Hallo allerseits,
ich habe mich jetzt durch den ganzen Thread gearbeitet und sehe eine Menge Argumente, die ich soweit ja auch alle irgendwo nachvollziehen kann. Aber ein paar Punkte fehlen mir hier dann doch.
a.) Sicher hatte die deutsche Armee ihre Schlagkraft schon bewiesen, die Marine hatte bis 1941 überproportional abgeschnitten und die Luftwaffe hatte sich zwar blamiert aber das war ja nicht so offensichtlich. Die Russen haben also gewußt, gleichgültig ob die Truppenmassierung „defensiv“ oder „offensiv“ gedacht war, dass sie es mit einme harten Gegner zu tun haben würden, wenn der Knoten platzte.
b.) Die Russen haben sicher, wie die ganze Welt, angenommen, dass 1941, nachdem ja der Seelöwe 1940 nicht gekommen war, die Deutschen 1941 einen Versuch unternehmen würden. Das hätte bedeutet, dass der unter a.) beschriebene harte Gegner anderweitig gebunden sein würde. Warum sollte Deutschland einen Zwei-Fronten-Krieg von sich aus provozieren? Wir heute wissen, dass Deutschland das tat, aber eigentlich war es ja damals erstmal gegen alle Logik, schließlich hatte man ja immer noch die Erfahrungen des 1.Weltkrieges vor Augen.
c.) ideologisch war es klar, dass es irgendwann zum Krieg kommen würde. Sowohl Stalin der der Kommunismus als auch Hitler und der Nationalsozialismus waren ja nicht nur in der Grundhaltung expansiv sondern beide Seiten hatten ja bereits lange vorher klargelegt, wohin man zielte. Hitler in MK, als er vom „Lebensraum im Osten“ schrieb, Stalin, der wie Lenin ja mehrfach betont hatte, dass man auch das Proletariat in den westlichen Nationen befreien müsste. Aber „irgendwann“ musste nicht zwangsläufig 1941 sein.
Daraus wird ja folgendes klar (und das deckt sich auch mit den Erkenntnisen z.B. des dt. Geheimdienstes). Eigentlich waren die Russen nach dem Winterkrieg nicht in der Lage anzugreifen. Aber sie konnten (nachdamaligem, nicht nach heutigem Kenntnisstand) davon ausgehen, dass es im Westen nochmal so richtig rund gehen würde. Es gab ja auch in den USA bereits Stimmen genug, die forderten, dass man in den Krieg an der Seite der Briten eintreten sollte. Und selbst Frühjahr 1941 war die Neutralität der Amerikaner ja bereits sehr eindeutig zu Seiten der Briten verschoben und insbesondere die US Navy hatte ja bereits mehrfach aktiv eingegriffen.
Für die Russen gab es also zwei Szenarien, die als logisch erschienen mussten (auch wenn beide aus der Rückschau falsch waren, oder wenigstens nicht völlig richtig):
a.) Deutschland versucht zuerst einmal den Westfeldzug erfolgreich zu beenden, inklusive einer Invasion Englands. Das hätte die eigentlich unterlagenen Russen in eine starke Position gebracht, einfach weil die meisten und best qualifiziertesten Truppen im Westen gebunden gewesen wären. Man hätte nur bis Sommer 1941 abwarten müssen und dann hätte man entscheiden können, nur dann hätte man bereits bereit sein müssen um eine Gelegenheit zu nutzen.
b.) Man hätte durch Truppenkonzentrationen entlang der Grenze eine deutsche Reaktion provozieren können. Denn man musste sich ja darüber klar sein, dass die Konzentrationen (die ja stattfanden) nicht unbemerkt bleiben würden. Sollte Deutschland angreifen, galt nicht nur, dass der Angreifer wesentlich mehr Material brauchte als der Verteidiger (eine Grundregel konventionellen Krieges), man konnte ebenso sicher annehmen, dass man dadurch beim ideologischen Feind England/Amerika plötzlich hoffähig sein würde. Der Feind meines Feindes, Churchill hatte ja seine Haltung dazu bereits klar gemacht.
Fazit, die Russen wollten durchaus einen Krieg und rechneten auch damit irgendwann im Laufe '41. Der deutsche Generalstab ging davon aus, dass die Russen noch nicht bereit wären, deswegen der Angriff der Deutschen im Frühjahr. Und dann wurde alles ein Chaos. Den Russen ging es zuerst mal ziemlich dreckig weil die Deutschen Material genug hatten um die Vorneverteidigung zu zerbröseln. Und die Westmächte sprangen zwar mit Material ein, aber das floß 1941 bei weitem noch nicht so reichlich wie man gedacht hatte. Was man auch daran sehen kann, dass Chirchills Versprechungen für 1941 in keiner Weise einhaltbar waren. Man konnte zwar unter Mithilfe der USA produzieren, aber der Transport war schwierig. Wie meistens, gingen alle Militärs von zu optimistischen Einschätzungen aus und die Politker hoben diese Einschätzungen noch mal an.
Russland hätte also ohnehin nur einen Angriffskrieg starten müssen wenn Deutschland gegen England noch einmal aktiv geworden wäre. Im anderen Fall hätte man einfach abwarten können und den gleichen Effekt erreicht.
Was die moralischen Bewertungen angeht, so ist das alles ja irgendwie am Fakt vorbei. Stalin war kein netter Mensch, Hitler war es auch nicht. Aber das beide Diktatoren übelster Sorte waren macht nicht einen von beiden besser. Und beide hatten ja bereits einen Angriffkrieg gestartet (nämlich gegen Polen, da sollte man die russische Beteiligung nicht so einfach unter den Tisch kehren). Wenn man also über die Legitimität eines Angriffskrieges diskutieren will, muss man eigentlich von vorne herein bei beide, Stalin wie Hitler, als Kriegstreiber sehen. Es war eine Frage der Zeit und 1941 war für die Russen günstiger als es auf den ersten Blick aussah. Denn hätte Deutschland im Westen nochmal zugeschlagen und gewonnen, dann wären ja noch mehr Kräfte gegen Russland frei gewesen. Gleichzeitig hätte man ja auch noch im Osten der UdSSR mit den Japanern rechnen müssen, die ebenfalls expansiv waren und mit Deutschland verbündet.
Gruß
Peter B.