Moin Eli,
Weil es immer Menschen aus dieser Gruppe sind.
Und genau das stimmt eben nicht. Diskriminierung führt eben nicht automatisch zu Progromen und Auschwitz, obwol sowohl Iris, als auch du, Auschwitz als „Konsequenz“ anführst, wenn das Gespräch um Diskrimierung geht.
Ich erlaube mir mal, dich zu zitieren:
„Aus diesem Grund kann ich jeden verstehen, welcher darauf so antwortet, wie es die Frage verdient hat. Als Zeugen stehen hier alle Toten hinter uns, welche wegen dieser Fragen sterben mussten. Die Fragen sind nicht unschuldig und wer dieses heute einfordert, fordert die Barbarei - somit muss sich keiner darüber wundern, wenn hier nicht vergessen wurde.“
(nur zur Erklärung, dies schriebst du auf eine Frage nach Bestandteilen der jüdischen Lehre (oder auch nicht, ich kann das nicht beurteilen) die Aspekte berühren, die für einen Außenstehenden sehr befremdlich wirken müssen. Ich finde, du hast auch recht gut erklärt, wie entsprechende Stellen verstanden werden sollten (zumindest ich in meinem völligen Unwissen gegenüber der jüdischen Religion fand deine Erklärung völlig ok und einleuchtend). Obiger Absatz von dir hat aber inhaltlich nicht das geringste mit der Fragestellung zutun. Hier wird von dir die Verbindung zu Progromen gezogen.
Das die Angst vorhanden ist, es könnte wieder zu Progromen kommen, wenn nicht entschieden genug gegen Antisemitismus vorgegangen wird, kann ich angesichts der Erfahrungen, die Juden in der Vergangenheit machen mussten, sogar verstehen, allerdings ist dies keine zwingende Notwendigkeit. Vielerorts ist Antisemitismus heutzutage eben in seiner Auswirkung nicht „schlimmer“ als Antiamerikanismus, Rassismus, Frauenverachtung etc.
Es sind eben nicht „die Deutschen“ die Auschwitz im Schatten eines Juden sehen, obwohl es davon sicher auch noch ein paar geben mag. Ich bekomme hier eher den Eindruck, dass auch einige Juden sich nicht von Auschwitz lösen können (und wiederum: ich habe dafür auch durchaus Verständnis). Nur ich befürchte, bei diesem Problem kann jemand „von außen“ nicht wirklich helfen. Dies ist wohl etwas, dass ein Jude selbst verarbeiten muss, genau wie ein Deutscher den Teil der Deutschen Vergangenheit selbst verarbeiten muss(te) und es ist eben auch teilweilse völlig irrational…warum sonst wandern Juden in Israel ein, obwohl die Gefahr, aufgrund antisemitischer Anschläge ums Leben zu kommen, nirgendwo auf der Welt so groß ist wie in Israel. Trotzdem fühlen sich viele Juden dort anscheinend „sicherer“. Das ist irrational!
Vor einigen Monaten schon gab es in Haaretz eine Überschrift die sinngemäß lautete, „Ein älterer Bewohner Israels fühlt sich an Progrome erinnert und erleidet alte Ängste“.
Ich las den Artikel in der Erwartung, hier einen Bezugnahme zu einem kurz zuvor in Israel stattgefundenen Attentat mit mehreren jüdischen Toten zu finden. Statt dessen nahm der Artikel Bezug auf einen Anschlag auf eine Synagoge oder einen jüdischen Friedhof in D oder F, ich weiss es nicht mehr genau. Du kannst dir vorstellen, dass ich im ersten Moment etwas verstört war, als ich das gelesen hab.
Was ich damit sagen will: Vieles von der Art und Weise, wie manche Juden manche Vorkommnisse beurteilen, ist für jemanden wie mich einfach sehr schwer nachzuvollziehen, da es nicht rational ist.
Er meinte hier die Deutschen als soziale Gruppe. Und hier
deckt sich die These des Autors mit allen heutigen Theorien
zur Traumatisierung von Tätern und deren Nachkommen bei
grossen Gewaltverbrechen. Es geht somit um die Psyche einer
Gruppe. Und seltsamerweise bestreitet heute fast kein Jude in
Deutschland dieses Zitat.
Mag sein, aber die meisten Deutschen zucken Anhand dieser „Theorien“ allenfalls mit den Schultern, ganz einfach, weil sie auch keine Nachkommen von Tätern sind oder sich nicht als solche verstehen. Für Nachkommen von KZ-Wächtern mag das aber durchaus zutreffen, das kann ich nicht beurteilen.
Ich glaube hier wird vielfach einfach eine unterschiedliche Entwicklung verkannt nämlich dass das Thema „Auschwitz“ bei vielen Juden immer noch Teil des Bewußtseins ist, wird es bei den meisten Deutschen zunehmend zum Teil der Geschichte wird und die Bereitschaft, dies zu Thematisieren, sinkt bei Deutschen somit auch immer mehr. Vestehst du, was ich sagen will ?
Die Abwehrhaltung, die du vielleicht gelegentlich wahrnimmst und als „Verifizierung“ des Zitats ansiehst, ist oftmals vielleicht nichts anderes, als ein „nicht daaaaaaaas schon wieder…“, was einfach auftritt, wenn jemand an einem Thema einfach kein Interesse mehr hat, aber sich trotzdem damit auseinandersetzen soll.
Ansonsten dürfte klar sein, dass „Theorien“ die Opfer über ihre Täter aufstellen, wohl kaum von Objektivität gekennzeichnet sein dürften, und wenn noch so sehr der Versuch einer „Wissenschaftlichkeit“ unternommen wurde. Eines der letzten Negativbeispiele dieser Art ist ja z.B. Das Buch von Goldhagen.
Mir scheint eher, hier hat irgendwer DEN Deutschen etwas nicht
verziehen, und zwar dermaßen nicht, dass er nicht mehr in der
Lage ist, zu differenzieren, woraus ich ihm nicht mal einen
Vorwurf machen will, wenn er tatsächlich ein KZ überlebt hat.
Das Zitat stammt aus einem Kontext, wo genau dieses behandelt
wird. Er war sich somit dieses Aspektes genau bewusst und hat
auch die Hoffnung gehabt, dass es anders kommen wird. Aber
seine Erfahrung zeigten ihm, dass es nicht sein kann.
Dass dieser Mensch vermutlich traumatisiert war, steht ja auch außer Zweifel. Nur sollte man sich meiner Meinung nach davor hüten, Schlußfolgerungen von Traumatisierten zu allgemein gültigen Erkenntnissen erheben zu wollen. Das erinnert mich zu sehr an Frauen, die vergewaltigit wurden, und anschließend einen lebenslangen Hass, Mißtrauen etc. gegenüber Männern allgemein an den Tag legen und diese Einstellung z.B. auch an ihre Töchter weitergeben. Nur…diese Bild ist eben schief. (Auch wenn sehr gut nachvollziehbar ist, wie es zustande kommt). Und es wird auch immer wieder bestätigt, da jede Frau auch immer wieder negative Erfahrungen mit Männern macht, auch wenn diese natürlich nicht immer mit einer Vergewaltigung enden. Die positiven Erfahrungen, die traumatisierte Manchen machen, werden entweder gar nicht erst zugelassen, oder einfach nicht wahrgenommen, oder wiederum negativ gewertet (z.B. als yx-philie).
Ja, das ist gemein an diesem Zitat. Es benennt eine
Ungleichheit. Aber diese ist in der Geschichte ja auch
vorhanden und darum geht es. Das daraus kein Gemeinsames
wieder werden kann, schliesst das Zitat erst einmal nicht aus,
sondern es benennt hierbei ein Problem und aus meiner
Erfahrung ist dieses wirklich vorhanden.
ach Eli, du wirst Diskriminierung gegen Juden und Antisemitismus nie ganz beseitigen können, genau so wenig, wie du Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit etc. nie ganz aus einer Gesellschaft wirst entfernen können. Es gibt definitiv keine Gesellschaft auf der Erde, in der keine Diskriminierung und daraus resultierendes, feindliches Verhalten existiert.
Wenn du dies also zur Messlatte machen willst, um dich in einer Gesellschaft „angenommen“ zu fühlen, so wird dir das nie gelingen. So kann man sich auch selbst Hürden schaffen, die das „Gemeinsame“ von vornherein unmöglich machen. Im Endeffekt ist es doch „nur“ deine Religion, die dich von den meisten anderen Menschen in D unterscheidet, und andere Menschen mit teilweise recht gegensätzlichen Weltanschauungen kommen doch auch miteinander aus, warum soll das bei Juden und nicht-Juden nicht gehen ?
Solange dieses Problem nicht erkannt und behandelt wird, wird
es nie aus der Mode sein. Man kann eben solche Barbarei nicht
dadurch auflösen, in dem man verdrängt und auf bessere Zeiten
hofft.
ähm…Nazi-Deutschland ist seit über 50 Jahren vorbei Eli. Was Deutschland angeht, so haben wir in D eine Gesellschaft, die schon eine Menge Hoffnungen erfüllt hat, viel mehr ist vermutlich kaum möglich, ohne einen „neuen“ Menschen zu schaffen. Die „Barbarei“ findet aktuell ganz woanders statt. Das heisst natürlich nicht, dass nicht auch diese Gesellschaft verbesserungwürdig wäre, aber ein bisschen Freude, über das, was hier erreicht wurde, ist sicherlich auch erlaubt.
Gruss
Marion