Ich habe die Vertreter des „ein Kind muss immer und überall mit ulitmativem Körperkontakt zu Mutter sein, sonst erleidet es tiefgreifende emotionale Abgründe“ kennen gelernt. Und ich habe auch mich auch damit auseinandersetzen müssen.
Was mich damals gestört hat und auch hier in der Argumentation stört: Hier wird ganz schön gedreht, um die Argumente zurechtzurücken. Nicht zu vergessen die moralische Keule, die mal weiter, mal näher mitschwingt.
„Gleichgültigkeit“ „wenig Empathie“… das ist in meinen Augen anmaßend!
Um das jetzt mal geradezuzupfen: Ein Kind hat das Urbedürfnis nach Zufriedenheit. (Punkt). Wodurch es seine Zufriedenheit erlangt, ist erst eimal nachrangig. Es möchte zufrieden sein. Ein Kind in dem Alter KANN sehr wohl auch diese Zufriedenheit durch andere Dinge erlangen, als dadurch, ständigen Körperkontakt zur Mutter zu haben. Ein Kind kann völlig im inneren Gleichgewicht sein - auch ohne ständigen Körperkontakt zur Mutter. Ein Kind kann wohlig, wonnig, geborgen sein - auch ohne ständigen Körperkontakt zur Mutter.
Wenn ich jeder Unwohläußerung des Kindes nun nur dadurch nachkomme, dass ich diesen Körperkontakt herstelle, dann konditioniere ich das Kind darauf, dass es Zufriedenheit nur und ausschließlich mit diesem Körperkontakt verbindet. Und gar nicht für sich selbst nach Alternativen sucht. Das klingt jetzt zwar im Augenblick schwer kognitiv - und so kognitiv ist der Prozess natürlich in dem Alter nicht. Aber auch ein 10 Monate altes Kind (das immerhin schon in der Lage ist, auf Dinge zu zeigen etc.) kann, wenn es merkt, die erwartete Reaktion bleibt aus, sich mit sich selbst beschäftigen - und wie gesagt: völlig zufrieden sein. Ein Kind kann dieses geborgen sein auch empfinden, wenn es versonnen auf dem Boden hockt (die Mutter im Raum) und Socken, Bauklötze von A nach B bewegt, an seinen Füßen spielt, was auch immer macht.
Wenn ich dem Kind aber nur den Weg biete, es auf dem Arm zu nehmen, dann brauche ich mich nicht nur nicht zu wundern, wenn das Kind dann immer schreit, sobald es was auch immer für ein Bedürfnis hat (und das kann schlicht Langeweile sein!), sondern in meinen Augen schränke ich das Kind sogar ein. Weil es in all seiner Neugier und Lernenwollen gar nicht auf die Idee kommt, mal was anders als Brüllen auszuprobieren. Und das Ganze hat nichts, aber auch überhaupt nichts mit manipulieren zu tun. Natürlich „manipuliert“ (im Sinne eines absichtlichen, kognitiven Prozesses) ein 10-Monate altes Kind nicht seine Mutter. Gleichwohl kann aber Aktion und Reaktion bei der Mutter ein Verhalten auslösen, dass einem „sich manipulieren Lassen“ sehr ähnlich ist.
Mein persönliches Erfahrungslernen: Da gab es die Mutter, die das Wort „Traglinge“ gepflegt und gehütet haben. Und leider waren das auch zufälligerweise auch die, die in dieser Hinsicht arg missionierend durch die Weltgeschichte gelaufen sind. Und auf der anderen Seite gab es die Mütter, die mit ihren Kindern so umgegangen sind, wie ich das gemacht habe. Ergebnis dieser ganz persönlichen Studie (die vielleicht insgesamt so ein Dutzend Mütter umfasst):
Die Kinder der Traglingfraktion waren irgendwie eigentlich immer quengelig. Zumindest dann, wenn sie nicht bei Mami auf der Brust lagen. (Was natürlich die Traglingfraktion darin bestärkt hat, auch 1-Jährige nicht weiter als 10 cm aus ihrer Aura zu lassen). Die anderen Mütter konnten derweil völlig entspannt am Tisch sitzen, während ihre Kiddies auf dem Boden robbten oder saßen, sich mit sich selbst beschäftigen und vielleicht ein mal in einer halben Stunde für 2 Minuten konkrete Aufmerksamkeit forderten (und dann natürlich auch bekamen).
Bezeichnenderweise waren es die Traglingfraktion, mit denen man am Telefon nicht mal in Ruhe das Programm für den nächsten Ausflug, das Kindergartenfest o.ä. besprechen konnte, weil die Kinder sofort anfingen zu plärren, nur weil Mutter ihnen mal nicht 100 % ihrer Aufmerksamkeit widmete. Ebenso war es meist die Traglingfraktion, bei denen die Kinder dann auch noch mit 4, 5 Jahren sehr genau wusste, wie sie ihre Mütter im Griff hatten. (und ja - in dem Alter ist das dann ein kognitiver und sehr bewusster Prozess!)
Das mag jetzt nicht nur beissend klingen, es ist sogar beissend gemeint. Weil mir diese Zeit noch zu genüge in Erinnerung geblieben ist. Und mir oft genug diese Moralkeule um die Ohren gehauen wurde. Und das völlig zu unrecht. Mein Nachwuchs war ausgeglichen, zufrieden, hat Liebe und Geborgenheit bekommen und war sicherlich nicht in einem traumatisch emotionalen Loch, völlig eingeschüchtert seine Urbedürfnisse zu artikulieren, weil er eine „gleichgültige“ „nicht emphatische“ Mutter hatte. Solche Äußerungen habe ich damals gehört - und fand sie damals wie heute schlicht unverschämt.
LG Petra