben. Ich war früher selbst so verbohrt wie du und habe Hausfrauen-Mütter verurteilt, habe gedacht, das seien alles faule Menschen, die es nicht managen können, Arbeit und Erziehung unter einen Hut zu bringen. Diese Ansicht hat sich geändert, auch durch eine Diskussion in diesem Forum im Frauenbrett. Ich maße mir nicht an zu sagen, das eine oder das andere Modell sei allheilbringend. Und wenn ich eines Tages merke, dass ich ohne mein Kind (welches es noch nicht gibt) nicht den Tag verbringen kann, dann schmeiße ich ohne schlechtes Gewissen meinen Job und bleibe zu Hause. Wenn ich aber der Ansicht bin, dass mein Kind versorgt ist, sich wohl fühlt und eine stundenweise Entfernung nicht zu einer Entfremdung führt, dann werde ich ohne schlechtes Gewissen halb- oder ganztags arbeiten.
Gönn’ es ihnen, bitte.
Ich glaube hier liegt ein regionales Sprachproblem vor. Bei uns heißt „vergönnen“ „es jemandem nicht gönnen“. Also gönne ich es jemandem nicht nicht, sprich: Ich gönne es ihm ;o)
Du sprichst mit deinen Aussagen jeder selbständig denkenden
und arbeitenden Frau die Existenzgrundlage ab.
Aha, Mütter, Väter, Hausfrauen, Hausmänner sind also nicht
selbständig denkend?
Doch, aber du vertrittst hier eine Meinung ohne wenn und aber. Du willst keine Alternativen zu deinem Lebensmodell zulassen und sprichst Paaren, Müttern und Vätern, die es anders machen als du, ab, ihre Kinder zu lieben, sich ausreichend um sie zu kümmern und gute Eltern zu sein.
Ich habe auch nie gesagt, das die Eltern 18 Jahre lang für die
Kinder zuhause bleiben müssen. Aber gerade in den ersten
beiden Jahren passiert soviel. Wer das nicht mitbekommt, hat
das Schönste schon mal verpasst…
Und warum in den ersten beiden Jahren? Was spricht denn dann dagegen, auch drei Jahre zu Hause zu bleiben? Schließlich kann da auch noch viel passieren? Oder bis zur Einschulung. Wenn das Kind die ersten Buchstaben liest, will man doch auch dabei sein. Oder bis zur Mittleren Reife. Da kann man dem Kind helfen, dass es gute schulische Leistungen erbringt. Oder bis zum Abitur. Das könnte nötig werden, denn das Kind braucht einen freien Rücken, wenn es um die Zukunft geht. Oder bis zum Ende des Studiums. Dreckige Wäsche will gewaschen werden. Oder, oder, oder.
Das ist jetzt nicht gegen dich gerichtet. Ich möchte dir nur zeigen, dass auch deine zwei Jahre nicht begründbar sind, zumindest nicht begründbarer als fünf Monate, ein Jahr oder eben 18.
Ja. Manche würden sich das zwar genauer überlegen, aber
grundsätzlich ja.
Gegenfrage: Würde sich die Form Ich-lass-mein-Kind-betreuen
halten, wenn Privilegien wie Kinderbetreuung usw. abgeschafft
würden und Omi bis 75 arbeiten müsste?
Ja, irgendjemand findet sich schon, der die Kinder nimmt.
Kostet dann vielleicht mehr, aber dafür arbeitet man ja.
Ich denke eher nicht, dass sich diese Form halten würde, würde das abgeschafft werden. Zurück in die DDR: Dort gab es kein Ehegattensplitting. Deshalb war es schon aus wirtschaftlicher Sicht notwendig, dass beide irgendwie Geld ranschaffen mussten. Das hat sich bis heue nicht großartig geändert. Spätestens wenn das Elterngeld ausläuft, ist es notwendig, irgendwie an Geld zu kommen. Ich habe durch meinen Bafögantrag das Einkommen meiner Eltern gesehen – sie hätten das, was sie erreicht haben, niemals mit nur einem Einkommen machen können, auch nicht heute und auch nicht mit Ehegattensplitting. Wenn mein Freund und ich heiraten würden, hätte er, auch ohne Kinder, einen hohen dreistelligen Betrag pro Monat mehr auf dem Konto! Dieser Betrag entspricht in etwa dem, was ein Betreuungsplatz im Monat kostet. Das „ungerechte“ ist nur, dass es viel einfacher ist, an das Ehegattensplitting zu kommen als an einen Ganztagsplatz.
Das führt mich zu der Frage, als was du Kinder überhaupt
siehst?
Ich sehe Kinder als Bestandteil und Vervollkommnung meines Lebens. Der Staat sieht Kinder als Grundlage der Bestandserhaltung der Bevölkerung und als potentielles Wirtschaftsgut. Kein Mensch wird ein Kind bekommen, weil der Staat sagt, wir brauchen welche. Wenn der Staat aber sagt, wir brauchen welche, dann muss er alles Menschenmögliche dafür tun, dass die Grundlagen dafür geschaffen sind. Ansonsten drücken immer mehr Frauen ihren Unmut über die Nicht-Anerkennung ihres Lebensplanes mit Kinderlosigkeit aus. Das ist ein Fakt, der sich schon seit vielen Jahren in Deutschland abzeichnet.
Das beste fürs Kind ist es, wenn die Eltern 10 Stunden nicht
zuhause sind? Erklärs mir bitte…
Habe ich oben getan. Ich bin trotz Sozialisierung im DDR-Kindergarten nicht dunkelrot, huldige nicht Marx oder habe die Kindergartentante lieber als meine Mama.
Aber ich kenne meine Kindergärtnerin noch, ich habe sie mal kurz vorm Abi in der Stadt getroffen und sie hat mich sogar noch zuordnen können. Meine Mutter ist selbst Erzieherin und hat zu dem ein oder anderen „Kind“ von früher noch Kontakt.
Ich möchte irgendwann dein Gesicht sehen, wenn dein Kind zu
dir sagt: „Mami, warum bist du und Papi nie da?“. Vermutlich
wird es aber zu Omi/der Betreuerin ein besseres Verhältnis
haben als zu dir…
Siehe oben.
Leben und leben lassen. Soweit sollten wir mittlerweile sein.
Liebe Grüße,
die Lidscha