Moin Iris,
Eine Bekannte meinte gestern, es sei erst von 1947. Habe im
Moment keine Möglichkeit, das genauer zu checken.
Naja, ist ja auch nicht so wichtig. Von wem stammt es denn überhaupt ?
Wenn der Zitierte sich aber nicht auf die
Vergangenheitsbewältigung bezieht, worauf dann ? Und wen meint
er nun wirklich damit ?
Wieso? Die Vergangenheitsbewältigung ging doch da schon los -
nämlich mit den überlebenden Juden, denen man begegnete.
Und der Umgang war meist nicht gerade von Freude und
Begeisterung über deren Überleben oder gar von Anteilnahme an
deren Ergehen geprägt.
Das ist für mich keine Vergangenheitsbewältigung sondern eher der Versuch irgendwie den Moment zu überleben. In der Zeit nach dem Krieg war sich wohl jeder erstmal selbst der Nächste. Da gabs keine „Anteilnahme“. Auch Deutsche die mehr tod als lebendig aus sovietischen Kriegsgefangenenlagern heimkamen oder deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten wurden mit wenig „Begeisterung“ aufgenommen. Jeder andere war vor allem eins: Konkurrent um knappe Ressourcen.
In der amerikanischen Besatzungszone neidete man den
Überlebenden, daß sie durch die Versorgung von UNRRA-, Joint,
IRO und anderen Programmen, höhere Lebensmittelzuteilungen
bekamen als die deutsche Bevölkerung.
Klar, wundert dich das ?
Die großen DP-Lager, die entstanden mußten ja nicht durch die
Militärpolizei bewacht werden wegen der geschwächten
überlebenden Juden sondern wegen der Feindseligkeiten der
deutschen Bevölkerung.
Falls es tatsächlich Feindseligkeiten gab, so kann ich mir vorstellen, dass diese Aggressionen eher den Lebensmittelvorräten galten, als den Juden.
Und wenn nun überlebende Juden auch in Deutschland in die Orte
zurückkamen, an denen sie vorher gelebt hatten, waren
diejenigen, die sich ihre Wohnungen angeeignet oder sie
zugeteilt bekommen haben oder Eigentum von ehemaligen
jüdischen Nachbarn für nen Appel und ein Ei ersteigert hatten,
nicht gerade vor Begeisterung aus dem Häuschen.
Auch verständlich, oder ?
Selbst auf dem Lande, wo Wohnraum normalerweise nicht Knapp ist, gab es jede Menge „Einquatierungen“, mehr als ein Zimmer für 3 Leute war da häufig nicht drin. Bei uns im Kaff wurde das durch die Alliierten so geregelt, dass eine Straßenseite komplett geräumt werden musste, und die Leute wurden bei den Leuten auf der Straßenseite gegenüber einquatiert. In den freien Häusern wurden Ostflüchtlinge untergebracht. Begeistert war darüber sicher niemand, auch wenns es die eigenen ehemaligen Nachbarn waren, die man aufzunehmen hatte.
Und die Beamten, die meist in den Behörden saßen und mit ihren
Anträgen auf Unterstützung oder Freigabe von gesperrten Konten
befaßt waren, waren nicht selten - aufgrund ungebrochener
Kontinuitäten - diejenigen, die vorher mit Enteignung,
Arisierung etc. befaßt gewesen waren.
DAs ist allerdings richtig und wurde auch von dem Teil der deutschen Bevölkerung, die unter dem Nazi-Regime zu leiden gehabt hatte, mit wenig Begeisterung registriert.
Um nicht mit dem alten Antisemitismus konfrontiert zu werden,
zogen es eine Reihe von Überlebenden vor, erst einmal
vorzugeben deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten oder von
wo auch immer zu sein (siehe Biografie von Ruth Klüger).
Kann ich verstehen, zumal viele der vom Antisemitismus verfolgten ihrem eigenen Verständins nach (und offenbar auch dem jüdischen) eigentlich keine Juden waren.
„Mir scheint eher, hier hat irgendwer DEN Deutschen etwas
nicht verziehen, und zwar dermaßen nicht, dass er nicht mehr
in der Lage ist, zu differenzieren, woraus ich ihm nicht mal
einen Vorwurf machen will, wenn er tatsächlich ein KZ überlebt
hat.“
kann ich so - aufgrund der von mir geschilderten Umstände -
nicht sehen
Du meinst, es gab nach Erlebnissen wie dem Überleben eines KZ und vermutlich dem Verlust eines großen Teils der Angehörigen keinen generellen Hass von Juden gegen Deutsche ? Das kann ich ehrlich gesagt nicht glauben. Das wäre gradezu unmenschlich.
Das es laut diesem Zitat aber nicht möglich
ist, gleichzeitig Deutsch und Jude zu sein, sondern dass hier
zwei „Fronten“ geschaffen werden, ist doch
offensichtlich…oder überseh ich was ?
Na ja, ums Deutschsein ging es doch erst einmal nicht. Die
überlebenden osteuropäischen DPs waren staatenlos - und die
ehemaligen deutschen Juden, die überlebt hatten, hatten ja
1935 qua Reichsbürgergesetz (oder so ähnlich) ihre deutsche
Staatsangehörigkeit aberkannt bekommen.
Von daher kannst Du „deutsch sein“ im heutigen Sinn nicht an
diese damaligen Verhältnisse herantragen.
Schon klar, aber du hast das Zitat heute und in einer aktuellen Diskussion verwendet, und darum gings mit.
Im übrigen kann jeder, dem damals seine Staatsangehörigekeit aberkannt worden war, und seine Angehörigen diese wiedererhalten, auch heute noch. Vielleicht ein Tip für Leute, die deutschstämmige Bekannte in Israel haben, die da rauswollen und nicht so recht wissen wohin.
Gruss
Marion