Deutschfeindlich?
Hallo Beobachterin,
sehr bezeichnend ist Dein Satz, dass es die falschen Täter
waren. Letzte Woche gab es in PANORAMA einen Beitrag (s.
http://www.ndrtv.de/panorama/sendung/deutscherherbst…), in
dem dieses Verhalten ebenfalls kritisiert wurde. Schröder und
Fischer nahmen nach einem Anschlag auf eine Synagoge die Woche
darauf an einem jüdischen Gottesdienst teil, während man sich
zwei Monate Zeit liess, um am Dessauer Tatort des Mordes an
einem Afrikaner einen Kranz niederzulegen.
und hier ist überhaupt noch nie ein Kranz von Politikern niedergelegt worden:
wer jetzt Zeit und Lust zum Lesen hat:
**Rassismus auch gegen Deutsche?
Offenbach - „Es gibt keine Hinweise auf ein deutschfeindliches Motiv!" Wenn zwei Ausländer einen Deutschen in der S-Bahn überfallen haben und Journalisten nach den Hintergründen fragen, kann es vorkommen, dass Polizeisprecher ironisch antworten. Schließlich wäre die Frage nach einem fremdenfeindlichen Motiv unvermeidlich gewesen, wenn zwei Deutsche einen Ausländer überfallen hätten. Doch gibt es auch den umgekehrten Fall, dass Deutsche gerade wegen ihrer Herkunft zu Opfern werden ? In den Statistiken von Polizei und Justiz finden sich darauf keine Hinweise.
„Ausländer sind keine Unschuldsengel“, weiß Sozialdezernentin Ingrid Borretty (Grüne), der das friedliche Zusammenleben der Nationen auch von Amts wegen am Herzen liegt. Trotz unbestrittener Verbrechen, die Ausländer an Deutschen begehen, erkennt sie einen grundsätzlichen Unterschied zu rassistisch motivierten Gewalttaten: „Es gibt keine organisierte Ideologie, die gegen Deutsche gerichtet wäre. Niemand wird verfolgt, weil er weiße Hautfarbe und deutschen Pass hat.“
Oberstaatsanwalt Alexander Stahlecker sieht das ähnlich. Dass Juden eine Kirche anzünden, sei ihm ebensowenig untergekommen wie türkische Anschläge auf deutsche Rathäuser. Politisch motivierte Gewalttaten gegen Ausländer lassen sich seiner Ansicht nach nicht mit Verbrechen vergleichen, die Ausländer zum Schaden Deutscher begehen.
„Ein Ausländer, der einen Deutschen beraubt, ist nicht deutschfeindlich. Wenn ihm ein anderer Ausländer über den Weg gelaufen wäre, hätte er eben dem das Geld abgenommen.“ Auch umgekehrt plädiert Stahlecker dafür, mit Einsortierungen vorsichtig zu sein: Längst nicht jeder Raub oder jede Körperverletzung mit einem Deutschen als Täter und einem Ausländer als Opfer habe einen fremdenfeindlichen Hintergrund.
Wie Stahlecker bewertet auch Amtsgerichtspräsident Wilhelm Uhl die Straftaten gegen Deutsche: Hinter ihnen stecke keine Gesinnung. Er verweist darauf, dass Gewaltstraftaten von Ausländern sich oftmals gegen andere Ausländer richteten. Dahinter steckten vielfach „die Probleme junger Leute in der Diaspora, die ihren Stellenwert aufwerten wollen.“ Einen politischen Hintergrund sieht Uhl jedenfalls nicht.
Die Wahrnehmung der Opfer allerdings scheint gelegentlich eine andere zu sein. Familie Hinrichs aus Rödermark hat am 1. Mai 1999 ihren Sohn Timo verloren - ein Kosovo-Albaner hatte ihn erstochen. Die Mutter des Ermordeten klagte dieser Tage in einem Leserbrief, von politischer Seite habe es keine Reaktion gegeben: „weder Lichterkette, Kranz noch Beileidskarte. Deshalb wundert mich nicht, dass zur Zeit ein paar frustrierte junge Leute in Deutschland manchmal ausrasten.“ Monika Hinrichs beklagt das ihrer Ansicht nach einseitige Engagement gegen rechte Gewalt. Ebenso ernst müssten die Opfer von Ausländerkriminalität genommen werden.
Die Argumentation macht deutlich, dass die Wahrnehmung der Betroffenen sich durchaus von jener der Politiker und Juristen unterscheidet. „Man muss auch sehen, wie Straftaten beim Opfer ankommen“, zeigt Polizeisprecher Georg Grebner Verständnis. Die Frage, ob es so etwas wie deutschfeindliche Delikte gibt, vermag er nicht zu beantworten. Jedenfalls gebe es Opfer, die diesen Eindruck haben. „Und den Tätern kann ich nicht unter die Schädeldecke schauen.“
Auch auf einer Ebene, die von Raub und Totschlag weit entfernt ist, gibt es Anzeichen die auf so etwas wie einen deutschenfeindlichen Rassismus hindeuten. So kann es einem in Offenbach durchaus passieren, als „Nazisau“ beschimpft zu werden, weil man einem Ausländer den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat.
Polizisten sehen sich häufig derartiger Beschimpfungen ausgesetzt, berichtet Grebner. „Nazisau“ wird in der Kriminalstatistik als Beleidigung und nicht etwa als Rassismus eingestuft. Eine vergleichbare Entgleisung, die sich gegen Juden richtet, würde als politische Straftat bewertet und vom Staatsschutzkommissariat verfolgt. Richter Uhl hält die unterschiedliche juristische Würdigung für gerechtfertigt.
Ein als „blöder Schwarzer“ Beschimpfter sei dadurch in seiner Würde getroffen. Ein als „Nazi“ Titulierter könne dagegen mit den Schultern zucken - sofern es nicht zutreffe. Entschieden zur Wehr setzen müsse man sich aber, wenn Polizisten als Vertreter des Staates derart beschimpft würden. Das dürfe nicht geduldet werden.
Als Opfer einer deutschenfeindlichen Haltung fühlen sich vielfach Jugendliche. Dezernentin Borretty sieht die Schuld für solche Konflikte gleichmäßig verteilt. Provokation und Aggression gingen von Ausländern wie von Deutschen aus. Alarmierend wirkt der - unbewiesene - Vorwurf einer Mutter: Ausländische Jugendgruppen verlangten im Lutherpark von deutschen Kindern, „die nicht dazugehören“, Geld für die Benutzung der Spielgeräte.
Offenbach-Post vom 14.10.2000**

