(Gegen-)Übertragung in der Psychoanalyse

Kann mir jemand in einfachen Worten erklären was (Gegen-)Übertragung in der Psychoanalyse bedeutet?

Und ist es beispielsweise möglich, dass durch das Phänomen der Gegenübertragung in einem Therapeuten genau die Gefühle entstehen, die der Patient in sich trägt? Also wenn der Patient z. B. sehr traurig oder wütend ist und das aber nicht zeigt, kann es dann sein, dass der Therapeut genauso fühlt und dadurch Zugang zum Unterbewußtsein des Patienten erlangen kann?

Freue mich über Antworten.

Hi

Kann mir jemand in einfachen Worten erklären was
(Gegen-)Übertragung in der Psychoanalyse bedeutet?

Der Patient überträgt während der Analyse auf den Analytiker Gefühle und unbew. Vorstellungen, die er frühen wichtigen Personen, z.B. seinen Eltern, gegenüber hatte.

Und ist es beispielsweise möglich, dass durch das Phänomen der
Gegenübertragung in einem Therapeuten genau die Gefühle
entstehen, die der Patient in sich trägt? Also wenn der
Patient z. B. sehr traurig oder wütend ist und das aber nicht
zeigt, kann es dann sein, dass der Therapeut genauso fühlt und
dadurch Zugang zum Unterbewußtsein des Patienten erlangen
kann?

Das ist ein gutes Beispiel, welches du da anbringst. Der Analytiker empfindet zuweilen (oft nicht 1:1, sondern verändert) etwas, was der Patient nicht „rauslässt“.
Gruß,
Branden

ist es beispielsweise möglich, dass durch das Phänomen der Gegenübertragung in einem Therapeuten genau die Gefühle entstehen, die der Patient in sich trägt?

Gegenübertragung bedeutet an sich nur, dass auch der Therapeut „etwas“ auf sein Gegenüber projiziert, z.B. die Erfahrungen mit seinen frühkindlichen Bezugspersonen. Solche Übertragungen haben an sich mit der Fläche, auf die sie projiziert werden, überhaupt nichts zu tun. Z.B erzählt die zum Himmel projizierte Übertragung namens „Lieber Gott“ so gut wie nichts über die Eigenschaften des Himmels, aber um so mehr von ihrem Projektor…

kann es … sein, dass der Therapeut (…)durch (seine Projektionen) Zugang zum Unterbewußtsein des Patienten erlangen kann?

Nein, unmöglich. Wenn er seine Übertragung bemerkt und deren Inhalte und Herkunft erkennt, dann erfährt er dadurch etwas über sich selbst. Als Therapeut ist es seine Aufgabe, auch die eigenen Projektionen zu durchschauen, da erst in dem Maße wie es gelingt, kann er dem Patienten bei dessen Problemen zur Seite stehen. Bewusstheit über die Existenz des Projektionsphänomens stellt eine der wichtigsten Voraussetzung für den Erfolg der psychoanalytischen Arbeit dar, wenn nicht die wichtigste überhaupt.

Einspruch bzw. wesentliche Ergänzung
Hi

kann es … sein, dass der Therapeut (…)durch (seine Projektionen) Zugang zum Unterbewußtsein des Patienten erlangen kann?

Nein, unmöglich. Wenn er seine Übertragung bemerkt und deren
Inhalte und Herkunft erkennt, dann erfährt er dadurch etwas
über sich selbst. Als Therapeut ist es seine Aufgabe, auch die
eigenen Projektionen zu durchschauen, da erst in dem Maße wie
es gelingt, kann er dem Patienten bei dessen Problemen zur
Seite stehen.

Wesentlich bei der Gegenübertragungs-Beobachtung ist es, dass der Therapeut versucht , zu erkennen und zu unterscheiden, ob seine gerade stattfindende Gegenübertragung hauptsächlich auf eigenen unbewussten Prozessen und Problemen beruht oder ob dieselbe durch gerade stattfindende, unbewusste Prozesse und Dynamiken des Patienten ausgelöst wird. Letzteres kann nämlich außerordentlich hilfreich für den therapeutischen Prozess sein.
Gruß,
Branden

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hi,

in dem zusammenhang sagte mir mal in meiner ausbildung eine sehr erfahrene psychiaterin:

„wenn du in der therapie mit menschen ein starkes gefühl spürst, und dich auf einmal darüber wunderst, dann kann es sein, dass der patient genau dieses gefühl schon viel zu lange in sich trägt. oder kurz: spürst du es, spürt es der patient schon lange.“

ich bin in meiner verhaltenstherapeutischen ausbildung wenig auf übertragung-gegenübertragung-dynamik vorbereitet worden, das finde ich aber eins der wichtigsten dinge überhaupt für die therapie, daher habe ich es in der weiterbildung nachgeholt. heute kann ich nicht mehr ohne die bewusste miteinbeziehung von übertragung und gegenübertragung arbeiten -es ist faszinierend (und gewinnbringend für patienten)!

1 „Gefällt mir“

Das sehe ich ähnlich :wink:
.

Du schreibst:

„wenn du in der therapie mit menschen ein starkes gefühl
spürst, und dich auf einmal darüber wunderst, dann kann es
sein, dass der patient genau dieses gefühl schon viel zu lange
in sich trägt. oder kurz: spürst du es, spürt es der patient
schon lange.“

Bedeutet das, dass der Therapeut die ganzen negativen Gefühle des Patienten „abbekommt“???

Das wäre ja grausam!

Ist das Teil des Heilungsprozesses in einer Analyse?

Was ist der Sinn von Projektionen?

Wesentlich bei der Gegenübertragungs-Beobachtung ist es, dass der Therapeut versucht, zu erkennen und zu unterscheiden, ob seine gerade stattfindende Gegenübertragung hauptsächlich auf eigenen unbewussten Prozessen und Problemen beruht oder ob dieselbe durch gerade stattfindende, unbewusste Prozesse und Dynamiken des Patienten ausgelöst wird. Letzteres kann nämlich außerordentlich hilfreich für den therapeutischen Prozess sein.

Ich bin nicht der Ansicht, dass hinter der Betroffenheit des Therapeuten von den tiefen, oft tragischen Verwicklungen eines seiner Patienten immer eine „Gegenübertragung“ zu vermuten wäre. In dem Maße wie der Therapeut frei von eigenen Problemen ist, wird Einfühlungsvermögen in die Probleme des Mitmenschen zum „Auslöser“.

Um das Unbewusste des Patienten zu durchleuchten braucht der Therapeut also keine Gegenübertragung; es genügen die Träume samt Freien Assoziationen seines Gegenübers, um Einblick auch in die Hintergründe von dessen Übertragungen zu gewinnen, die Erkenntnisse in jeder Sitzung neu zur Diskussion zu stellen und damit die Therapie voranzubringen.

Wenn der Therapeut schon eine Gegenübertragung macht, dann ist ihre Entdeckung (- indem man stutzig etwa über eine eigene unpassende Bemerkungen wird) die wesentliche Voraussetzung, den sonst gefährdeten therapeutischen Prozess wieder in Gang zu bringen. Wer „projiziert“, erkennt grundsätzlich nicht, was im Inneren oder hinter der Projektionsfläche geschieht, sondern rotiert in eigenen Vorstellungen. Um das raus zu kommen, hilft „denken“: prüfen, ob die Vorstellungen eine Entsprechung in der Wirklichkeit haben, und gegebenenfalls korrigieren, um den meist bodenlos tiefen Abgrund sicher zu überbrücken.

Bedeutet das, dass der Therapeut die ganzen negativen Gefühle
des Patienten „abbekommt“???

Das wäre ja grausam!

Es ist noch viel grausamer- wir alle bekommen Projektionen, Übertragungen und andere Abwehrmechanismen der Anderen im täglichen Miteinander permanent um die Ohren.
Die meisten Ehen z.B. scheitern genau daran.
Es sind zwei Menschen in einem sich gegenseitig verstärkenden Prozess, der sie immer tiefer in die Scheinrealität der Projektionen bringt, bis am ende zwei Kinder miteinander zu tun haben und nicht mehr zwei reife Erwachsene.

Die Effektivität einer guten Therapie liegt an dieser Stelle darin, dass der Therapeut sich selber schon gut kennengekernt haben sollte, z.B. in einer Lehranalyse, und in der Lage ist, da wieder auszusteigen und es damit aufzulösen, wenn er darüber hinaus auch gut eingefühlt ist.

Ist das Teil des Heilungsprozesses in einer Analyse?

Unvermeidlich ja. Es ist Teil jedes Heilungsprozesses, der mir bekannt ist.
Wir Menschen scheinen in der Dualität, in der wir leben, vorwiegend erstmal durch Spiegelungen zu wachsen, nicht nur in der Therapie.Soll heissen, wir scheinen den Anderen zu brauchen, um uns zu erkennen.
Die Chance ist, geübter und erfahrener darin zu werden, das vor allem in sich und eines Tages auch im Anderen zu erkennen und auszusteigen aus dem Theater und einzusteigen ins Leben.

Das ist ein wirklich interessantes und wichtiges Thema, über das sich viel reden liesse.

Übriegens bekommt der Therapeut ja einen meist guten Lohn dafür, dass er sich für Spiegelungen zur Verfügung stellt…
Und heilt ein Stück weit auch immer sich selber, denn dieder Prozess hört nie auf.
Es ist kein Zufall, wer zu wem in die Therapie kommt, so wie es kein Zufall ist, wer wen heiratet…

Grüße,
Zahira

Liebe Zahira,

herzlichen Dank für Deine Erläuterungen. Leider ist mir nicht alles so ganz verständlich.

Du schreibst:

…dass der Therapeut sich selber schon gut kennengelernt

haben sollte … und in der Lage ist, da wieder auszusteigen und es damit aufzulösen, wenn er darüber hinaus auch gut eingefühlt ist.

Was bedeutet das?

Und was ist eine Spiegelung?

Lieber Gruß

Hallo Branden,

Du schreibst:

… zu erkennen und zu unterscheiden, ob

seine gerade stattfindende Gegenübertragung hauptsächlich auf
eigenen unbewussten Prozessen und Problemen beruht oder ob
dieselbe durch gerade stattfindende, unbewusste Prozesse und
Dynamiken des Patienten ausgelöst wird.

Das verstehe ich nicht. Sollte man nicht davon ausgehen, dass der Therapeut keine eigenen Probleme mit in den Prozess mit einbringt?

Lieber Gruß

Sollte man nicht davon ausgehen, dass der Therapeut keine eigenen Probleme mit in den Prozess mit einbringt?

Ja klar. Man geht ja auch nicht zum Automechaniker, um sich dann mit dessen Problemen zu plagen. Leider steht auf der zum Kauf feil gebotenen Verpackung meisst nicht drauf, was drin ist, so kann man sich darauf gefasst machen, auch diesbezüglich einige unangenehme Überraschungen zu erleben. Um auch mit einem ‚schwierigen‘ Therapeuten voranzukommen, braucht man also ein gewisses Restmaß an gesundem Kritikvermögen gegenüber zwielichtigem Verhalten, Bemerkungen, sonst wird’s nachher noch ärger als zuvor war…

Hallo Abendrot!

…dass der Therapeut sich selber schon gut kennengelernt

haben sollte … und in der Lage ist, da wieder auszusteigen und es damit aufzulösen, wenn er darüber hinaus auch gut eingefühlt ist.

Was bedeutet das?

Dass der Therapeut sein eigenes Unbewusstes schon eine Weile beleuchtet hat, eigene Abwehrmechanismen und das vordem Abgewehrte dahinter kennt, und es nicht mehr „agieren“ muss, also ausleben, indem er in den Kreislauf der Übertragungen oder Projektionen einsteigt.
Indem er so zu erkennen im Stande ist, was zum Anderen gehört, oder zumindest für eigene Anteile, die man zu erspüren lernt mit der Zeit die Verantwortung übernimmt und sie umgehend zurücknimmt und in sich bearbeitet.

Das Fremde kann man schon ganz gut erspüren lernen, man reagiert irgendwie anders, bei dieser Person, als man sich sonst kennt, und dann wird klar, dass es wohl eine Gegenübertragung war, damit kann man dann arbeiten, wenn es eine Gegenübertragung war, löst es sich auf und setzt Heilungspotential frei, es wird „stimmig“.

Ist das soweit bessser erklärt?

Danach kommt dann die Heilung, das Wahrnehmen der Emotionen, die übertragen wurden und an diese Stelle gehört meiner persönlichen Erfahrung nach sehr viel Empathie und Intuition des Therapeuten und eine ausgeprägte Liebesfähigkeit im höheren Sinne.

Dies alles unter relativemVorbehalt, Branden wird es vielleicht von der klassisch analytischen Seite und Technik her noch genauer erklären können, wobei diese Mechanismen universal menschlich sind und in vielen Therapieformen berücksichtigt werden (sollten…).

Und was ist eine Spiegelung?

Etwas, das ich in mir trage, als „Schatten“, Unbewusstes aber nicht als zu mir gehörig erkenne, und auf den anderen projiziere oder aber auch übertrage.
So dass es dann im Aussen erkennbar wird.
Jede heftige Emotion einem Anderen gegenüber (nicht Gefühl, das ist was authentischeres, Emotion ist nicht gleich Gefühl) ist meiner Erfahrung eine Projektion mittels derer ich mich im Anderen spiegle und anschauen kann.
So in etwa.
Hoffe, nicht mehr Verwirrung gestiftet zu haben.

Grüße,
Zahira

Das finde ich idealisierend naiv, weil jeder Therapeut auch ein Mensch ist, und auch wenn gerade die Analytiker gerne die weisse Wand zu geben bemüht sind gibt es nicht ohne Grund die Institution der Supervision, und damit ist Verantwortung übernommen.

Es gilt nicht perfekt zu sein, es gilt menschlich im reifen Sinne zu sein und Verantwortung für das eigene Menschsein zu übernehmen.
Und Mensch zu sein braucht es andererseits ja gerade, damit echte Begegnung stattfinden kann, die dann heilen könnte.
Mit allen Risiken und Nebnwirkungen, so wie das eben ist mit dem Menschsein.

In der VT mag es den Automechaniker geben, der sich selber nicht einbringt, aber mit der VT kommt man eben auch nur punktuell weiter.

Ab der Anerkennung der Tatsache, dass ein Mensch keine MAschine ist wird es differenzierter.

Gruß, Zahira

Hi

Das verstehe ich nicht. Sollte man nicht davon ausgehen, dass
der Therapeut keine eigenen Probleme mit in den Prozess mit
einbringt?

Ja, aber wie zahira auch schon schreibt, ist der Therapeut ja auch ein Mensch mit bewussten und unbewussten Gedanken. Es ist halt u.a. seine Aufgabe, zu schauen, inwieweit seine Gegenübertragung jetzt gerade im therap. Prozess durch den Klienten/Patienten spezifisch zustande kommt.
Gruß,
Branden

Menschlichkeit - Was ist das?

Ab der Anerkennung der Tatsache, dass ein Mensch keine MAschine ist wird es differenzierter.

Gewiss. Leider verbergen Leute, die das schöne Wort „Menschlichkeit“ ganz groß auf alle Fahnen gedruckt sehen wollen, damit nur allzuhäufig ihr völliges Unvermögen, Phänomene wie Emphatie, Leben, Liebe, Hass usw. in einer ebenso klar präzissierender Sprache zu beschreiben, wie es im Maschinenbau aus jedenfalls für die Fachleute leicht nachvollziehbaren Gründen üblich ist, und hier herrscht in der gesamten akademischen Psychologie (mit Ausnahme u.a. Freuds) ein eklatanter Mangel. Kennst Du das Buch „Zen und die Kunst ein Motorrad zu reparieren“? Da ist ein Vater mit seinem Sohn per Mopet in Asien unterwegs, bemerkt bei beiden Fehlfunktionen und beginnt über eben das genannte Problem in den psychologischen Wissenschaften des Abendlandes seit Aristoteles zu grübeln und sich - rührend naiv - zu fragen, ob ein Lehrgang im morgenländischen Zen ihn eventuell in die Lage versetzen könnte, seinem Sohn zu helfen… schön wär’s…

Das finde ich idealisierend naiv, weil jeder Therapeut auch ein Mensch ist, und auch wenn gerade die Analytiker gerne die weisse Wand zu geben bemüht sind…

Ja, das sind sie, vor allem, um ihre Patienten nicht davon abzulenken, dass es während der Sitzungen um die Untersuchung von deren Problemen geht. Ansonsten habe ich nicht gesagt, dass ein Analytiker seine Kollegen nicht beanspruchen sollte, wenn er schon eine Macke bei sich bemerkt, die er noch nicht kennt und die folglich den Behandlungserfolg gefährden könnte - gut dass Du das erwähnst, nur weiß ich nun nicht genau, worauf Du mit Deiner Vermutung meiner „idealisierender Naivität“ hinaus möchtest. Gefällt Dir die Anmerkung nicht, wonach sinngemäß ohne einen minimal überlebenden Rest an gesundem Menschenverstand einschließlich - Mißtrauen und - Kritikvermögen des Patienten auch gegenüber seinem Therapeuten Hopfen und Malz verloren ist? Den sollte schließlich auch der Analytiker mitbringen, wenn er zwecks hochtrabend so genannter „Supervison“ zu seinem Therapeuten geht: neben dem Mitgefühl für das leidende Geschöpf und Freude an dessen Genesung (nach Möglichkeit ohne Erwartung einer wie auch immer gearteten Gegenleistung) ein sehr existentiller Bestandteil der Menschlichkeit. Geld oder sonstwas für den gebotenen Einsatz zu verlangen, ist nicht menschlich, sondern „menschlich allzu menschlich“ (um mit Nietzsche zu reden)… Wär’ doch mal interessant, was ein Supervisoonator meint zu diesem meiner Problemen…

Hallo alle zusammen,

lieben Dank für die aufschlussreichen Kommentare, von denen einige meinen geistigen Horizont aber leider überschreiten. Zumindest bin ich jetzt ein bisschen schlauer als zuvor.

Herzlicher Gruß

lieben Dank für die aufschlussreichen Kommentare, von denen einige meinen geistigen Horizont aber leider überschreiten. Zumindest bin ich jetzt ein bisschen schlauer als zuvor.

Das freut mich. Ansonsten gibt es zur Behebung des Horizontproblems die Möglichkeit, nachzufragen. Vielleicht hast Du es bislang schlicht bei den falschen Leuten probiert oder mußt Du einfach noch ein bisschen abwarten, bis sie sich wieder melden oder gelernt haben sich auseinanderzusetzen.

Vergessen wir nicht … die komplementäre GÜ
Hallo!

Kann mir jemand in einfachen Worten erklären was
(Gegen-)Übertragung in der Psychoanalyse bedeutet?

Und ist es beispielsweise möglich, dass durch das Phänomen der
Gegenübertragung in einem Therapeuten genau die Gefühle
entstehen, die der Patient in sich trägt? Also wenn der
Patient z. B. sehr traurig oder wütend ist und das aber nicht
zeigt, kann es dann sein, dass der Therapeut genauso fühlt und
dadurch Zugang zum Unterbewußtsein des Patienten erlangen
kann?

Das wurde dir ja eigentlich schon erklärt, ich möchte nur noch hinzufügen, dass es neben dieser sog. „konkordanten“ Gegenübertragung auch eine „komplementäre“ Gegenübertragung gibt, die hier noch gar nicht groß angesprochen wurde, aber z.B. bei derjenigen Richtung der Psychoanalyse, die auf die sog. „Objektbeziehungstheorie“ aufbaut, eher die wichtigere Form der GÜ ist.

Beispiel:
konkordante GÜ: der Analytiker fühlt sich vom Patienten so behandelt (z.B. ständig gedemütigt), wie der Patient sich selbst in seiner Kindheit von seinen Eltern behandelt fühlte. Also: Übertragung des Gefühls des Gedemütigt-Werdens vom (Kind im) Patienten auf den Analytiker.

komplementäre GÜ: der Analytiker fühlt, wie er plötzlich beispielsweise wie eine Art „strenger Vater“ dem Patienten gegenüber reagiert, weil ihn der Patient mit seinen Interaktionen in diese Rolle drängt. Also: Inszenierung bzw. Übertragung der Kindheitsszene zwischen dem Patienten und seinem „strengen Vater“ im Hier und Jetzt der analytischen Situation.

Das zeigt, wie wichtig diese Übertragung-Gegenübertragung-Dynamik ist, weil in ihr der Patient quasi das zeigen kann, was er verbal nicht zu sagen im Stande ist.

Man könnte jetzt noch Begriffe wie den der Projektiven Identifizierung (Melanie Klein) oder das darauf aufbauende Containing (Winfried Bion) in den Ring werfen, die diese Ü-GÜ-Dynamik noch komplexer machen würden. Im Containing nimmt der Analytiker quasi die toxischen Gefühle des Patienten auf, „entgiftet“ sie in sich, und gibt sie dem Patienten dann so zurück, dass dieser diese Gefühle jetzt nicht mehr selbst von sich fernhalten muss.

_ ℂ Λ ℕ Ð I Ð € _

Hi Candide

Im Containing
nimmt der Analytiker quasi die toxischen Gefühle des Patienten
auf, „entgiftet“ sie in sich, und gibt sie dem Patienten dann
so zurück, dass dieser diese Gefühle jetzt nicht mehr selbst
von sich fernhalten muss.

Jetzt weißt du, warum ich mich zuweilen so kaputt fühle…
Es grüßt dich
Branden