Hi Britta!
nach dem abendlichen Lauf im dunklen Park und obligatem
Angesprochenwerden kam mir wieder der Gedanke, dass
Selbstverteidigungskenntnisse nicht das Schlechteste in
solchen Momenten wäre…
Sicher nicht verkehrt, ABER SelbstverteidigungsKENNTNISSE reichen mit Sicherheit nicht aus.
Ich habe vor einiger Zeit probeweise einen Abend beim Aikido
und einige Male beim Karate teilgenommen. Beides war nun nicht
das Optimale für mich.
Ich kann weder das Aikido noch das Karate wirklich zur Selbstverteidigung empfehlen. In das Aikido (oder Ableger Aiki-Jitsu) muss man sehr, sehr, sehr viel Zeit investieren. Die Bewegungsablaeufe sind insbesondere am Anfang nicht wirklich klar und diese erlangten Kenntnisse auf die Strasse zu transferieren bedarf einer sehr, sehr langen Zeit.
Karata verhaelt sich aehnlich, wobei dieses geradliniger ist. Karate beschraenkt sich aber zu sehr auf zwei der vier Distanzen. Die Kick- und die Halbdistanz, was nicht unbedingt vorteilhaft ist.
Kann mir jemand einen Rat geben, welche
Sportart/Verteidigungsart sich da mehr eignen würde? Ich muss
dazu sagen, dass ich weder „Kampfsport“ betreiben möchte, noch
mich mit trivialen Psycho-Tricks anfreunden möchte.
Dein Titel war Selbstverteidigung (SV) und nicht „Kampfsport“, also behalten wir doch einfach die saubere Trennung bei. Die beiden o.g. Begriffe sind zwei voellig unterschiedliche Paar Schuhe. Psycho-Tricks werden immer wieder von Psychologen genannt. Da diese Jungs im allgemeinen allerdings sowieso ein wenig weltfremd sind und von der knallharten Realitaet oftmals keinen blassen Schimmer haben, lassen wir auch diese aussen vor.
Es sollte
eine gute Mischung sein und wenn diese von einer fernöstlichen
Philosophie gestützt sind…umso besser.
An guten Schulen gibt es immer einen grossen Zusammenhang zwischen Philosophie und SV (ausser bei neueren Zwittergattungen, die einfach zu neu sind um Tradition zu haben, wie z.B. All-Style-Jitsu, Combat-irgendwas etc.).
Körperliches Hindernis ist bei mir eine Bandscheibe, die bei
der Fallschule regelmässig Probleme macht. Dafür kann ich aber
ganz schön lange laufen.
Damit faellt Jiu-Jitsu schonmal raus, wo der Bodenkampf fuer Frauen sicherlich attraktiv ist, weil in Vergewaltigungssituationen mit einem potentiellen Angreifer kurzer Prozess gemacht werden kann.
Hat jemand Erfahrungen mit Kursen im Polizeiverein?
Sind diese überhaupt für jede/n zugänglich?
Ja sind sie in der Regel, aber sie sind nicht immer besser, als „normale“ Vereine, auch wenn der Name so vermuten laesst. Denn nur weil von der Polizei gesponsored werden heisst das nicht, dass die Qualitaet auch immer stimmt.
Wie sind die Erfahrungen mit den Wochenende-Workshops? Langt
so etwas überhaupt aus?
Ebenso klare wie einfache Antwort: NEIN!
Absoluter Schwachsinn. Man nimmt zwar ein paar gute Ideen mit, aber hierbei werden weder Selbstbewusstsein gestaerkt, noch findet eine vernuenftige Schulung statt. Man bekommt ein paar Denkanstoesse vermittelt, die sich allerdings auch allesamt auf einem Blatt Papier zusammenfassen lassen wuerden. Die meisten Methoden sind entweder bekannt (Kniestoss in die Weichteile), nicht immer anwendbar (Schlussel aus der Handtasche ziehen und zustechen) oder einfach nur praxisfremd (wir nehmen an, dass jemand an unserer Handtasche zieht und wir natuerlich dagegenhalten und ihm dabei eine verpassen und gleichzeitig Beinchen stellen). Beim ersten Mal vielleicht noch interessant fuer Leute, die echt absolut keinen blassen Schimmer haben, aber bringt es wirklich was fuer die SV??? Nein.
Kommen wir zurueck zum Punkt.
Meine Empfehlung an alle Frauen im Prinzip ist irgendein Ableger des *ing *un (Wing-Tsun, Ving-Chun, Wing-Tschun, Ving-Tsun etc.), aber auch nur, weil man hier an Krav-Maga sehr schlecht rankommt. Alle *ing *un Ableger entstanden aus der gleichen Basis. Feinheiten sind nur im Detail zu erkennen, wobei einige Ableger sicherlich effektiver sind und deren Namensgebung nicht nur im Verband begruendet liegt. Es sei dazu gesagt, dass Wing-Tsun (WT) am weitesten verbreitet ist, sich hierunter aber auch die groessten Abzocker, die die Kampfkunstwelt je gesehen hat, verbergen.
Warum empfehle ich jetzt fuer eine Frau fuer die SV ausgerechnet WT, obwohl ich selber sehr zufriedener Jiu-Jitsuka bin? (Mal abgesehen davon, dass Du Bandscheibenprobleme bei der Fallschule (Ukemi-Waza) hast)
*ing *un ist limitiert auf relativ wenige Techniken. Frauen tun sich im allgemeinen schwer mit den Bewegungsablaeufen etc. und erlernen eine Kampfkunst in der Regel schlechter und langsamer als ein Mann. Eine Fuelle an Techniken (die auch schon so manchen Mann zur Verzweiflung getrieben hat) verwirrt die Frau nur noch mehr, so dass sie in einer Stresssituationen gar nicht weiss wie sie reagieren soll. Bruce Lee hat damals schon gesagt, dass es besser ist EINE Technik richtig zu koennen als hundert verschiedene nur so halb. Alle Techniken sind RELATIV leicht zu erlernen und erfordern keinerlei Koerperakrobatik, wie z.B. im Tae-Kwon-Do.
*ing *un ist absolut kompromisslos. Im Zweifelsfall zuerst zuschlagen. Ein Mann, der eine Frau angreift, hat entweder NULL Manieren oder geht nicht gerade zimperlich ran. Eine Frau kann sich nur dann effektiv gegen einen koerperlich ueberlegenen Gegner verteidigen, wenn sie absolut kompromisslos ist. Erst zuschlagen, dann Fragen stellen. Frauen haben bei sowas eher mal gute Chancen vor Gericht wegzukommen als Maenner.
Es gibt noch weitere Vorteile, die ich nicht naeher ausfuehren moechte, weil das doch zu sehr ins Detail gehen wuerde, aber die wesentlichen Punkte sind genannt.
Warum wuerde ich *ing *un normalerweise nicht als Kampfkunst empfehlen?
WEIL *ing *un kompromisslos ist. Eine Verhaeltnismaessigkeit ist in meinen Augen nicht gegeben und als Mann hat man sehr schlechte Karten vor Gericht, wenn der Angreifer, der einen zwar geschlagen hat, einen gebrochenen Kiefer, Haematome und Prellungen noch und noecher hat und moeglicherweise zeugungsunfaehig wird.
Liebe WT-ler, ich weiss, dass Ihr mir widersprechen werdet, aber lasst es. Ich habe mich lange genug damit auseinandergesetzt und WT auf der Strasse gesehen. Das Ergebnis war zwar ueberzeugend, aber NICHT verhaeltnismaessig, also verschont mich mit Bekehrungen.
Frauen muessen durchgreifen, wenn sie sich verteidigen wollen. Andernfalls sind sie Freiwild.
Ach und nochwas. SV ist nichts, was man mal so eben erlernt. Alles was man lernt effektiv auf der Strasse anzuwenden und wirklich umsetzen zu koennen unter Stress ist nochmal was ganz anderes. Je nach Talent, Trainingseinheiten und Konstanz wuerde behaupten, dass es MINDESTENS 2, wenn nicht sogar eher 3 Jahre dauert bis man sich halbwegs vernuenftig verteidigt auf der Strasse. Man darf sich hierbei nichts vormachen. Eine unregelmaessige Teilnahme an den Einheiten verlaengert den Prozess natuerlich ungemein. Am Talent kann man nichts aendern.
In diesem Sinne, peace!!!
Carpe noctem,
eclipze