Hai, Thorsten,
Wie hat denn das gemeine Volk über den König gesprochen, der
ihnen ständig hohe Steuern abverlangte um nur augenscheinlich
rauschende Feste zu feiern?
Du machst da den grundlegenden Fehler, anzunehmen, daß das gemeine Volk wusste, was die Herrschenden mit der Kohle anfingen…
Der durchschnittliche Bauer konnte nicht lesen, kannte sein eigenes Dorf und bekam seine Informationen nur vom Pfarrer, wenn überhaupt. Viele wussten nicht, welchem Land sie angehörten und welchem König. Sie zahlten einen Zehnt an die Kirche, einen Zehnt an ihren Lehnsherren (irgendein örtlicher Adliger) und auch den Zehnt für den jeweiligen König, eingesammelt von dem Adligen. Wenn sie zu Kriegsdiensten eingezogen wurden, dann wussten sie nicht gegen wen und warum sie kämpften.
Da jedoch der König von Gottes Gnaden war und diese Legitimation seinen Adligen weitergab, war jeder Widerstand gegen diese Adligen und den König ein direkter Widerspruch zu Gott. Damit fällt im Prinzip der komplette Bauernstand als potentiell revoltierende Gruppe weg - nur selten gab es Hunger-Aufstände und die wurden ziemlich schnell niedergeschlagen.
Der zweite Stand - die Mönche - sind als Revolutions-Potential auch zu vernachlässigen. Denen ging’s schließlich gut. Obwohl die meisten Mitarbeiter der Kirchen (zumindest die männlichen) lesen und schreiben konnten, wurde diese Fähigkeit nicht eingesetzt, um aktuelle Informationen auszutauschen. Welcher König gerade herrschte, war auch egal, die Kirche bekam ja immer ihren Zehnt. Und da die Macht der Kirchen eng mit der Macht der weltlichen Herrscher zusammenhing, wurde diese Machtstruktur auch von den Kirchen unterstützt - wobei hier zu beachten ist, daß der durchschnittliche Pfarrer oder Mönch keinerlei Durchblick in Sachen Politik hatte - die bekamen ihre Weisungen aus Rom.
Der dritte Stand - der Adel - hatte, naheliegenderweise, auch kein Interesse daran, ihren König abzusetzen. Sie bekamen ihre Rechte und damit ihre Einkünfte ja von eben diesem König. Die höheren Adligen gingen nur dann gegen ihren König vor, wenn sie gute aussichten hatten, ihn selbst abzulösen.
Der vierte Stand - die Bürger - waren etwas außerhalb der sonst üblichen Ordnung. Sie unterstanden der Stadt und die direkt dem jeweiligen König (bzw. dem Kaiser, wenn grad einer da war). Allerdings ist das Bürgertum erst im Laufe des Mittelalters entstanden und, als es dann endlich genug Macht zusammen hatte, haben die ja prompt angefangen, die diversen Monarchien abzusägen.
Kurz: die Vorstellung vom „unzufriedenen Volk im Mittelalter“ ist ganz einfach falsch; Leid, Elend, Hunger, Krankheit und hohe Steuern waren ja gottgegeben…
Hat denn ein Herrscher mehrheittlich ehrliche Sympathisanten
in seinem Gefolge? (vgl. heute: Schröder)
So wie ich es in Erinnerung habe, waren die Herrscher in
keinem Volk überaus beliebt (s. Guillotine) .
Sympathie und Beliebtheit waren überhaupt keine Frage - die wurden ja nicht gewählt. Die Macht der Herrscher kam von Gott und Gott ist zu gehorchen - Punkt! Im Kopf des durchschnittlichen, mittelalterlichen Menschen gab es überhaupt keine Alternative zur aktuellen Herrschaftsform, sie war gottgegeben und fertig. Erst das aufstrebende Bürgertum hatte genug Bildung, um andere Möglichkeiten zu denken - und das (inclusive der Schulden, die die Könige beim Bürgertum inzwischen angehäuft haben) hat ja dann zu Revolutionen geführt - aber das ist das Ende des Mittelalters.
Wenn der Herrscher also Untertanen hat, die sich mutmasslich
alle wie piepsende Murmeltiere aufführen, warum die einen
ausweisen, und die anderen nicht?
Also zurück ins Mittelalter:
Wir haben die bevölkerungsstärkste Gruppe der Bauern - sie spielten politisch keine Rolle, traten also auch nicht in Form von piepsenden Murmeltieren auf.
Wir haben die Kleriker - bei denen hatten diverse Könige (und Kaiser) Schulden, waren aber leicht zufriedenzustellen, indem man der Kirche einfach Ländereien überschrieb - auch keine Murmeltiere.
Wir haben den Adel - sie waren direkt vom König abhängig, zudem überwiegend pleite. War ein Adliger mal besser situiert, hat seinem König Geld geliehen und dann angefangen zu maulen, dann hat er, ganz nach aktueller Laune des Herrschers, entweder ein neues Lehen oder einen schönen Titel bekommen, oder er ist alle Titel und allen Besitz los geworden - schließlich hat er einen Vertreter Gottes auf Erden schräg angemacht. …nur wenig Murmeltiere.
Und als letzte Gruppe haben wir die Bürger. Die christlichen Bürger waren als Stadt organisiert - der Herrscher hat also nicht die Bürger direkt, sondern die jeweilige Stadt angepumpt. Konnte/wollte er nicht zurückzahlen und die Vertreter der Stadt wurden maulig, dann gab’s manchmal Extra-Rechte für die Stadt, manchmal wurde eine solche Stadt aber auch neu erobert (sie wurden so lange belagert und überfallen, bis sie wieder brav kuschten). …Murmeltiere, die relativ leicht zufriedenzustellen waren, oder denen man (zunächst noch) leicht auf die Mütze hauen konnte.
Als „Untergruppe“ der Stadtbevölkerung waren da noch die Juden - und so ziemlich die einzigen, die tatsächlich murmeltierisch aufgefallen sind. Als Nicht-Christen hatten sie eingeschränkte Rechte: sie durften kein Land bewirtschaften, durften keiner Zunft beitreten usw. Ihnen blieb fast ausschließlich der Handel und das Geldverleihen gegen Zins. Sie mussten sowieso lauter Extra-Steuern bezahlen, trotzdem wurden auch sie angepumpt. Konnten sie nicht ausgezahlt werden, dann haben sie keine zusätzlichen Rechte bekommen - sie waren der perfekte Blitzableiter. In der Bevölkerung, dank der Unterstützung der Kirchen, sowieso schlecht gelitten (sie waren aufgrund der erzwungenen Berufswahl eher gut situiert -> Neid; sie hatten andere Sitten -> Mißtrauen; sie glaubten nicht an „Jesus Christus, unser Herr“ -> Abwertung), konnte man ihnen wunderbar die Schuld an der Misere (an welcher auch immer) zuschieben und den „Volkszorn“ (wobei es tatsächlich nicht um das „Volk“, sondern um die höherstehenden Bürger und Adligen ging) auf sie lenken und bei der Gelegenheit gleich ihren Reichtum verwenden, um die anderen Schuldner auszuzahlen.
Insgesamt darf dabei nicht übersehen werden, daß die Schulden der Herrscher nicht der alleinige Grund für die Juden-Vertreibungen und -Progrome waren, sondern eher ein Anlaß. Im mittelalterlichen Europa wurden die Menschen üblicherweise einfach in zwei Gruppen geteilt: gute Christen und die Bösen, die bestimmt alle mit dem Teufel im Bunde waren. Darum gab es die Ausschreitungen gegen Juden nicht nur, wenn irgendein Herrscher mal wieder ein paar unbequeme Schuldner loswerden wollte, sondern auch, wenn die Pest grassierte, irgendein Irrer ein paar Leute umgebracht hat, oder ganz allgemein mal wieder Jagd auf Hexen und Ketzer gemacht wurde.
Gruß
Sibylle